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06. 06. 2013

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„OER sind eine gute Möglichkeit, dieses Problem zu lösen“

Lehrende sollen erstelltes Material unter einer freien Lizenz veröffentlichen

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Felix Schaumburg

Lehrer verstoßen in ihrem Alltag immer wieder gegen das Urheberrecht, indem sie Teile aus digitalem Lehr- und Lernmaterial kopieren und in selbst erstellten Arbeitsblättern an ihre Schüler weitergeben. Die Online-Redaktion sprach mit Felix Schaumburg, Lehrer an einer Gesamtschule in Wuppertal und Co-Autor des „Whitepaper: OER für Schulen in Deutschland“ darüber, warum „Open Educational Resources“ (OER) eine gute Lösung für dieses Problem sind.


Online-Redaktion: „Open Educational Resources“ ist ein sehr weit gefasster Begriff. Welches Verständnis von „Freien Lernmaterialien“ liegt dem Whitepaper, das Sie Anfang 2012 gemeinsam mit Mirjam Bretschneider und Jöran Muuß-Merholz über Grundlagen, Akteure und den damaligen Entwicklungsstand von OER herausgegeben haben, zugrunde?

Schaumburg: OER ist ein Begriff, der im Moment nicht wirklich klar und trennscharf definiert ist und sich mit Begriffen wie Open Data überschneidet. Theoretisch könnten Daten jeglicher Art in Bildungsprozessen angewendet, verändert, angepasst und neu zusammengestellt werden. Man muss sich deshalb zunächst genau überlegen, worauf man sich bei dieser Thematik konzentrieren möchte. Geht es um eine pragmatische Lösung für deutsche Schulen oder um eine weltweite idealistische Dimension, die darauf beruht, dass man alle, auch und gerade die, die sonst keinen Zugriff auf Bildung haben, mit freien Lehr- und Lernmaterialien versorgt? Für unser Whitepaper haben wir versucht, den Begriff auf schulische und universitäre Lehr- und Lernmaterialien einzugrenzen.

Online-Redaktion: Wer erstellt offene Lehr- und Lernmaterialien für Schulen?

Schaumburg:
Eigentlich jeder. Jeder Lehrer erstellt seit Jahren Lehr- und Lernmaterialien, indem er Arbeitsblätter vorbereitet, für die er aus verschiedenen Texten, Bildern und Quellen thematisch relevante Stellen auswählt, sie zusammenstellt und an die Schüler weitergibt. Bisher hat er es auf Papier getan, heute macht er es digital. Die Ansprüche, die an Lehrer heute gestellt werden, sind enorm hoch. Sie müssen einen individualisierten, binnendifferenzierten Unterricht machen, in der Regel inklusiv, eigentlich muss man für jeden Schüler ein eigenes Arbeitsblatt erstellen. Das schafft man nicht, aber was man zumindest machen kann, ist, dass man eine Vielzahl von Möglichkeiten anbietet. Meine Aufgabe als Lehrer ist deshalb ganz stark „Rip-Mix-Copy“. D.h., ich muss Material irgendwo herbekommen, neu zusammenstellen und es dann wieder weitergeben können. Und wenn ich ein Beispiel habe, was bei mir gut funktioniert hat, möchte ich es auch gerne an die Kollegen weitergeben können, und genau da kommt die Urheberrechtsproblematik ins Spiel.

Online-Redaktion: Inwiefern stellt das Urheberrecht ein Problem für Lehrende dar?

Schaumburg: Wenn wir uns den Arbeitsablauf eines Lehrers im Papierzeitalter anschauen – er kopiert Teile aus Büchern, schneidet sie aus und klebt sie auf einem neuen Arbeitsblatt zusammen und gibt dieses an die Schüler weiter –, war das rechtlich alles so in Ordnung. Dafür war das Urheberrecht ausgelegt, dafür gab es Sonderregelungen, das durfte man als Lehrer. Für die digitale Welt gilt das alles nur noch mit großen Einschränkungen. Im Digitalen ist es verboten, Teile aus Schulbüchern, die vor 2005 erschienen sind, auch für sich selbst zu digitalisieren und die erstellten Arbeitsblätter weiterzugeben. Die Lehrer haben deshalb jetzt das Problem, dass ihre gängige Praxis formell illegal ist. Mir ist bisher nicht bekannt, dass die Verlage einen Lehrer verklagt hätten, aber formell darf der Lehrer Informationen aus Schulbüchern nicht benutzen. Das Urheberrecht verhindert also, dass gut funktionierende Beispiele innerhalb der Schulen weitergegeben werden können.

Online-Redaktion: Wie wird das Thema „Urheberrecht“ an den Schulen diskutiert?

Schaumburg: Im November 2011 war das Thema plötzlich sehr heiß an den Schulen. Da hieß es, dass der Schultrojaner auf allen schulischen Rechnern installiert werden sollte, der überprüft, ob das dort gespeicherte Material Urheberrechtsverstöße beinhaltet. Datenschutztechnisch war das gar nicht möglich, weil der Trojaner zwischen privaten und sensiblen Informationen Arbeitsblätter unterscheiden sollte, was ein Computer gar nicht kann – er durchsucht dann alles, darum ist er dann auch eingestellt worden. Aber dieses Ereignis hat an den Schulen dazu geführt, dass plötzlich das Thema Urheberrecht Programm war. Es wurde eine Drohkulisse aufgebaut, die die Lehrer vor allen Dingen erst einmal dahin gebracht hat zu sagen, mein Material gebe ich nicht weiter. Viele Lehrer waren eingeschüchtert. Eine umfassende Diskussion der eigentlichen Problematik hat in der Öffentlichkeit nicht stattgefunden.

Online-Redaktion: Welche Chancen bieten OER für Schulen?

Schaumburg: OER sind eine gute Möglichkeit, dieses Problem zu lösen. Mit OER wird eine zweite Ebene eingebaut: Das neu erstellte Material wird von der Urheberrechtsproblematik abgekoppelt, indem es unter einer freien Lizenz, das ist dann in der Regel die Creative Commons License (CC-Lizenz), veröffentlicht wird, so dass es alle nutzen können. Damit löst sich auf Dauer das Problem mit dem Urheberrecht, das wir zurzeit haben.

Online-Redaktion: Warum haben OER an den Schulen bisher wenig Verbreitung gefunden?

Schaumburg: „Open Educational Resources“ sind vom Begriff und von der Thematik her nur schwer geeignet, um in den Schulen sofort Fuß zu fassen und als Lösung angeboten zu werden. Das Thema ist zwar irgendwie da, aber wenn wir jetzt einen Kollegen fragen, was OER sind, dann stößt man in der Regel auf Unverständnis. In den Schulen wird deswegen auch heute noch massenweise Material erstellt, das in der Regel nicht als OER-Material deklariert wird, und leider auch häufig nicht einfach als solches deklariert werden kann, weil die Quellen oft nicht CC-lizenziert sind. Denn, wenn ich mir aus dem Arbeitsblatt eines Kollegen etwas herausnehme, und dieser hat es aus einem Schulbuch, dann ist das nicht legal. Ich muss, wenn ich CC-lizenziertes Material anbiete, wirklich sicherstellen, dass alles, was ich dafür genutzt habe, unter freier Lizenz verfügbar ist. Lehrer verstoßen deshalb gegen diese Urheberrechtsproblematik – für ein eigentlich richtiges Ziel: Guter Unterricht. Aber dieser Spagat ist auf Dauer kein Zustand.

Online-Redaktion: Welche Lösungen sehen Sie für dieses Problem?

Schaumburg: Die Gesellschaft muss sich dem digitalen Wandel stellen und neue Regeln für die Nutzung und Verbreitung von „Material“ bestimmen. Das ist ein politisches und gesamtgesellschaftliches Problem, das geklärt werden muss, nicht nur ein schulisches!
Ich wünsche mir, dass die Politik Rahmenrichtlinien schafft und dafür sorgt, dass Lehrer sich um das kümmern können, was sie gut können: Unterricht machen, ein Lernangebot anbieten, mit allem, was dafür nötig ist. Im Grunde genommen müsste alles, was in der Schule eingesetzt wird, um eine gute Lernatmosphäre zu bereiten, dafür auch genutzt werden dürfen. Es geht um die Bildung unserer Kinder und dafür müssen Freiräume geschaffen werden, damit Lehrende und Lernende innerhalb der Schule alles nutzen können, was sie weiterbringt. Das betrifft im Zweifel ein Video von Lady Gaga genauso wie Goethes Faust.

In den USA gibt es dafür die so genannte „Fair Use“-Regel. Im Rahmen des Unterrichts oder im Rahmen von Lernprozessen dürfen auch urheberrechtlich geschützte Materialien eingesetzt werden, wenn sie keine kommerziellen Interessen verfolgen. Dort ist es möglich, ein Musikstück unter ein Video zu legen, was der Schüler im Unterricht gedreht hat.

Online-Redaktion: Wer verbreitet und fördert den Einsatz freier Lehr- und Lernmaterialien in Deutschland? Welche OER-Initiativen, Plattformen und Projekte gibt es hierzulande?

Schaumburg: Es gibt sehr gute Tauschbörsen, zum Beispiel zum.de, die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e.V. Sie haben viele ihrer Materialien in ihren Wikis unter CC-Lizenz gestellt. Sie sind sehr aktiv und unterstützen die OER-Bewegung. Eine zweite größere Instanz mit Schwerpunkt auf OER ist edutags.de, eine Kooperation der Universität Duisburg-Essen mit dem Deutschen Bildungsserver. Sie sammeln das Material nicht zentral, sondern bieten stattdessen eine Liste an, die über Schlagworte, so genannte „Tags“, aufführt, wo sich überall offene Bildungsmaterialien befinden. Das sind zwei Projekte, die zurzeit eine ganz vielversprechende Lösung gefunden haben. Menschen, die am Thema OER arbeiten, treffen sich auf verschiedenen Veranstaltungen, zum Beispiel dem OERcamp, das im letzten Herbst zum ersten Mal stattgefunden hat. Im September findet es in Berlin statt. Auf dieser Tagung gibt es Vorträge zum Thema „Freie Bildungsmaterialien in Deutschland“, aber auch Workshops, in denen aktiv Material erstellt und bearbeitet wird.

Online-Redaktion: Wie sollte der Einsatz von OER an Schulen in Zukunft gefördert werden?

Schaumburg: Es geht nicht in erster Linie darum, einfach nur mehr Geld zu investieren. Wir brauchen vielmehr eine Informationskampagne, damit Lehrende verstärkt darauf achten, Material zu erstellen, mit dem es lizenzrechtlich keine Probleme gibt und das sie weitergeben können. Dazu wäre es zum Beispiel denkbar, dass Schulen erklären müssen, wie sie mit Material umgehen, welches für den Unterricht erstellt wird. Begleitend kann dann über die verschiedenen Lizenzmodelle informiert werden. Auch haben Schulen einen gewissen Schulbuchetat, den sie selbst dann ausgeben, wenn sie gar keine Bücher mehr brauchen. Wenn man das Geld in Tablets oder WLAN-Stationen investieren würde, hätte man auch schon viel erreicht. Stattdessen geht das ganze Geld, das jedes Jahr in Deutschland an Lehr- und Lernmaterialien ausgegeben wird, komplett an die Verlage.

Ich würde es begrüßen, wenn die Verlage die Aufgabe übernehmen würden, ihre Kompetenzen zu bündeln und sich um die sinnvolle Zusammenstellung von Material zu kümmern, das weitergegeben werden darf. Das darf dann auch ruhig etwas kosten. Denn für meinen Unterstufenunterricht im Fach Chemie beispielsweise könnte ich komplett auf Schulbücher verzichten. Wir haben im Kollegium 300 Seiten selbst erstellt - da benötigen wir theoretisch gar kein Schulbuch mehr.

Denkbar wäre es auch, dass Schulen Entlastungsstunden angeboten werden, die an Lehrende verteilt werden, die eine erfolgreiche Unterrichtsreihe dokumentieren und dann veröffentlichen – als CC-lizenziertes Material. Wenn solch ein Vorgehen über die Landesregierungen koordiniert und gefördert werden würde, hätte jedes Bundesland innerhalb von zwei Jahren eine umfassende Materialsammlung aller relevanten Themen für den schulischen Alltag. Und als OER würde es allen zur Verfügung stehen.

Ich versuche OER immer aus der Perspektive zu beleuchten, dass es einen Kulturwandel gibt, der darüber hinausgeht, dass Schule einfach nur digitalisiert wird, sondern dass es gesellschaftliche Umbrüche gibt, die Fragen aufwerfen, wie: Wie gehen wir mit Informationen um, wie gehen wir mit der Beschränktheit von Information in Schule um, aber auch, wie ändert sich Schule. Denn das Problem ist nicht das Lernmaterial, sondern vielmehr das Setting.


Felix Schaumburg
ist Lehrer für Sozialwissenschaften und Chemie an einer Gesamtschule in Wuppertal. Seine Berufung bringt es mit sich, dass er sich täglich über die digitalen Auswirkungen auf das System ‘Schule’ Gedanken macht. In seinem Blog www.edushift.de werden diese formuliert und führen zu den Überlegungen zum Leitmedienwechsel oder die digitale Schultasche. Auf Twitter und App.net kann man ihm unter @schb folgen.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 06.06.2013
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