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08. 07. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Die sind auch völlig ungeniert im Fragen und Staunen"

Ein Pionier der Kinderuni: Der Physiker Joachim Treusch

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Prof. Dr. Joachim Treusch

Bildung PLUS: Kinderunis boomen im Moment. Vor dreißig Jahren haben Sie schon Kindergartenkinder in der Universität Dortmund mit ins Labor genommen. Wie sind Sie denn damals auf die Idee gekommen?

Treusch: Das ist relativ einfach zu beantworten. Als ich 1971 nach Dortmund berufen wurde, waren meine drei Söhne im Alter von drei bis fünf. Ich habe ihnen dann jeweils mit ihrer Kindergartengruppe die Universität gezeigt und im großen Hörsaal eine physikalische Vorlesung gehalten. Und da ich nun auch schon Großvater bin, habe ich erneut die Chance, mich im eigenen Leben darauf einzustellen, Kindern etwas zu erklären. Ich finde das auch überhaupt nicht schwierig. Im Gegenteil, es macht sehr viel Spaß und wenn man einen Teil des Vergnügens, den man mit den Kinder hat, in die Vorlesung zu den Großen mitnimmt, haben alle etwas davon.

Bildung PLUS: Was ist denn anders im Hörsaal, wenn Kinder statt Studierenden in der Vorlesung sitzen?

Treusch: Entgegen allen Vorurteilen finde ich auch Studenten unglaublich neugierig, aber bei Kindern ist es eine andere, völlig ungebremste und unverstellte Neugier. Die sind auch völlig ungeniert im Fragen und Staunen. Wenn man Kinder in ihrer Neugier bestärkt, kann man etwas tun, was möglicherweise auch in ihrer Schulzeit wirksam bleibt.

Bildung PLUS: Unter den Studierenden gelten Vorlesungen oft als dröge und langweilig. Werden die Vorlesungen wieder spannender, wenn man als Dozent die Erfahrung einer Kinder-Vorlesung gemacht hat?

Treusch: Davon bin ich absolut überzeugt. Ich sehe das ja bei uns im Forschungszentrum Jülich: Die Mitarbeiter, die viel Zeit darauf verwenden, Schulkinder und Gäste zu betreuen, werden öfter gefragt, ob ihnen das nicht zuviel Zeit wegnimmt von ihrer Forschung. Die Antwort ist ausnahmslos, dass es ihnen soviel Spaß mache, dass sie ihre Forschung hinterher mit mehr Vergnügen machen würden als vorher. Das gilt für die Lehre ja noch viel stärker, weil die Rückkopplung psychologisch noch viel eindeutiger ist. Eine gute Kindervorlesung führt aus meiner Erfahrung automatisch zu einer besseren Vorlesung für Studenten.

Bildung PLUS: Vor dreißig Jahren waren Sie ja noch ein einsamer Vorreiter. Nun sind in den vergangenen drei Jahren fünfzig Kinderunis in Deutschland entstanden. Was hat sich verändert und was ist gleich geblieben?

Treusch: Heute ist die Frage der frühkindlichen Bildung viel präsenter in der Öffentlichkeit. Vor dreißig Jahren hat vielleicht die Dortmunder Zeitung über unsere Kinder-Vorlesungen berichtet. Heute reden plötzlich alle Leute über Kinderunis und es gibt ein großes Medieninteresse. Das finde ich fantastisch. Kinder zwischen vier und neun sind heute wie damals ungebrochen neugierig, witzig, bereit zu Staunen und auch bereit, anderthalb Stunden mucksmäuschenstill, unterbrochen von Begeisterungsschreien, mitzumachen und sich überhaupt nicht ablenken zu lassen. Ich habe neulich eine Vorlesung in einem Kindertheater in Gelsenkirchen gehalten. Selbst bei einer so wilden Horde von 120 Kindern war dies überhaupt kein Problem. Das ist aber nicht übertragbar auf die Schule. Wir waren im Theater mit schwarzen Vorhängen und Blitz und Donner. Wenn Sie das vom Grundschullehrer jeden Tag erwarten, ist das natürlich Quatsch, denn er hat eine völlig andere Situation zu meistern.

Bildung PLUS: Wissenschaftler klagen oft über fehlenden Nachwuchs. Nur mit Kinderunis lässt sich da sicher keine Abhilfe schaffen?

Treusch: Wir machen ja seit dem "Jahr der Physik 2000" viel für den Austausch von Öffentlichkeit und Wissenschaft  in der Initiative "Wissenschaft im Dialog". Ein Aspekt dabei waren auch die niedrigen Studentenzahlen und die Begeisterungsfähigkeit der jungen Leute fürs Studium. Nach dem "Jahr der Physik" hat sich das sehr positiv entwickelt, denn es studieren heute wieder deutlich mehr junge Menschen Physik und zwar genau an den Orten, an denen die Bemühungen besonders intensiv waren - zum Beispiel in Darmstadt, Aachen und Dresden. Wir haben aber damals schon gemerkt, dass wir nicht nur die Oberstufe ansprechen dürfen, sondern schon vor der Mittelstufe ansetzen müssen. In der Pubertät geht die Begeisterung für Naturwissenschaften verloren, weil andere Interessen aufkommen. Man hat nur eine Chance, wenn man zwei Dinge tut: In der Schule und im Kindergarten früh anfangen und dabei nicht nur versuchen, die Kinder zu begeistern, sondern auch die Lehrer, Lehrerinnen und Erzieherinnen in den Prozess mit ein zu beziehen. Dann hat man die Chance, in der Zeit des Interessenknicks diese Herausforderung zu meistern. Dafür müssten aber die Lehrpläne geändert werden. Es kann nicht sein, dass zum Beispiel in der neunten Klasse Physik wegfällt und dann in der elften wiederkommt. Da ist noch einiges zu tun. Auf einen verkürzten Nenner gebracht würde ich sagen: Ein Land, das Kindergartengebühren verlangt und keine Studiengebühren, macht irgendetwas verkehrt, denn an der Basis muss die Bildungspyramide stabil sein.

Bildung PLUS: Können Ganztagsschulen helfen, Naturwissenschaften wieder zu den Schülern zu bringen?

Treusch: Wenn die Elternhäuser ihrer Funktion noch nachkommen könnten, wie sie es früher getan haben, dann wäre die Notwendigkeit für eine Ganztagsschule nicht ganz so zwingend. Da die Eltern es aber aus vielen privaten und gesellschaftlichen Gründen nicht mehr schaffen, ist eine Ganztagsschule heute fast ein zwingendes Gebot der Stunde. Ein Blick zu den vielgelobten Finnen zeigt im Übrigen, dass Lehrer dort einem Berufszweig angehören, der ein hohes Ansehen genießt und Erzieherinnen akademisch ausgebildet werden. Davon können wir in Deutschland noch einiges lernen.

Bildung PLUS: Sie fordern, nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen beizubringen, dass es Spaß macht, Fragen zu stellen und zu beantworten. Wie soll das gehen?

Treusch: Das Beibringen in dem Sinne, dass einer etwas erzählt und der andere es dann sofort begreift, ist ein ziemlich seltener Fall - auch bei Erwachsenen. Man sollte also auch die Erwachsenen nicht belehren, sondern dazu animieren, Fragen zu stellen. Ich nehme grundsätzlich keine Vorträge an, wo nicht sichergestellt ist, dass hinterher genug Zeit zum Diskutieren ist. Ich finde es ganz schlimm, Leute zu indoktrinieren und dann unter dem Applaus wegzutauchen und sie mit den Fragen allein zu lassen. Und in der Fragerunde stellt sich auch heraus, an welcher Stelle der Vortrag ungenau war oder dass man die Leute nicht da abgeholt hat, wo sie wirklich stehen. Erwachsenen muss man erneut den Spaß am Fragen beibringen. Das merkt man auch in den Kindervorlesungen: Die Eltern profitieren von den Fragen ihrer Kinder, weil sie sich selbst oft nicht mehr trauen zu fragen. Wenn sie dann zusammen mit ihren Kindern rausgehen und mit dem Frage-Antwort-Spiel weitermachen, haben wir das Optimum erreicht.


Prof. Dr. Joachim Treusch
Joachim Treusch (Jahrgang 1940) studierte Physik in Marburg und Berlin; er promovierte 1965 in Marburg mit einer Arbeit über die Bandstruktur des Tellur und habilitierte sich 1969 ebenfalls in Marburg. 1970 wurde Treusch Professor an der Universität Frankfurt (Main), 1971 Ordentlicher Professor für Theoretische Physik an der Universität Dortmund (bis 1987).

Zum 1. Mai 1987 wurde Prof. Treusch zum Mitglied des Vorstands des Forschungszentrums Jülich berufen, zunächst für den Vorstandsbereich "Physikalische Grundlagenforschung und Informationstechnik". Seit 1990 ist Prof. Treusch Vorstandsvorsitzender. 1998 übernahm er den Vorstandsbereich "Umwelt und Lebenswissenschaften".

Er zeichnet verantwortlich für 50 wissenschaftliche Veröffentlichungen sowie 30 nationale und internationale Vorträge zur Theorie der elektronischen und optischen Eigenschaften von Halbleitern, 80 Kolloquiumsvorträge an in- und ausländischen Universitäten und Instituten, ca. 200 Artikel, Buchbeiträge und öffentliche Vorträge zu Aspekten physikalischer Innovation und allgemeinen Problemen technisch-wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung.

Forschungszentrum Jülich
Das Forschungszentrum Jülich ist eines der 15 Helmholtz-Forschungszentren in der Bundesrepublik Deutschland.  4200 Mitarbeiter widmen sich in einer der größten Forschungseinrichtungen in Europa der Erforschung aktueller gesellschaftsrelevanter Themen. In Jülich arbeiten Wissenschaftler der Disziplinen Physik, Chemie, Biologie, Medizin und Ingenieurwissenschaften in den Bereichen Materie, Energie, Information, Leben und Umwelt eng zusammen. Langfristige, grundlagenorientierte Beiträge zu Naturwissenschaft und Technik werden ebenso erarbeitet wie konkrete technologische Anwendungen für die Industrie.


 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.07.2004
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