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14. 10. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Weiterbildung auf Skatkarten

Pro Qualifizierung geht in der Aus- und Weiterbildung neue Wege

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Logo von Pro Qualifizierung

"Es war eine mittlere Katastrophe in Sicht", erinnert sich Wolfgang Fehl, Leiter von Pro Qualifizierung, an das Gründungsjahr des Projekts 1989. Damals hatte jeder dritte Jugendliche in Köln einen ausländischen Pass, aber nur jeder 25. aller Jugendlichen mit Ausbildungsvertrag war ausländischer Herkunft. Diese besser in die berufliche Ausbildung zu integrieren, schrieb sich damals die Beratungsstelle zur Qualifizierung ausländischer Nachwuchskräfte (BQN), der geistige Vorgänger von Pro Qualifizierung, auf die Fahnen. Das Gemeinschaftsprojekt der IHK und der Handwerkskammer zu Köln, das auch vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales unterstützt wird, wollte aber keine neuen bunten Faltblätter für den Altpapiercontainer produzieren, sondern direkt zu den Jugendlichen vordringen. Lehrer, Vereine und Azubis dienten als Multiplikatoren und informierten Eltern und Jugendliche über die berufliche Ausbildung. Die Kölner Initiative organisierte über 50 Elternabende und sensibilisierte gleichzeitig tausend deutsche Ausbilder pro Jahr für die kulturellen und sozialen Hintergründe der ausländischen Jugendlichen. Das Ergebnis dieser Bemühungen kann sich sehen lassen: Von 1989 bis 1995 stieg der Anteil der ausländischen Jugendlichen in der beruflichen Ausbildung in Köln von 4% auf 18%.

"Doch was ist mit uns?"

Für eine andere Gruppe von Migranten sieht der Arbeitsmarkt noch viel düsterer aus als für die Jugendlichen selbst: Nämlich für ihre Eltern, die im beruflichen Abseits stehen. Diese konfrontierten die Mitarbeiter von Pro Qualifizierung auf Veranstaltungen mit der immer gleichen Frage: "Das mit unseren Kindern haben wir verstanden. Aber was ist mit uns?". Tatsächlich sind 77% der Arbeitslosen ohne Berufsausbildung Ausländer. Viel zu wenige Migranten nehmen zudem an Weiterbildungsmaßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit (BA) teil - geringe Kenntnisse in der Fachsprache Deutsch und mangelnde Information sind die Hauptgründe. Grund genug für das Kölner Projekt, sich in einer zweiten Phase dieser Gruppe anzunehmen. Das Ziel der Kampagne "Information durch Kooperation" ist vor allem, ausländische Arbeitnehmer mit Weiterbildung gegen die drohende Arbeitslosigkeit zu wappnen. Pro Qualifizierung, seit 1997 ein bundesweites Pilotprojekt und seit diesem Jahr bundesweite Koordinierungsstelle, baute ein Netzwerk auf, in dem nicht nur das Arbeitsamt, sondern auch die türkischen, italienischen und griechischen Konsulate integriert wurden. "Denn ohne Kooperation mit den Heimatländern funktioniert es nicht", erklärt Wolfgang Fehl. Unkonventionell lockte Pro Qualifizierung ältere ausländische Arbeitnehmer mit Weiterbildungsangeboten. Während der Fußball-WM 1998 nutzte man die Halbzeitpause in italienischen Kneipen, um in einem Spot zur Weiterbildung aufzurufen - auf italienisch versteht sich. Plakate mit einer Hotline-Nummer flankierten den Werbefilm. Der Erfolg der Aktion ließ die Hotline - inzwischen auch auf griechisch und türkisch - zu einem festen Bestandteil von Pro Qualifizierung werden. Fünf bis acht Beratungsgespräche pro Termin sind inzwischen zur Norm geworden.

Auf Großveranstaltungen traten auch Prominente wie der ehemalige Trainer Borussia Dortmunds, Nevio Scala, für das Projekt ein und forderten ihre Landsleute auf, Weiterbildungsangebote zu nutzen. Da die deutsche Sprache für ausländische Arbeitnehmer immer noch das größte Hindernis darstellt, sich zu qualifizieren, kooperiert das Kölner Projekt jetzt mit den Automobilkonzernen Ford und Volkswagen. Ein neues Computerprogramm soll Migranten mit der Fachsprache Deutsch vertraut machen.

Verschenktes Potenzial

Der durchschnittliche türkische Unternehmer ist 36 Jahre alt, lebt seit knapp 20 Jahren in Deutschland und ist seit 8 Jahren selbständig. Das ergibt eine Untersuchung des Zentrums für Türkeistudien in Essen. Ausländische Unternehmer - eine Gruppe von Migranten, die langsam aus dem Schatten hervortritt: 281 000 ausländische Firmen gibt es in Deutschland. Eine Million Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt in diesen Unternehmen. Und kaum eines dieser Unternehmen bildet aus. Die Rufe, dieses Potenzial nicht zu verschenken, werden immer lauter. Auf Initiative des Bundesbildungs- und des Bundesarbeitsministeriums entstand im vergangenen Jahr KAUSA, das Partnerprojekt von Pro Qualifizierung. Ein bundesweites Netzwerk für Initiativen und Projekte, die Unternehmer und Unternehmer ausländischer Herkunft beim Einstieg in die Ausbildung unterstützen. Johan van Rens, Direktor des Europäischen Zentrums für die Förderung der Berufsausbildung (CEDEFOP) in Thessaloniki rechnet KAUSA hoch an, einen neuen Akzent gesetzt zu haben. Er hofft, dass KAUSA "vielleicht über Deutschland hinaus in Europa Beachtung und Nachahmer finden wird".

 

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 14.10.2000
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