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24. 09. 2015

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Ein Stück „Normalität“

Flüchtlingskinder in Kitas

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Flüchtlingskinder haben das Recht auf einen Kita-Platz

In Deutschland hat jedes Kind das Recht auf einen Kita-Platz. Das gilt auch für Kinder von Flüchtlingsfamilien. Das stellt die Kitas vor große Herausforderungen. Für die Flüchtlingskinder und ihre Familien sind damit aber viele Vorteile verbunden.


Die fünfjährige Aylin schiebt einen kleinen Kinderwagen aus Holz vor sich her. Seit März ist sie in einer Kita. Mit ihren Eltern und Geschwistern ist sie Anfang des Jahres aus Syrien nach Deutschland gekommen. Der Start im Kindergarten war nicht leicht, sie konnte kein Deutsch und wirkte sehr schüchtern. Mittlerweile beherrscht sie die deutsche Sprache schon ganz gut und scheint sich im Kindergarten wohl zu fühlen.
Die Anzahl der in Deutschland lebenden Flüchtlingskinder unter sechs Jahren steigt jeden Tag. Und genau wie alle anderen Kinder haben sie vom vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, sobald sie die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen haben.

Herausforderungen für die Kitas

Das stellt die Kitas vor große Herausforderungen. Viele Flüchtlingskinder kommen aus Krisengebieten wie Afghanistan, Syrien, Somalia oder Eritrea und haben dort und auf der Flucht existenzielle, lebensbedrohliche Erfahrungen wie Hunger, Durst, Todesangst oder Gewalt gemacht. Einige mussten sogar den Verlust von Vater, Mutter oder Geschwistern ertragen. Sie haben erlebt, wie es ist, nirgendwo sicher zu sein. Aufgrund dieser traumatischen Erfahrungen reagieren sie zum Teil ängstlich, traurig, unruhig oder zappelig, einige sind schreckhaft oder aggressiv, andere ziehen sich in sich zurück oder haben körperliche Beschwerden, sind müde oder leiden unter Essstörungen. Diese Kinder brauchen oft eine lange und behutsame Eingewöhnung sowie eine intensive Betreuung in der Kita. Ihre Eltern haben Fragen, die Erzieher/innen nur mit Hilfe von Dolmetschern beantworten können. Dazu kommt, dass Kitas sich auf kurzfristige Aufnahmen der Kinder einstellen und sich konzeptionell neu ausrichten müssen. Die Verweildauer der Flüchtlingskinder in den Einrichtungen ist unbestimmt und endet oftmals plötzlich. Für die Flüchtlingskinder bedeutet dieser unvorbereitete Wechsel eine weitere Belastung und für die zurückbleibenden Kinder ein ständiges „Sich-Verabschieden“.

Für die Kitas heißt das,
dass auch sie Unterstützung brauchen, um mit der Situation umzugehen. Die pädagogischen Fachkräfte benötigen sowohl Fortbildungen als auch Beratung und Supervision für den Umgang mit Kindern aus anderen Kulturkreisen und vor allem mit traumatisierten Kindern und ihren Familien. Ein unterstützendes Netzwerk auf Stadt- bzw. Landkreisebene mit unterschiedlichen Fachdiensten im Sozialraum ist nötig. Inklusion von Asylbewerberkindern und ihren Familien in Kindertageseinrichtungen kann nur im Verbund gelingen; für die Kindertageseinrichtungen alleine sind die Aufgaben zeitlich, fachlich und organisatorisch zu komplex. Gut funktioniert es dort, wo nicht zu viele Kinder in einer Gruppe sind. Dies macht die Anpassung des Finanzierungssystems an die aktuellen Bedarfe, vielleicht sogar die Finanzierung einer zusätzlichen pädagogischen Mitarbeiterin unabhängig von der kindorientierten Förderung, Beratung und Unterstützung beispielsweise durch Psychologen, Therapeuten und Seelsorger erforderlich.

Das Programm WillkommensKITAs in Sachsen
Die Bundesländer suchen nach passgerechten Antworten. Das Programm WillkommensKITAs zum Beispiel unterstützt Modelleinrichtungen in Sachsen dabei, konkrete Antworten zu finden. Zehn ausgewählte Kitas erhalten fachliche Unterstützung durch ein Einrichtungscoaching vor Ort, praxisnahen Austausch im Netzwerk und bedarfsorientierte Fortbildungen. Dabei reflektieren die Erzieherinnen und Erzieher ihre eigene Haltung und erweitern ihre Kompetenzen für den Kitaalltag mit Flüchtlingskindern. Vermittelt werden auch Dolmetscher oder Kontakte zu Migrationsberatungsstellen und Asylbewerberunterkünften. Hinter dem Projekt steht die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), die die Einrichtungen bis zum Jahr 2017 begleitet. Sie schult das Personal und hilft, ein lokales Netzwerk für mehr Willkommenskultur aufzubauen. „Die Ausgangssituation ist bei den Einrichtungen sehr unterschiedlich. Manche nehmen seit Jahren schon Kinder aus schutzsuchenden Familien auf. In anderen Regionen ist die Thematik neu", berichtet Axel Möller, Projektleiter der DKJS. Regelmäßig kommen die Kitas aus dem Modellprojekt zum Erfahrungsaustausch zusammen.

In Nordrhein-Westfalen sollen vorrangig „Brückenprojekte“ eingerichtet und gefördert werden, niedrigschwellige Angebote, die Kinder und Eltern an institutionalisierte Formen der Kindertagesbetreuung heranführen und in denen die Kinder bereits während dieser Zeit gezielt und nach ihren spezifischen Bedürfnissen gefördert werden und vor allem auch schon anfangen Deutsch zu lernen. Familienministerin Ute Schäfer will für die erste Zeit nach der Ankunft in Erstaufnahmeeinrichtungen mobile Kitas etwa in Bussen einrichten, um den Übergang zum späteren regulären Kita-Besuch zu erleichtern. Sechs Millionen Euro stellt das Land dafür zur Verfügung.

Der Kitabesuch ist wichtig für die Integration
Bisher besucht erst eine geringe Anzahl der Flüchtlingskinder unter sechs Jahren eine Kita. Viele Flüchtlingskinder kommen aus Herkunftsländern, in denen es keine institutionalisierte Betreuung für Kinder dieses Alters gibt. Viele Eltern sind daher skeptisch, anderen fällt es schwer, ihre Kinder auch nur zeitweise wegzugeben. Manche Eltern wissen gar nicht von dieser Möglichkeit und manchmal sind einfach die Wege von ihrer Unterbringung bis zur Kita zu weit.

Dabei ist es für Flüchtlingskinder von großem Vorteil, wenn sie eine Kita besuchen können, denn hier besteht die Möglichkeit ein Stück „Normalität“ zu erleben. Es wird für sie gesorgt, es gibt andere Kinder zum Spielen, es gibt eine Struktur, einfühlsame Menschen, die nicht solchen Belastungen ausgesetzt waren wie die eigenen Eltern, und außerdem lernen sie dort recht schnell die deutsche Sprache. In der Kita können sie es schaffen, ihre Erlebnisse und Erfahrungen zumindest teilweise zu verarbeiten. Auch ist die Kita oft die erste Bildungsstation, die Flüchtlingsfamilien in Deutschland kennenlernen, der erste Ort, an dem sie mit Einheimischen in Kontakt treten. Das kann für ihr Wohlbefinden und ihre weitere Eingliederung in die Gemeinschaft enorm wichtig sein. Vor allem, wenn es gelingt, auch die Eltern mit Fluchthintergründen durch handwerkliche, musische, sprachliche, sportliche oder andere Aktivitäten in den Kitaalltag einzubinden. Denn davon profitiert nicht nur die Einrichtung. Auch die Eltern fühlen sich dann mehr dazugehörig.



Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 24.09.2015
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