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23. 10. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Jugendliche sind Experten ihrer Lebenswelt“

peer³ - Projekt zur Entwicklung neuer Handlungskonzepte für die (medien-)pädagogische Peer-to-Peer-Arbeit

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Kerstin Heinemann

Ziel des Projekts „peer³ – fördern_vernetzen_qualifizieren“, das vom JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis von 2011 bis 2014 ausgerichtet wurde, war es, mit Jugendlichen neue Handlungskonzepte für die (medien-)pädagogische Peer-to-Peer-Arbeit zu entwickeln und zu erproben, sie zu evaluieren und systematisch aufzubereiten. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Kerstin Heinemann, medienpädagogische Referentin beim JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, über die Ergebnisse des Projekts.


Online-Redaktion: Worum geht es bei dem Projekt?

Heinemann: Das Projekt „peer³ – fördern_vernetzen_qualifizieren“ verbindet zwei pädagogische Handlungsfelder: Einerseits geht es um die Förderung von Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen sowie die medienerzieherische Kompetenz bei Fachkräften, andererseits geht es aber auch um allgemeine pädagogische Fragen der Peer-Edukation sowie der Partizipation.
Das Modellprojekt beruht auf drei miteinander verzahnten Bausteinen: Wir haben bundesweit in den beiden Förderphasen 2012/2013 und 2013/2014, die jeweils ein unterschiedliches Schwerpunktthema hatten, 22 Modellprojekte gefördert und unterstützt, damit vor Ort Konzepte für Jugendarbeit im Netz mit digitalen Medien entwickelt werden konnten. Dazu haben wir verschiedene Qualifizierungsmaßnahmen im Blended-Learning-Verfahren durchgeführt, d.h., es wurde sowohl in Online- als auch in Präsenzveranstaltungen miteinander gearbeitet. Dabei haben wir nach dem Motto „von unten nach oben“ das vorhandene Wissen der Teilnehmer genutzt, indem sie sich als Expert/innen einbringen konnten. Der dritte Baustein war die wissenschaftliche Begleitung des Projekts.

peer³ wurde in Kooperation mit der Agentur für Medienbildung Mediale Pfade, der Lernwerkstatt Rheinland-Pfalz medien+bildung.com gGmbH sowie dem Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit in Josefstal e.V. durchgeführt und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert.

Online-Redaktion: Wer konnte mitmachen?

Heinemann: Mitmachen konnten prinzipiell alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland zwischen zehn und zwanzig Jahren. Auch pädagogische Fachkräfte konnten zusammen mit Jugendlichen einen Antrag stellen. Deswegen hatten wir die Ausschreibung für beide Zielgruppen formuliert.

Online-Redaktion: Welches war das Schwerpunktthema der ersten Förderperiode?

Heinemann: In der ersten Förderphase ging es um Jugendmedienschutz. Das Thema bewegt pädagogische Fachkräfte sehr stark und wir wollten in Erfahrung bringen, ob es auch Jugendliche interessiert. Wir haben festgestellt, dass viele von ihnen froh waren, dass endlich mal jemand mit ihnen darüber redet und nicht nur über sie entscheidet. Sie hatten dazu viel zu sagen und wollten das gerne in den Projekten zum Ausdruck bringen.

Online-Redaktion: Wie hieß das Thema der zweiten Förderperiode?

Heinemann: Soziale Netzwerke, allerdings wieder nur als Schwerpunktthema begriffen, so dass auch andere Projekte gefördert werden konnten. Wichtig war uns, dass es nicht nur um soziale Netzwerkdienste wie Facebook und Whatsapp ging, sondern wirklich um soziale Netzwerke. Wir haben das Thema sehr breit begriffen und auch Fragen gestellt wie: „In welchen sozialen Zusammenhängen bewegst und organisierst du dich?“, „Was brauchst du dafür an Unterstützung und welche Projekte lassen sich daraus bilden?“. Es kamen interessante Projekte heraus, wie die Sozialraumerkundung eines Fußballfanclubs in Mannheim. Basierend auf einer Spiele-App haben hier Jugendliche einen realen Rundgang in Form eines Quiz durch den Stadtteil Mannheim-Waldhof entwickelt, der sowohl Geburtsort des Vereins, als auch der wichtigsten historischen Spieler des SV Waldhof ist. Auf diese Art hat das Thema soziale Netzwerke noch einmal einen anderen Charakter bekommen als nur über Dienste wie Facebook oder Whatsapp.

Online-Redaktion: Können Sie noch andere Beispiele nennen, wie die Jugendlichen die Themen bearbeitet haben?

Heinemann: Insgesamt sind 22 Modellprojekte entstanden, von Hamburg bis Bad Reichenhall und von der Eifel bis Brandenburg – wir haben einmal quer durch die Republik gemeinsam mit den Jugendlichen gearbeitet. Bei dem Thema Jugendmedienschutz gab es viele Medienscoutprojekte, d.h. Schülerinnen und Schüler haben sich in der Schule zum Medienscout ausbilden lassen und ihr Wissen an niedrigere Klassen weitergegeben oder in regelmäßigen Schülermediensprechstunden zu verschiedenen Themen eingesetzt. Ein weiteres spannendes Projekt aus der ersten Förderphase war „Ich zeige es Dir – HOCH 2“ aus Bad Reichenhall. Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren – unsere Jüngsten -  haben auf den Lehrplan bezogene Lernvideos auf IPads gedreht und sich dafür von einem Radiomoderator beibringen lassen, wie man richtig vor der Kamera spricht und Videos schneidet. In Workshops, in der Schule und in Jugendzentren haben sie dann anderen Kindern gezeigt, wie das funktioniert und wie man zum Beispiel mit Green Screen arbeitet oder eine Dramaturgie in einem Lernvideo aufbaut. Auf einem öffentlichen Blog, auf dem die Ergebnisse sowie auch die einzelnen Schritte und Workshops abrufbar sind, haben sie das Ganze dokumentiert.

Dann hatten wir in der ersten Förderphase einen Online-Mobbing-Beitrag aus Neu-Isenburg. Jugendliche haben sich damit beschäftigt, wie man mit dem No Blame Approach, das ist ein bestimmter Ansatz in der Konfliktarbeit, in dem Bereich Online-Mobbing arbeiten kann und einen gedruckten Leitfaden dazu entwickelt, den sie in Workshops auch ausprobiert haben. Ein weiteres Projekt der ersten Förderphase z. B war „Placity“ aus Speyer. Hier haben Schülerinnen und Schüler eine App entwickelt, mit der man spielerisch die Stadt entdecken kann. Auch haben sie die Trägerstruktur dafür entworfen, wie die App bundesweit eingesetzt werden und wie man ein Mobile Game, eine Stadt- oder eine Schulrallye durchführen kann. Sie haben dazu einen Leitfaden erstellt, der auch dem technisch unversierten Pädagogen ermöglicht, die App einzusetzen, außerdem Workshops für Lehrerinnen und Lehrer durchgeführt und schließlich eine Rallye für eine Kinderkrebsstation im Krankenhaus entwickelt und diese mit den Kindern durchgeführt.

Auch in der zweiten Förderphase gab es spannende Projekte, wie die „Waldhof Tours Guides“ der Fußballfangemeinde aus Mannheim, die ich schon erwähnt hatte. Oder ein Radiobarcamp mit Jugendlichen, die sich bayernweit zusammenschlossen und ergründet haben, wie man einen Jugendradiosender über einen Webradiosender koordinieren kann. Dann hatten wir eine Gruppe, die Lernszenarien mit Hilfe des Computerspiels Minecraft.edu erstellt haben. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Wir hatten wirklich eine bunte Vielfalt, einen bunten Strauß an 22 gut gelungenen Modellprojekten.

Online-Redaktion: Wie wurden die Projekte begleitet?

Heinemann: Die Projekte wurden von Pädagogen vor Ort begleitet sowie sowohl von so genannten Projektpatinnen und Projektpaten unserer Kooperationspartner als auch von uns betreut. Wir waren immer regional für drei, vier Projekte zuständig. Darüber hinaus gab es digitale Unterstützung in Form eines Netcamps. Wir haben eine Online-Plattform gebaut, auf der jedes Projekt vertreten war und haben ihnen darüber Qualifizierungselemente angeboten, ihnen aber auch die Möglichkeit gegeben, ihr Wissen, das sie gerade erarbeitet haben, in einem Videoworkshop an andere weiterzugeben.

Online-Redaktion: Bekamen die Teams auch die technische Ausstattung gestellt oder hatten sie diese schon?

Heinemann: Das war unterschiedlich. Bei Bedarf konnten sie Fördergelder beantragen, mit denen sie sich die Technik, die sie brauchten, ausleihen konnten. Andere Projekte konnten auf die Technik der kooperierenden Schulen und Jugendzentren zurückgreifen. Das JFF und die Paten haben auch Tipps gegeben zu Einrichtungen in der Nähe, an die sie sich wenden konnten.

Online-Redaktion: Am ersten Juliwochenende 2014 trafen sich die knapp 50 Jugendlichen der zweiten Förderperiode, die pädagogischen Fachkräfte und das Projektteam von „peer³ – fördern_vernetzen_qualifizieren“ zum großen AbschlussCamp. Besteht für die Jugendlichen auch danach die Möglichkeit, weiterhin an ihren Projekten zu arbeiten?

Heinemann: Definitiv. Viele Modellprojekte laufen in irgendeiner Form weiter und es sind sehr viele Kooperationen mit lokalen medienpädagogischen Einrichtungen oder Jugendträgern entstanden. So haben wir von vornherein versucht, die Nachhaltigkeit der Projekte zu sichern. Bei einem bundesweiten Gesamtmodellprojekt stellt sich immer die Frage, was ist, wenn es ausläuft. Unsere Erkenntnis ist, dass, wenn es gelingt, die Projekte lokal wirklich gut zu verankern - in der Schule, mit verschiedenen Kooperationspartnern, im Jugendzentrum oder in der Jugendhilfe -, es möglich ist, Nachhaltigkeit zu erzielen. Und viele der Webseiten, der Projekthomepages oder der Produkte, die entstanden sind, sind die Basis dafür, dass daran weitergearbeitet werden kann.


Kerstin Heinemann
ist medienpädagogische Referentin am JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in München. Dort leitet sie u.a. das Projekt „peer³ - fördern_vernetzen_qualifizieren“, eine Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ihre Schwerpunkte sind die Leitung und Koordinierung von Konzepten und Modellprojekten für die pädagogische Arbeit mit digitalen Medien, die Begleitung junger Menschen bei der Planung und Umsetzung von Medienproduktionen und die Frage nach Partizipationsmöglichkeiten in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen vor dem Hintergrund des digitalen Wandels.






Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 23.10.2014
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