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03. 12. 2015

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Wir brauchen Unterstützungssysteme für Lehrkräfte“

Gemeinsamer Unterricht kann gelingen

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Prof. Dr. Ulrich Heimlich

2009 hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention dazu verpflichtet, Schüler/innen mit und ohne Behinderung gemeinsam zu unterrichten. Seitdem stellen viele Bildungseinrichtungen auf Inklusion um. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Dr. Ulrich Heimlich, Professor für Lernbehindertenpädagogik an der LMU München, darüber, unter welchen Rahmenbedingungen gemeinsames Lernen funktionieren kann.


Online-Redaktion: Wie und was können Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen voneinander lernen?

Heimlich: Wir gehen als Erwachsene davon aus, dass Kinder alles von uns lernen, aber das stimmt nicht. Sie lernen auch voneinander und das wird durch die Inklusion gestärkt. Inklusion hat den Vorteil, dass Kinder ihre Unterschiede akzeptieren lernen und dass sie aus den Unterschieden etwas machen! Durch die Begegnungen entstehen Erfahrungen des Miteinanders, sie machen sich Gedanken darüber, was der andere beim Lernen benötigt. Inklusion hilft, Vorurteile abzubauen. Inklusion hat aber auch Vorteile in Bezug auf die Entwicklung der Schulleistung. Wenn Kinder gemeinsam unterrichtet werden, ist ihre Leistungsentwicklung mindestens so gut wie in den Förderschulen bzw. allgemeinen Schulen, in einigen Bereichen sogar besser.

Online-Redaktion: Sehen das die Eltern auch so?

Heimlich: Das ist abhängig von den Erfahrungen, die sie machen. Diejenigen, die Inklusion nicht kennen, stehen ihr oft skeptisch gegenüber oder befürchten, dass sie für ihre Kinder nicht optimal ist. Das gilt sowohl für Eltern von Kindern mit Behinderungen als auch für Eltern von Kindern ohne Behinderung. Wenn Eltern inklusive Einrichtungen kennenlernen, ändern sie meistens ihre Einstellung. Gut ist, dass es mittlerweile schon viele Schulen mit dem Profil Inklusion gibt, so dass Möglichkeiten für das Sammeln von positiven Erfahrungen gegeben sind.

Online-Redaktion: Wie kann gemeinsamer Unterricht gelingen? Wie muss sich Schule entwickeln, wie Unterricht verändern, damit alle teilhaben können und Inklusion funktioniert?

Heimlich: Es ist auf jeden Fall notwendig, den Unterricht zu verändern. Das passiert in vielen Schulen auch schon. Das große Stichwort ist „offener Unterricht“. Damit Inklusion funktioniert, benötigt man eine Vielzahl an Methoden und unterschiedlichen Organisationsformen, denn Kinder werden im gemeinsamen Unterricht nicht nur aufnehmend, sondern auch aktiv tätig, und dazu ist es erforderlich, Methoden wie Freiarbeit, Projekt- oder Wochenplanarbeit einzusetzen. Auch Gesprächskreise, in denen sich Schüler austauschen können, sind wichtig, damit der soziale Zusammenhang hergestellt wird. Allerdings ist es auch sinnvoll, gezielt strukturierte lehrerzentrierte Phasen einzubauen. Gerade Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf benötigen auch Halt gebende Strukturen. Das Kunststück, das die Lehrkräfte in den inklusiven Schulen vollbringen, ist, eine Balance herzustellen zwischen festen Strukturen und offenen Angeboten.

Online-Redaktion: Wie wichtig ist es, dass mehrere Lehrkräfte gleichzeitig anwesend sind?

Heimlich: Das ist auf jeden Fall ein Vorteil, wir wissen das aus vielen Ländern, wo das Zweilehrerprinzip schon weiterentwickelt ist, wie in Norwegen oder zum Teil auch in Österreich. Dann entwickelt sich der gemeinsame Unterricht relativ entspannt aus der Sicht der Lehrer. Auch in Bayern sind wir dabei, die sonderpädagogischen Lehrkräfte in den inklusiven Schulen verstärkt mit einzubeziehen. Wenn sie mit den Lehrkräften der allgemeinen Schule intensiv zusammenarbeiten, entsteht ein optimaler Kompetenztransfer, d.h., sie tauschen sich aus und bilden sich auf diese Weise weiter.

Online-Redaktion: Gibt es nicht manchmal auch „Kompetenzgerangel“?

Heimlich: Die wichtigste Voraussetzung für eine gelingende Kooperation von Lehrkräften ist, dass sie sich auf Augenhöhe begegnen und sich gegenseitig in ihrer spezifischen Kompetenz akzeptieren. Dann kommt es zu einem Austausch und einer gegenseitigen Entlastung. Sie gelingt nicht gut, wenn sich eine/r als Expert/in aufspielt und dem anderen sagt, was er/sie zu tun hat. Entscheidend ist, offen an die Zusammenarbeit heranzugehen und sich Zeit für die Vertrauensbildung zu nehmen. Besonders wichtig ist von daher personelle Kontinuität in der Zusammenarbeit. In einigen Schulen wechseln die Partner zu häufig oder die sonderpädagogischen Lehrkräfte werden nach kurzer Zeit wieder abgezogen – das ist kontraproduktiv. Ideal wäre auch, wenn sich die Kollegen vor Beginn des Schuljahres kennenlernen und den Unterricht gemeinsam planen können.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die individuelle Förderung bei der Inklusion?

Heimlich: Individuelle Förderung ist die große Herausforderung für das Schulsystem insgesamt. Ich denke, dass das ganze Bildungssystem vor der Aufgabe steht, sich noch sehr viel stärker auf das einzelne Kind zu konzentrieren. Deswegen finde ich es auch sehr wichtig, dass sonderpädagogische Lehrkräfte in die inklusiven Schulen verstärkt mit einbezogen werden, weil gerade sie gelernt haben, sich auf das einzelne Kind einzustellen.

Online-Redaktion: Sollten in Zukunft alle Kinder mit Behinderung eine Regelschule besuchen oder ist für einige die Förderschule geeigneter?

Heimlich: Durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention gibt es auch in Deutschland ein grundsätzliches Recht darauf, alle Einrichtungen besuchen zu dürfen. Ob wir in allen Bereichen schon soweit sind, alle Kinder mit auch schweren Formen von Behinderungen oder massiven Verhaltensproblemen einzubeziehen, wage ich zu bezweifeln. Das hat aber nicht etwas mit den Kindern und ihrer Behinderung zu tun, sondern mit den Bedingungen, die zur Verfügung stehen und mit den Erfahrungen, die gemacht wurden. Wir müssen den Kolleg/inn/en und den Schulen die Chance geben, sich daraufhin zu entwickeln. Dann ist es auf jeden Fall möglich.

Online-Redaktion: Sollten Eltern die Schulform wählen können?

Heimlich: Ich befürworte das. In Bayern haben wir das Wahlrecht der Eltern einführen können und wir als wissenschaftlicher Beirat Inklusion, dem ich angehöre, empfehlen das auch. Wir beraten im Auftrag des Bayerischen Landtags Politik und Ministerium und haben uns von Anfang an für ein Elternwahlrecht ausgesprochen. Es gibt viele Eltern von Kindern mit Behinderungen, die sich wünschen, dass ihre Kinder in eine allgemeine Schule oder Kita gehen und diese Eltern sollten dabei unterstützt werden. Aber es gibt auch Eltern und Elternverbände die sehr deutlich für sich fordern: wir möchten für uns das Förderzentrum, die Förderschule als Förderort.

Online-Redaktion: Werden im Zuge der Inklusion Förderschulen schließen?

Heimlich: Ich bin der Meinung, dass wir sehr vorsichtig sein sollten mit der Forderung Schließen oder Abschaffen von Förderschulen. Hier sind über Jahre hinweg Ressourcen aufgebaut worden, die zur Förderung der Kinder unbedingt notwendig sind und die auch weiter benötigt werden, denn die Kinder und ihre Behinderungen sind ja auch weiter da. Diese Ressourcen müssen nur anders eingesetzt werden und sie werden sicherlich verstärkt auch in die allgemeine Schule fließen. Meine Empfehlung ist: Umwandlung der Förderschulen einerseits in inklusive Schulen und andererseits in Förderzentren, die regionale Förderaufträge wahrnehmen. In Bayern öffnen sich zurzeit sehr viele Förderschulen in privater Trägerschaft auch für Kinder ohne sonderpädagogischen Förderbedarf und wandeln sich in eine Schule mit dem Profil Inklusion um. Das halte ich für eine gute Möglichkeit. Daneben gibt es inklusive Modellregionen, in denen ganz gezielt und verstärkt dafür gesorgt wird, dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der allgemeinen Schule angemessen gefördert werden. Das wäre für mich eine gute Lösung für die Zukunft.

Online-Redaktion: Wie werden die pädagogischen Fachkräfte auf ihre neue Rolle vorbereitet? Und wie wird Inklusion in der Lehrerbildung berücksichtigt?

Heimlich: Es gibt auf jeden Fall viele Initiativen im Bereich der Lehrerfortbildung, sowohl externe als auch interne in den Schulen selbst. Was die Lehrerbildung angeht, sieht es ein bisschen komplizierter aus. Die Änderungen in dem Zusammenhang passieren viel zu zögerlich, die praktische Entwicklung geht weit darüber hinaus. Wir müssen dringend Inklusion in der Lehrerbildung explizit verankern, zumal auch die zeitlichen Verzögerungen einkalkuliert werden müssen: wenn wir heute etwas in der Lehrerbildung ändern, haben wir die ersten Absolventen erst in sieben bis acht Jahren.

Online-Redaktion: Wie sieht es mit der Ausbildung der Sonderpädagogen aus? Soll sie in Zukunft so erhalten bleiben?

Heimlich: Darüber konkurrieren in der wissenschaftlichen Diskussion bundesweit zurzeit zwei Modelle. Das eine Modell befürwortet die Beibehaltung der verschiedenen Lehramtsstudiengänge bezogen auf die verschiedenen Schulformen, die wir haben, einschließlich der Sonderpädagogik als eigenständiges Studienangebot. Das favorisiere ich. Das andere Modell strebt eine Auflösung dieser Struktur und eine Stufenlehrerausbildung an, die dann jeweils für Primarstufe, Sekundarstufe I sowie Sekundarstufe II ausbildet und dort die Sonderpädagogik implizit mit verankert. Ich glaube, dass dieses Modell nicht der richtige Weg ist. Ich lehne es sogar strikt ab, weil es zu einer Auflösung der sonderpädagogischen Fachlichkeit führen wird, die wir für eine gute Entwicklung und Qualität in den inklusiven Schulen brauchen und die auch in Zukunft in einem noch größeren Umfang erforderlich sein wird. Das sieht man schon daran, dass viele Bundesländer ihre Studienplatzkapazitäten ausweiten. Allein in NRW entstehen derzeit 2300 neue Studienplätze in der Sonderpädagogik. Auch in Bayern haben wir große Probleme, unsere Stellen im sonderpädagogischen Bereich mit den Absolventen aus den sonderpädagogischen Studiengängen zu besetzen. Allerdings muss sich sonderpädagogische Lehrerbildung auch modernisieren. Wir benötigen dringend eine Aufnahme von inklusiven Inhalten in die Studieninhalte und in die Prüfungsordnungen. Das muss nachgebessert werden.

Online-Redaktion: Wie sieht die Realität aus? Wie funktioniert Inklusion in den Schulen? Sind wir auf dem richtigen Weg oder was kann und muss noch verbessert werden?

Heimlich:
Ich spreche jetzt speziell für die inklusive Schulentwicklung in Bayern, weil wir – die Kollegen aus Würzburg, Reinhard Lelgemann und Erhard Fischer für die Körperbehindertenpädagogik und Geistigbehindertenpädagogik, der Münchner Kollege Joachim Kahlert für die Grundschulpädagogik und ich selbst für die Lernbehindertenpädagogik – das soeben im Rahmen des Forschungsprojektes „Begleitforschungsprojekt inklusive Schulentwicklung (B!S)“ untersucht haben.
Im Augenblick sind hier die Rahmenbedingungen – die personelle sowie die räumliche Ausstattung – leider nicht so optimal, wie wir sie gerne hätten. Es fehlt vor allen Dingen an Lehrerstunden in den allgemeinen Schulen und an Kontinuität in Bezug auf die personelle Ausstattung. Die Kooperation der Lehrkräfte erfordert zusätzliche Stunden für den erhöhten Gesprächsbedarf – die bekommen sie nicht angerechnet. Auch gibt es in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern zu wenig Unterstützungssysteme für Lehrkräfte von inklusiven Schulen. Hier müssen wir dringend etwas tun! Wir brauchen Unterstützungssysteme für Lehrkräfte in Sachen Beratung und Fortbildung. Es gibt erste Ansätze, zum Beispiel wurden in Bayern bei allen Schulämtern Beratungsstellen Inklusion für Eltern eingerichtet. Solche Stellen muss es in Zukunft aber auch für Schulen und Lehrkräfte geben! Auch unser Forschungsprojekt unterstützt Schulen mit Informationen. Wir haben 2012 einen Leitfaden für die inklusive Schulentwicklung vorgelegt, der an alle 6000 Schulen in Bayern geschickt worden ist und auch im Internet auf der Seite des Kultusministeriums heruntergeladen werden kann. Wir dürfen den Lehrern nicht das Gefühl geben, dass sie allein gelassen werden!

 

 

Prof. Dr. Ulrich Heimlich, Jahrgang 1955, geboren in Nordrhein-Westfalen, studierte Sonderpädagogik in Dortmund und engagierte sich nebenher in praktischer Arbeit für die gemeinsame Erziehung von Behinderten und Nichtbehinderten. Zehn Jahre war er als Lehrer für Lernbehinderte tätig; nach der Promotion 1988 zum Doktor der Erziehungswissenschaften ging er an die Universität Dortmund, an der er 1994 Privatdozent wurde. Im selben Jahr Ernennung zum Universitätsprofessor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; 1995 Ernennung zum Universitätsprofessor für Lernbehindertenpädagogik an der Universität Leipzig, wo er am Institut für Förderpädagogik tätig war, bis er 2001 an die Ludwig-Maximilians-Universität München auf den Lehrstuhl für Lernbehindertenpädagogik berufen wurde.

 

 

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 03.12.2015
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