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08. 08. 2013

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Toleranz lernen und erleben

Die F.C. Flick Stiftung

Bild

Stiftungsvorstand mit Grundschülern; Quelle: Flick Stiftung

 

Seit 2001 fördert die Potsdamer F.C. Flick Stiftung Projekte gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz. Sie will Zivilcourage und das friedliche und tolerante Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen fördern und so dem Rechtsextremismus und der Gewalt von Jugendlichen entgegenwirken.



Die Dorfkirche in Flecken Zechlin, einem Ortsteil der Gemeinde Rheinsberg in Brandenburg an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern, war in keinem guten Zustand: Vom grauen Mauerwerk bröckelte innen wie außen der Putz. Nachdem Auszubildende der Berufe Maler, Lackierer, Maurer und anderer Gewerke aus Berlin und Brandenburg die Kirche unter fachlicher Anleitung renoviert haben, ist das Vergangenheit: Die Kirche sieht nun aus wie frisch erbaut.
Und Flecken Zechlin ist kein Einzelfall. Seit 2002 sind Jahr für Jahr neun Gebäude – acht Kirchen und eine Behinderteneinrichtung in den Landkreisen Havelland sowie Ostprignitz-Ruppin – von rund 200 Auszubildenden auf diese Weise in Stand gesetzt worden.

Das DGB-Projekt „Arbeit und Begegnung“
Hinter dem Renovierungsprogramm steht das DGB-Projekt „Arbeit und Begegnung“ der DGB-Jugendbildungsstätte in Flecken Zechlin. Das Vorhaben hat sich zum Ziel gesetzt, Vorbehalte zwischen jungen Erwachsenen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund und unterschiedlichen religiösen Überzeugungen im Rahmen eines gemeinsamen Arbeitsprojekts abzubauen. Alle Beteiligten lernen sich dabei intensiv kennen. Angeleitet werden sie von lebens- und berufserfahrenen Ausbilderinnen und Ausbildern und dem pensionierten Malermeister und Berufsschullehrer Horst Mark. Die Leitung wird unterstützt von einer pädagogischen Fachkraft, die gegebenenfalls auch Konflikte mit den Jugendlichen lösen kann. Partner des Projekts sind unter anderem Oberstufenzentren in Berlin und Brandenburg, Denkmalpfleger, Gemeindekirchenräte und engagierte Bürgerinnen und Bürger. Zum Abschluss einer jeden Arbeitswoche gibt es eine Feier, auf der die Arbeitsergebnisse vorgestellt werden und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Urkunde erhalten.

Projekt erhält „Steh auf“-Preis für Toleranz und Zivilcourage

Wie jedes Projekt musste sich auch „Arbeit und Bewegung“ jährlich neu um die Finanzierung bemühen – für 2013 konnten Horst Mark und seine Mitstreiter aufatmen: Am 30. Oktober 2012 erhielt ihr Projekt den mit 10.000 Euro dotierten, erstmals ausgelobten „Steh auf“-Preis für Toleranz und Zivilcourage der F.C. Flick Stiftung, der es ermöglicht, das Projekt auch in diesem Jahr weiterzuführen. Der Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck war bei der Preisverleihung anwesend: „Verständigung und Integration sind gerade bei Kindern und Jugendlichen der beste Weg, um ein Bewusstsein für den Wert unserer Demokratie herzustellen. Wer Menschen anderen Glaubens oder anderer Herkunft besser kennt, wird auch viel weniger dazu neigen, den dumpfen Parolen von Rechtsextremisten zu folgen.“

Mut, Kraft und Geduld werden benötigt
Diese Beschreibung deckt sich mit den Zielen der im September 2001 von Dr. Friedrich Christian Flick gegründeten F.C. Flick Stiftung mit Sitz in Potsdam. Im Gedenken an die Opfer und Überlebenden des Nationalsozialismus bekennt sich Flick zu der daraus erwachsenden historischen und gesellschaftspolitischen Verantwortung und zur Förderung der Versöhnung. Seine Stiftung will die Basis für ein friedliches und tolerantes Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen stärken und Fremdenfeindlichkeit und Rassismus bekämpfen.

„Wer sich für diese Ziele engagiert – an welchem Ort auch immer –, ist oft Anfeindungen, Missgunst und Kritik ausgesetzt“, erklärte Dr. Friedrich Christian Flick anlässlich der Auslobung des „Steh auf“-Preises auf der Feier zum 10-jährigen Jubiläum der Stiftung. „Viele Bürgerinnen und Bürger investieren als ehrenamtliche oder hauptberufliche Mitarbeiter eine Menge Mut, Kraft und Geduld; denn es braucht immer wieder den sprichwörtlich ‚steten Tropfen’, um manchen Stein des Vorurteils auszuhöhlen. Diesen Menschen möchten wir mit der Preisverleihung eine besondere Anerkennung zuteilwerden lassen.“

Im Mittelpunkt der bisherigen Stiftungsarbeit standen insbesondere die christlich-jüdische Verständigung, deutsch-polnische Begegnungen, Integration, Lernen aus der Geschichte sowie Projekte, die Jugendliche zu Partizipation und Engagement ermutigen. Gefördert werden Projekte in den fünf östlichen Bundesländern und in Berlin, in „besonderen Fällen" auch Initiativen in Westdeutschland. Den Schwerpunkt bilden Projekte, bei denen die Arbeit mit Jugendlichen im Alter zwischen zehn und 15 Jahren im Vordergrund steht. Durch Bildungs- und Erziehungsvorhaben soll das Wertesystem der Jugendlichen gestärkt und Toleranz erlern- und erlebbar gemacht werden.

Förderung von knapp zwei Millionen Euro seit 2001
Die mit einem Stiftungskapital von fünf Millionen Euro ausgestattete Stiftung schüttet jährlich etwa 300.000 Euro aus. Die Förderung erfolgt als Voll- oder Teilfinanzierung in Form von Zuschüssen. Die F.C. Flick Stiftung will insbesondere kleinere Initiativen unterstützen. Einzelne Projekte erhalten in der Regel bis zu 10.000 Euro; in Einzelfällen kann die Summe auch höher sein.

Im zehnten Jahr ihres Bestehens 2011 konnte die Stiftung bereits auf 220 Projekte mit einem Fördervolumen von 1.340.479 Euro zurückblicken. An den Programmen hatten bis dahin insgesamt 81.985 Kinder und Jugendliche aus 42 Nationen teilgenommen. Die Stiftung förderte Aktivitäten kleinerer Initiativen, Projekte, die eher langfristig angelegt sind, Projekte, die im kommunalen und ländlichen Bereich verankert sind, innovative Projekte im kulturellen, sportlichen und pädagogischen Bereich, internationale Jugendaustauschprojekte vorwiegend mit den Ländern Mittel- und Osteuropas sowie interreligiöse Toleranzprojekte, insbesondere des christlich-jüdischen Religionsdialogs.

Neben den Einzelförderungen und dem im letzten Jahr erstmals verliehenen „Steh auf“-Preis, der nun alle drei Jahre ausgelobt werden soll, unterstützt die Stiftung drei Projekte auf langfristiger Basis: Man hat die Patenschaft für die Potsdamer Rosa-Luxemburg-Grundschule übernommen, engagiert sich beim deutsch-polnischen Schüleraustauschprogramm „Kopernikus“ und unterstützt die Projektwerkstatt Lindenstraße in Potsdam.

„Der Horizont vergrößert sich“
Die Patenschaft für die Rosa-Luxemburg-Schule in der Potsdamer Innenstadt besteht seit 2005. Neben der finanziellen gewährt die F.C. Flick Stiftung der Schule auch eine ideelle Unterstützung aller Schulaktivitäten. Stiftungsgeschäftsführerin Christiane Fetscher ist Mitglied im pädagogischen Beirat der Schule, besucht diese regelmäßig und versucht, Unterstützung und Anregungen zu geben. Mit Hilfe der Stiftung und anderen Partnern hat die Rosa-Luxemburg-Schule seit dem Jahr 2007 eine Schulbibliothek aufgebaut und die Lesereihe „Mein liebstes Kinderbuch” gestartet. Darüber hinaus integriert die Stiftung die Schule in andere von ihr geförderte Projekte: So nahmen Schülerinnen und Schüler der 3. Klasse im Sommer 2008 gemeinsam mit polnischen und ukrainischen Kindern an dem Projekt „Kinderkunstsommer in Kreisau” teil.

Beim deutsch-polnischen Schüleraustauschprogramm „Kopernikus“ kooperiert die F.C. Flick Stiftung seit 2004 mit dem Land Brandenburg. Die Stiftung lobt hier jährlich Schülerstipendien für Jugendliche mit guten Deutsch- und Polnischkenntnissen, ausreichend guten Schulleistungen und einem Interesse an beiden Ländern aus. Die Schülerinnen und Schüler werden in den Familien ihres Austauschpartners untergebracht. Auf diese Weise haben die Jugendlichen die Möglichkeit, den Alltag in einer polnischen respektive deutschen Gastfamilie mitzuerleben und ihre sprachlichen Fähigkeiten auszutesten und zu verbessern. Auch in den Unterricht an der jeweiligen Partnerschule werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer integriert. Durch die intensive Auseinandersetzung mit der jeweils anderen Kultur und den Menschen konnten bei den Schülern schon häufig Ängste und Vorurteile abgebaut werden. Florian Ullrich, einer der ersten Stipendiaten, berichtete über seine Erfahrung: „Man erweitert nicht nur sein Vokabular, sondern auch die persönliche Weltsicht. Der eigene Horizont vergrößert sich. Man wird dadurch in seinem Denken und vielleicht sogar in seinem zukünftigen Handeln geprägt”.

Zeitzeugen und Auslandsaufenthalte

Die Projektwerkstatt Lindenstraße in Potsdam wird von der F.C. Flick Stiftung unterstützt, weil sie „in vorbildlicher Weise Demokratieerziehung für Jugendliche verwirklicht“. Das barocke Stadtpalais in der Lindenstraße 54 wurde im Dritten Reich und später dann in der DDR als Gefängnis für politische Gefangene genutzt. Seit 1990 befinden sich hier eine Gedenkstätte und ein Museum. Die Stiftung finanziert die Einrichtung der Gedenkstätte mit und beteiligt sich an den laufenden Kosten. In der Projektwerkstatt, die im ehemaligen Kapellenraum des Gefängnisses eingerichtet wurde, erhalten Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, Geschichte zu erleben und Zeitzeugen zu begegnen. Eine Gedenkstättenlehrerin betreut und organisiert das Unterrichtsangebot. Es gibt Projekte zur Lokalgeschichte, beispielsweise eine Spurensuche zu dem Schicksal ehemaliger Insassen, Begegnungen mit Zeitzeugen aus der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR sowie Führungen durch die Gedenkstätte mit einem anschließenden Werkstattbesuch. Daneben finden Lesungen von Zeitzeugen-Büchern und zu bestimmten Geschichtsthemen wie dem geschlossenen Jugendwerkhof Torgau in der DDR statt.

Für dieses Jahr beabsichtigt die Stiftung, auch die Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk zu verstetigen. Bereits im vergangenen Jahr waren 21 deutsch-polnische Jugendbegegnungen mit 46.000 Euro gefördert worden. Zum Jahreswechsel 2012/2013 erhielt das Jugendwerk eine weitere, dringend benötigte Förderung, nachdem bereits im Sommer 2012 die Fördertöpfe ausgeschöpft waren und Organisatoren deutsch-polnischer Jugendbegegnungen vertröstet werden mussten. Schnell standen mehr als 200 Begegnungen auf der Warteliste. Dank der zusätzlichen Hilfe der F.C. Flick Stiftung konnte sich zum Beispiel die Szkola Ostritz noch über eine nachträgliche Förderung ihres Schulaustausches mit der Grundschule aus Bogatynia freuen. Die Schule hat ein spezielles Unterrichtsfach „Nachbarschaft und Sprache” und organisiert regelmäßig eintägige Begegnungen mit Grundschulkindern aus der polnischen Partnerschule.

Ermutigende Resonanz
Ganz aktuell hat die F.C. Flick Stiftung Amcha-Israel bei dem „Tandem Projekt – Die Begegnung der Generationen“ unterstützt. Amcha-Israel ist eine Organisation, die in 13 Zentren psychosoziale Betreuung bietet und Anlaufstelle für Holocaustüberlebende ist. Im Rahmen des Tandem-Projekts wurden drei Großeltern-Enkel-Paare aus Israel für eine Woche mit drei Großeltern-Enkel-Paaren aus der Region Berlin-Brandenburg zusammengebracht. Die Gruppe wohnte in der Begegnungsstätte Gollwitz und unternahm Ausflüge zu den Stätten der Kindheit, besuchte das evangelische Gymnasium Kleinmachnow und führte dort Zeitzeugengespräche mit Schülerinnen und Schülern verschiedener Klassenstufen. Richard Hirshhorn erzählte seine Lebensgeschichte in Deutschland zum ersten Mal in deutscher Sprache: „Ich finde es großartig, dass man sich in Deutschland so mit der Vergangenheit beschäftigt und solche Projekte macht, deshalb spreche ich hier zum ersten Mal auch auf Deutsch.“

Die Resonanz auf die Projekte ermutigt die F.C. Flick-Stiftung ebenso zu weiterer Unterstützung wie auch das immer wieder sichtbare bürgerschaftliche Engagement. So hatten sich letztes Jahr allein auf den „Steh-auf"-Preis 40 Vereine und andere Träger beworben – aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt. „Wir möchten insbesondere die ländlichen Regionen abseits der Metropolen unterstützen, in denen die Strukturen oftmals weggebrochen sind und Jugendarbeit nur auf einem sehr bescheidenen Niveau stattfinden kann“, erklärte Geschäftsführerin Christiane Fetscher. „Die Resonanz auf unseren Wettbewerb zeigt auch das große Engagement und den Mut der Aktiven. Ihnen gelten unsere Anerkennung und Ermutigung.“

 

 

Autor(in): Ralf Augsburg
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Datum: 08.08.2013
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