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10. 07. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Man kämpft eher mit dem Florett als mit dem Säbel"

Jugend debattiert: das bedeutendste Projekt der politischen Bildung von Jugendlichen

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Prof. Dr. Ulrich von Alemann, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Bildung PLUS: Sie waren Mitglied der diesjährigen Jury beim Finale von Jugend debattiert in Berlin. Wie war Ihr Eindruck vom Wettbewerb?

von Alemann: Ich hatte einen hervorragenden Eindruck: Die Jugendlichen waren gespannt und dabei trotzdem souverän. Keiner hatte vor Lampenfieber und Nervosität einen Einbruch und konnte nicht mehr weiter. Sondern alle acht Finalisten - es waren ja jeweils vier in den Wettbewerben für Sekundarstufe I und Sekundarstufe II - haben das wirklich ganz toll gemeistert.

Bildung PLUS: Bei Jugend debattiert nehmen jeweils vier Jugendliche an einer Debatten-Runde teil. Warum sind es vier, man würde doch eher zwei erwarten?

von Alemann: In diesem Wettbewerb soll verstärkt die Fähigkeit geübt werden, gemeinsam zu diskutieren. Es soll nicht nur ein Streitgespräch sein, in dem sich zwei streiten, um ihre eigene Meinung durchzusetzen. Die Kultur der Debatte soll gefördert werden: In der Klasse, in Vereinen, in Verbänden bis hin zu den Parlamenten. Allerdings ist das Parlament nicht unmittelbar das Vorbild für den Wettbewerb. Vorbild ist eher die angelsächsische Tradition. In angelsächsischen Ländern wird das Pro und Kontra vor Gericht oder in der Parlamentsdebatte stärker geübt.

Bildung PLUS: Welches sind die Merkmale einer gelungenen Debattenkultur?

von Alemann: In einer gelungenen Debattenkultur dominiert nicht ein einziger, sondern alle kommen zu Wort. Hier versucht jeder einerseits seine eigene Meinung inhaltlich durchzusetzen, aber nicht mit den Ellbogen: Man kämpft eher mit dem Florett als mit dem Säbel. Es geht nicht um den Sieg um jeden Preis, sondern darum, dass eine vernünftige Debatte zustande kommt. 

Bildung PLUS: Inwiefern hebt sich Jugend debattiert von den Talkshows im täglichen Fernsehen ab?

von Alemann: Bei den Jugend-debattiert-Wettbewerben geht es gesitteter zu. Die Wertung verlangt, dass jeder darauf achtet, dass auch die anderen zu Wort kommen. Insofern wird auch versucht zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen, eine gemeinsame Übersicht über das Gespräch, zu einem gemeinsamen Fazit. Bei den Fernseh-Talkshows hingegen stehen die verbalen Ellbogen im Vordergrund. Deswegen ist es oft interessanter bei Jugend-debattiert zuzuschauen als bei Fernsehdebatten.

Bildung PLUS: Welches Niveau hatten die jugendlichen Debattierer im Finale 2003?

von Alemann: Das Niveau der älteren Gruppe (17- bis 18 Jährige) war schon professionelles Niveau, das von Studenten der Universität nicht wesentlich übertroffen wird. Die Jüngeren waren natürlich nicht so geübt wie ihre älteren Kameraden, aber gerade das hatte auch seinen Reiz: Es war etwas spontaner und frischer. Trotzdem auch auf einem durchaus hohem Niveau.

Bildung PLUS: Was leistet der Wettbewerb Jugend debattiert für die politische Bildung?

von Alemann: Er leistet sehr viel für die politische Bildung, weil er sich nicht mit der Brechstange oder mit dem großen oberlehrerhaften Zeigefinger durchsetzen will. Im Wettbewerb werden die Themen spielerisch angegangen, so das eher die Technik im Vordergrund steht, sich mit einem Thema wirklich zu beschäftigen, statt einfach Stoff zu pauken. Stoff zu lernen bringt nicht so viel, weil man ihn immer wieder schnell vergisst.

In unserer schnelllebigen Zeit ist es so, dass sich selbst das in der Wissenschaft relevante Wissen alle zehn Jahre verdoppelt. Deswegen ist es wichtig Techniken zu üben, wie man mit Politik umgeht. Bei Jugend debattiert fließt politische Bildung indirekt ein. Die oft politischen Themen sind ganz unterschiedlich und die Schülerinnen und Schüler müssen sich schnell darin einarbeiten. Für heute und für die Zukunft ist es viel wichtiger, sich mit Methoden zu beschäftigen, wie man diskutiert, als bloß Stoff zu pauken.

Bildung PLUS: Die Debatten sind unmittelbar, sie laufen ähnlich spannend ab wie Wettbewerbe im Sport. Was lernen die Jugendlichen dabei genau?

von Alemann: Wichtig bei den Debatten ist eine schnelle Auffassungsgabe, um schnell reagieren zu können. Das übt man gerade beim Wettbewerb Jugend debattiert, besonders im mittleren Teil der Debatte. Während man in der Vorrunde durch sein Eingangsstatement sich auf seinen Part vorbereitet, muss man im Mittelteil schnell auf das reagieren, was die anderen Teilnehmer in die Debatte werfen. Und das auch noch mit Witz und sprachlicher Finesse.

Bildung PLUS: Gibt es in Deutschland bereits etwas, was der Gesprächskultur von Jugend debattiert vergleichbar wäre?

von Alemann: Mich erinnern die Schülerdebatten an Ausschussdebatten. In Ausschussdebatten sind die Türen geschlossen, da sind die Abgeordneten unter sich, das Fernsehen hat keinen Einblick wie im Plenum. In diesen Ausschussdebatten wird eben sehr auf die Sache hin debattiert und Kompromisse werden geschlossen. Die wichtigste Ausschussdebatte für das Parlament ist die Haushaltsdebatte mit Haushaltsrecht und Budgetrecht. Dort weiß jeder Abgeordnete: Ich kann dem anderen nichts vormachen, Regierung und Opposition kennen sehr genau die Zahlen. So versuchen sie gegenseitig durch gute Überzeugungsarbeit einen Kompromiss zu erzielen

Bildung PLUS: Das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei der internationalen Vergleichstudie PISA war auch Anlass für diesen Wettbewerb. Welchen Impuls gibt dieser Wettbewerb für die sprachliche Bildung?

von Alemann: Die sprachliche Bildung steht ganz im Vordergrund. Die Schüler müssen lernen, die üblichen Floskeln - "keine Ahnung", "irgendwie", "Politik ist ein schmutziges Geschäft", - bei sich selbst zu bekämpfen. Und die Schüler haben es sehr gut geschafft, die vielen Verlegenheitsfloskeln wie die "ehs" abzustellen. Um es mit einem großen Wort zu sagen: der Wettbewerb trägt in ganz hervorragendem Maße dazu bei, eine bessere Sprachkultur zu fördern. Gerade beim sprachlichem Ausdruck und der Fähigkeit zu lesen haben die deutschen Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich nicht gut abgeschnitten, wie die PISA-Studie belegt: Hier kann der Wettbewerb eine Initiative bringen; natürlich kann er nicht ganz Deutschland umkrempeln, das wäre viel zu viel verlangt, doch er gibt einen ganz hervorragenden Anstoß. Er wird Deutschland insoweit verändern, wie auch Jugend forscht Deutschland verändert hat.

Bildung PLUS: Welchen Einfluss hat dieses große Projekt auf Schulen?

von Alemann: Die Schülerinnen und Schüler stehen im Mittelpunkt: Sie sollen gut ausgebildet werden und Spaß am Wettbewerb haben. Doch für mich ist die Zusammenarbeit mit den Lehrern ein ganz wichtiger Bestandteil des Wettbewerb. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen das ganze Projekt durchführen. Die Schulen müssen bereit sein, sich wirklich für das Projekt einzusetzen. Dieser Wettbewerb gibt den Lehrern Anreize, aus ihrem oft frustrierendem Alltag herauszugehen. Wenn es uns gelingt, die Lehrerinnen und Lehrer dazu zu motivieren, aus ihrem frustrierenden Alltag herauszukommen, ist das ganz besonders gut.

Bildung PLUS: Das hört sich so an, als hätten die Lehrerinnen und Lehrer auch Spaß am Wettbewerb?

von Alemann: Davon bin ich überzeugt. Die Lehrer, die ich bisher sprechen konnte - viele davon waren bei den Landesentscheidungen in Köln und beim Bundesfinale in Berlin - waren sehr angetan.

Bildung PLUS: Johannes Rau bezeichnet den Wettbewerb Jugend debattiert als das größte privat finanzierte Projekt der politischen Bildung von Jugendlichen. Inwiefern ist es auch das bedeutsamste?

von Alemann: In der politischen Bildung ist es in der Tat das bedeutendste Projekt. Weil es noch mehr in die Breite geht und die zentrale sprachliche Bildung mit der politischen Bildung verknüpft. Außerdem aktiviert es Schülerinnen und Schüler. Ich bin selbst in der politischen Bildung tätig als Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Bundeszentrale für politische Bildung. Hier gibt es auch sehr viele Aktivitäten, die allerdings dem Staat zugerechnet werden. Aber die Ergänzung durch eine private Initiative ist ganz hervorragend. Darüber hinaus wird sie wird von allen Kultusministerinnen und Kultusministern unterstützt.

Bildung PLUS: Das Projekt ist zeitlich begrenzt. Wie geht es mit Jugend debattiert weiter?

von Alemann: Jetzt ist es zum ersten Mal bundesweit erfolgreich durchgeführt worden. Das soll im nächsten Jahr auf noch breiterer Basis wiederholt und ausgebaut werden. Sicher werden die Zwischenergebnisse evaluiert: Es wird überprüft, was man verbessern kann.

 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 10.07.2003
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