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23. 01. 2014

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Wo erforschst du Kultur?“

Im Programm Kultur.Forscher! entdecken Kinder und Jugendliche Kunst und Kultur in ihrer Lebenswelt

Bild

Logo des Programms; Quelle: KulturForscher!

 

Im Programm Kultur.Forscher! setzen sich Schülerinnen und Schüler aktiv mit kulturellen Aspekten ihrer Lebenswelt auseinander. Dies hilft ihnen nicht nur, einen eigenen Zugang zu Kunst und Kultur zu finden, sondern verändert auch den Unterricht und das Schulklima.



Einmal in der Woche gehen Fünft- bis Neuntklässler der Dresdner Laborschule ins Deutsche Hygiene-Museum. Zuvor haben sie sich Fragestellungen überlegt, nach denen sie dort forschen möchten. Die Jüngeren suchen zum Beispiel nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Jungen und Mädchen, die Jugendlichen der siebten bis neunten Klasse setzen sich mit Körpern und Räumen auseinander. Wie sich die Projekte der Kultur.Forscher! entwickeln, ist zunächst ungewiss. Am Anfang stehen nur die Fragen der Kinder, am Ende vielleicht ein Museumsführer oder ein Lageplan.

Das Programm
Kultur.Forscher! ist ein gemeinsames Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der PwC-Stiftung Jugend – Bildung – Kultur, das 2008 gestartet ist. 24 Schulen in den Bundesländern Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen nehmen zurzeit an dem Projekt teil. In der ersten Programmphase von 2008 bis 2011 waren auch Schulen aus Berlin, Hamburg, Rostock, München und Stuttgart dabei. Die zweite Programmphase läuft seit 2011 und geht noch bis zum Frühling 2014. Das Projekt folgt den Ansätzen der von Helga Kämpf-Jansen begründeten Ästhetischen Forschung, in der es darum geht, Alltagserfahrungen mit künstlerischen und wissenschaftlichen Methoden zu vernetzen. Kinder und Jugendliche setzen sich mit kulturellen Aspekten ihrer Lebenswelt auseinander, sie entwickeln Fragen, die sie interessieren, und versuchen diese mithilfe von Experten zu beantworten. Dafür müssen sie genau hinschauen, beobachten, andere Menschen befragen, Gegenstände sammeln, recherchieren, filmen, malen und beschreiben. Am Ende präsentieren sie ihre Ergebnisse und werfen neue Fragen auf. „Ästhetische Forschung macht sich die natürliche Neugier der Kinder zu Nutze“, ist Nina Noenen vom Team der PwC-Stiftung Jugend – Bildung – Kultur überzeugt.

Wie funktionieren Erinnerungen und wie lässt sich Architektur akustisch erfahren?
Der Kunstkurs der Geschwister-Scholl-Schule aus Melsungen zum Beispiel beschäftigt sich in seinem Kultur.Forscher!-Projekt damit, wie Erinnerungen funktionieren. „Woran erinnern wir uns, und woran wird in unserer Gesellschaft gedacht?“ Als Einstieg in das Thema besuchten die Jugendlichen die Gedenkstätte Breitenau und die documenta in Kassel. Ihre gesammelten Materialien, Erfahrungen und Ideen verarbeiteten sie mit Unterstützung von Bildhauerin Kordula Klose im alten Bahnhof von Fürstenwald ‒ ein Dorf in der Nähe von Kassel ‒, den die Künstlerin zu einem Café und einer Werkstatt umgebaut hat, zu individuellen Kunstwerken.
Die Kultur.Forscher! des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums in Stuttgart wollten herausfinden, wie ihre Schule klingt und wie sie durch das Erforschen von Architektur die eigene Schule neu wahrnehmen. Während einer Projektwoche hörten die Kultur.Forscher! genau hin: Sie rückten Stühle, bewegten Rollos und ließen Kreide auf der Tafel quietschen. Sie erlebten, wie Klänge und Geräusche im Alltag einen Ort bestimmen und wie sich Architektur akustisch erfahren lässt.

Grundlage: die Ästhetische Forschung
Bei Kultur.Forscher! arbeiten die Schulen eng mit Kulturinstitutionen oder einzelnen Künstlern zusammen. Die Lehrer schaffen gemeinsam mit den Künstlern die Rahmenbedingungen, in denen die Schülerinnen und Schüler forschen können. Die Fragen und die weitere Entwicklung bestimmen die Kinder selbst. Wichtig ist, dass die vier Forschungsfelder Alltagserfahrung, Kunst, Wissenschaft und ästhetische Praxis in die Arbeit einbezogen werden und jedes Feld ‒ oder Kombinationen davon ‒ einmal im Vordergrund steht. Für Schülerinnen und Schüler, die ästhetisch forschen, sind die Schule, der Stadtraum, das private Umfeld und Kulturinstitutionen die entscheidenden Bezugsräume. Die Ziele dieser Ästhetischen Forschung sind die Erprobung des forschenden Lernens im kulturellen Bereich als Methode und die Entdeckung eines eigenen Zugangs zu Kunst und Kultur. „Diese Methode soll in der Schule verankert werden und Schulentwicklungsprozesse unterstützen“, betont Nina Noenen. Das gelingt vielerorts schon gut. Dennoch kommt das Projekt an den Schulen ganz unterschiedlich zum Einsatz. Einige Schulen richten einen eigenen Kulturbereich Kultur.Forscher! ein, andere praktizieren das Projekt einmal im Jahr im Rahmen einer Projektwoche.

Bei ihrer Arbeit werden die Schulen von einem Prozessbegleiter unterstützt, der auch hilft, Kontakte zu Künstlern oder kulturellen Institutionen herzustellen. Die beteiligten Schulen und Kulturinstitutionen sind sowohl regional als auch bundesweit miteinander vernetzt. Auf Netzwerktreffen können Lehrkräfte, Wissenschaftler und Künstler fachliche und inhaltliche Fragen und Themen diskutieren. Erfahrene Kultur.Forscher!-Schulen, die bereits seit der ersten Programmphase dabei sind, geben dort ihr Wissen an die neuen Schulen weiter. Außerdem erhalten alle Schulen Fördermittel in Höhe von bis zu 5.000 Euro pro Jahr für die Umsetzung ihrer Projekte.

Gute Aussichten
Wie der Evaluationsbericht zeigt, wird das Projekt an den beteiligten Schulen sehr gut angenommen. Danach haben 85 Prozent der Schülerinnen und Schüler viel Spaß bei der Arbeit im Rahmen von Kultur.Forscher!. 73 Prozent gefallen besonders die Besuche in den Kultureinrichtungen und 23 Prozent interessieren sich seit ihrer Teilnahme deutlich mehr für Kunst und Kultur – 53 Prozent waren schon vorher interessiert. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die sich seit Kultur.Forscher! für Kunst und Kultur interessieren, ist bei den Jungen mit 28 Prozent sogar größer als bei den Mädchen mit 19 Prozent. Stolze 72 Prozent der Schüler und Schülerinnen versichern, durch die Teilnahme an dem Projekt etwas Neues zu können und zu wissen. Auch die Lehrer nehmen Verbesserungen wahr. Sie finden, dass sich besonders im Bereich der Teamfähigkeit viel bewegt hat. Auch integrieren viele Lehrer das forschende Lernen mit ästhetischen Fragestellungen nach den Projekterfahrungen dauerhaft in ihren Unterricht.

Mancherorts fließen die Erfahrungen und Ergebnisse des Projekts auch schon in die Lehrerbildung ein. Die AG Kulturelle Praxis am Institut für Schulpädagogik der Philipps-Universität in Marburg arbeitet daran, kulturelle Bildung in die Lehrerausbildung zu integrieren. Ein Schwerpunkt sind Formate, in denen Studierende – ausgehend von den Erfahrungen aus dem Kultur.Forscher!-Programm – Möglichkeiten des forschenden Lernens in Kunst und Kultur kennenlernen und selbst in der Praxis erproben. Und auch der Lehr- und Forschungsbereich Sportpädagogik/-didaktik an der Ruhr-Universität Bochum, der seit 2011 verschiedene Veranstaltungen im Bereich Kulturelle Bildung anbietet, macht sich die Erfahrungen und das Wissen der nordrhein-westfälischen Kultur.Forscher!-Schulen zu Nutze.

Am 14. November 2013 ist die PwC-Stiftung Jugend – Bildung – Kultur für ihr Engagement im Programm Kultur.Forscher! mit dem Deutschen Kulturförderpreis in der Kategorie „Große Unternehmen" ausgezeichnet worden. Der Deutsche Kulturförderpreis wird vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI gemeinsam mit dem Handelsblatt und der Süddeutschen Zeitung seit 2006 jährlich an Unternehmen für herausragende Kulturförderung vergeben.

 

 

 

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 23.01.2014
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