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25. 05. 2012

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Eine neue Plattform für die Lehrerbildung

„Professional Schools of Education“ wollen die Qualität der Lehrerbildung verbessern

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Dr. Heike Schaumburg

Im Zuge der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge sind an einigen Universitäten „Professional Schools of Education“ (PSE) gegründet worden. Sie bündeln die an der Lehrerbildung beteiligten Fächer und Fakultäten und koordinieren die Lehrerausbildung. Die Online-Redaktion sprach mit Dr. Heike Schaumburg, stellvertretende Direktorin der PSE an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), über die Entstehung der PSE-Berlin im Jahr 2011 sowie über neue Ziele und Chancen für die Lehrerbildung.


Online-Redaktion:
Was genau ist eine „Professional School of Education“?

Schaumburg:
„Professional Schools of Education“ sind eine neue Plattform, mit der die Qualität der Lehrerbildung durch eine bessere Koordination der verschiedenen Beteiligten an den Universitäten, teilweise auch durch Reformen der Studienstruktur, verbessert werden soll. Allen PSEs gemeinsam ist, dass die Lehrerbildung weiterhin an der Universität betrieben werden soll, von ihrer Organisationsstruktur als auch von ihren Zielsetzungen her sind sie aber durchaus unterschiedlich. In München zum Beispiel sind der PSE die lehramtsbezogenen Lehrstühle fest zugeordnet worden. Wir haben uns für eine weichere Lösung entschieden, bei der die fachdidaktischen und erziehungswissenschaftlichen Lehrstühle an ihren Fakultäten bleiben.

Online-Redaktion: Wie ist die PSE an der Humboldt-Universität organisiert?

Schaumburg:
Die „Professional School of Education“ ist ein Zentralinstitut. Sie ist damit den Fakultäten gleichgestellt, verläuft aber quer zu diesen. Die Mitglieder der PSE sind gleichzeitig noch Mitglieder ihrer Fakultäten und bekommen in der PSE eine Zweitmitgliedschaft. An der HU sind alle Fachdidaktikprofessuren bei den jeweiligen Fachwissenschaften angebunden. Dadurch behält man eine Nähe der Fachdidaktik zum Fach, was für die gegenseitige Verständigung und Kommunikation gut ist. Wir haben uns deswegen auch bei der PSE für diese Organisationsform entschieden. Die große Mehrheit des akademischen Personals sowie alle Studierenden des Master of Education sind Zweitmitglieder. Erstmitglieder sind das Personal des ehemaligen Servicezentrums, das zuvor für die administrativen Belange der Lehrerbildung an der HU zuständig war. Außerdem bekommt die PSE eine eigene Geschäftsführung und einen ganzen Stab wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Online-Redaktion: Was hat sich durch die Umstellung auf Bachelor und Master am Lehramtsstudium verändert, und wie wird die PSE Berlin diesem Umstand gerecht?

Schaumburg: Wir hatten vorher ein Lehramtsstudium, das vom ersten Semester an ein Lehramtsstudium war. Im Bachelor- und Mastersystem ist das jetzt anders. Der Bachelor ist ein Kombinationsbachelor, der nur eine Lehramtsoption hat. Erst im Master of Education können die Studierenden sich wirklich in einen Studiengang einschreiben, der nur noch das Profil hat, Lehrer zu werden. Dadurch hat sich auch die ganze Strukturierung des Studienganges verändert. Die Vermittlung der Fachwissenschaft ist an den Anfang gerutscht, also in den Bachelor, während die berufsqualifizierende Ausbildung im zweiten Teil des Studiums, im Master, im Vordergrund steht. Der Großteil der fachdidaktischen Ausbildung findet hier in Berlin also erst im Master of Education statt. Um die Praxisnähe der Ausbildung zu erhöhen, ist zurzeit ein Praxissemester im Gespräch, das die Unterrichtspraktika ersetzen würde und auch noch einmal eine längere Praxisphase in das Studium einbauen würde. Das ist jetzt auch eine Aufgabe der „Professional School of Education“, an der Konzeptentwicklung mitzuarbeiten und sie innerhalb der Universität zu koordinieren.

Online-Redaktion: Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzt die PSE Berlin?

Schaumburg: Die PSE versteht sich nicht nur als eine reine Lehrinstitution, sondern auch als eine Einheit, die die Forschung bündelt. Als langfristige Ziele haben wir uns die Verbesserung der Lehrerausbildung und die bessere Koordinierung der schulbezogenen Forschung in Kooperation mit dem hiesigen interdisziplinären Zentrum für Bildungsforschung an der Universität vorgenommen. Auch wollen wir nicht nur die Ausbildung der Lehrer, sondern auch die Ausbildung der Lehrerbildner vorantreiben. Es fehlen im Lehramt qualifizierte Absolventen, die die Lehrstühle in den Fachdidaktiken besetzen.

Für unsere nächste Legislaturperiode stehen im Bereich Lehre und Forschung zwei Konzepte im Vordergrund. Einmal das forschende Lernen im Studium besser zu implementieren. PSE-Mitarbeiter entwickeln gemeinsam mit Fachdidaktikern Konzepte, wie das Praxissemester dazu genutzt werden kann, nicht nur praktische Erfahrung zu sammeln, sondern auch, wie man sich der Praxis analytisch forschend nähern kann.
Der andere Schwerpunkt, den wir uns gesetzt haben, ist, die Lehrerbildung mit dem Blick auf das Lernen, Unterrichten, Schule machen unter den Bedingungen von Heterogenität zu verbessern. Das ist in Berlin in vielen Schulen ein zentrales Thema, weil die Schülerschaft, sowohl was ihre kulturellen als auch was ihre familiären Hintergründe angeht, ausgesprochen heterogen ist, und damit haben ja auch viele Schulen und viele Lehrer Probleme. Wenn man hier in Berlin Lehrer werden will, muss man sich damit schon im Studium beschäftigt haben. Wir sind dabei, verschiedene Projekte anzustoßen, bzw. bündeln auch Projekte, die es vorher schon gab. Darunter sind z. B. einige, die darauf abzielen, mehr Personen mit Migrationshintergrund an die Universität zu bekommen und für ein Lehrerstudium zu begeistern. Wir glauben, dass es den Schulen in Berlin gut tun würde, wenn sie mehr Lehrer hätten, die selber einen Migrationshintergrund haben. Die Verständigung zwischen den Lehrkräften, den Schülern und auch den Eltern könnte dann weitaus besser funktionieren. Denn wenn zum Teil 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben, 99 Prozent der Lehrer aber keinen, ist die Kommunikation oft schwierig.

Ein dritter großer Schwerpunkt ist die Forschung und Vorbereitung auf den Unterricht mit besonders begabten Kindern. Da haben wir, besonders in der Mathematik, schon diverse Projekte angestoßen, die wir unter dem Dach der PSE bündeln und ausbauen wollen. Aktuell arbeiten wir darüber hinaus im Rahmen einer Kooperation mit der Berliner Senatsverwaltung mit sieben Schulen zusammen, die Klassen für besonders begabte Kinder eingerichtet haben.

Dann bilden wir als einzige Berliner Universität Sonderpädagogen aus. Nach der Ratifizierung der Inklusionsrichtlinien muss Berlin sich überlegen, wie die Schulen dahingehend umgebaut werden, dass Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf an Regelschulen beschult werden können. Hier arbeiten wir an neuen Konzepten für die Lehrerbildung.

Außerdem ist Berlin eines der Bundesländer, das verpflichtend Deutsch als Zweitsprache als Modul anbietet. Wir sind der Meinung, dass das Fach nicht nur für sich stehen darf und mehr mit den Fachdidaktiken verknüpft werden muss. Alle Fächer müssen dazu genutzt werden, Sprachkenntnisse zu vermitteln bzw. auch darauf zu reagieren, dass die Schüler die sprachlichen Voraussetzungen erst erwerben müssen, um den Fachunterricht zu bewältigen.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit Partnerschul-Kollegs?

Schaumburg:
Für die Lehrerbildung ist es elementar, dass es eine gute Kooperation mit der Schulpraxis gibt, damit das universitäre Studium nicht vollkommen an den Schulen vorbei läuft. Wir haben ja immer schon Praxisphasen während des Studiums gehabt, mit den Praxissemestern wird das jetzt noch einmal ausgebaut. Das Ganze kann aber nur zum Erfolg führen, wenn die Universität mit den Schulen eng kooperiert.
Eine gute Kooperation wäre dadurch gekennzeichnet, dass die Schulen unsere Studierenden in den Praxisphasen betreuen und bei ihren ersten Unterrichtsversuchen unterstützen, ihnen Rückmeldungen geben, mit denen sie vor dem Hintergrund dessen, was sie an der Universität gelernt haben, etwas anfangen können. Und dass sie an den Schulen nicht zu hören bekommen, jetzt vergesst einmal alles, was ihr an der Akademie gelernt habt, und das wahre Leben sieht anders aus. Dafür ist eine Verständigung mit den Schulen notwendig. Unser Ziel ist es, Schulpartnerschaften oder ein Netzwerk von Partnerschulen aufzubauen, mit denen wir regelmäßig in Kommunikation stehen und die wissen, was wir an der Uni vermitteln, die auch Angebote von der Universität bekommen, z.B. für Lehrerfortbildungen, Mentorenschulungen usw., die aber auch uns als Ausbilder zurückmelden, was in der Praxis gebraucht wird.

Online-Redaktion: Welche Vorteile bietet die PSE gegenüber der Form, wie Lehrerbildung vorher organisiert war?

Schaumburg:
Es ist gut, dass es jetzt eine gemeinsame Plattform gibt, auf der die verschiedenen Akteure der Universität, die Lehrerbildungsstudiengänge anbieten und gestalten, ins Gespräch kommen, sich besser koordinieren und über die Inhalte ihrer Fächer informieren können. Eine zentrale Studienplanung sowie eine Förderung und Vernetzung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist jetzt leichter möglich.

Auch merken wir jetzt, dass vorher ein Ansprechpartner gefehlt hat. Wir bekommen sehr viele Anfragen von außen, von der Senatsverwaltung, von Schulen und anderen. Vorher mussten sie sich mühselig durcharbeiten, bis sie bei der Fachdidaktik den richtigen Ansprechpartner gefunden haben. Jetzt, wo wir eine Einheit bilden, die auch nach außen sichtbar ist, wird es für Institutionen, die von außen auf die Uni zutreten, wesentlich einfacher, eine Vernetzung mit der Universität und ihrer Lehrerbildung herzustellen.


Dr. Heike Schaumburg
, Studium der Psychologie in Osnabrück und Berlin. 2003 Promotion zum Dr. phil. Seit September 2003 wissenschaftliche Assistentin am Institut für Erziehungswissenschaft (Abteilung Systematische Didaktik und Unterrichtsforschung) an der Humboldt Universität zu Berlin.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 25.05.2012
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