DIPF-Logo

Deutscher Bildungsserver

Innovationsportal

Suche




Hier beginnt der Inhalt:

03. 07. 2003

 

  • Diese Seite posten:
  • Edutags-Logo
  • g+
  • Twitter-Logo
  • Facebook-Logo
  • Delicious-Logo

Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Die Ersten

Die ersten Gewinner im Bundesfinale "Jugend debattiert" gekürt

Bild

Bundespräsident Johannes Rau mit den Ersten: Dominic Divivier, Jakob Michael Gleim

Kein Ort für Phrasendrescher
"Es geht nicht darum, den anderen mit politischen Phrasen zu erdrücken, vielmehr muss man inhaltlich klar und einfach seine Argumente formulieren, so dass der andere leicht darauf antworten kann", sagt Dominic Divivier, 18 Jahre, der erste Bundessieger von Jugend debattiert. Es wird viel geredet in der Kommunikationsgesellschaft, viel in Klischees, auch auf Biegen und Brechen: Politik ist korrupt, heißt es, Arbeitslose faul, Ausländer kriminell. Abgegriffen sind solche Floskeln wie die Klinken der Schultoiletten.

Mit Phrasen dreschen lässt sich beim "vielleicht größten privat finanzierten Vorhaben der politischen Bildung", wie Bundespräsident Johannes Rau sagt, kein Blumenstrauß gewinnen. Die Frage im Finale der Klassen 11 bis 13 ist eine praktische Entscheidungsfrage: "Sollen sich die Eltern das Geschlecht ihrer Kinder aussuchen dürfen?" Sie kann nur mit ja und nein beantwortet werden und fordert die Jugendlichen heraus, Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu suchen.

Simon Sachs versuchte es mit einem klassischen Dreisatz, der an eine logische Schlussfolgerung nach Aristoteles erinnert, einem großen Denker der Antike: "Meiner Meinung nach geht Freiheit immer so weit, wie kein anderer in seiner Freiheit eingeschränkt wird. Und die Freiheit keines anderen ist durch diese Sache betroffen. Deswegen bin ich der Meinung, dass wir es erlauben sollten, dass Eltern sich das Geschlecht ihrer Kinder aussuchen dürfen."

Darauf konterte Divivier: "Die momentane Regelung wird europaweit als eine der stärksten und strengsten angesehen. Und ich finde, diese zu bewahren ist ganz wesentlich. Denn wenn wir diese Grenze überschreiten, ist kein Halten mehr und ich sehe keine weitere Möglichkeit, irgendwo stopp zu sagen." Die Argumentation von Divivier vom Ludwigsgymnasium in Saabrücken war treffender, seine Sprache prägnanter als die seiner drei Mitstreiter.

Vor dem Wettbewerb können die Jugendlichen wählen, ob sie pro oder kontra der zur Debatte stehenden Frage sprechen. Zum Schluss des Gesprächs haben sie sogar die Möglichkeit, ihre Meinung zu ändern. Es hat schon Gewinner von Jugend debattiert  gegeben, die gewonnen haben, obwohl sie in der Schlussrunde ihre Meinung gewechselt haben. Die Sache soll gewinnen, nicht die Person, die sich am besten darzustellen versteht.

"Der Fachidiot kommt nicht weiter"
So hatte Divivier es nicht nötig, seine Kontrahenten zu erdrücken, sie durch Beredsamkeit abzuwürgen - ein häufig zu beobachtendes Gesellschaftsspiel. Seinen Kontrahenten hat er Raum zum Nachdenken gegeben, ein Gewinner, der andere im Wettstreit nicht herabsetzt.

Die Mischung aus vier Kriterien, Sachkenntnis, Ausdrucksvermögen, Überzeugungskraft und Gesprächsfähigkeit macht aus einem Finalisten einen Gewinner. Keiner der Mitstreiter hat in allen vier Punkten so überzeugen können wie Divivier. Er kam im Quartett der vier Finalisten als letzter an die Reihe. Dabei nutzte er die Gelegenheit ein Fazit des Gespächs zu ziehen. "Der Fachidiot kommt jedenfalls nicht weiter", resümiert Ralf Langhammer, Projektleiter der Gemeinnützigen Hertie Stiftung. Nach Divivier erkennt man gute Sprache an der "Kürze des Beitrags": "Keine große Umschweife, sondern kurz und prägnant formulieren, dann wird das Ganze von selbst gut". Die jugendlichen Debattierer müssen sich schon deswegen kurz fassen, weil eine Debatte lediglich 24 Minuten dauert. In dieser Zeit müssen alle vier Mitstreiter zu Wort kommen können.

Bei den Jüngeren der Klassen 8 bis 11 heißt der Gewinner Jakob Michael Gleim, 15 Jahre, vom Alten Gymnasium in Bremen. Bei den Jüngeren stand zur Debatte: " Soll die Ganztagsschule in Deutschland zur Regelschule werden?" Die beste Schülerin der Sekundarstufe I war Vanessa Johannpeter, 17 Jahre, die Vertreterin der Hauptschulen im Finale. Sie geht auf die Parkschule in Hamm.

Der Wettbewerb Jugend debattiert wird auf vier Ebenen ausgetragen: Klasse, Klassenverbund, Land und Bund. Auf diesen Ebenen müssen sich die Bundessieger durchsetzen, bevor sie ins Finale nach Berlin kommen. 16.000 Jugendliche aus 169 Schulen aller Schulformen, von Hauptschule bis Gymnasium, haben 2003 an Jugend debattiert  teilgenommen. Die Gewinner erhalten keine Geldpreise, sondern Zusatztraining in Rhetorik und Gesprächsführung. Drei Tage für die Gewinner aus den Klassenverbünden und der Länder, sechs Tage für die Bundessieger. Die Einführung in die Kunst des Debattierens erhalten die Schülerinnen und Schülern von den Lehrern, nachdem diese ihrerseits von professionellen Rhetorik-Trainern der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung unterwiesen wurden.

Debattieren können heißt mit den Mitstreitern zu debattieren, nicht gegen sie. Insofern ist der Begriff der Debatte beim Wettbewerb, der im Jahr 2000 in Frankfurt ins Rollen kam, weniger kriegerisch als es zu vermuten wäre. In Debatte steckt das Wort "battre", was so viel bedeutet wie: sich schlagen, prügeln. Die jungen Debattierer sind zwar schlagfertig. Doch ihre kommunikative Fähigkeit erschöpft sich nicht darin. Schlagfertige Menschen wissen auf alle mögliche Fragen schnelle, wie aus der Pistole geschossene Antworten, ohne vorher darüber nachgedacht und nachgeforscht zu haben.

Schluss mit "Reproduktionen aus der Klischeefabrik"
Zum Debattiern ist Grundwissen über Gesellschaft und Politik und Kenntnisse des Tagesgeschehens unabdinglich. Für Divivier dürften Grundlagen über das Grundgesetz, Europäische Union und Genetik Voraussetzung gewesen sein, präzise auf die Frage antworten zu können, ob Eltern das Geschlecht ihrer Kinder wählen dürfen. Nur wer vorher liest, kann später mitreden.

Keine Sachkenntnis und Gesprächsfähigkeit ohne Recherche, der Suche nach relevanten Informationen. Divivier recherchiert vor allem im Internet, die Suchmaschine Google ist das Einfallstor in die weltumspannende Datenkammer. Bei der ungeheuren Fülle an Informationen darf nicht vergessen werden, kritisch gegenüber den Anbietern der Informationen zu sein: Wer sind die Träger der Webseite? Welche Interessen verfolgen sie?

Bundespräsident Johannes Rau hat das Projekt im vergangenen November gestartet. Die Hertie-Stiftung in Frankfurt führt den Wettbewerb durch. Gefördert wird das Projekt gemeinsam mit der Stiftung Mercator, der Heinz Nixdorf Stiftung und der Robert Bosch Stiftung für die nächsten drei Jahre mit 4,5 Millionen Euro. Die 16 Kultusministerien leisten einen substanziellen Beitrag, die Kultusministerkonferenz tritt fördernd auf.

Die Stiftung hat die Anregung von Johannes Rau aufgenommen, einen Wettbewerb zu entwickeln, der sowohl politische Bildung als auch sprachliche Bildung im großen Stil fördert. Im Jahr 2002 hat Rau die wichtigsten Ziele des Sprechwettbewerbs formuliert: "Argumente statt Vorurteile", "eigene Gedanken statt Schlagworten", und gute Sprachbilder statt Reproduktionen aus der Klischeefabrik".

Von Politikverdrossenheit zur Mündigkeit
Zwei große Sorgen hatte der Bundespräsident. Erstens: Lediglich jeder dritte Jugendliche hatte zum Ende der neunziger Jahre Interesse am politischen Engagement. Zweitens hat PISA den 15 -jährigen Schülerinnen und Schülern ein Armutszeugnis ausgestellt. Ihre Fähigkeit sich sprachlich gewandt auszudrücken erodierte genauso, wie die einen anspruchsvollen Text zu verstehen. Nun 2003 können die Bildungspolitiker und Kultusministier, die sämtlich das Projekt unterstützen, kurz aufatmen: Die Jury mit Kapazitäten aus Journalismus, Fernsehen, Wissenschaft und Verlag bescheinigte den Finalisten des Bundeswettbewerbs herausragende Qualitäten im Umgang mit dem wichtigsten Element der Wissenschaftsgesellschaft: der Sprache. Eine Sternstunde für Bildungspolitiker.

"Die Jugendlichen empfinden es als Chance, dass sie sich selbst bilden können, über den normalen Unterricht hinaus, aber im normalen Unterricht integriert", sagt Langhammer. Man muss auch kein ausgesprochenes Redetalent sein, um gut zu debattieren: "Es geht auch viel durch üben", sagt Divivier, "wenn man sich im Unterricht beteiligt, schult das den sprachlichen Ausdruck." Er hatte bereits in der Schule wenig Schwierigkeiten vor anderen Menschen zu sprechen. Heute trifft er sich in der Freizeit regelmäßig mit Freunden aus verschiedenen Jugendparteien. Dabei ergeben sich "spannende Debatten" oft von selbst: "Es passiert halt oder es passiert nicht." Sie treffen sich nicht mit dem Ziel über Politik zu diskutieren.

Jugend debattiert möchte die Spontaneität der Jugendlichen anregen. Von daher vermitteln die Rhetorik-Trainer den Schülern keine Rezepte fürs Debattieren - Argumentationstechniken oder schlicht rhetorische Schablonen. Dazu Ansgar Kemman, pädagogischer Leiter der Gemeinnützigen Hertie Stiftung und Rhetoriktrainer: "Wir ermutigen die Schülerinnen und Schüler ausführlicher zu werden und Gründe für das, was sie sagen, vorzutragen und damit zu argumentieren." Es gibt so Kemmann, nicht den "schlechthin richtigen Ausdruck", sondern nur einen "angemessenen und unangemessenen Ausdruck". Jeder Jugendliche muss den Stil finden, der zu seiner Persönlichkeit passt.

In der Giftküche der Rede
Einen "anderen Zugang zur Sprache" habe er erworben, sagt Divivier, seit er am Wettbewerb teilnehme. Man solle sich mit einfachen Worten verständlich machen können und die Argumente der Gegner würdigen. Und viele Politiker machen sich bei Jugendlichen unbeliebt, weil sie den Gegner mit unfairen Mitteln bekämpfen. Sie nutzen Schwächen aus und setzen die Macht ihrer Beredsamkeit ein, um koste es, was es wolle, zu siegen. Bereits in der Antike und in Rom wurde gründlich über die Gefahren und den Missbrauch der Rhetorik nachgedacht. Sophisten, selbsternannte Weisheitslehrer, haben im 5. Jahrhundert vor Christus rhetorische Kunstgriffe gegen Geld vermittelt, nicht nur koschere. Einige Sophisten machten durch Redefiguren die schwächere Position zur stärkeren.

Auch heute wird der sophistische Debattierstil häufig in Anschlag gebracht. Zum Training der Landessieger bei Jugend debattiert gehört daher der Blick in die Giftküche. Zwei giftige Kunstgriffe sind, so Kemmann besonders beliebt: "Das einfachste ist schlicht etwas zu behaupten und in keiner Weise kenntlich zu machen, woher ich etwas habe." Giftiger und vertrackter ist der zweite Kunstgriff: "Wenn jemand an einer Nebenstelle der Argumentation einen kleinen Widerspruch entdeckt und diese dann so aufbauscht, als sei sie die Hauptsache."

"Sie werden nicht alle Politiker"
Hat Divivier Vorbilder fürs Debattieren? Viele Politiker sind dem Schüler, der in einem Jahr das Abitur macht, zu festgefahren: "Da fehlt mir das Aufeinander-Zugehen". Er spricht  lediglich von einen Politiker, der ihn beeindruckt hat, Joschka Fischer, Außenminister. Fischer sei Autodidakt, habe sich Fremdsprachen selbst beigebracht. Er hat ihn bei einem Auftritt im Sicherheitsrat verfolgt: "Das ist schon stark."

Der erste Bundessieger wird nach dem Abitur voraussichtlich ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland machen. Er denkt an Australien. Danach will er studieren, doch er weiß noch nicht "in welche Richtung es geht". "Sie werden nicht alle Politiker", prognostiziert Langhammer die Laufbahn von erfolgreichen Schülern des Wettbewerbs. Vorgezeichnet ist allerdings der Weg eines Botschafters für Jugend debattiert. Der Wettbewerb wird in Zukunft zu einem "echten Schülerwettbewerb" werden. Landessieger werden verstärkt zu Juroren ausgebildet: "Wir wollen wirklich Schüler auf der Wertungsseite und auf der Bewertungsseite", sagt Langhammer. 100.000 Jugendliche an 450 Schulen sollen bis 2005 an Jugend debattiert-Wettbewerben teilnehmen - manche werden so aus der politischen Starre gelöst, die durch die Medien eher verstärkt wird.

Es geht darum, die demokratische Kultur in Deutschland zu stärken, denn die Demokratie ist kein fertiges Haus, sondern ein "spannender Fortsetzungsroman, der jeden Tag ein Stück weitergeschrieben werden muss - und zwar von uns allen", fordert Johannes Rau.

 

 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 03.07.2003
© Innovationsportal

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion von Bildung + Innovation erlaubt.

Die Redaktion des Online-Magazins Bildung + Innovation arbeitet journalistisch frei und unabhängig. Die veröffentlichten Beiträge bilden u. a. auch interessante Einzelmeinungen zum Bildungsgeschehen ab; die darin zum Ausdruck gebrachte Meinung entspricht nicht notwendig der Meinung der Redaktion oder des DIPF.

Links zum Thema