DIPF-Logo

Deutscher Bildungsserver

Innovationsportal

Suche




Hier beginnt der Inhalt:

18. 02. 2016

 

  • Diese Seite posten:
  • Edutags-Logo
  • g+
  • Twitter-Logo
  • Facebook-Logo
  • Delicious-Logo

Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Man muss auch das Lernen mit digitalen Medien lernen.“

Medienbildung in der Schule

Bild

Dr. Michael Kaden

Die KMK hat 2012 die Erklärung „Medienbildung in der Schule“ herausgegeben. Ende September 2015 fand eine Fachtagung statt, auf der die Länder ihre Ansätze zur Stärkung der Medienbildung vorstellten und diskutierten. Die Online-Redaktion sprach mit Dr. Michael Kaden vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg über die KMK-Erklärung und darüber, welche Bedeutung Medienbildung heute hat.


Online-Redaktion: Wie wichtig ist Medienbildung in der Schule?

Kaden:
Zeitgemäße Bildung muss die Dimension der Medienbildung berücksichtigen. Eine medienfreie Schule wäre der falsche Weg. Medien gehören heute dazu, und wir sehen ja zum Beispiel auch an der ICILS-Studie, dass ein signifikanter Anteil der Menschen von der digitalen Spaltung betroffen wäre, wenn man diese medienferne oder medienfreie Schule postulieren würde. Medienkompetenz ist keine Kompetenz, die sich automatisch entfaltet, hier führt der Begriff „digital natives“ in die falsche Richtung. Medienkompetenz ist eine Kompetenz, die durch Schule und formelle Bildung gezielt unterstützt werden muss, damit wir entsprechende Standards in der Gesellschaft wahren können und eine Teilnahme für alle – und zwar nicht nur als Konsument – garantieren können. Man muss auch das Lernen mit digitalen Medien lernen. Gerade hierin hat Schule eine sehr wichtige Aufgabe, denn nur dann können sich lebenslange Lernprozesse in einer zeitgemäßen Form entfalten.

Online-Redaktion:
Welche Kompetenzen vermittelt Medienbildung?

Kaden:
Medienbildung beinhaltet sowohl das Lernen über Medien als auch das Lernen mit Medien. Insofern vermittelt sie Informationen zu recherchieren und auszuwählen, mit Medien zu kommunizieren, aber auch über Medien miteinander zu kooperieren. Außerdem selbst Medien zu produzieren und diese adäquat in verschiedenen Formen zu präsentieren. Auch Medien zu analysieren und für die eigene Nutzung und auch für die Nutzungsperspektive anderer zu bewerten, sind Bestandteil von Medienbildung. Und schließlich, als umfassende Kompetenz, vermittelt sie, sich als Individuum in dieser Mediengesellschaft zu verorten, sie zu verstehen und die Wirkungsmächte, die dort zum Tragen kommen, entsprechend zu reflektieren. Die Länderkonferenz Medienbildung hat dazu ein wesentliches Papier erstellt, in dem sie in der Tradition von Baacke und Tulodziecki diese verschiedenen Teilkompetenzen aufgelistet hat.

Online-Redaktion:
In der KMK-Erklärung „Medienbildung in der Schule“ geben Sie auch verschiedene Handlungsfelder vor, wie Lehr- und Bildungspläne, Lehrerbildung, technischer Support und Bildungsmedien. Sind diese als Vorgabe oder Empfehlung zu verstehen?

Kaden: Bei ihrer Entstehung 2012 hatten sie einen empfehlenden Charakter, aber Medienbildung entwickelt sich immer weiter, die Länder werden über Kompetenzen in der digitalen Welt auch noch mehr konkrete Verabredungen treffen müssen. Wie genau diese aussehen werden, wird momentan diskutiert. Die KMK-Erklärung ist in diesem Veränderungsprozess ein wichtiges Dokument. Sie stellt den lernenden Menschen in den Mittelpunkt der Mediengesellschaft und hat deshalb eine sehr stark orientierende Wirkung und beeinflusst uns auch in unserer aktuellen Diskussion.

Online-Redaktion: Ende September 2015 fand eine Fachtagung statt, auf der  richtungweisende Ansätze zur Stärkung der Medienbildung aus allen 16 Ländern vorgestellt  und der Ist-Stand der Medienbildung in den jeweiligen Handlungsfeldern diskutiert wurde. Welches Fazit ziehen Sie?

Kaden: Wir haben schon bei der Erstellung der Erklärung verabredet, nach drei Jahren wieder zusammenzukommen, um zu sehen, wo wir dann stehen und was wir bis dahin erreicht haben. Auf der Tagung haben wir ein Stückweit Inventur gemacht und uns vergegenwärtigt, welche interessanten Ansätze es bereits gibt und welche Erkenntnisse wir für die weitere Arbeit daraus gewinnen können. In einer nächsten Phase wollen wir uns noch stärker vernetzen und Brücken zwischen diesen sehr qualifizierten Ansätzen, die vorhanden sind, bauen, um idealerweise am Ende der nächsten Entwicklungsetappe eine Art pädagogische Wertschöpfungskette im Bereich der Medienbildung zu schaffen. Ansätze, Anwendungen und Nutzungsdimensionen sollen naht- und bruchlos ineinander greifen, damit Medienbildung für alle Kolleg/inn/en, die im Bildungsbereich tätig sind, viel niedrigschwelliger und pragmatischer handhabbar sein wird, als es in der Vergangenheit der Fall war.

Online-Redaktion: Wie ist denn schulische Medienbildung zurzeit in den Lehrplänen der Länder verankert?

Kaden: Es gibt verschiedene Initiativen auf Länderebene. Einige Länder haben zum Beispiel schon sehr früh Medienpässe, in denen Schülerinnen und Schüler ihre Fortschritte in der Medienkompetenzerlangung dokumentieren können, als Möglichkeit des lernbegleitenden Portfolios gesehen, andere Länder wie Brandenburg und Berlin haben erst kürzlich einen länderübergreifenden neuen Rahmenlehrplan entwickelt, in dem zentral ein Basiscurriculum Medienbildung entsteht. Damit bekommt Medienbildung in dieser Region eine neue Qualität und Verbindlichkeit. Insgesamt gehen aber alle Länder den Weg, Medienbildung stärker verbindlich zu verankern.

Online-Redaktion: Wie wird Medienbildung in den Schulen umgesetzt?

Kaden: Die Diskussion hat sich darauf geeinigt, Medienbildung fachintegrativ, fachübergreifend und fächerverbindend zu vermitteln, wie genau, ist abhängig vom Aushandlungsprozess vor Ort innerhalb der von der zuständigen Bildungspolitik und -verwaltung gesetzten Eckwerte. Es gibt sicherlich systemische Standards, die eine Rolle spielen, wie zum Beispiel die curricularen Rahmenbedingungen oder Daten- und Jugendschutz, aber an jeder Schule müssen die Möglichkeiten der Mitwirkung eigenständig erschlossen werden. Das ist für die Akzeptanz und eine entsprechend adäquate Nutzung unerlässlich. Es macht keinen Sinn, wenn Bildungseinrichtungen top down eine Zwangsmediatisierung verfügen. Kulturelle Veränderungsprozesse sind ein Prozess, der aus verschiedenen Richtungen kommt, auch bottom up, und alle Beteiligten müssen Verabredungen darüber treffen, wie dieser Prozess zielführend gemeinsam umgesetzt werden kann. Dazu gehört auch ein konstruktiver Konsens mit dem Schulträger, der nach den Schulgesetzen der (Flächen-)Länder für die sächliche Ausstattung der Schulen zuständig ist. Idealerweise ist oder wird Medienbildung Teil des Schulprogramms, dann kann eine mit Medien verstärkte Lernumgebung entstehen, die im Alltag funktioniert und als Dienstleistung für die pädagogischen Ziele zur Verfügung steht.

Online-Redaktion: Wie werden die Lehrkräfte auf ihre Rolle als Vermittler von Medienbildung vorbereitet? Ist Medienpädagogik Bestandteil der Lehrerbildung?

Kaden: Es gibt Fort- und Weiterbildungen, die allerdings in Quantität und Passgenauigkeit für unterrichtliche Kontexte noch optimiert werden können. Auch in der ersten Phase der Lehrerbildung im Hochschulbereich ist Medienbildung zunehmend ein Thema. Da sich aber auch die Medienkompetenz der Lehrenden im Hochschulbereich ständig verändert, entstehen oft neue Standards, die sinnvollerweise zwischen den Phasen der Lehrerbildung fortgesetzt werden müssen, damit keine Lücken entstehen. Man muss aber auch sehen, dass die normale Fachqualifizierung zunehmend die Nutzung von Medien mit integriert, auch wenn das dem Titel der Fortbildungen nicht anzusehen ist.

Online-Redaktion: Wie wichtig ist eine gute technische Ausstattung an den Schulen?

Kaden: Ich denke, es geht nicht darum, dass wir alles, was sinnvoll und analog ist, in Schule jetzt durch eine digitale Anwendung ersetzen. Es geht vielmehr darum, dass man die Möglichkeiten, die digitale Medien bieten, gleichwertig zu dem, was in Schule methodisch gegenwärtig möglich ist, erschließen kann, damit man aus beiden Welten das Optimale wählen kann. Dazu gehört natürlich perspektivisch auch eine gute Anbindung an das Internet. In der einen Schule ist dieser schon selbstverständlich, in einer anderen vielleicht aufgrund einer ländlichen Lage nicht, hier müssen die Schulen mit den Trägern reagieren und dafür sorgen, dass sie möglichst bald die Möglichkeit der Teilhabe an digital basierten Lernprozessen haben.

Online-Redaktion:
Berücksichtigt Medienbildung in der Schule die gezielte Nutzung und Verbreitung offener Bildungsmaterialien?

Kaden: Offene oder freie Bildungsmedien sind eine interessante Facette dieses großen Veränderungsprozesses, ein Format, das aus Ländern des Südens, zum Beispiel Afrika, wo Bildung noch einen ganz anderen Stellenwert hat, in eine globale Diskussion eingeflossen ist. Auch für die Nutzungsperspektive in Deutschland hat diese internationale Diskussion einen Impuls gegeben. Aber wir haben ja die glückliche Situation, ein Verlagswesen zu haben, was im Vergleich zu anderen Ländern relativ preiswerte Bildungsmedien bereitstellt, so dass die „existenzielle“ Notwendigkeit für „Open Educational Resources“ (OER) bei uns vergleichsweise niedrig ist. Andererseits bieten OER, vor allem was die rechtlich definierten Anwendungsmöglichkeiten betrifft, interessante Perspektiven. Durch die klare juristische Setzung, die bestimmte Lizenzen und Standardisierungen hervorbringt, haben OER auch die Chance als Katalysator für Veränderungsprozesse im Bildungsbereich insgesamt zu dienen. Gerade was das Adaptieren von Bildungsmedien auf ganz spezifische Lernanforderungen betrifft, stößt man ja leicht an die Beschränkung des Urheberrechts. OER haben hier eine wichtige und richtige ergänzende Funktion. Hinzu kommt, dass die Nutzung von OER neuartige Formen der Zusammenarbeit, d.h. Kollaborationen, ermöglicht, die richtungweisend für die global vernetzte, digitale Welt des 21. Jahrhunderts sind.

Unsere Aufgabe ist es, jetzt systemisch eine Infrastruktur zu schaffen, mit der das Auffinden von qualitativ hochwertigen OER leichter möglich sein wird und durch die die freien Bildungsmaterialien sowie die Möglichkeiten, die mit ihnen verbunden sind, auch denjenigen, die in der pädagogischen Praxis stehen, bewusster werden. Ich denke, dann wird sich in Zukunft eine Art duales System in Sachen Bildungsmedien herausbilden, in dem die proprietären Angebote der Verlage mit den offenen Angeboten eine sehr funktionale und wirkungsmächtige Symbiose eingehen. Ich würde es, genauso wie bei der Thematik „analog/digital“, nicht als „entweder oder“ sehen, sondern als ein „sowohl als auch“.


Dr. Michael Kaden ist innerhalb der KMK mit der fachlichen Koordination der Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ betraut. Er ist zugleich im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg für den Themenbereich „Medienbildung/Schulentwicklung in der digitalen Gesellschaft“ zuständig. Seit 2013 leitet er die Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Open Educational Resources“. 2014/15 war er Bundesratsbeauftragter für die technische Arbeitsgruppe „Digitales Lernen und Online Lernen“ bei der Europäischen Kommission.

 

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 18.02.2016
© Innovationsportal

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion von Bildung + Innovation erlaubt.

Die Redaktion des Online-Magazins Bildung + Innovation arbeitet journalistisch frei und unabhängig. Die veröffentlichten Beiträge bilden u. a. auch interessante Einzelmeinungen zum Bildungsgeschehen ab; die darin zum Ausdruck gebrachte Meinung entspricht nicht notwendig der Meinung der Redaktion oder des DIPF.

Links zum Thema