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08. 04. 2015

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Hüte nicht dein Wissen, sondern teile es.“

Fachtagung zum Thema OER

Bild

OER-Logo der UNESCO; Quelle: UNESCO

Am 24.3.2015 fand in Frankfurt am Main die Fachtagung „Perspektiven freier digitaler Bildungsmedien (OER) in Politik, Wissenschaft und Praxis“ statt. In verschiedenen Vorträgen und Workshops diskutierten rund 80 Vertreterinnen und Vertreter aus dem Bildungsbereich die Möglichkeiten und Herausforderungen, die mit freien Bildungsmedien verbunden sind.


Freie Bildungsmaterialien ‒ Open Educational Resources (OER) ‒ können von jedem bearbeitet und weitergegeben werden und machen so die Verbreitung von Bildungsinhalten leichter. Um sie nachhaltig in der Bildungspraxis einsetzen zu können, müssen aber viele technische, administrative und rechtliche Fragen geklärt werden. Einigen von ihnen ging die Fachtagung „Perspektiven freier digitaler Bildungsmedien (OER) in Politik, Wissenschaft und Praxis“ nach, zu der das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Bildungsverwaltung (DGBV) und der Gesellschaft zur Förderung Pädagogischer Forschung (GFPF) am 24.3.2015 nach Frankfurt am Main eingeladen hatte. In verschiedenen Vorträgen und Workshops diskutierten rund 80 Vertreterinnen und Vertreter aus dem Bildungsbereich die Möglichkeiten und Herausforderungen, die mit freien Bildungsmedien verbunden sind: das vernetzte partizipative Lehren und Lernen, die Weiterentwicklung von Schule und Unterricht, Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung von OER durch den Aufbau einer Informationsinfrastruktur, das Zusammenspiel der staatlichen und privaten Akteure sowie die gemeinsame Entwicklung von Richtlinien und Regularien für die Implementierung von OER. Für die Beiträge konnten namhafte Expertinnen und Experten gewonnen werden. Durch die Tagung führte Jöran Muuß-Merholz, Diplom-Pädagoge aus Hamburg, in verschiedenen Bildungsbereichen aktiv und Gründer der Transferstelle für OER.

„Potenziale von OER in der Schulpraxis“

Nach der Begrüßung durch die drei Veranstalter skizzierte Staatssekretär Mark Rackles von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Berlin, die bisherige Entwicklung und die Potenziale von OER für die Schule in Deutschland und stellte das laufende OER-Projekt des Berliner Senats vor. Er zeigte auf, dass OER weniger eine technische Umstellung in Schule erfordern, weil der Trend zu digitalen Medien bereits vorhanden ist, sondern dass sie vielmehr nachhaltige Veränderungen in der Unterrichts- und Schulentwicklung hervorbringen. Durch die Freigabe von Bildungsmaterialien und OER wird ein Prozess angestoßen, der immer mehr Wissen generiert und bei dem der Austausch eine große Rolle spielt. Eine der größten Herausforderungen sei es deshalb, den Gedanken der Teamarbeit unter den Lehrkräften zu verbreiten sowie zu vermitteln, dass freier Zugang zu Bildungsmaterialien, Kooperation und Teilung von Wissen einen Mehrwert darstellen. „Hüte nicht dein Wissen, sondern teile es!“ laute die Devise. Staatssekretär Rackles nannte 12 Gründe, warum freie Bildungsmaterialien ein großes Potenzial bergen, darunter die Aktivierung der Lernenden, eine Kulturänderung hin zu mehr Kooperation und Teamorientierung, Differenzierung, Anpassungs- und Innovationsfähigkeit der Materialien, Lebensweltbezug, Rechtssicherheit und Qualitätsgewinn.

Rackles sieht die Zukunft im Nebeneinander verschiedener Unterrichtsmaterialien. Die Bildungsverwaltungen müssten das Konzeptionelle gerade in Bezug auf Qualitäts- und Personalentwicklung gemeinsam ausloten. Für die Produktion sollten alle Personengruppen, die für den Erfolg von OER-Entwicklung wichtig sind, herangezogen werden. Auch politische Unterstützung sei da: Es gebe bereits in allen Bundesländern Initiativen, zwölf Bundesländer entwickelten zurzeit konkrete OER-Maßnahmen und griffen in ihrer Zusammenarbeit auf bestehende Infrastrukturen wie die Bildungsserver und die zentrale Medienanstalt zurück.

Anschließend stellte der Staatssekretär das laufende OER-Projekt des Berliner Senats vor, das im Schuljahr 2015/16 zu sichtbaren Ergebnissen führen soll. Ziel ist die Umsetzung des Prinzips von offenen digitalen Bildungsressourcen in der schulischen Bildung. Den Lehrkräften an Berliner Schulen sollen auf einer Online-Plattform qualitätsgesicherte Lehr- und Lernmaterialien zur Verfügung gestellt werden, die unter einer OER-Lizenz stehen und die vorhandenen Lehr- und Lernmaterialien der Schulbuchverlage punktuell ergänzen.

„Open(ing) Education: Herausforderungen für die mediale Bildungsinfrastruktur“
Prof. Michael Kerres (Learning Lab, Universität Duisburg-Essen) thematisierte in seinem Vortrag ebenfalls Aspekte der aktuellen Diskussion über Open Education, ging dabei aber insbesondere auf infrastrukturelle Rahmenbedingungen auf Länder- oder Bundesebene ein, die diese Entwicklungen unterstützen könnten. Eine zentrale Frage war, welche Aufgaben staatliche und private Akteure übernehmen sollten und wie diese gemeinsam eine nachhaltige Medieninfrastruktur für das institutionelle und informelle Lernen aufbauen könnten. Chancen durch OER sieht Kerres vor allem im freien Zugang zu Bildung, in der Vielfalt der Materialien, den Kooperationen und der Diskursivität. Allerdings könnten OER allein die Bildung nicht verändern. Die Frage müsse deshalb lauten, wie OER genutzt werden sollten, um ein anderes Lernen zu ermöglichen. Dabei differenziert Kerres zwischen Weak OER (Bereitstellung, kostenfrei, Zugriff) und Strong OER (Wiederverwertbarkeit, Remix, Teilen) und fragt nach den passenden Rahmenbedingungen. Wie könnte eine (offene oder geschlossene) Infrastruktur aussehen, die die Generierung und Verteilung der Ressourcen und den Austausch der Akteure ermöglicht? Wie könnten die großen Herausforderungen ‒ die Auswahl der Geschäftsmodelle, die Bereitstellung und Auffindbarkeit von freien Materialien und ihre Qualitätssicherung sowie die Einbindung und Rollenverteilung der verschiedenen Akteure – bewältigt werden?

Vertiefte Diskussion in Workshops
In vier parallelen Workshops wurden anschließend ausgesuchte Fragestellungen vertieft.
So diskutierten Professor Kerres und Richard Heinen (beide Learning Lab, Universität Duisburg-Essen) in dem Workshop „Wer macht was? Informationelle Infrastrukturen für OER“ die Frage, welche infrastrukturellen Voraussetzungen erforderlich sind, damit im Zusammenspiel staatlicher und privater Akteure OER nachhaltig für die Bildungsarbeit genutzt werden können.
Der Workshop „Grundlagen des OER Policy Makings“, geleitet von Jan Neumann vom Hochschulbibliothekszentrum NRW, machte deutlich, dass mit der Einführung einer OER-Policy (Gesetze, institutionelle Verfahrensvorschriften und Förderrichtlinien) oft die Hoffnung verbunden ist, die Herstellung und Nutzung von OER organisatorisch und finanziell nachhaltig in der jeweiligen Institution zu verankern, und erörterte grundlegende Fragen und Aspekte von OER-Policies für unterschiedliche Institutionsformen.
Der Workshop von Prof. Kerstin Mayrberger (Interdisziplinäres Zentrum für universitäres Lehren und Lernen, Universität Hamburg): „Partizipativ Lehren und Lernen mit freien digitalen Bildungsmedien“ hob hervor, dass der methodische und didaktische Wert der freien Bildungsmaterialien sich erst dann erschließt, wenn Lehrende und Lernende durch tatsächliche partizipative Praktiken im Umgang mit ihnen am Lehr-Lern-Prozess gleichermaßen beteiligt sind.
Und der Workshop von Prof. Leonhard Dobusch (Lehrstuhl für Organisationstheorie, Freie Universität Berlin) zum Thema „Open Education: Von der Nische in den Mainstream?“ machte darauf aufmerksam, dass die meisten freien Bildungsmaterialien privaten Initiativen entstammen und nur wenige mit öffentlichen Mitteln finanzierte Lehrmaterialien offen zugänglich seien. Deshalb sei es wichtig, „OER aus der Nische in den Mainstream“ zu rücken, damit gute freie Bildungsmaterialien an Schulen überhaupt wahrgenommen, bearbeitet und geteilt werden könnten.

OER an Schulen noch nicht angekommen
In der abschließenden Podiumsdiskussion wurden erste Ergebnisse festgehalten, aber auch wichtige Aufgaben für die Zukunft benannt.
So wurde anerkannt, dass es sehr hilfreich sei, wenn die Politik hinter dem OER-Ansatz stehe. Bedeutung und Chancen von OER würden in der Öffentlichkeit noch zu wenig wahrgenommen, auch seien sie noch nicht an den Schulen angekommen. Hier sei die Politik gefordert, ein Umdenken anzustoßen und entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Für das Lehr- und Lernmaterial, das an Schulen jeden Tag erstellt werde, müsse es Verbreitungsplattformen und freie Lizenzen geben. Allerdings dürfe dies nicht dazu führen, dass Lehrkräfte neben ihrer umfassenden Arbeit noch kostenfrei OER erstellen sollten.
Eine weitere Anregung war, alle Materialien, die mit öffentlichen Geldern hergestellt werden, auch unter eine OER-Lizenz zu stellen, was nicht bedeute, deshalb auf die Kompetenzen und Erfahrungen der Verlage verzichten zu wollen. Denn: „Wer das Material herstellt, sei den Lehrern wurscht, sie möchten nur damit arbeiten, um guten Unterricht zu machen“.

Künftig müsse dringend geklärt werden, wer welche Aufgaben übernehme und wie die verschiedenen Player zusammen kommen. Wichtig dabei sei, partizipative Steuerungselemente zu nutzen, um vor allem die Lehrkräfte in einem einsetzenden Politikprozess zu stärken. Aber auch individuelle Haltungen und Einstellungen müssten sich verändern, damit eine Praxis, die OER einbindet, auch wirksam werden könne. Und last but not least dürfe man den Fokus nicht nur auf die Schulen legen, sondern müsse auch danach fragen, welche Rolle OER in der Erwachsenen- und Weiterbildung sowie in den Hochschulen spielen könnten.


Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.04.2015
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