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13. 01. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Projekt Mercator

Sachsen führt Förderunterricht für Jugendliche mit Migrationshintergrund ein

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Schüler mit Migrationshintergrund

"Welches ist die zentrale Aussage dieses Textes", fragt Birgit Gottstein ihre Schüler. Birgit Gottstein ist Lehramtsstudentin in Leipzig und gibt im Rahmen des Projektes "Studenten fördern Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund an sächsischen Mittelschulen" Förderunterricht an der 57. Mittelschule in Leipzig. Das Projekt wird von der Stiftung Mercator GmbH gefördert. Mit der zusätzlichen Förderung sollen die Lernleistungen der Schülerinnen und Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, verbessert und ihre Chancen auf einen guten Abschluss erhöht werden. Die Stiftung Mercator wurde 1997 von der aus Duisburg stammenden Handelsfamilie Karl Schmidt gegründet. Sie ist benannt nach dem berühmten Kartographen Gerhard Mercator, der im 16. Jahrhundert in Duisburg lebte. Der Name Mercators steht für die von der Stiftung geförderten Werte wie Weltoffenheit und Toleranz sowie für den Austausch von Wissen und Kultur.

Das Essener Modell
Eingerichtet wurde das Projekt erstmalig 1973/74 an der Uni Essen und läuft seit nunmehr 30 Jahren mit großem Erfolg. Auf Initiative der Stiftung wurde das Essener Modell auf Duisburg, Bielefeld, Dortmund und Köln übertragen. Aufgrund der großen Resonanz hat die Stiftung entschieden, den Förderunterricht systematisch auf weitere Standorte in der Bundesrepublik auszuweiten. Ziel der bundesweiten Ausweitung des Förderunterrichts-Modells ist neben der Verbesserung der Bildungschancen für Kinder mit Migrationshintergrund auch eine praxisorientierte Ausbildung des Lehrernachwuchses: Studentinnen und Studenten erteilen Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I und II mit nicht deutscher Muttersprache in Kleingruppen gezielt schulfachbezogenen Förderunterricht. Dies qualifiziert sie für ihren späteren Beruf.

Begleitung durch eine Hochschule
Für die Verbesserung der sprachlichen und fachlichen Fähigkeiten von Schülern mit Migrationshintergrund in Form von systematischem, außerschulischem Unterricht hat die Stiftung 6,6 Millionen Euro bereitgestellt. Das erfolgreiche Essener Modell, das 2002 vom Bundespräsidenten mit einem ersten Preis beim Wettbewerb zur Integration von Zuwanderern ausgezeichnet wurde, soll jetzt bundesweit auf 35 Standorte ausgeweitet werden. Voraussetzung ist die pädagogische Betreuung der Lehrkräfte und die wissenschaftliche Begleitung des Projektes durch eine Hochschule. Unterstützung erhalten die Initiativen von Universitäten und anderen öffentlichen und privaten Institutionen, indem die Honorare der Lehrkräfte mit maximal 180 000 Euro pro Standort für die Dauer von jeweils drei Jahren finanziert werden. Seit der Ausschreibung der Fördermittel im Juni 2004 sind in den ersten sechs Monaten bereits über 130 Anfragen bei der Stiftung eingegangen.

Sachsen startet als erstes ostdeutsches Bundesland
Mit Sachsen hat sich jetzt das erste ostdeutsche Bundesland an der Initiative beteiligt. Am 1. November 2004 begann in Sachsen das Projekt "Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Sekundarstufe I". Das Projekt schließt an die bisherigen Maßnahmen zur schulischen Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Form der "Sächsischen Konzeption zur Integration von Migranten" vom 1. August 2000 an, nach der Kinder und Jugendliche, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, schrittweise in die Regelklassen integriert werden. "Viele Schüler haben dennoch Schwierigkeiten, die Fachsprache zu verstehen", betont Dr. Iris Mortag von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät Leipzig. Das von der Stiftung Mercator geförderte Projekt setzt in Sachsen an dieser Stelle an: Interessierte Schülerinnen und Schüler der Mittelschule erhalten sprachliche und fachliche Förderung in allen Fächern, Förderung in Lern- und Arbeitsmethoden und eine allgemeine Prüfungsvorbereitung, damit sie einen guten Schulabschluss oder sogar den Sprung aufs Gymnasium schaffen. Der Förderunterricht bietet darüber hinaus sozialpädagogische Betreuung und Hilfen bei ausländerrechtlichen Fragen sowie Hilfestellungen bei Bewerbungen und Kooperationen mit Lehrerinnen und Lehrern an.

Der Fokus des Unterrichts liegt deshalb überwiegend auf den Schülerinnen und Schülern der achten bis zehnten Klassen. In der ersten Projektphase 2004/2005 werden im Regionalschulamtsbezirk Leipzig 238 Schülerinnen und Schüler aus 36 Nationalitäten von 68 Studierenden aus nahezu allen Lehramtsstudiengängen und den Studiengängen Deutsch als Fremdsprache und Magister Erziehungswissenschaft an 32 Mittelschulen gefördert. Die wissenschaftliche Begleitung erfolgt durch den Bereich Schulpädagogik an der Universität Leipzig in Kooperation mit der Regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule e.V. (RAA). Im Gegensatz zum Essener Modell geht die Initiative für das Projekt in Sachsen aber nicht von der Universität aus, sondern vom Staatsministerium für Kultus. Ein Unterschied, der für die Zukunft des Förderunterrichts von nicht geringer Bedeutung sein könnte.

Unterrichtspraxis
Der studentische Förderunterricht findet in der Regel ein- bis zweimal wöchentlich in Gruppen bis maximal fünf Schüler pro Lehrkraft statt. Die Studierenden in Sachsen haben ihre Arbeit im Dezember 2004 aufgenommen und helfen den Schülerinnen und Schülern mit gezielten Übungen und mit der Erarbeitung von Lernstrategien, ihre eigene Arbeitsweise zu reflektieren und Lernfortschritte zu erzielen. Um die Schüler individuell optimal fördern zu können, ist die Erstellung eines Förderplans notwendig, erklärt Birgit Gottstein. Nach Hospitationen im Unterricht und Gesprächen mit den Schülerinnen und Schülern und mit den Fach- und Beratungslehrern werden in dem Förderplan die Förderziele und -bereiche der jeweiligen Jugendlichen beschrieben und ein bestimmter Förderzeitraum festgelegt. In einem Lehrportfolio dokumentieren die Studierenden ihre eigene Lehrtätigkeit und belegen ihr Engagement, das oft über die Durchführung von Lehrveranstaltungen hinausgeht.

Vorbereitung der Studierenden
Die studentischen Lehrkräfte wurden an der Universität Leipzig im Oktober und November 2004 auf ihre Tätigkeit als Förderlehrer gründlich vorbereitet. Informationen zum Schwerpunkt Migration und Ausländer und schulrechtliche Fragestellungen gehörten ebenso zum Programm wie didaktische Aspekte der Gestaltung des Förderunterrichts und der Umgang mit Sprachproblemen und Verständigungsschwierigkeiten sowie die Qualitätssicherung und Evaluation. Qualifiziert wurden die Studentinnen und Studenten von Mitarbeitern der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig unter Leitung von Dr. Iris Mortag in Kooperation mit der RAA Leipzig und einigen Betreuungslehrerinnen im Regionalschulamtsbezirk Leipzig (RSAL).
Eine von den Studenten eigens gegründete studentische AG-Förderlehrer bildet die Kommunikationsplattform für den gegenseitigen Austausch von Meinungen, Vorschlägen und konkreten Materialien. Unterrichtsbeispiele und Arbeitsmaterialien können hier eingestellt und abgerufen werden. Zusätzlich wird seit Dezember einmal monatlich eine Besprechung von Problemen und ein Austausch zur Unterrichtspraxis angeboten.

Lehrerbildung
Sowohl für die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund als auch für die Studierenden stellt dieses Projekt, in das sie viel Engagement und Zeit investieren, um es zum Erfolg zu bringen, eine große Herausforderung dar. Es ist darüber hinaus aber auch für die Lehrerbildung von signifikanter Bedeutung. Die Lehrerbildung ist immer noch monokulturell ausgerichtet. Für die meisten Lehrerinnen und Lehrer ist der Unterricht in einer multikulturell zusammengesetzten Klasse daher mit großen Schwierigkeiten verbunden. Sie sind auf diese Aufgabe nicht vorbereitet worden. Das von den Förderlehrkräften eingebrachte Material trägt in hohem Maße zur Evaluation und damit auch zur Qualitätserhöhung der Lehrerbildung bei. Die Förderlehrerinnen und -lehrer werden so auch zu Forscherinnen und Forschern der eigenen Sache.

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 13.01.2005
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