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12. 12. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Migranten haben in Deutschland ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie Menschen ohne Migrationshintergrund

10. Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland

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Bildung schützt Migranten nicht vor Armut

Ende Oktober stellte Aydan Özoguz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, den zehnten „Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland" in Berlin vor. Er zeigt, dass die soziale Herkunft immer noch Ursache für Bildungserfolg bzw. -misserfolg ist und dass selbst ein guter Schulabschluss Menschen mit Migrationshintergrund nicht vor Armut schützt.


Zum ersten Mal stellte Aydan Özoguz, seit einem Jahr Integrationsbeauftragte der Bundesregierung und zugleich stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, den alle zwei Jahre erscheinenden „Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland" Ende Oktober 2014 in Berlin vor. Und stellte klar, dass sie den Titel des Berichts so schnell wie möglich ändern wolle. Denn er beschäftige sich nicht nur mit Bürgerinnen und Bürgern ohne deutschen Pass, sondern beschreibe auch die Situation von Deutschen mit Migrationshintergrund, die seit zwei oder drei Generationen in Deutschland leben. Der über 700 Seiten starke zehnte Regierungsbericht über die „Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland“ wertet sämtliche Zahlen und repräsentativen Studien zum Thema Integration aus. Die wichtigsten Statistiken, wissenschaftlichen Untersuchungen und demoskopischen Erhebungen von Frühjahr 2012 bis 2014 im gesamten Themenspektrum werden hier zusammengeführt. Im Jahr 2012 lebten 16,3 Millionen Migranten in Deutschland. Nur 6,2 Millionen Menschen sind der Definition nach Ausländer, also etwas mehr als ein Drittel. Längst gibt es also unter Deutschlands Migranten mehr deutsche Staatsbürger als Ausländer. „Dieser Titel ist ein Kuriosum", so Özoguz. Ein Gesetz zur Titeländerung sei auf dem Weg.

Soziale Herkunft ist oft Ursache für Bildungserfolg bzw. -misserfolg
Der Bericht macht deutlich: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Und „er zeigt, dass wir nach Jahren der Ignoranz dieser Tatsache und dem wichtigen Paradigmenwechsel vor 15 Jahren weiter vorankommen, auch eine Einwanderungsgesellschaft zu werden“, konstatierte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung bei der Vorstellung des Berichts. Seit dem Beschluss des Zuwanderungsgesetzes 2005 sei in dieser Hinsicht viel unternommen worden. So haben zum Beispiel in dieser Zeit fast eineinhalb Millionen Migranten Integrationskurse besucht. „Wir werden mittlerweile auch von der OECD dafür gelobt, dass wir das zweitbeliebteste Land sind. Dass ist zunächst einmal sehr schön, dass man sagen kann, wir haben hier viel entwickelt", äußerte sich Özoguz. Trotzdem schaffen wir „es einfach in Deutschland immer noch nicht, unabhängig von sozialer und kultureller Herkunft Kindern und Jugendlichen eine Bildungskarriere zu ermöglichen, die nach ihren Begabungen verläuft". Die soziale Herkunft sei in Deutschland immer noch viel zu häufig Ursache für Bildungserfolg bzw. -misserfolg. Dies wirke sich etwa bei der Notenvergabe aus und bei Empfehlungen für den Schulwechsel. Laut Bericht sind ausländische Schülerinnen und Schüler weiterhin an Hauptschulen über- und an Gymnasien unterrepräsentiert. 40 Prozent aller Jugendlichen mit Migrationshintergrund machten 2012 einen Hauptschulabschluss. Ihr Anteil sank gegenüber 2008 um fünf Prozentpunkte. Mehr als elf Prozent verließen die Schule ohne einen Hauptschulabschluss. Unter den Deutschen waren es 5,4 Prozent. Gemeinsame Anstrengungen von Bund und Ländern seien weiterhin gefordert. Ein zentraler Punkt sei der quantitative und qualitative Ausbau der Ganztagsschulen. Auch die Einbindung der Eltern solle in Zukunft verstärkt werden. Bisher sei das oft daran gescheitert, dass viele von ihnen weder die deutsche Sprache noch Kultur verstehen und auch das Bildungs- und Ausbildungssystem nicht kennen.

Selbst ein guter Schulabschluss schützt nicht vor Armut
Trotzdem haben Migranten bei der Bildung aufgeholt. Jugendliche mit Migrationshintergrund machen häufiger Abitur. Der Anteil unter den ausländischen Schülern, die an einem Gymnasium einen Abschluss erreichten, stieg dem Bericht zufolge zwischen 2008 und 2012 von 11,2 auf 16,2 Prozent. Außerdem kletterte der Anteil der Studenten mit ausländischer Staatsangehörigkeit an deutschen Hochschulen auf 12 Prozent. Allerdings brechen mit 41 Prozent weitaus mehr ausländische Studierende ihr Bachelor-Studium ab als deutsche (28 Prozent). Die besseren schulischen Leistungen nützen ihnen aber auf dem Arbeitsmarkt wenig. Selbst ein guter Schulabschluss bringt junge Migranten auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz nicht unbedingt weiter. 30,5 Prozent der ausländischen jungen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren bleiben ohne Berufsausbildung. Das sind dreimal mehr als unter den Deutschen (13,5 Prozent). Migranten haben in Deutschland ein höheres Armutsrisiko als Menschen ohne Migrationshintergrund. Ihre Arbeitslosenquote ist doppelt so hoch (14,4 Prozent zu 6,2 Prozent im Jahresdurchschnitt 2013). Selbst ein hoher Bildungsstand hat darauf kaum Auswirkungen. Denn auch in der Gruppe der Einwanderer mit Abitur ist das Risiko für Armut hoch.

Diskriminierung bei der Ausbildungsplatzsuche

Der Bericht zeigt, dass die Chancen beim Zugang zur Berufsausbildung von Anfang an ungleich verteilt sind: „Allein der Name kann darüber entscheiden, ob ich überhaupt zu einem Einstellungsgespräch eingeladen werde oder nicht. Bei identischen Voraussetzungen macht es eben einen Unterschied, ob ich Tim Schulte heiße oder Hakan Yilmaz", merkte Özoguz an. Von dieser Diskriminierung seien nicht alle Jugendlichen mit Migrationshintergrund gleichermaßen betroffen. In dem Bericht wird auf eine Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) verwiesen, wonach besonders diejenigen mit einem türkischen und noch deutlicher diejenigen mit einem arabisch klingenden Namen benachteiligt seien. Diese Praxis müsse aufgebrochen werden, forderte Özoguz, die schon zu Beginn ihrer Amtszeit das Thema Ausbildung zu ihrem Schwerpunkt für 2014 gemacht hatte. Sie plädierte für mehr kulturelle Vielfalt in Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung. Diese müsse als Normalität und Chance begriffen werden. Sie habe bereits mit einigen Personalentscheidern gesprochen. Darüber hinaus konnte sie die Bundeskanzlerin dafür gewinnen, die „beabsichtigte oder unbeabsichtigte" Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und das Thema Ausbildung zu einem Schwerpunktthema auf dem Integrationsgipfel am 1. Dezember zu machen.

Benachteiligungen auch im Gesundheitswesen
Wie aus dem Bericht hervorgeht, besuchen Kinder aus Zuwandererfamilien auch seltener eine Kita oder werden seltener von einer Tagesmutter betreut. Diesbezüglich liegen die Quoten von Kindern mit Migrationshintergrund unter drei Jahren mit 17,1 Prozent noch deutlich unter denen der Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund (34,6 Prozent). Auch in Sportvereinen sind mit neun Prozent deutlich seltener Mitglieder mit Migrationshintergrund zu finden. Auch auf weitere Missstände wies Özoguz hin. Es könne in Deutschland „noch lange nicht von gleichberechtigter Teilhabe im Gesundheitswesen“ gesprochen werden. Das liege zum Teil an sprachlichen und kulturellen Hürden bei den Migranten. 20 Prozent von ihnen könnten nicht ausreichend Deutsch sprechen, um entsprechende Informationsmaterialien zu verstehen. So nehmen Menschen mit Einwanderungsgeschichte wichtige Leistungen des Gesundheitswesens deutlich seltener in Anspruch. „Es gibt erheblichen Nachholbedarf, damit wirklich alle Menschen eine gute Gesundheitsversorgung – auch im Alter und auch ohne gesicherten Aufenthaltsstatus – erhalten.“ Im kommenden Jahr will sie den Fokus auf dieses Thema legen.

Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland eine große Bereitschaft, Flüchtlinge zu unterstützen. Zurzeit zwingen schwere Menschenrechtskrisen immer mehr Frauen, Männer und Kinder zur Flucht aus ihrer Heimat. Im Zeitraum des Lageberichts und auch im laufenden Jahr ist ein deutlicher Anstieg der Asylanträge zu verzeichnen: 2012 wurden 77.651 Asylanträge gestellt, 2013 waren es bereits 127.023. Für das laufende Jahr 2014 werden etwa 200.000 Asylanträge erwartet. „Damit haben wir heute eine grundsätzlich andere, positivere Grundstimmung als noch vor 20 Jahren", lobte Özoguz.




Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 12.12.2014
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