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15. 12. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Auf der Suche nach der verlorenen Jugend

Migrantinnen und Migranten in der Sekundarstufe I sind die Verlierer im deutschen Bildungswesen

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Wirtschaft und Gewerkschaft an einem Tisch: Links Dr. Peter-Werner Kloas, Zentralverband des Deutschen Handwerks, rechts Marianne Demmer, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Eine vorsichtige Aufbruchstimmung herrscht auf der Tagung zur Förderung von Migrantinnen und Migranten in der Sekundarstufe I. Es geht um die Zukunft von rund zwei Millionen Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die professionellen Förderer, Fachleute und Praktiker (Fotostrecke) wissen schließlich, dass es wenig zu beschönigen gibt: Der Abstand der schulischen Leistung von jugendlichen Migrantinnen und Migranten zu den deutschen Kindern und Jugendlichen hat sich in den letzten Jahren nicht verringert: "Jugendliche mit Migrationshintergrund sind die Verlierer", sagt Ursula Neumann, Insitut für International und Interkulturell vergleichende Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg.

Weltmeister der Selektion auf der Suche nach mehr Integration
Die internationale Schülerleistungsstudie PISA stellt Deutschland das Zeugnis eines zweifelhaften Weltmeisters aus: In kaum einem Land ist der schulische Erfolg so sehr vom Geldbeutel der Eltern abhängig wie in Deutschland. Der soziale Status entscheidet über die schulische Laufbahn von Kindern und Jugendlichen. Und das trifft besonders Kinder mit Migrationshintergrund.

Vorsichtige Aufbruchsstimmung prägt die Tagung, weil offenbar Konsens darüber besteht: So geht es nicht weiter, wir müssen gemeinsam etwas tun. Die 150 Fachleute und Praktiker scheinen auch weniger zerstritten zu sein als die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung zu Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund im Elementar- und Primarbereich von März 2003. Grundzüge des Handelns im Sinne einer nachhaltigen Bildungsreform spiegeln sich in vier Arbeitsgruppen der Tagung zur Förderung von Migrantinnen und Migranten in der Sekundarstufe I wider, in denen die Teilnehmer neue Wege in der Förderung sondieren können:

  • Innovative Ansätze im Unterricht (Forum I)
  • Öffnung der Schule - kommunale Netzwerke (Forum II)
  • Neue Ansätze in der Lehreraus- und fortbildung (Forum III)
  • Qualitätssicherung zur Förderung von Migrantinnen und Migranten (Forum IV)

Nach Neumann soll der Unterricht der Zukunft "ergebnisoffener" werden, Berater und Lehrer in Zukunft verstärkt zur Mehrsprachigkeit ausgebildet, die Qualität der Förderinstitutionen regelmäßig überwacht (Systemmonitoring) werden.

Wann sind wir gut genug, alle Kinder und Jugendlichen zu fördern?
Vor PISA hätte es hier zu Lande vielleicht ketzerisch geklungen zu sagen: "Jedes Kind kann es schaffen, vorausgesetzt wir sind gut genug, es zu fördern". Schulphilosophie aus, Finnland an die Petra Jung, Bundesministerium für Bildung und Forschung, erinnert. Man scheint sich darüber einig: Nicht nur die Sprachfähigkeiten der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gehören jetzt auf den Prüfstand, sondern auch die Tauglichkeit der Fördereinrichtungen in Deutschland: Schulen, Jugendhilfe, Betriebe. Es kann nicht sein, dass sich nur Jugendliche mit Migrationshintergrund und ihre Eltern an die Gesellschaft anzupassen haben. Die Gesellschaft mit ihren Bildungseinrichtungen muss sich vielmehr den Gegebenheiten der anhaltenden Migration stellen und auch anpassen. Im Verhältnis zu den Einwanderern bahnt sich ein höheres Maß an Gegenseitigkeit an.

Während in Finnland oder Schweden bis zur neunten Klasse gemeinsam gelernt wird, werden in Deutschland die Schüler bereits nach der vierten Klasse getrennt und die Schülerinnen und Schüler nach bisweilen willkürlichen Kriterien auf Haupt-, Sonderschule, Realschule oder Gymnasium verteilt. Wohl aus diesem Grund hat der Grundsatz "in Finnland können die Lehrer schlechte Schüler nicht - wie in Deutschland - loswerden", tiefen Eindruck hinterlassen. Er wird in Diskussionen und im Plenum immer wieder aufgegriffen. 

"Was im Unterricht läuft ist der Ausfluss des Grundsätzlichen", sagt Marianne Demmer, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in philosophischer Manier. Es müsse die Bereitschaft entwickelt werden, das Grundsätzliche und Konkrete gemeinsam zu entwickeln" fährt sie fort. In der Vergangenheit waren die Schulen darauf getrimmt mit leistungshomogenen Klassen das bis ins Detail vorgegebene Klassenziel zu erreichen. Mittlerweile haben sich die gesellschaftlichen Bedingungen grundlegend gewandelt: Täglich wandern Tausende Migranten nach Deutschland aus Europa oder anderen Staaten.

Reform der Lehrerbildung
Antje Thiersch, Comenius-Institut in Sachsen ist Lehrerin für Deutsch und Englisch. Sie kommt nach Berlin zur Tagung, um neue Ansätze in der Lehreraus- und fortbildung kennenzulernen. "Gerade der Übergang Schule - Beruf hat sich als schwierig herausgestellt", sagt sie, genauso wie der "Übergang von Deutsch-als-Zweitsprache-Klassen in den Fachunterricht". Sie sucht daher auf der Tagung "Anregungen und praktische Tipps" für ihre Arbeit mit zwei überregionalen Arbeitsgruppen, die die Lehrerbildung reformieren sollen.

Häufig haben Schüler ausländischer Herkunft Schwierigkeiten nicht so sehr mit einem bestimmten Fach, etwa Physik oder Biologie. Eher hapert es mit der Sprache in der die Fächer vermittelt werden, dem Deutschen. Selbst dann, wenn sie umgangssprachlich stark im Deutschen sind. Denn das Unterrichtsdeutsch hat seine Tücken. Im Fachunterricht sind die Lehrer meist um Genauigkeit bemüht, sie agieren in der Rolle von Fachwissenschaftlern. Sie gebrauchen viel abstrakte Begriffe, ungewöhnliche Adjektive, und viel Passivkonstruktionen im Satzbau.

Hindernisse der Fachsprache
Zahlreiche Hindernisse lauern auf die Schüler ausländischer Herkunft und auch deutsche: die Fachtexte. Sie sind in aller Regel beschreibend, analytisch, unpersönlich. Keine Möglichkeit, sich mit dem Texten zu identifizieren, wie es etwa bei "Sofies Welt" der Fall war. Klaus-Jürgen Hintzler, LISUM Berlin, lädt die Teilnehmer im Forum zu einem Besuch in die Giftküche semantischer Grausamkeiten ein, in die Schüler der Sekundarstufe I täglich schauen müssen.

Doch das Fachdeutsch hat auch einige Vorzüge: Es ist dicht und bündig, um es verständlicher zu machen, müssten die meisten Lehrbücher umgeschrieben werden mit der Folge, dass sie viel umfangreicher würden. Eine Herkulesarbeit und dazu noch eine sehr teure. Hintzlers Lösung des Sprachproblems ist der "sprachbewusste Fachunterricht", der Schüler dazu anleiten soll, auch verwobenere Sachtexte zu entschlüsseln. Dabei gilt es, Überschriften, Absätze, Bilder Schritt für Schritt zu enträtseln und schwierige Begriffe in Schaubildern begreifbar zu machen. Einige der Prinzipien werden schon seit Jahren aus guten Gründen im Internet eingesetzt: Schwierige Begriffe durch bekanntere ersetzen, Zwischenüberschriften einfügen, Einsatz eines Glossars und einige mehr. 

Das ist noch nicht alles. Hintzler sieht die Lehrer der Zukunft als Teamarbeiter. So soll der Biologielehrer mit dem Physiklehrer oder dem Deutschlehrer gemeinsam den Unterricht vorbereiten können, die Türkischlehrer mit dem Deutschlehrer - Kooperation zwischen Fachkollegen heißt das in der Fachsprache. Zudem soll die Rolle des Lehrers grundsätzlich überdacht werden und diejenige der Schüler und Eltern bis hin zu einem Überdenken des Schulkonzeptes.


Lesen Sie den letzten Teil des Berichts am Donnerstag, den 18. Dezember 2003:

Hamburg, Leipzig, Köln - drei Chiffren für moderne und beispielhafte Förderung von Migrantinnen und Migranten in der Sekundarstufe I - pars pro toto. Während die Hamburger Lehrerbildung die Lehrpläne an die Bedingungen einer Einwanderungsgesellschaft anpasst, will das Bundesjugendkuratorium mit den "Leipziger Thesen" die disparaten Bildungsorte vernetzen. Beim BQN-Treff in Köln nehmen die Jugendliche mit Migrationshintergrund die eigene Förderung gar selbst in die Hand.


Fotostrecke

Tagungsprogramm

Teilnehmerliste

 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 15.12.2003
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