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13. 05. 2013

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Freie Lernmaterialien auffindbar machen“

Den Bildungsservern kommt eine zentrale Aufgabe beim Einsatz freier Lernmaterialien zu

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Lothar Palm

Freie Lernmaterialien sind wiederverwendbar und editierbar, man kann sie umgestalten und weitergeben. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Lothar Palm, Koordinator der Bildungssuchmaschine „learn:line“ des Schulministeriums in Nordrhein-Westfalen, über die Vorteile freier Lernmaterialien und die Aufgabe der Landesbildungsserver bei einem verstärkten Einsatz dieser Materialien in Deutschland.


Online-Redaktion:
Was sind „Freie Lernmaterialien“, und welche Vorteile haben sie?

Palm: Der Begriff „frei“ beinhaltet zwei ganz wesentliche Komponenten. Zum einen bezieht er sich auf die „Kostenfreiheit“, d.h. wenn Lernmaterialien und der Zugang zu den Materialien offen gestaltet werden, ergibt sich daraus eine Kostenfreiheit für die Nutzer. Zum anderen ist der „freie“ Umgang mit den Lernmaterialien gemeint. Freie Lernmaterialien dürfen wiederverwendet werden und sollten editierbar sein, man kann sie also umgestalten und weitergeben. Dies sind zugleich ganz elementare Vorteile von freien Lernmaterialien.

Online-Redaktion:
Gibt es auch Nachteile?

Palm: Wie bei jedem Lernmaterial stellt sich auch bei den freien Lernmaterialien die Frage nach der Qualität. Wie man Qualität bei freien Lernmaterialien sichern kann, ist eine ganz zentrale und immer wieder diskutierte Frage. Zum einen müssen sie sachlich richtig, zum anderen aber auch auffindbar sein. Genau das ist zum aktuellen Zeitpunkt durchaus ein Nachteil. Zurzeit findet man sie an den unterschiedlichsten Orten der digitalen Welt. Wer sich mit Suchmaschinen auskennt und die richtigen Adressen weiß, findet sie, andere haben sehr große Probleme, die entsprechenden Materialien aufzuspüren.

Online-Redaktion:
Inwiefern sollte der Einsatz freier Lernmaterialien in Deutschland mehr gefördert werden?

Palm:
Um die Vielfalt der freien Materialien in irgendeiner Form auffindbar zu machen, muss eine zentrale Suchstruktur geschaffen werden. Dafür müssen Gelder bereit gestellt werden. Und nur weil die freien Lernmaterialien zur kostenfreien Verfügung im Internet stehen, bedeutet das nicht, dass sie in ihrer Erstellung kostenfrei sind. D.h. es müssen eventuell auch Gelder für die Erstellung der Materialien bereit gestellt werden.

Online-Redaktion: Welche Aufgabe sehen Sie dabei bei den Bildungsservern?

Palm:
Eine ganz zentrale. Sie werden für das Auffindbarmachen der Lernmaterialien  zuständig sein, genauso wie sie zur Qualitätssicherung beitragen. Sie müssen die Materialien strukturieren, inhaltlich prüfen, und – ganz wesentlich – auch als frei kennzeichnen. Das ist ein kommunikativer Prozess, der sehr viel Arbeit mit sich bringt. Dazu muss man mit Anbietern in Kontakt treten und sie darüber aufklären, warum es sinnvoll ist, ihr Material als freies Bildungsmaterial anzubieten. Außerdem muss Aufklärungsarbeit hinsichtlich der rechtlichen Verwendbarkeit geleistet werden. Die Nutzer müssen wissen, wie man mit freien Lernmaterialien umgeht. Auch müssen die Materialien didaktisch aufbereitet sein, eine Kompetenzorientierung enthalten, einen Bezug zu den Lehrplänen haben etc.. Alles das ist Aufgabe der Bildungsserver. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat 2012 einen Beschluss gefasst, in dem sie den Bildungsservern ganz explizit diese Aufgaben zuspricht.

Online-Redaktion:
Wie nehmen die Landesbildungsserver diese Herausforderung an?

Palm: Wir tauschen uns im Rahmen des Deutschen Bildungsservers und auf regelmäßigen Treffen der Landesbildungsserver sehr intensiv darüber aus. Auch versuchen wir unter der Beteiligung des Deutschen Bildungsservers einen einheitlichen Standard zu schaffen, der es uns ermöglicht, die didaktische Aufbereitung, also die beschreibenden didaktischen Hinweise zu den freien Bildungsmaterialien, die von den Landesbildungsservern erschlossen werden, untereinander auszutauschen. Wenn alle Landesbildungsserver gemeinschaftlich arbeiten, können wir insgesamt wesentlich mehr Materialien erschließen. Auch wird es mit einer klaren Strukturierung für die Lehrerinnen und Lehrer einfacher sein, die Materialien im Unterrichtskontext einzubinden.

Online-Redaktion: Gibt es Bildungsserver, die bereits gezielt freies Lernmaterial anbieten?

Palm: Nach meinem Wissensstand gibt es einen Landesbildungsserver in Deutschland, der dies seit langem schon sehr gezielt tut, in dem er die eigens erstellten Materialien unter die entsprechende CC-Lizenz setzt, die eine Weiterverarbeitung und ein Weitergeben der Materialien erlaubt. Das ist der Landesbildungsserver von Sachsen-Anhalt. Sie machen sehr gute Erfahrungen und haben bei den Lehrerinnen und Lehrern vor Ort schon ein Bewusstsein dafür geschaffen, wie mit dem Material umzugehen ist.

Online-Redaktion: Halten Sie die modular aufgebauten Creative Commons-Lizenzen (CC) für geeignet für freie Lern- und Übungsmaterialien?

Palm:
CC hat einen großen Vorteil: es ist verständlich. Wenn ich einem Lernobjekt eine CC-Lizenz mitgebe, dann bekomme ich drei, vier verständliche Aussagen. Das erleichtert Lehrerinnen und Lehrern die Arbeit mit freien Lernmaterialien. Auch sind sie inhaltlich so ausgerichtet, dass sie dem OER-Gedanken entsprechen, insbesondere die Lizenzen CC-BY und CC-BY-SA, also die Weitergabe mit Namensnennung und gegebenenfalls noch unter gleichen Bedingungen.

Online-Redaktion: Ist die pädagogische Arbeit mit freien digitalen Lernmaterialien für Kinder und Jugendliche sinnvoller als die Arbeit mit Schulbüchern?

Palm: Für mich ist das immer eine Ergänzung zu dem anderem. Schulbücher werden über kurz oder lang nicht ersetzt werden, weil sie einen bestimmten Zeitraum abdecken, in der Regel ein oder zwei Schuljahre. Hinzu kommt, dass sie durch ein gezieltes Zertifizierungsverfahren auch den Bildungsstandards eines jedes Bundeslandes entsprechen. Aber die freien Lernmaterialien sind aus meiner Sicht das zentrale Element, um das Schulbuch zu ergänzen, sei es hinsichtlich der Aktualität, sei es hinsichtlich der Anforderungen, die Schule vor Ort aktuell bewältigen muss. Hier ist das Beispiel Inklusion zu nennen. In der Möglichkeit, einer heterogenen Lerngruppe unterschiedliche Unterrichtsinhalte und Lernmethoden anbieten zu können, sehe ich ein ganz großes Potenzial von freien Lernmaterialien.

Online-Redaktion: Wie kann bei einer verstärkten Nutzung und Einbeziehung von OER („Open Educational Resources“) in den Unterricht die Qualität der Beiträge gemäß der Richtlinien, Lehrpläne, Unterrichtsvorgaben etc. sichergestellt werden?

Palm: Das ist eine elementare Frage. Aus Sicht der learn:line NRW gibt es wesentliche Ansätze, wie Qualität gesichert werden kann. Der erste ist, sehr genau darauf zu achten, welche Anbieter wir erschließen. Wir schränken den Pool der durchsuchten Anbieter durch eine gezielte Auswahl von vorneherein ein. Qualitätsanbieter sind zum Beispiel Universitäten. Universitäten erstellen mit pädagogischem Fachpersonal nach neuesten pädagogischen, didaktischen, methodischen Grundsätzen Unterrichtsmaterialien. Wenn diese unter Creative Commons-Lizenzen stehen, die dem OER-Gedanken entsprechen, also beispielsweise CC-BY, kann man davon ausgehen, dass es sich hier um fachlich richtige Unterrichtsmaterialien handelt. Wir sprechen alle Universitäten an, die Materialien im Laufe der Zeit erstellt haben, und fragen sie, ob wir diese Materialien als freie Lernmaterialien anbieten können. Man kann Material nicht einfach so wiederverwenden, nur weil es digital ist. Aber wenn wir garantieren, dass man die Materialien, die wir anbieten, bearbeiten, editieren und umbauen darf, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Zusätzlich müssen wir natürlich bei den Lehrkräften über die Lehrerfortbildung hinaus Aufklärungsarbeit leisten und ein Bewusstsein für den Umgang mit freien Lernmaterialien wecken.

Der zweite Ansatz, den wir verfolgen, ist, einen Rückkopplungskanal in Form eines klassischen Bewertungssystems oder in Form einer aktiven Kommentierung bereit zu stellen, der es dem Nutzer möglich macht, das Material zu bewerten und zu kommentieren. Auch sollen Lehrer Zusätze zu bestimmten Materialien in Form von kleinen Stichworten machen können, um hinterher eine leichtere Auffindbarkeit zu ermöglichen. Das wäre im Grunde ein zusätzliches „Tagging“. Bei dem Material steht dann zum Beispiel noch „inklusionsgeeignet“ dabei. Damit wird es hinterher auch in einem anderen Kontext auffindbar und unter einem anderen Qualitätskriterium sichtbar gemacht. Auch müssen wir jederzeit die Möglichkeit haben – wenn Material nicht unseren gestellten Qualitätskriterien entspricht –, es aus dieser zentralen Recherche wieder herauszunehmen.

Die letzte Form der Qualitätssicherung ist in den „Open Educational Resources“ schon selbst enthalten. Wenn Material auch wiederverwendbar, editierbar sein soll, dann kann es Bestandteil eines neuen Materials werden, was durchaus besser sein kann, im Sinne von Wikipedia. Man hat ein Ursprungsmaterial mit wenig Inhalten, mit wenig Querverweisen, und das wächst im Laufe der Zeit und wird qualitativ immer besser und ausdifferenzierter. Diese Formen sind durch die Lizenzform, die OER mitgibt, durchaus möglich.

Online-Redaktion:
Welchen Stellenwert hat das Thema „Freie Lernmaterialien“ bei learn:line NRW?

Palm:
Einen sehr großen! In Nordrhein-Westfalen hat das Thema „Freie Lernmaterialien“ eine sehr große politische Öffentlichkeit erfahren, weil es eine Sitzung im Landtag des Schulausschusses gab, in der das Thema auf der Agenda stand und Vertreter unseres Hauses auch eingeladen waren. Die politische Öffentlichkeit hat in NRW dazu geführt, dass ein Bewusstsein geweckt wurde, aber auch dass Gelder in die Hand genommen werden, um die learn:line weiter zu entwickeln. Unser Ziel ist es jetzt, u.a. eine gezielte Recherche nach Materialien, die dem OER-Gedanken entsprechen, über eine Lizenzfilterung möglich zu machen. Wir erschließen bereits gezielt Materialien mit CC-Lizenzen und sprechen diese mit den anderen Landesbildungsservern ab. Wir – alle Landesbildungsserver – planen im Mai 2013 ein zentrales Lizenzraster zu verabschieden, das in allen Landesbildungsservern implementiert werden soll. Dann wäre der Austausch gewährt und eine gezielte Suche nach OER-Materialien überall möglich.




Lothar Palm ist Lehrer für Biologie, Sport und Informatik und seit vier Jahren zur Medienberatung NRW abgeordnet. Seit zweieinhalb Jahren ist er für die Konzeptionierung und den Umbau der (neuen!) learn:line NRW koordinierend zuständig.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 13.05.2013
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