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07. 02. 2013

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Wir entwickeln Kitas und Schulen zu resilienzförderlichen Institutionen“

Programme zur Resilienzförderung am ZfKJ

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Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff

Selbst in existenziell schwierigen Situationen entwickeln sich einige Kinder gut, während andere sehr unter den Belastungen leiden. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit dem Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg (ZfKJ), Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff, über Resilienz, die seelische Widerstandskraft von Menschen und seine Programme zur Förderung von Resilienz bei Vor- und Grundschulkindern.


Online-Redaktion: Was versteht man unter Resilienz?

Fröhlich-Gildhoff: Resilienz ist die seelische Widerstandskraft von Menschen, also die Fähigkeit, mit Krisen, Belastungen und schwerwiegenden Situationen so umzugehen, dass man sich psychisch stabil daraus entwickeln kann.

Online-Redaktion:
Wie kommt es, dass einige Menschen resilient sind, andere nicht?

Fröhlich-Gildhoff: Das hängt in erster Linie mit ihrer Lebenserfahrung zusammen und damit, welche Schutzfaktoren vorhanden sind. Der wichtigste Schutzfaktor und Aspekt für die Herausbildung von Resilienz ist die Erfahrung, dass man jemanden hat, zu dem man eine emotional tragfähige stabile Beziehung hat aufbauen können. Jemand, der an einen glaubt, einen unterstützt, Fehler verzeiht und Anregungen gibt. Im besten Fall sind das die primären Bezugspersonen, im späteren Leben können das aber auch andere Menschen, Erzieher/innen, Pädagog/innen, Lehrer/innen, sein. Darüber hinaus gibt es auf der personalen Ebene, also was das Kind bzw. der Mensch selber zur Bewältigung von Krisen mitbringt, sechs wesentliche Schutzfaktoren, die Resilienz in kritischen Situationen ausmachen: Eine angemessene Fremd- und Selbstwahrnehmung, die Fähigkeit der Selbststeuerung, soziale Kompetenzen, eine positive Selbstwirksamkeitsüberzeugung, ein angemessener Umgang mit Stress und Problemlösungskompetenz.

Online-Redaktion:
Welches sind die Ziele der Resilienzforschung am Zentrum für Kinder- und Jugendforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg?

Fröhlich-Gildhoff: Wir versuchen, die Ergebnisse der Grundlagenforschung zur Resilienz, die sich schon seit etwa fünfzig Jahren, seit den ersten Studien von Emmy Werner zunehmend verbreitert hat, und die Erkenntnisse der Schutzfaktorenforschung in die Praxis umzusetzen. D.h. wir unterstützen Kindertageseinrichtungen und Schulen in ihrer Entwicklung zu resilienzförderlichen Institutionen. Dazu arbeiten wir im Setting-Ansatz: Wir beziehen die gesamte Lebenswelt innerhalb der Institution mit ein, qualifizieren die pädagogischen Fachkräfte und versuchen die Schutzfaktoren der Kinder und der Eltern zu stärken. Dafür haben wir entsprechende Programme entwickelt, die wir evaluieren.

Online-Redaktion:
Wie fördert man Resilienz bei Vorschulkindern in Kitas?

Fröhlich-Gildhoff: Man muss zwei Ebenen unterscheiden. Zum einen muss man versuchen, im pädagogischen Alltag, im Kontakt mit dem Kind diese Faktoren zu stärken, indem man das Kind auf seine eigenen Erfolge hinweist, auf die Ressourcen des Kindes achtet und versucht, keine defizitorientierte Sichtweise oder Bewertungskultur zu etablieren. Auf einer zweiten Ebene setzen wir Programme um, die wir zur Resilienzförderung in Kindertageseinrichtungen und dann auch im weitergehenden Spiralcurriculum für die Grundschule Klasse 1 bis 4 entwickelt haben. Hier werden die Resilienzfaktoren auf eine spielerische Art und Weise mit Liedern, Spielen und entsprechender Reflexion gestärkt. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn es darum geht, die eigenen Gefühle kennenzulernen, dann wird über die Gefühle gesprochen. Dafür gibt es eine Gefühlsuhr, auf der unterschiedliche Gesichtsausdrücke mit unterschiedlichen Gefühlen abgebildet sind. Das Kind kann zeigen, was es empfindet, und man kann sich darüber unterhalten. Oder man entwickelt mit jedem Kind zusammen ein so genanntes Stärkenbuch, in das das Kind selber malt oder schreibt, was es gut kann, in dem aber auch andere – die Oma, die Erzieherin, der Freund – festhalten, was die Stärken des Kindes ausmachen. Wir qualifizieren die pädagogischen Kräfte, in dieser Weise mit den Kindern umzugehen und die Programme umzusetzen, aber auch im Alltag Programmelemente einzusetzen und eine stärkenorientierte Haltung einzunehmen. Da wir sehr viele Nachfragen haben, bieten wir jetzt auch Multiplikator/innenschulungen an. Eine zur Multiplikatorin geschulte Kitaleiterin zum Beispiel ist dann dazu in der Lage, das Programm an andere weiterzugeben.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die Einbeziehung der Eltern?

Fröhlich-Gildhoff: Wir gehen grundsätzlich vom Mehrebenenansatz aus, weil die Präventionsforschung sehr deutliche Hinweise liefert, dass die Programme wirkungsvoller sind, wenn sie auf allen Ebenen, der Ebene der pädagogischen Fachkräfte, der Kinder, aber eben auch der Eltern, ansetzen. Und so gibt es Informationsveranstaltungen und Beratungen für Eltern sowie Elternkurse, in denen genau nach diesem Prinzip der Ressourcenorientierung versucht wird, die Eltern in ihrer Rolle und in ihren Erziehungskompetenzen zu stärken.

Online-Redaktion: Welche Erfolge verzeichnen Ihre Programme?

Fröhlich-Gildhoff: Auf der Ebene der Kinder kann man sehr gut beobachten, dass sich ihr Selbstwert verbessert, sie sind angstfreier. Nach unseren standardisierten Testverfahren zeigen sie weniger zurückgezogenes, mehr prosoziales Verhalten, und interessanterweise haben wir in den Kindertagesstätten sehr deutlich nachweisen können, dass sich auch im Vergleich zur Kontrollgruppe die Intelligenzbestwerte verbessert haben. Die Stärken der emotionalen Kompetenz wirken sich deutlich auf die kognitive Kompetenz aus. Auch hat sich der Blick der Eltern auf ihr Kind ein Stück weit verändert. Im Zusammenhang mit den Elternkursen hat sich die Zahl der Eltern, die sich sicherer im Umgang mit ihrem Kind und in ihrer Elternrolle fühlen, verdoppelt. Das gilt auch für die pädagogischen Fachkräfte, die außerdem ausnahmslos betonen, wie gut das Programm für ihr Klima untereinander war.

Online-Redaktion: Ihr aktuellstes Programm ist  „Grundschule macht stark! Resilienzförderung in der Grundschule“. Wie ist das Programm aufgebaut?

Fröhlich-Gildhoff:
Nach dem gleichen Prinzip. Wir arbeiten im Moment mit zehn Grundschulen in Baden-Württemberg zusammen. Die Fachkräfte – die Lehrerinnen und Lehrer sowie die Schulsozialarbeiter/innen – bekommen sechs Fortbildungseinheiten: Die erste umfasst eine Stärkenbilanz der Schule, wo steht sie und wo betreibt sie bereits Resilienzförderung, in der zweiten Einheit geht es um die konkrete Arbeit mit den Kindern. Die dritte Einheit betrifft die Zusammenarbeit mit den Eltern, und die weiteren drei Einheiten richten wir sehr spezifisch nach der jeweiligen Situation der Schule aus. Ein Thema, das viel nachgefragt wird, ist die Lehrer/innengesundheit oder Lehrer/innenresilienz, andere sind beispielsweise Inklusion oder individualisierte Bildungsplanung. Parallel dazu findet im Abstand von vier bis sechs Wochen ein Coaching statt, in dem der Prozess reflektiert wird. Die Lehrer/innen sollen dazu qualifiziert werden, das Programm nach seinem Ablauf alleine weiter zu führen. Dazu gehören Team- und Organisationsentwicklung. Die Schule soll zu einer resilienzförderlichen Institution werden.

Online-Redaktion: Welche Fortschritte können Sie beobachten?

Fröhlich-Gildhoff: Wenn eine Schule sich auf den Weg gemacht hat, sind eigentlich recht schnell Fortschritte zu erzielen. Wir bekommen sehr positive Rückmeldungen darüber, dass sich das Klima in der Klasse verändert, dass die Lehrerinnen und Lehrer eine andere Sicht auf die Schüler/innen bekommen und dass sich auch die Stimmung im Team ändert. Wenn ich auf die Stärken der Schüler schaue, fallen mir auch die Stärken meiner Kolleginnen und Kollegen auf. Das ist ein Prozess, der sich fortsetzt. Das sind ganz banale, einfache Beispiele, etwa dass Lehrer auf einmal in Klassenbücher schreiben, was die Schüler gut gemacht haben, während früher immer nur Angaben zum Fehlverhalten festgehalten wurden. Wir führen in den Schulen neben den Notenlisten auch Loblisten ein. Lehrer sollen aufschreiben, wie oft sie welchen Schüler loben, das ist eine gute Form der Selbstkontrolle. Die Lehrer müssen erst verinnerlichen, mehr auf die Stärken der Kinder zu achten als auf ihre Defizite, weil der Blick auf das Kind immer ein anderer war. Das ist noch wichtiger als das Umsetzen des Programms!

Auf der Ebene der Kinder haben wir in einem Vorprojekt mit ca. 300 Kindern, ebenso wie an den Kitas, mit standardisierten Tests festgestellt, dass sich sowohl ihr Selbstwert als auch ihr Verhalten verbessert haben. Aggressives Verhalten ist einem mehr prosozialen Verhalten gewichen, auch ist ein leichter Anstieg der kognitiven Kompetenz der Kinder zu verzeichnen. Endgültige Ergebnisse sind nach den Untersuchungen in der zweiten Projekthälfte (das Projekt geht noch bis Juli 2014) zu erwarten.

Online-Redaktion: Welche Programme planen Sie für die Zukunft?

Fröhlich-Gildhoff: Wir haben in den Kindertagesstätten angefangen, hatten dann eine große Nachfrage im Bereich der Grundschulen, und jetzt ist das Interesse der weiterführenden Schulen da. Hier machen wir erste Erprobungen. Aber das braucht Zeit, wir müssen die Programme systematisch und langsam weiterentwickeln, wir brauchen auch die Rückmeldungen von den Lehrerinnen und Lehrern darüber, was geht und was nicht und was sich auch im schulischen Alltag gut umsetzen lässt. Dem nähern wir uns so langsam. Wir führen zurzeit einen Probedurchgang an zwei Modellschulen durch, und wenn der entwickelt und evaluiert ist, werden wir weitersehen.


Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff, Jg. 1956, ist hauptamtlicher Dozent für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Approbation als Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung an der EH Freiburg; Forschung im Bereich Jugendhilfe, Pädagogik der Frühen Kindheit, Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen (www.zfkj.de).


Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.02.2013
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