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19. 11. 2015

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Hochschulen öffnen ihre Türen

Studienmöglichkeiten für Flüchtlinge

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Die Universität Bremen hat als erste Hochschule Veranstaltungen für Geflüchtete angeboten

 

Viele Hochschulen engagieren sich für die Bildung der Flüchtlinge und entwickeln interessante Programme. Diese reichen von Informationsveranstaltungen über Rechtsberatung, Deutschkurse und psychosoziale Betreuung bis hin zur Unterstützung bei der Wohnraumsuche. Um studierwillige Flüchtlinge an ein Studium heranzuführen, bieten die Hochschulen neben regulären Studienmöglichkeiten die Gasthörerschaft oder Schnupperstudien an.


Viele Menschen fliehen zurzeit vor Krieg, Gewalt und politischer Verfolgung nach Deutschland. Unter den Flüchtlingen sind viele, die im Heimatland eine Hochschulzugangsberechtigung erworben oder bereits ein Studium begonnen bzw. abgeschlossen haben. Vor diesem Hintergrund engagieren sich Hochschulen und Bundesländer für einen erleichterten Zugang von Flüchtlingen zum Studium. An zahlreichen Universitäten werden Möglichkeiten geschaffen, ein Studium zu beginnen, fortzusetzen oder sich darauf vorzubereiten.

Studienvoraussetzungen
Grundsätzlich steht Flüchtlingen der Zugang zu Hochschulen offen. Das gilt insbesondere für anerkannte Flüchtlinge, aber auch für diejenigen, deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist oder die einen Duldungsstatus haben. Wenn ausländische Abschlüsse vorliegen, entscheiden die akademischen Auslandsämter der Hochschulen oder die Servicestelle "uni-assist", ob die Voraussetzungen für ein Studium erfüllt sind. Inwiefern in einem anderen Land vollbrachte Studienleistungen auf ein Studium in Deutschland angerechnet werden können, entscheiden die Hochschulen selbst.

Wenn ein Flüchtling studieren möchte, aber keine Dokumente ‒ Schulzeugnisse oder Immatrikulationsbelege ‒ vorlegen kann, muss seine Eignung geprüft und bewertet werden. Die Lissabon-Konvention verlangt, dass die Anerkennungsstellen der Hochschulen Verfahren entwickeln, mit denen die Voraussetzungen für den Zugang zur Hochschulbildung festgestellt werden können. Dazu gehören beispielsweise Interviews mit den Studieninteressierten sowie Eignungs- und Studierfähigkeitstests. Viele Hochschulen wenden solche Verfahren bereits an. Wenn aufgrund fehlender Qualifikationen kein direkter Zugang zum Studium gewährt werden kann, können sich Flüchtlinge – wie andere internationale Studierende auch – in einem Studienkolleg auf die sogenannte Feststellungsprüfung vorbereiten. Eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Studium sind in jedem Fall ausreichende Deutschkenntnisse, über die bestimmte Nachweise erbracht werden müssen.

Unterschiedliche Förderprogramme
Zur (Teil-)Finanzierung des Studiums können sich Flüchtlinge bei der Begabtenförderung des Bundes und bei mehreren Stiftungen um Stipendien bewerben. Eine besondere Unterstützung gibt es durch das Förderprogramm "Garantiefonds-Hochschulbereich" der Otto Benecke Stiftung e. V. für junge Migrantinnen und Migranten, die hier die Hochschulreife erwerben und sich auf ein Hochschulstudium vorbereiten wollen. Die Beratung wurde 2009 bei den Jugendmigrationsdiensten (JMD) angesiedelt. Ansprechpartner/innen sind jetzt unter der Bezeichnung „Bildungsberatung GF-H“ zu erreichen.

Unter bestimmten Voraussetzungen haben Studierende Anspruch auf eine staatliche Ausbildungsförderung (BAföG) oder einen Bildungskredit. Beides können internationale Studierende allerdings nur in Ausnahmefällen beziehen, mit einem deutschen Ehepartner beispielsweise oder wenn ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Von Vorteil sind deshalb duale Studiengänge, die in der Regel bereits eine geringe Bezahlung der Unternehmen vorsehen.

Für Akademiker mit Flüchtlingsstatus haben die Walter Blüchert Stiftung und die Deutsche Universitätsstiftung das Kooperationsprojekt „hochform" entwickelt. „hochform" ist ein nachhaltig angelegtes Programm, das die Flüchtlinge durch persönliches Coaching zunächst bei ihrem Zusatzstudium in Deutschland und anschließend beim Einstieg in den Arbeitsmarkt unterstützt. Es wird Studierenden der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) angeboten und umfasst ein Eins-zu-eins-Mentoring durch einen fach- und studienortnahen Hochschulprofessor vom Studienbeginn bis zum Studienabschluss. Darüber hinaus erhalten die Stipendiaten Fortbildungen (Sprachkurse u.ä.) und Zuschüsse beispielsweise zu Literatur, Studienmaterialien und Bildungsreisen. Zum Studienbeginn im Wintersemester 2015/2016 etwa haben 20 ausländische Akademiker das Programm aufgenommen, im Sommersemester 2016 und Wintersemester 2016/17 werden rund 100 weitere folgen.

Unterstützungsprogramme der Bundesländer
In den vergangenen Monaten haben viele Bundesländer ihre Aktivitäten intensiviert, um Flüchtlinge bei der Aufnahme oder Weiterführung eines Studiums zu unterstützen. So hat das Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg im März 2015 ein Unterstützungsprogramm aufgelegt, das in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) durchgeführt wird und sich vor allem an studienbefähigte Syrerinnen und Syrer richtet. Das Stipendienprogramm betreut 50 Personen und beinhaltet die Beratung und Orientierung zu Bildungsangeboten in Baden-Württemberg, den Besuch eines Studienkollegs sowie sprachliche Fortbildungen. Kosten für Lernmittel und Beiträge zur Deckung der Lebenshaltungskosten werden ebenfalls übernommen.

Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur etwa ermöglicht Flüchtlingen im Rahmen der Landesinitiative „Offene Hochschule Niedersachsen" sinnvolle Übergänge in das reguläre Bildungssystem und adäquate Orientierungs- und Beratungsleistungen. Vom 1. Juli 2015 bis zum 31. Dezember 2016 werden fünf Pilotprojekte in der Erwachsenenbildung in den Regionen Göttingen, Hannover, Lüneburg, Oldenburg und Osnabrück durchgeführt, die Vorbereitungs- und Sprachkurse für Flüchtlinge zur Aufnahme eines Hochschulstudiums sowie eine Anpassungsqualifizierung bzw. Berufsausbildung anbieten. Im Mittelpunkt steht die Sprachvermittlung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden intensiv begleitet und an den Aufnahmetest sowie die Feststellungsprüfung am Niedersächsischen Studienkolleg herangeführt. Auch das Wissenschaftsministerium Nordrhein-Westfalen und die Hochschulen des Landes haben zu diesem Thema am 07.12.14 ein Memorandum unterzeichnet.

Aktivitäten an den Hochschulen
Vor allem aber engagieren sich die Hochschulen selbst in erheblichem Maße für die Bildung und Weiterbildung von Flüchtlingen. Das ergibt eine Umfrage der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) bei den sechzehn Landesrektorenkonferenzen, die im Juli 2015 veröffentlicht wurde. Darin legen über 60 Hochschulen aller Bundesländer ihre Aktivitäten offen. Diese reichen von Informationsveranstaltungen über Rechtsberatung, Deutschkurse und psychosoziale Betreuung bis hin zur Unterstützung bei der Wohnraumsuche. Um studierwillige Flüchtlinge an ein Studium heranzuführen, bieten viele Hochschulen die Möglichkeit, als Gasthörer oder im Rahmen eines Schnupperstudiums Veranstaltungen zu besuchen, die teilweise für ein eventuell folgendes reguläres Vollstudium angerechnet werden können. Manche Hochschulen bieten auch Brückenkurse bzw. Orientierungsprogramme und konkrete finanzielle Hilfen an. Dazu gehören der Erlass von Semesterbeiträgen, kostenlose Semestertickets und auch die Nutzung von Härte- und Stipendienfonds. „Wir sehen mit Sorge, dass Menschen mit Verunsicherung auf den Flüchtlingszustrom reagieren und dass die Fremdenfeindlichkeit mancherorts zunimmt. Mit ihren Aktivitäten leisten die Hochschulen einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration der Flüchtlinge und setzen damit ein Zeichen für eine offene und zukunftsfähige Gesellschaft“, erklärte HRK-Präsident Prof. Dr. Horst Hippler anlässlich der Veröffentlichung der Umfrageergebnisse in Berlin.

Als erste Hochschule in Deutschland hat die Universität Bremen im Sommersemester 2014 ihre Türen für Geflüchtete geöffnet. Durch die Teilnahme an dem Programm IN-Touch erhalten Menschen mit akademischem Hintergrund und guten Deutsch- oder Englischkenntnissen – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus und der Anerkennung ihrer Bildungsabschlüsse – die Möglichkeit, englisch- und deutschsprachige Vorlesungen und Seminare der Hochschule zu besuchen und ein Zertifikat zu erwerben. Auch an der Universität Hildesheim können Asylsuchende seit dem Sommersemester 2015 ein Schnupperstudium absolvieren, an universitären Veranstaltungen teilnehmen oder die Gasthörerschaft erlangen. In Zusammenarbeit mit Asyl e.V. unterstützen dort außerdem sogenannte Anker-Peers – Studierende und Lehrende der Uni –  die Flüchtlinge auf ihren Bildungswegen: Sie begleiten sie, zeigen ihnen die Universität, bilden Tandems, um die Alltagssprache zu lernen, erklären Unterstützungsprogramme und stellen den Kontakt zu Lehrenden her. Für ein anderes Beispiel steht die Allianz Technischer Universitäten in Deutschland (RWTH Aachen, TU Berlin, TU Braunschweig, TU Darmstadt, TU Dresden, Leibniz Universität Hannover, Karlsruher Institut für Technologie, TU München, Universität Stuttgart). Sie unterstützt die akademische Integration von studierfähigen Flüchtlingen mit studienvorbereitenden und -fördernden Maßnahmen – wie Spracheinstiegs- und Vorbereitungskursen, Patenprogrammen, Stipendien, Beratungsangeboten und kostenfreien Gasthörerprogrammen.

Ein weiteres interessantes Projekt stellt die Online-Universität Kiron University in Berlin dar, die sich zurzeit in der Gründungsphase befindet und an den Massive Open Online Courses (MOOCs) großer nordamerikanischer Universitäten orientiert. Die ersten Kurse in den Fächern Ingenieurwissenschaften, Informatik und Betriebswirtschaft sind für Ende 2015 geplant. Sie werden auf Englisch abgehalten und sind jedem zugänglich. Zur Einschreibung braucht man weder einen Pass noch ein Schulzeugnis, nur für den Abschluss ist ein Identitätsnachweis erforderlich. Geplant ist auch der Einsatz von Blended Learning.

Soziale Netzwerke und Plattformen
Auch für Wissenschaftler, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, engagieren sich einige Hochschulen verstärkt. Ziel des seit Sommersemester 2014 an der Universität Frankfurt angesiedelten Projekts Academic Experience Worldwide (AEW) ist es beispielsweise, asylsuchende Akademiker in ein akademisches Umfeld zu integrieren. Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten einen Gasthörerstatus und können sich in einem regelmäßig stattfindenden Tutorium mit Interessierten austauschen. AEW vermittelt auch Deutschkurse und bemüht sich um die Anerkennung ausländischer Abschlüsse.
Die Plattform Chance-for-Science der Universität Leipzig will ebenfalls geflüchteten Wissenschaftlern den Zugang zu Wissenschaft und wissenschaftlicher Community in Deutschland erleichtern. Das Portal versteht sich als soziales Netzwerk und bietet ihnen vielfältige Möglichkeiten zu Kommunikation und Austausch mit den hiesigen Kolleginnen und Kollegen.

 

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 19.11.2015
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