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29. 08. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Schule verändert sich historisch gesehen nur mit der Gesellschaft"

Berufsberatung und Berufsorientierung im Spiegel deutscher Geschichte

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Prof. Dr. Gert Geißler

Bildung PLUS: Bei den gegenwärtigen Veränderungen im Bildungsbereich schaut Deutschland besonders auf die Länder, die erfolgreich bei der PISA-Studie abgeschnitten haben. Welchen Nutzen bringt es darüber hinaus, sich auf die eigenen Erfahrungen in Ostdeutschland zu besinnen?

Geißler: Erfahrungen in Ostdeutschland sind an ein politisches System, an eine Wirtschaftsordnung und an soziale Rahmenbedingungen gebunden, die der Vergangenheit angehören. Einem rückwärtigen Blick, der nach Nutzbarem fragt, stehe ich daher eher skeptisch gegenüber.

Vielleicht ist aber gerade das gebannte Schauen auf Erfahrungen anderer Länder bei schwachem Sinn für die eigenen Systemmöglichkeiten und Traditionskräfte etwas, das "Lernen" aus der Geschichte von Schule in der DDR erlaubt, freilich negativ. Selbst im "Bruderbund" der ehemaligen realsozialistischen Staaten haben sich Adaptionen aus der Sowjetschule als problematisch erwiesen. Möglicherweise ist das in anderen Kontexten, etwa dem der "Globalisierung", auch heute eine Versuchung. Aber mir scheint, dass selbst ähnliche Gesellschaften und Bildungssysteme dann doch konkret zu verschieden sind, als dass sich deren Dynamiken in einem technokratischen Sinne mittels importierter "Stellschrauben" nur mit positiven Ergebnissen einstellen könnten.

Schule verändert sich historisch gesehen nur mit der Gesellschaft, im gesellschaftlichen Prozess; ihre Organisation "lernt" zuallererst aus ihrer Gesellschaft, und diese ist, was Deutschland anbelangt, regional im Süden mit spezifischen Schulkulturen anders verwurzelt und bedingt als im Norden oder im Osten. Vielleicht sind manche der besseren PISA-Ergebnisse in Deutschland nicht nur wie auch immer erklärte Leistungen von heute, sondern solche, die mit älteren Lernkulturen bis hin zu den Klosterschulen, den Lateinschulen und humanistischen Gymnasien und einer in den Städten respektablen Volksschule etwas zu tun haben. Sachsen hatte seine Fürsten- und Landesschulen, ein hochstehendes Realschulwesen und kannte schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts keine einklassigen Schulen mehr. In der Arbeiterbewegung hatte der "Bildungsverein" seinen Platz. Es gibt eine Vielzahl sozialer, wirtschaftlicher, rechtlicher, räumlicher, konfessioneller, demographischer und weiterer Faktoren, die der Schule und dem Bildungsverhalten ihr eigenes Gepräge gegeben haben. Ich denke, das wird so bleiben.

Zwar ist vieles an der Schule in der DDR "deutsch" geblieben, aber das in einem sehr traditionellen Sinne. Vor allem politisch und als Element von Planwirtschaft markiert diese Schule einen doch überaus schroffen Gegensatz zu jener Schule, um die es heute geht.

Bildung PLUS: Sie beschäftigen sich im Rahmen Ihrer Forschungen mit der Geschichte des Schulwesens in der DDR. Welche Bereiche sind für die heutigen Veränderungen im Bildungsbereich besonders interessant?

Geißler: Nicht wenig von den Ergebnissen schöpft die politische Bildung im Sinne von "Aufarbeitung" ab. Der von ihnen nachgefragte Interessenbereich steht dabei nicht im Mittelpunkt.

Sicher gibt es Bereiche, die sich in der Nachbetrachtung für einen Teil der Beobachter positiv abheben können. Verbunden stets mit Intentionen in der politischen und ideologischen Dimension war die ostdeutsche Schule charakterisiert durch hohen Leistungsanspruch und die Wahl eines anwendungsbezogenen Stoffkonzepts, das eine enge Verbindung der Schule mit der Betriebspraxis einschloss. Der zwar problembeladenen, aber nicht erfolglosen Realisierung dieses Konzepts kamen geringere Klassenstärken in seit den 1970er Jahren durchweg kleinen, wohnortnahen Schulen ebenso zugute wie die über den Unterricht hinausreichende pädagogische Verantwortung der Lehrenden, deren stetige Fachberatung und verbindliche Fortbildung nach praxisnaher, schulstufenbezogener Lehrerausbildung. Der Lehrerberuf, mit der "Neulehrerausbildung" anfangs noch bespöttelt, besaß ein relativ hohes Sozialprestige - es liegt noch heute höher als in den "alten" Bundesländern.

Dem Schulunterricht ging ein schulvorbereitend gestalteter, nahezu von allen Kindern besuchter Kindergarten voraus. Der Unterricht fand Unterstützung durch Betreuung im Schulhort, die Tätigkeit von Arbeitsgemeinschaften und von Freizeiteinrichtungen. Günstig wirkten enge Kooperation und wechselseitige Unterstützung unter den Lernenden. Auch die mit 22 oder 23 Stunden relativ geringe Unterrichtsverpflichtung der Lehrer, geringerer Stundenausfall und weitgehender Realisierung der amtlichen Stundentafel kamen dem Unterricht zugute. Vor allem wurde der Bildungserwerb durch Sozialleistungen gesichert und gefördert, die unter politisch freiheitsrechtlichen Voraussetzungen Grundlage von chancengleichen, freien Bildungsentscheidungen und von freiem Bildungsgebrauch hätten sein können.

Zu diesen Leistungen gehörte in den 1980er Jahren ein unentgeltliches, bedarfsgerechtes Angebot an Kindergartenplätzen, gesetzliche Ausbildungs- und Arbeitsplatzgarantie, ein darlehensloses Grundstipendium für alle Studierenden im Direktstudium, eine Ausbildungsbeihilfe für alle Schüler ab Klasse 11. Mit den Betriebsberufsschulen, die schulische und betriebliche Ausbildung verbanden, setzte schon frühzeitig der Neuaufbau eines sich als leistungsfähig erweisenden beruflichen Bildungswesens ein. Das in der Grundschule angelegte Allgemeinbildungskonzept mit betont mathematisch-naturwissenschaftlichen Inhalten wurde auch in der Berufsausbildung mit im innerdeutschen Vergleich weit höheren Anteilen des theoretischen Unterrichts (zwei oder drei Berufsschultage) fortgeführt. In nicht geringem Umfang war auch der Weg zum Abitur mit einer Berufsausbildung verbunden.

Bildung PLUS: Vielen Schülerinnen und Schülern fällt es schwer, sich für den richtigen Beruf zu entscheiden. Wie wurden im Schulsystem der DDR die Kinder und Jugendlichen bei der Berufswahl unterstützt?

Geißler: Die in der DDR gefundenen systemeigenen Lösungen der Berufsaufklärung und Berufswahl stehen durchaus in deutschen historischen Kontinuitäten. Eine institutionell organisierte Berufsberatung gibt es in Deutschland seit Ende der 1920er Jahre. Bei den Arbeitsämtern wurden Berufsberatungsstellen oder in den größeren Städten Berufsämter eingerichtet. Die Beratung durch Einrichtungen von Arbeitgeber- und Unternehmerverbänden sowie karitativer Organisationen, auch die von Studienbewerbern an einigen Hochschulen unterstand der Aufsicht der im Jahre 1927 gegründeten "Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung".  Mit der Beratung wurde versucht, Schulwahlentscheidungen und Berufswünsche auf die Situation am Arbeitsmarkt abzustimmen. Sie stand so unter dem Verfassungsgebot, dass "jeder Deutsche, unbeschadet seiner persönlichen Freiheit, die sittliche Pflicht [hat], seine geistigen und körperlichen Kräfte so zu betätigen, wie es das Wohl der Gesamtheit erfordert." (Art. 163, 1).

Zwar knüpfte die DDR nicht an die "Reichsanstalt" an, jedoch wurden als Fachorgane auf der Verwaltungsebene der Bezirke und Kreise oder der (kreisfreien) Städte "Ämter für Arbeit und Berufsberatung" eingerichtet. Ihnen oblag die Lenkung und Werbung der Arbeitskräfte und des Nachwuchses entsprechend der gesamtvolkswirtschaftlichen und komplex-territorialen Entwicklung. Die Arbeitskräfte- und Berufsausbildungspläne sowie die Genehmigung der Lehrverträge - rund 80 Prozent der Jugendlichen nahmen eine Facharbeiterausbildung auf - unterlagen der Kontrolle dieser Ämter.

Obwohl es auch dazu Vorläufer gibt: Die wichtigste Neuerung war die flächendeckende, Stadt und Land erfassende Einrichtung von so genannten Berufsberatungszentren seit Mitte der 1960er Jahre. In jedem Kreis bestand ein solches Zentrum, insgesamt waren es 222.

Bildung PLUS: Über welchen Zeitraum erstreckte sich die Berufsorientierung und -beratung in der DDR?

Geißler: Eine systematische Berufsaufklärung setzte nach dem Stand der 1970er und 1980er Jahre üblicherweise mit Beginn der 6. Klasse ein. Die Schüler und Eltern erhielten eine Übersicht über die Facharbeiterberufe und die Ausbildungsmöglichkeiten in der jeweiligen Region. In den folgenden Jahren wurde die Berufsberatung mit einer gezielten Berufsorientierung fortgesetzt und in den Klassen 9 und 10 bis zur Berufsentscheidung und zum Abschluss des Lehrvertrages fortgesetzt. Ziel der Beratungstätigkeit war es, eine möglichst große Übereinstimmung der Berufswünsche der Jugendlichen "mit den gesellschaftlichen Erfordernissen" zu erreichen.
Bei weitem nicht jeder konnte seinen ursprünglichen Wunschberuf ergreifen, die gewünschte Studienrichtung aufnehmen oder überhaupt studieren. Gerade im Zugang zu den akademischen Berufen war neben der Schulleistung auch politische Haltung bedeutsam. Zwar unterlag das Bildungswesen penibler planwirtschaftlicher Lenkung, aber es stellte sich oft heraus, dass es in vielen Betrieben für höher Qualifizierte nur bedingt adäquate, fachgerechte Beschäftigungsperspektiven gab. Mit der Bildungsaspiration der Bevölkerung setzte sich trotz Planung gemessen an den berechneten Arbeitskräftebedarfsgrößen eher "Überqualifizierung" durch.

Bildung PLUS: Erhielten alle Jugendlichen eine Lehrstelle und wie hoch war der Prozentsatz derjenigen, die ihre Lehre erfolgreich abschlossen?

Geißler: Es erhielt jeder eine Arbeit, eine Beschäftigung. Nahezu 90 Prozent des Altersjahrgangs wurden zum Abschluss der 10. Klasse mit anschließender Berufsausbildung geführt. Teil- oder unqualifiziert gebliebene Erwerbsgruppen hat die DDR besonders bei Frauen nur in einem vergleichsweise geringen Umfang hinterlassen. In allen Ausbildungs- und Studienformen war die Abbrecherquote gering.

Bildung PLUS: Welche Einflussmöglichkeiten hatten die Lehrerinnen und Lehrer in der DDR auf die Berufswahl der Kinder und Jugendlichen und wie wurden sie für diese Aufgabe qualifiziert?

Geißler: Eine spezielle Qualifikation gab es meines Wissens nicht, wichtige Informationen ergaben sich aber aus der Zusammenarbeit der Schulen, Direktoren und Klassenleiter mit den Berufsberatungszentren. Die Maßnahmen der Berufsaufklärung waren in den zu Beginn des Schuljahres von den Klassenleitern vorzulegenden "Klassenleiterplänen" anzugeben. Vor allem nutzten Lehrer die berufsaufklärenden Potenzen des polytechnischen Unterrichts, auch die des "Patenbetriebs" und der "Patenbrigade", dazu das berufliche berufliche Vorbild von Eltern. An jeder Schule gab es einen Lehrer für Berufsorientierung, der für seine Tätigkeit eine oder zwei Abminderungsstunden erhielt."

Bildung PLUS: Welche Möglichkeiten sehen Sie, Erfahrungen, die in der DDR mit der Berufsvorbereitung und -orientierung gemacht wurden, für die heutige Situation zu nutzen?

Geißler: Ich denke, dass alle Erfahrungen in der DDR neben sonstigen Systemgegebenheiten nicht von der damaligen Angebotssituation zu trennen sind. Es mangelte in der Mangelwirtschaft nicht an Lehrstellen, sondern an "Lehrlingen". Die Aufgaben sind gegenwärtig ungleich komplizierter und generell an grundverschiedene Voraussetzungen gebunden.

 


Prof. Dr. Gert Geißler ist seit 1992 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, Forschungsstelle Berlin. Zuvor war er zuvor von 1980 bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR - Promotion 1981, Habilitation 1988 zum Werk von F.A.W. Diesterweg bis zur Revolution von 1848; Er verfasste Studien und Publikationen zur Geschichte der Schule und der Erziehungswissenschaft in der SBZ und DDR sowie diverse Forschungsaufsätze zur Schulgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts Er ist Mitherausgeber der Diesterweg-Gesamtausgabe und seit 2002 apl. Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Autor(in): Uschi Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 29.08.2005
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