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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 18.10.2018:

„Unser schulartübergreifendes zweisprachiges Schulkonzept hat all unsere Erwartungen übertroffen.“

Sorbische Schulen in Sachsen und Brandenburg

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In Bautzen ist eins der sorbischen Gymnasien

In der Lausitz wird die Zweisprachigkeit unterstützt. Viele Kinder lernen in der Schule Deutsch und Sorbisch. Über den frühen Zweitspracherwerb üben sie sich auch in Toleranz und Rücksichtnahme gegenüber fremden Kulturen. Der Grundstein des Zweitspracherwerbs wird oft schon im Kindergarten gelegt.


In einer kleinen Region in Sachsen und Brandenburg ‒ der Lausitz ‒ wachsen viele Kinder von klein auf zweisprachig auf: mit Sorbisch und Deutsch. Das Sorbische gehört gemeinsam mit dem Tschechischen, Slowakischen und dem Polnischen zur westslawischen Sprachgruppe. Die Sorben, die ab dem 6. Jahrhundert in das Gebiet einwanderten, konnten sich ihre sprachliche und kulturelle Identität bis in die Gegenwart hinein erhalten. Heute leben rund 60.000 Sorben in Deutschland ‒ davon etwa 20.000 Niedersorben (Wenden) in der brandenburgischen Niederlausitz und 40.000 Obersorben in der sächsischen Oberlausitz –, die sich sprachlich und kulturell unterscheiden.

Sorbische Schulen
Die Zweisprachigkeit wird in dieser Region auch in den Bildungseinrichtungen unterstützt. Sowohl in Sachsen als auch in Brandenburg gibt es in dem zweisprachigen Gebiet der Sorben mehrere bilinguale sorbisch-deutsche Schulen, sowie weitere Schulen, an denen Sorbisch als Fremdsprache angeboten wird. Das Recht, die sorbische Sprache zu erlernen und in festzulegenden Fächern und Jahrgangsstufen in der sorbischen Sprache unterrichtet zu werden, wird durch das Sächsische (§2 SächsSchulG) und das Brandenburgische Schulgesetz (§5 BbgSchulG) garantiert.

Bis zur Jahrtausendwende wurde Sorbisch in der sächsischen Lausitz als Muttersprache, Zweitsprache oder Fremdsprache unterrichtet. Diese Einteilung in Muttersprachler und Nichtmuttersprachler (A- und B-Klassen) konnte wegen der stark sinkenden Schülerzahlen nicht mehr beibehalten werden. Ab 2001 wurde sie aufgehoben und zunehmend durch ein Konzept zweisprachigen sorbisch-deutschen Unterrichtes ersetzt, das das Sächsische Bildungsinstitut in enger Zusammenarbeit mit dem Sorbischen Schulverein im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus und Sport erarbeitete. Das neue schulartübergreifende Konzept „2plus“ sieht gemeinsamen, bilingualen Unterricht für sorbische und Sorbisch lernende Schüler vor. Die Schulen werden von Kindern aus sorbischsprachigen, deutschsprachigen, deutsch-sorbischsprachigen und anderssprachigen Elternhäusern besucht. Einige von ihnen besitzen Vorkenntnisse in der sorbischen Sprache, andere nicht. Sehr viele Eltern können gar kein Sorbisch. Alle Schüler sollen in der Schule eine aktive sorbisch-deutsche Zweisprachigkeit erreichen, unabhängig vom jeweiligen sprachlichen Ausgangsniveau.

„2plus - Die zweisprachige sorbisch-deutsche Schule“
Zehn Jahre lang wurde das schulartübergreifende Konzept „2plus - Die zweisprachige sorbisch-deutsche Schule“ an 13 Schulen in Sachsen mit wissenschaftlicher Begleitung durch die Universität Hamburg entwickelt und erprobt. Die Projektlaufzeit endete 2010. Das in Deutschland einmalige Projekt konnte erfolgreich abgeschlossen werden. Seit dem Schuljahr 2013/14 werden nun alle Schüler/innen an sorbischen Schulen in Sachsen nach dem Schulkonzept zweisprachig unterrichtet. Von der ersten Klasse bis zum Abitur können sorbische Schülerinnen und Schüler an Grundschulen, Mittelschulen und dem Sorbischen Gymnasium in Bautzen auf Sorbisch lernen. Für beide Sprachen existieren Muttersprachlehrpläne, die das jeweils angestrebte Niveau sichern. Durch bilingualen Sach-Fach-Unterricht in einzelnen Fächern und intensiven Sorbischunterricht soll ein möglichst muttersprachliches Niveau sowohl in Deutsch als auch in Sorbisch erreicht werden. Die „2“ steht dabei für die zwei Sprachen Deutsch und Sorbisch, das „plus“ für weitere Fremdsprachen, die in den Schulen gelernt werden. Der Unterricht bleibt auch an den weiterführenden Schulen zweisprachig und der Schulalltag weitestgehend sorbisch. Für die Schüler/innen wird die Schule damit zu einem authentischen sorbischen Sprachraum, in dem sie außerdem viel über verschiedene Kulturen und deren Miteinander erfahren, was frühzeitig Toleranz, Achtung und Rücksichtnahme gegenüber fremden Kulturen fördert. „Unser schulartübergreifendes zweisprachiges Schulkonzept hat all unsere Erwartungen übertroffen. Wir wissen jetzt, welche Bedingungen notwendig sind, damit die Zweisprachigkeit an sorbisch-deutschen Schulen bestmöglich gefördert wird“, sagte die damalige Kultusministerin Brunhild Kurth bei der Vorstellung des Schulkonzeptes im Jahr 2013.

Im Unterricht
In den Klassen unterrichten zweisprachige Lehrkräfte entsprechend dem Leistungs- und Sprachstand der Schüler/innen differenziert, um den unterschiedlichen sprachlichen Ausgangsvoraussetzungen gerecht zu werden. Speziell ausgebildete Schulkoordinatoren begleiten die Sprachbildungsprozesse der Schüler/innen. Im Fach Sorbisch ist die sorbische Sprache sowohl Unterrichtssprache als auch Unterrichtsgegenstand, während sie in anderen Fächern vollständig oder teilweise Unterrichtssprache ist. Die Schüler/innen können je nach Sprachentwicklung im Fach Sorbisch zwischen drei Sprachgruppen wechseln. In allen anderen Fächern werden alle Sprachgruppen gemeinsam unterrichtet. „Diese Aufhebung der äußeren Differenzierung in den Fächern erfordert ein hohes methodisch-didaktisches Können der Lehrer“, so die Kultusministerin. Und sie ergänzt: „Quereinsteiger, die kein Sorbisch sprechen, bieten wir den Zugang zu den zweisprachigen Klassen. Diese Schüler/innen werden durch zusätzlichen Sorbisch-Unterricht an das Sprachniveau herangeführt“.

In den Grundschulen findet der Unterricht in drei Fächern und in den weiterführenden Schulen in fünf Fächern zweisprachig statt. Die Entscheidung darüber, welche Fächer zweisprachig unterrichtet werden, trifft die Sächsische Bildungsagentur in Abstimmung mit dem Schulleiter und dem Schulkoordinator. Außerdem werden zweisprachige Unterrichtsmaterialien eingesetzt, die von den Lehrern in der Erprobungsphase erarbeitet wurden. Alle Lernziele und Lehrplaninhalte für sächsische öffentliche Schulen sind für zweisprachige sorbisch-deutsche Schulen gültig und verbindlich. Es werden gleichwertige Abschlüsse vergeben. Sorbisch wird durch Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) als länderspezifisches Abiturprüfungsfach anerkannt. Auch dürfen Schüler der 10. Klassen der Mittelschulen im Freistaat Sachsen den Prüfungsaufsatz wahlweise in Sorbisch oder Deutsch schreiben.

Das Projekt Witaj
In Brandenburg gab es seit den 1950er Jahren keinen muttersprachlichen Sorbischunterricht mehr. Aus diesem Grund hat der bundeslandübergreifende sorbische Schulverein, der 1991 durch Lehrer/innen, Erzieher/innen und Eltern ins Leben gerufen wurde und als Fachverein sorbische Interessen im Bildungswesen vertritt, das Projekt Witaj ins Leben gerufen und 1998 in Sielow bei Cottbus die erste Witaj-Kindertagesstätte mit zwölf Kindern gegründet. Witaj (sorbisch für Willkommen) ist ein Projekt, das sich für die zweisprachige sorbisch-deutsche Betreuung und Ausbildung an Kindergärten und Schulen in der Lausitz und damit für die Verbreitung und Förderung des Sorbischen einsetzt. Es wird von dem in Bautzen und Cottbus ansässigen und der Domowina (der Dachverband sorbischer Vereine und Vereinigungen) unterstellten Witaj-Sprachzentrum koordiniert. Dieses ist auch verantwortlich für die Entwicklung und Herausgabe zeitgemäßer und attraktiver Lehr- und Lernmittel in sorbischer Sprache.

Zweisprachige Früherziehung bei Kindern gibt es auch in anderen Ländern, wie in Kanada, oder in vielen kleineren Völkern Europas, wie z. B. bei den Bretonen mit den Diwan-Schulen, an denen sich das Witaj-Modell orientiert. Es basiert auf der Immersionsmethode, die das Prinzip „eine Person – eine Sprache“ verfolgt: Muttersprachlich sorbische oder speziell in der sorbischen Sprache ausgebildete Erzieher/innen sprechen mit den Kindern, die zum Großteil aus deutschsprachigen Familien stammen und deren Eltern kein Sorbisch sprechen oder verstehen, wie selbstverständlich und konsequent sorbisch – ohne ins Deutsche zu wechseln. Dabei wählen sie ihre Worte bewusst, wiederholen öfter das Gesagte und unterstreichen es gestisch, mimisch und stimmlich. So unterstützen sie die Kinder dabei, sich auf ganz natürliche Art und Weise die ihnen fremde Sprache zu erschließen. In den Brandenburger Grundschulen wird der Spracherwerbsprozess der sorbischen Sprache auf der Grundlage des bilingualen Unterrichts in Witaj-Klassen oder -gruppen weitergeführt. Die Kinder erlernen ein Sachfach, beispielsweise LER (Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde), Sport, Mathematik, Geschichte oder Sachunterricht, in sorbischer Sprache. An den Oberschulen mit sorbischem Angebot und dem Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus wird dieses Konzept fortgesetzt. Daneben wird Sorbisch an einigen Schulen auch als Fremdsprache angeboten, so dass die Anzahl der Schülerinnen und Schüler in Brandenburg, die am Sorbischunterricht teilnimmt, wieder deutlich gestiegen ist.

Innovativer Weg zur Mehrsprachigkeit
Insgesamt gibt es in der Lausitz gut 50 Schulen, in denen Sorbisch unterrichtet wird, darüber hinaus werden an allen sorbischen Schulen Grundkenntnisse über die Geschichte und Kultur der Sorben vermittelt. Dazu kommen zahlreiche Witaj-Kindergärten, die insbesondere die Kinder aus deutschen und nichtsorbischen Elternhäusern durch einen frühen Kontakt mit der sorbischen Sprache auf den erfolgreichen Erwerb der Sprache vorbereiten. Dieses Konzept hat sich bewährt, denn je früher, intensiver und kontinuierlicher der Kontakt mit einer Sprache ist, umso größer sind die Fähigkeiten später, sich in dieser Sprache auszudrücken.

Die sorbischen Schulen legen mit der Förderung der Zweisprachigkeit im Unterrichts- und Schulalltag den Grundstein für eine frühe Mehrsprachigkeit. Kinder, die Sorbisch lernen, können oft mühelos in verwandten Sprachen wie Tschechisch, Slowakisch oder Polnisch kommunizieren und profitieren auch in anderen Fächern von dem frühen Erwerb der Zweisprachigkeit. Die Lehrkräfte für die Fächer Ober- und Niedersorbisch werden am Institut für Sorabistik an der Universität Leipzig ausgebildet. Dort werden auch das Bachelor- und Masterstudium in der sorabistischen wissenschaftlichen Forschung in den Bereichen Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft angeboten.




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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 18.10.2018
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