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07. 10. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

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Antworten finden Erzieherinnen in nagelneuen Studiengängen

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Das Bedürfnis nach Bildung und die Aufnahmefähigkeit von Kindern ist umso größer, je jünger sie sind. Viele Untersuchungen belegen, dass schon Drei- bis Fünfjährige über entwicklungspsychologischen Voraussetzungen für einen Zugang zu beispielsweise naturwissenschaftlichen Phänomenen verfügen. Je besser die pädagogischen Fachkräfte auf jene Bedürfnisse eingehen können, desto eher werden die Kinder ihre kognitiven Fähigkeiten ausbauen und in den späteren Schulstufen den steigenden intellektuellen Anforderungen gerecht werden.

Ungenutzte Bildungschancen
Doch genau aufgrund dieser Einsichten zur vorschulischer Bildung musste die Berufssparte der Erzieherinnen ganz schön einstecken; die Kritik, unter anderem auch von Hirnforschern, an deren Ausbildung - ebenso wie an der von Lehrerinnen und Lehrern - wurde seit PISA immer lauter: Es heißt, Erzieherinnen und Erzieher besäßen zu wenig lernpsychologische Kenntnisse, würden zu wenig "bildend" tätig, förderten ausländische, hochbegabte und in Teilbereichen begabte Kinder zu wenig, lehrten Kindern nicht das Lernen - in Kindergärten würden so letztlich viele der im Kleinkindalter liegenden Chancen von Bildung und Erziehung vertan.

Vor allem im Kontext der Diskussion zur PISA-Studie wurde betont, dass Erzieher und Erzieherinnen bei weitem schlechter als Grundschullehrer qualifiziert seien. Auch sähe diese Berufsgruppe ihren Schwerpunkt im Bereich von Betreuung und Erziehung und nähme ihren Bildungsauftrag nicht wichtig genug . Nun müssen sich deutsche Kindertagesstätten die Frage gefallen lassen, ob ihr Personal überhaupt gebildet genug ist, um unsere Kinder schlau zu machen.

Deutsche KiTAs als Schlusslicht
Was haben andere Länder Deutschland voraus? In Neuseeland ist es beispielsweise üblich, dass jedes Kind in den Jahren seines Kita-Besuches in seinem Verhalten und Lernfortschritt mehrfach ausgiebig beobachtet wird und diese Beobachtungen dokumentiert werden. Für die Deutschen immer noch eine befremdliche Vorstellung. Dabei haben internationale Vergleichsstudien den Deutschen und auch den Österreichern die schlechte Botschaft übermittelt, dass sie in Bezug auf die Professionalisierung der pädagogischen Fachkräfte das formal niedrigste Niveau bieten. Dies hat nicht nur Konsequenzen für die Qualität und die Ergebnisse der pädagogischen Arbeit, sondern auch für die Berufschancen des pädagogischen Fachpersonals.

Alle anderen europäischen Länder organisieren die Ausbildung ihrer pädagogischen Fachkräfte auf Fachhochschul-, die meisten sogar auf universitärem Niveau. "Das bedeutet: unsere Erzieherinnen können heute in Europa nicht vermittelt werden," sagte Prof. Wassilios E. Fthenakis vom bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik in einem Gespräch mit Bildung PLUS. (Siehe auch interner Link "Unsere Erzieherinnen können in Europa nicht vermittelt werden.") Deutsche Erzieherinnen kommen mit der bisherigen Qualifikation in finnischen oder schwedischen Kindergärten gerade einmal als Hilfskräfte in Frage. "Deutschland verpasst den Anschluss an Europa", sagte Fthenakis. 

Erzieherinnen in die Wissenschaft
Der internationale Leistungsvergleich hat uns doch gezeigt: Spitzenreiter waren jene Länder, die ihren Nachwuchs schon vor der Schule lernen, experimentieren und forschen lassen und entsprechend in die Ausbildung ihrer Vorschulpädagogen investieren. Endlich haben deutsche Bildungsexperten und Verantwortliche an Fachhochschulen und Universitäten begonnen zu reagieren. "Wenn niemand den Mut hat, die Ausbildung der Erzieher stärker an die Wissenschaft zu binden, müssen wir eben nachschulen," sagte eine Leipziger Bildungsverantwortliche, Marion Musiol, bereits 2002 in einem Gespräch mit der ZEIT und fügte hinzu "sonst wissen die Kinder bald mehr als ihre Erzieher". Als einzige Kommune schickte die Sachsenstadt ihre Erzieherinnen und Erzieher im Rahmen einer Qualifizierungsmaßnahme noch einmal auf die Schulbank.

Mittlerweile haben gleich mehrere Fachhochschulen den Versuch gestartet, die Erzieherausbildung in einen wissenschaftlichen Kontext einzubinden. Fachhochschulen in Berlin, Freiburg und Hannover bieten Bachelor-Studiengänge an, die Universität Bremen ein Weiterbildungsstudium und eine Universität in Norditalien offeriert einen deutschsprachigen Lauretas-Studiengang. Die Fachhochschule Oldenburg-Ostfriesland-Wilhemshaven reagiert mit dem Angebot des Studiengangs der Frühpädagogik und Koblenz ermöglicht ein berufsbegleitendes Bachelor-Fernstudium.

Während des Studiums sollen Erzieherinnen und Erzieher sich in Sachen Entwicklungspsychologie und Lerntheorie, Familiensoziologie sowie im Bereich Diagnostik und Förderung auf den neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse bringen - und sich darüber hinaus auch naturwissenschaftliches Know-how und Kompetenzen im Bereich der Sprach- und Leseförderung sowie des interkulturellen Lernens aneignen. Künftig werden sie erfahren, was Vorschulkinder bereits wissen sollten und praktisch erproben, welche modernen Lehrmethoden die Frühpädagogik entwickelt hat. Mit Einsicht in die Wichtigkeit früher Förderung auch für spätere Lernerfolge werden Erzieherinnen und Erzieher zur Schlüsselfigur in der Bildungsbiografie der Kinder.

Grenzen überschreiten
"Schule und Kindergarten haben sich in Deutschland sehr voneinander isoliert" sagt Ilse Wehrmann, Geschäftsführerin der Evangelischen Kindertageseinrichtungen. Auch nach PISA hätten sich die beiden Bereiche nicht "dynamisch miteinander verbunden". Stattdessen würden Schule und Kita "höchstens additiv" miteinander in Verbindung gebracht, wenn Erzieherinnen beispielsweise in die Ganztagsschulen gingen, um Leerzeiten zu überbrücken, sagte Wehrmann.

Jetzt stehen Bildungssysteme sowie Kinder- und Jugendhilfe vor der Herausforderung, die bisherigen Trennung zwischen beiden Bereichen aufzuheben und sehr viel stärker als bisher vernetzte Strukturen zu schaffen, damit die anstehenden Herausforderungen der Qualitätsverbesserung im gesamten Bildungsbereich bewältigt werden können. Die Überschreitung der Grenzen der Kinder- und Jugendhilfe und die Kooperation von Schulen und Kindertageseinrichtungen erfordern besondere Kompetenzen von Lehrerinnen und Lehrern und auch von Erzieherinnen und Erziehern. Es gilt, als gleichwertige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den verschiedenen Institutionen auch einen Bildungsauftrag zu erfüllen und auf die Bedarfslagen der Kinder im Vor- und Grundschulalter einzugehen. Eine hoch qualifizierte Ausbildung ist, nicht zuletzt hilfreich, um von den Lehrkräften als Gesprächspartnerinnen anerkannt zu werden.    

Robert Bosch Stiftung bietet Unterstützung
Auch die Robert Bosch Stiftung hat die Problemlage "Ausbildung der Erzieherinnen" längst erkannt und im Juni eine Ausschreibung an deutsche Hochschulen gerichtet, die im Bereich frühkindliche Bildung eine lohnende Zukunftsinvestition sehen. Diese möchte die Stiftung finanziell fördern und fachlich begleiten. 

Die Konzeption umfasst die Qualifizierung von Leitungs- und Lehrkräften, Fortbildungsgänge für Erzieher im Beruf sowie eine Förderung der wissenschaftlichen Lehre und Forschung in der Frühpädagogik. Die ausgewählten Hochschulen werden bei der Entwicklung ihres individuellen Konzepts durch die Stiftung beraten. Die ersten Modellzentren sollen ihre Arbeit im Mai 2005 beginnen.

Mehr Geltung, mehr Geld, mehr Männer?
Die Aufwertung der Erzieherausbildung durch die Verlagerung an die Fachhochschule trägt auch der Forderung nach einer höheren Bewertung typischer Frauenberufe Rechnung. Ein erwünschter Nebeneffekt könnte sein, dass künftig mehr Männer den Beruf des Erziehers wählen und Kinder auch männliche Bezugspersonen in fürsorglichen professionellen Rollen erleben.

Studierte Erzieher und Erzieherinnen müssten mittelfristig eigentlich besser bezahlt werden. Ob es tatsächlich so sein wird, dass die Träger von Kindertageseinrichtungen die verstärkten Professionalisierungsanstrengungen auch finanziell honorieren, akademisch ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher also höher eingruppieren und besser bezahlen, wird erst die Zukunft zeigen.

"Aus dem Modellversuch ergeben sich aber gar keine tarifrechtlichen Konsequenzen", sagte Hilde von Ballusek, Professorin der Alice-Salomon Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin. Und es gibt keinen Automatismus, nach dem eine höherwertige Ausbildung zu einer höheren Vergütung führt. Erzieherinnen und Sozialpädagogen werden nach BAT oder kirchlichen Richtlinien bezahlt. Maßgeblich für die Eingruppierung ist allerdings nicht die Ausbildung, sondern die ausgeübteTätigkeit. So bekäme also eine Sozialpädagogin im Gruppendienst einer Kindertagesstätte auch nur eine Vergütung wie eine Erzieherin. 

Vernebelung der Situation?
Auch der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) richtet den Blick aufs Gegenwärtige und kritisiert in einer Stellungnahme über die Zukunft der Kindertageseinrichtungen und zur Akademisierung der Ausbildung von Erzieherinnen den fehlenden Bezug der Reformen zur Wirklichkeit in den Einrichtungen. Aus Sicht des DBSH gehe es bei der politischen Diskussion nicht um eine tatsächliche Verbesserung der Bedingungen, die für eine gute Förderung von Vorschulkindern notwendig sind. Es handele sich eher um eine Vernebelung der tatsächlichen Situation.

"Während einzelne Politiker und Politikerinnen eine Akademisierung der Ausbildung zur Erzieherin fordern, werden in der Praxis die Stellen von Erziehern und Erzieherinnen mit Fachschulausbildung zunehmend durch Mitarbeiterinnen ersetzt, die lediglich über eine Ausbildung zur Kinderpflegerin verfügen. In Bremen wurde jetzt sogar ein Kurz-Qualifikationsprogramm für Sozialhilfeempfängerinnen eingerichtet, die dann entsprechende Fachkräfte ersetzen sollen," äußert sich Hille Gosejacob-Rolf , die Vorsitzende des Bundesvorstands des DBSH, in der Stellungnahme.

Und tatsächlich arbeiteten 1998 in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt 224 500 Erzieher und Erzieherinnen in Kindertageseinrichtungen. Zusätzlich wurden 46 720 Kinderpflegerinnen als so genannte Zweitkräfte oder pädagogische Hilfskräfte eingesetzt. Auf Westdeutschland bezogen - mit 159 327 Erzieherinnen und Erziehern und 46 002 Kinderpflegerinnen - verschlechtert sich diese Situation nochmals; hier beträgt der Anteil geringer qualifizierter Zweitkräfte cirka 22 Prozent. Der Weg von der Einsicht in die extreme Wichtigkeit des Berufes bis hin zur Schaffung der Rahmenbedingungen für die Einstellung und tariflich angemessene Bezahlung und Einstellung von Erzieherinnen und Erziehern mit Bachelor-Abschluss ist noch weit.

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.10.2004
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