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17. 09. 2015

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Vom Standstreifen auf die Überholspur?“

Deutschland holt in Sachen OER auf

Bild

Jöran Muuß-Merholz; Foto: CC BY 3.0 DE, Ralf Appelt

Das BarCamp für „Open Educational Resources“ (OER) fand in diesem Jahr unter dem Dach des EduCamps in Berlin vom 4. bis 6. September 2015 statt. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Jöran Muuß-Merholz, Begründer der Transferstelle für OER und Mitorganisator des EduCamps, über die Entwicklung von OER in Deutschland und sein Projekt #OERde16.


Online-Redaktion: Vom 4. bis zum 6. September hat in Berlin das 16. EduCamp stattgefunden. Was genau ist das EduCamp?

Muuß-Merholz: Das EduCamp ist eine offene Tagung, ein sogenanntes BarCamp zum Thema Bildung, auf der hauptsächlich medienpädagogische Fragen sowie generell auch Formen und Methoden des Lehrens und Lernens behandelt werden. In Deutschland werden EduCamps seit 2008 in wechselnden Städten von wechselnden Orga-Teams veranstaltet. Als klassisches BarCamp sorgen die Organisatoren der EduCamps – ehrenamtliche Personen vor Ort, die von EduCamp e.V. unterstützt werden – nur für Räumlichkeiten, Internetzugang und Verpflegung. Das Programm der BarCamp-Tage steht im Voraus nicht fest. Es ergibt sich jeweils am Morgen der beiden Konferenz-Tage. Vorträge, Diskussionen oder Workshops werden dabei direkt von den Besuchern, den sogenannten Teilgebern, vorgeschlagen und angeboten. Beim diesjährigen 16. EduCamp kamen allein am Samstag 50 Sessions zustande.

Online-Redaktion: Wie kam es dazu, dass im Rahmen des EduCamps auch das MOOC- und das OERcamp durchgeführt wurden?

Muuß-Merholz: Beide passen inhaltlich sehr gut zum EduCamp. Auf den EduCamps gab es schon früh Diskussionen um OER und MOOCs („Massive Open Online Courses“). Ich würde sogar sagen, dass das EduCamp im Herbst 2011 in Bielefeld als Startpunkt der Diskussion um OER in Deutschland angesehen werden kann. Bei MOOCs verhält es sich ähnlich. Es wurde ein halbes Jahr vorher auf dem EduCamp in Bremen zum ersten Mal groß diskutiert. MOOC- und OERcamps haben auch schon eigenständig stattgefunden, OERcamps seit 2012 sogar jährlich. Aber da dieses Jahr keine eigenen BarCamps vorgesehen waren, haben wir beschlossen, MOOC und OER „nach Hause zu holen“ und unter dem Dach des EduCamps stattfinden zu lassen. Die BarCamps liefen aber nicht parallel, sondern wurden integrativ behandelt und die entsprechenden Sessions mit dem Label OERcamp bzw. MOOCcamp gekennzeichnet.

Online-Redaktion: Sie haben mit der Transferstelle für OER als Partner das BarCamp mit organisiert. Welche Ziele verfolgt die Transferstelle?

Muuß-Merholz: Die Transferstelle für OER ist ein Think-and-Do-Tank. Sie recherchiert und sammelt Informationen rund um das Thema Open Educational Resources mit dem Schwerpunkt auf Deutschland. Wir denken darüber nach, was man mit dem Thema OER anfangen kann, und versuchen in Form von verschiedenen Veranstaltungsformaten, Fortbildungen und Publikationen – wir haben einen Blog, eine Podcast-Reihe und verschiedene Whitepaper herausgegeben – das Thema in die Breite zu tragen.

Online-Redaktion: Sind Sie zufrieden mit dem Ablauf des 16. EduCamps?

Muuß-Merholz: Ich bin aus drei Gründen sehr zufrieden. Es gab ein sehr großes Interesse und mehr Nachfrage an Plätzen, als wir anbieten konnten. Die Hälfte der Teilnehmer war das erste Mal da, so dass wir eine gute Mischung aus „alten Hasen“ und „Neuen“ hatten. Und die Qualität der Angebote war toll. Ich hatte den Eindruck, dass den Besuchern die Diskussionen sehr wichtig waren. Vielleicht auch, weil viele von ihnen, die meisten sind Lehrer, Hochschuldozenten, Leute aus Weiterbildung und Wissenschaft, Journalisten, Medienpädagogen und Politiker, Einzelkämpfer sind und in ihrem direkten Umfeld kaum jemanden haben, mit dem sie sich über diese Themen austauschen können.

Online-Redaktion:
Sie haben das OERcamp 2012 organisiert sowie die OER-Konferenzen 2013 und 2014 koordiniert, Veranstalter waren in diesen Jahren verschiedene Akteure, vor allem Wikimedia, die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und mehrere Partner. Warum findet in diesem Jahr keine eigene OER-Konferenz statt?

Muuß-Merholz: Da kann ich nicht für diese Organisationen sprechen, sondern nur persönliche Vermutungen anstellen. Ich denke, dass erst einmal abgewartet wird, in welche Richtung die politischen Rahmenbedingungen gehen. Seit dem Bundeshaushalt 2015 sind jährlich zwei Millionen Euro für OER-Projekte vorgesehen. Allerdings ist noch nicht klar, wie und wofür sie ausgegeben werden. Das war auch mit der Grund, warum ich das Projekt #OERde16 initiiert habe.

Online-Redaktion:
Was verbirgt sich hinter dem Projektnamen #OERde16? Sie haben ja auch auf dem EduCamp eine Session dazu gehalten.

Muuß-Merholz: Ja, auf dem EduCamp haben wir sozusagen den Vorhang gelüftet, was wir – nicht nur die Transferstelle, die übernimmt die Koordination, sondern namhafte Partner wie die FH Lübeck, die Siemens Stiftung, das Projekt OER World Map u.a. – uns in den vergangenen Wochen unter dem Arbeitstitel #OERde16 überlegt haben. Wenn nächstes Jahr vielerorts über Fördergelder für OER entschieden wird, brauchen die Entscheider –  Multiplikatoren aus den Ministerien, Behörden, Verbänden, Stiftungen, Bildungsinstitutionen, Medienanstalten, der Aus- und Fortbildung etc. – einen Überblick darüber, was es schon gibt, damit das viele Vorhandene nicht mehrfach neu erfunden wird. Wir sehen ganz häufig, dass in solchen Situationen neu entwickelt, konzipiert und gebaut wird. Das wollen wir vermeiden und deshalb das, was schon da ist, sichtbar machen. In der OER-Szene gibt es eine große Offenheit dafür, Konzepte und Plattformen offenzulegen und zur Weiterentwicklung und Mitarbeit anzubieten. Deshalb möchten wir die „Entscheider“ mit denjenigen zusammenbringen, die schon tolle Projekte machen, wie zum Beispiel die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet (ZUM e.V.). Aus diesem Grund veranstalten wir am 1. März 2016 ein OER-Festival, eine Kombination aus Messe, Konferenz und BarCamp. Dazu veröffentlichen wir auch einen OER-Atlas, in dem wir alle uns bekannten Initiativen und Projekte dokumentieren.

Außerdem richten wir den #OERde16 Award aus, das ist der „Oscar“ für OER im deutschsprachigen Raum. Der Wettbewerb für alle Bildungsbereiche startet im Oktober 2015. Dabei geht es nicht darum, das eine große tolle OER-Projekt zu finden, sozusagen den König der OER-Szene, sondern in ungefähr zehn bis fünfzehn Kategorien zu zeigen, wie viele Aktivitäten im Bildungsbereich schon existieren. Höhepunkt am Abend des 1.3.2016 ist die Preisverleihung in Berlin, natürlich mit Livestream. Nach Möglichkeit wollen wir am 28. und 29.2. noch ein OERcamp anbieten, bei dem sich Praktiker/innen und OER-Interessierte austauschen können.

Online-Redaktion:
Welche Themen wurden auf dem EduCamp noch diskutiert?

Muuß-Merholz: Es gab dieses Jahr wieder einen stärkeren Schwerpunkt auf den digitalen Medien. Zum Beispiel Fragen danach, wie Schulunterricht aussehen muss und was wir lernen müssen, wenn wir ständig Smartphones u.a. an unserer Seite haben, die zumindest in grundsätzlichen Sachen „denken“ und uns unterstützen können. Aber es gab auch andere Themen, wie Beiträge zur Demokratiepädagogik, oder ein Schüler hat in einer Session erzählt, dass er nach dem Schulabschluss eine Weltreise machen und viele verschiedene Schulen besuchen will, und hat Ideen für die Organisation und Finanzierung gesammelt.

Online-Redaktion: Welche Sessions kamen im Kontext von OER zustande?

Muuß-Merholz: Ich war überrascht, wie viele es waren. Am Samstag trugen 15 Sessions, das ist ein knappes Drittel aller Angebote, das Label OER. Und das Angebot war auch inhaltlich breiter, als ich erwartet habe. Es standen dieses Jahr nicht mehr die grundsätzlichen Fragen, also nicht das „ob“, sondern das „wie“ im Vordergrund. Es ging viel um Fragen, wie man Material entwickelt, das unter freier Lizenz steht, wie man in dieser Entwicklung auch stärker gemeinsam, Community-orientierter arbeiten kann. Es gab auch Sessions, die die Finanzierung von OER-Projekten betreffen. Ich habe das Gefühl, dass das Thema mehr in den Mainstream rutscht, von ungefähr einem Prozent, die es vorher diskutiert haben, sind es demnächst vielleicht zehn Prozent, die das Konzept kennen.

Online-Redaktion:
OER werden in der Öffentlichkeit und im Bildungsbereich also mehr wahrgenommen? In der Session „Kooperative differenzierte Material/entwicklung NWT“ beispielsweise wurde bedauert, dass noch immer viele Lehrende die OER-Portale nicht nutzen.

Muuß-Merholz: Ich vermute, 90 bis 95 Prozent der Lehrer können mit dem Begriff OER nach wie vor nichts anfangen. Aber ich stelle immer öfter fest, dass sich das Thema OER für die meisten Menschen nicht als Frage stellt, also „was kann ich mit OER machen“, sondern stattdessen häufig Teil der Antworten ist. Wenn Lehrer fragen, wie sie Material anpassen und mit anderen teilen können, ohne das Urheberrecht zu verletzen, oder Material gemeinsam mit anderen entwickeln wollen, kann OER eine hilfreiche Antwort sein. Das ist der Umschwung, den wir 2015 beobachten, dass OER immer mehr als Teil der Antwort auf Fragen im Bildungsbereich gesehen wird.

Online-Redaktion:
Es hat sich also schon Einiges getan?

Muuß-Merholz: Ja, sehr schnell sogar. Das hätte ich nicht erwartet. Als wir 2012 das erste OERcamp in Bremen ausgerichtet haben, kamen 70 Leute zusammen. Deutschland hinkte im internationalen Vergleich hinterher, woanders gab es schon seit 2002 Diskussionen zu OER. Aber in den letzten drei Jahren ist so viel an Diskussionen entstanden, dass man sagen kann, das Thema OER ist in Deutschland vom Standstreifen auf die Überholspur gewechselt. Tatsächlich wird jetzt sogar aus anderen europäischen Ländern auf Deutschland geschaut und beobachtet, was sich hier entwickelt. Deutschland hat sehr schnell aufgeholt ‒ und zwar von unten und von oben. Es gibt viele Initiativen im Internet, Plattformen, die Materialien unter freier Lizenz bereitstellen, und gleichzeitig gibt es politisches Engagement auf der Bundesebene und in den Bundesländern. In Berlin wird zurzeit eine Plattform für Lehrer gebaut, damit sie Materialien gemeinsam entwickeln können, und die Medienreferenzschulen in Bayern stellen neue Materialien direkt unter eine freie Lizenz. Auch passiert viel bei den Bildungsservern. Für den Bildungsbereich, der ja sonst nicht der schnellste ist in Umstellungen, ist das ein rasantes Tempo.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielen OER und digitale Bildung an der Hochschule und in der beruflichen Bildung? Gibt es da auch Fortschritte zu verzeichnen?

Muuß-Merholz: Die Hochschulen waren ja eigentlich schon ein bisschen früher als Schule am Thema dran, aber die Schule hat dann die Hochschule überholt. Aber auch da nimmt es zu, gerade im Kontext zu den Onlinekursen um MOOC. iMooX oder die Plattform mooin von der FH Lübeck bieten Kurse an, deren Materialien (inkl. Videos) unter einer freien Lizenz stehen, so dass andere sie weiter benutzen können. In der beruflichen Bildung passiert, glaube ich, sehr viel leise, denn auch da gibt es beeindruckende Beispiele. An der beruflichen Oskar-von-Miller-Schule in Kassel beispielsweise ist es Standard, dass fertige Schülerarbeiten unter freie Lizenz gestellt werden und anderen zur Verfügung stehen. Auf der Plattform der Schule sind im Laufe der letzten fünf Jahre 20 000 solcher Lernprodukte entstanden. Man kann sich vorstellen, was für ein Schatz das ist, wenn auch nur die besten fünf Prozent (also die beste Arbeit in einer Klasse) weiter genutzt werden.

Online-Redaktion: Wo sehen Sie die nächsten Schritte auf dem Weg zur Verbreitung von OER?

Muuß-Merholz: Ich glaube, es braucht solche konzertierten Aktionen, wie wir sie mit dem Projekt #OERde16 planen, gleichzeitig muss es aber auch viel Arbeit vor Ort geben. Das passiert auch schon viel, es ist nur nicht sichtbar. Jeden Tag finden in Lehrerzimmern „kleine Fortbildungen“ statt, wenn ein Lehrer einem anderen über die Schulter schaut und sagt, zeig mal, wie machst du das eigentlich mit den Materialien, die du deinen Schülern digital zur Verfügung stellst? Was ich häufig aus Schulen höre, ist, dass eben nicht große Fortbildungen für das ganze Kollegium durchgeführt werden, sondern eine Mischung aus Fortbildung und Coaching stattfindet, in der einzelne fortgeschrittene Lehrer anderen Lehrkräften zeigen, wie sie Materialien finden, anpassen und teilen können.



Jöran Muuß-Merholz
ist Diplom-Pädagoge und betreibt mit einem kleinen Team die Agentur „J&K – Jöran und Konsorten“. Er arbeitet an den Schnittstellen zwischen Bildung & Lernen und Medien & Kommunikation. Insbesondere berät er Bildungseinrichtungen hinsichtlich der Frage, wie sie digitale Medien sinnvoll in ihrer Arbeit einsetzen können. Neben den beratenden und konzeptionellen Arbeiten der Agentur schreibt Jöran Muuß-Merholz für Fach- und Massenmedien, print und online. Jöran Muuß-Merholz hält Vorträge und gibt Workshops v.a. im deutschsprachigen Raum, aber zum Beispiel auch in Boston, Stockholm und Tokio. Weitere Texte, Termine und Projekte von Jöran Muuß-Merholz finden sich unter www.joeran.de.

 

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 17.09.2015
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