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08. 12. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Sackgasse "Sekundarstufe I"

Anerkennung der Vielfalt - allein ein grundlegender Sichtwechsel ermöglicht eine kontinuierliche Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Bild

Dr. Ingrid Müller vom Bayerischen Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in der Diskussion mit Marieluise Beck

Nicht nur im Alltag werden Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund umfassend benachteiligt, sondern auch in der Förderung ihrer schulischen Laufbahn wie die Tagung zur Förderung von Migrantinnen und Migranten in der Sekundarstufe I zeigt.

"Die Vielfalt wird von den meisten als pädagogische Aufgabe akzeptiert", sagt Christoph Edelhoff, Deutscher Verein zur Förderung der Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung. Zumindest auf der Tagung zur Förderung von Migrantinnen und Migranten in der Sekundarstufe I in Berlin herrscht ein milderes Klima zu Gunsten der Nachkommen der ehemaligen "Gastarbeiter" und anderer Migranten als es oft im Alltag anzutreffen ist (Fotostrecke). Rasch schält sich eine Grundannahme heraus: Anerkennung der Unterschiedlichkeit, Vielfalt kann als Bereicherung wahrgenommen werden und - wir leben unumkehrbar in einer Einwanderungsgesellschaft.

"...selektive Gesellschaft seit Kaisers Zeiten"
Doch dieses entspreche keineswegs dem Mainstream in der deutschen Gesellschaft. Sie ist eine "selektive Gesellschaft seit Kaisers Zeiten und leistet sich ein Schulsystem, wie kein anderes in der Welt". Eine Gesellschaft, die ihre eigenen Kinder nicht genügend fördere, tue sich umso schwerer, die anderen, zugereisten oder diejenigen mit Migrationshintergrund richtig zu behandeln. "Das ist die Spannung dieser Tagung", sagt Edelhoff.

Die internationale Schülerleistungsstudie IGLU, die Lesekompetenz von zehnjährigen Grundschülern testet, hat ergeben, dass es in Deutschland vor der Sekundarstufe noch vergleichbar wenig Diskriminierung gibt. Doch dann: "In der Sekundarstufe I werden die Bildungsergebnisse dramatisch schlechter", so Marieluise Beck, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Das betrifft die Lebenschancen von über fünf Millionen Kindern und Jugendlichen - soviel besuchten im Schuljahr 2001 / 2002 die Sekundarstufe I. Das ist mehr als die gesamte Bevölkerung von Finnland.

Dabei ist Bildung der Schlüssel für erfolgreiche Integration und ohne gleiche Bildungschancen kann Integration nicht gelingen. Beck stellt drei Forderungen auf: 

  • Entrümpelung der Curricula der Sekundarstufe I,
  • mehr individuelle Förderangebote an Ganztagsschulen für    Migrantinnen und Migranten,
  • Qualifizierungsoffensive für das pädagogische Personal.

"...sie binden es nur noch fester"
Vehement wendet sich die Integrationsbeauftragte gegen ein Gesetz, dass das Tragen des Kopftuches an Schulen verbieten soll. Das Kopftuch müsse nicht notwendig als Symbol der Unterdrückung der Frau ausgelegt werden. Manche Frauen drückten damit ihr muslimisch geprägtes Selbstbewusstsein aus.

Ein gesetzliches Verbot verstärke die Ausgrenzung von islamischen Frauen, denn ein Verbot des Kopftuches würde die "gesellschaftliche Stigmatisierung derjenigen Frauen vorantreiben, die es tragen." Die Folge wäre der "Rückzug aus der Mehrheitsgesellschaft". "Studentinnen legen nicht etwa ihr Kopftuch ab, sondern sie binden es nur noch fester", sagt Ursula Neumann vom Institut für International und Interkulturell vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg voraus.

Keine Chancengleichheit für Schüler ausländischer Herkunft
Es gibt eine Schieflage in der Behandlung von deutschen Schülerinnen und Schülern und solchen mit Migrationshintergrund: Jeder zweite ausländische Schüler besuchte 1999 eine Schule ohne weiterführenden Abschluss, bei den deutschen Schülern hingegen ist es nur jeder fünfte. Mehr als jeder dritte deutsche Schüler besuchte ein Gymnasium (39,5 Prozent), bei den Migranten ist es nur jeder fünfte (19,2 Prozent). Und rund 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund haben nach der Sekundarstufe I keinen Schulabschluss.

Integrationsbeauftragte Beck: Wir brauchen eine andere Statistik
"Wir brauchen eine andere Statistik", fordert Marieluise Beck auf der Berliner Tagung. Die Statistik in ihrer gegenwärtigen Form spiegele nicht angemessen die Größenordnung der Migrationsbewegung wider. Die Statistik berücksichtige auch nicht die Änderungen, die sich durch die Novellierung des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahre 2000 ergäben. Danach können Migrantinnen und Migranten nach acht Jahren in der Bundesrepublik eingebürgert werden.

Denn bisher erfasse die Statistik lediglich die ausländische Nationalität. Eingebürgerte Kinder und Jugendliche würden so aus der grobmaschigen Statistik herausfallen. Neue Kategorien der Statistik könnten das Geburtsland der Eltern, der "Wanderungshintergrund" sein oder die Familiensprache. Das ist schon deswegen wichtig, weil nur die Gruppen von Migranten gefördert werden können, die auch statistisch ausgewiesen sind.

Benachteiligt durch die Institutionen des Bildungswesens
Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung ist neben Bildung PLUS eine der Initiatorinnen der Tagung zur Förderung von Migrantinnen und Migranten in der Sekundarstufe I in Berlin. Und sie spricht von einer anderen sehr verbreiteten Form der Diskriminierung Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Es handelt sich um eine Benachteiligung durch die Institutionen. Diese Benachteiligung wurde durch eine internationale Schülerleistungsstudie aufgedeckt.

Vor fast genau zwei Jahren, am 4. Dezember 2001, erschütterte PISA die Grundfesten des deutschen Bildungswesens. Doch die Quittung für die Wirklichkeit in deutschen Schulen wurde nicht von allen verstanden. Manche sagten: "Wir stünden besser da, wenn wir die Migrantenkinder aus der Studie herausrechnen würden." Im Klartext: Der Platz im unteren Mittelfeld sei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund geschuldet. Deren Großeltern sind vor 40 Jahren als "Gastarbeiter" angeworben worden mit der Option, dass diese das Land nach dem Gastspiel ohnehin verlassen würden. Doch die "Gastarbeiter" und ihre Kinder sind geblieben und nicht wie erwartet nach zwei bis drei Jahren in das Herkunftsland zurückgekehrt. 

Wenig verändert hat sich auch die Tatsache, dass der größte Teil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund heute aus bildungsfernen Schichten kommt. Dies geht meistens mit niedrigem sozialen und ökonomischen Rang einher. Und weil die Eltern oft nicht richtig Deutsch sprechen, bleiben auch ihre Kinder zurück. Mit ernsten Folgen: Die geringen Deutschkenntnisse wirkten sich negativ auf den Lernerfolg in allen anderen Fächern aus. Ganz deutlich wird dies beim Fach Mathematik etwa bei den berüchtigten Textaufgaben: "Man könnte Schulversuche starten, wo Migranten massiv allein deswegen versagen würden, weil sie die Textaufgabe sprachlich nicht verstanden haben", so Beck. 

Das abgehobene Deutsch der Schule
Das Deutsch im Unterricht ist nicht irgendein Deutsch. Es ist ein schriftnahes "Deutsch der Schule", das von Fach zu Fach variiert, aber oft allgemein, wenig anschaulich und von der Alltagssprache abgehoben ist: "Der sprachliche Anteil in Mathematik und Naturwissenschaft wird nicht genügend wahrgenommen", sagt Ursula Neumann. Da im Elternhaus vieler jungen Migrantinnen und Migranten wenig Deutsch gesprochen wird, müssten die Schulen kontinuierlich und systematisch Lesekompetenzen und Deutsch fördern. Doch sprachliche Bildung erfordert noch mehr - die Förderung der Herkunftssprache.

"Nur postkoloniale Gesellschaften wie Frankreich oder England könnten es sich leisten, auf die Förderung der Herkunftssprache zu verzichten", sagt Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung. Im Geiste der PISA-Gewinner Finnland und Schweden beschwört Neumann, dass "eine Gesellschaft, die insgesamt die Mehrsprachigkeit anerkennt, insgesamt erfolgreicher ist".

Die einzelnen Vorschläge zur Förderung von jungen Migrantinnen und Migranten in der Sekundarstufe I unterscheiden sich. Doch die Einsicht greift allmählich um sich, dass im Bildungswesen umgedacht werden muss, um gemeinsam mit den jugendlichen Einwanderern aus der Sackgasse herauszukommen.



Am kommenden Montag, den 15. Dezember, berichtet Bildung PLUS ausführlicher über die Ergebnisse aus einzelnen Foren der Tagung zur Förderung von Migrantinnen und Migranten in der Sekundarstufe I.


Fotostrecke

Tagungsprogramm

Teilnehmerliste

 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.12.2003
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