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14. 10. 2010

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Der ewige Grundschulstreit

Für und wider sechs Jahre Primarschule

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Vier oder sechs Jahre gemeinsam lernen

Im Westen gibt es sie noch nicht, in Hamburg ist sie spektakulär durch einen Volksentscheid gescheitert, während sie in einigen östlichen Bundesländern und in Berlin schon lange Realität ist: die sechsjährige Grundschule. Wie immer, wenn es in Deutschland um Bildungsreformen geht, scheiden sich die Geister: die einen halten eine Verlängerung der gemeinsamen Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre für sinnlos oder pädagogisch schädlich; die anderen sehen in ihr einen dringend notwendigen Schritt, um die ihrer Überzeugung nach soziale Selektion im deutschen Schulsystem abzumildern. Worin bestehen eigentlich die Vor- und Nachteile einer längeren Grundschulzeit?

Heftige Debatten um zwei weitere Jahre gemeinsamen Lernens
Auf den ersten Blick wirkt die Heftigkeit der Debatten in Deutschland, ob die Grundschulzeit in einzelnen Bundesländern von vier auf sechs Jahre verlängert werden sollte, emotional übertrieben und sachlich unverständlich. Es geht schließlich nur um zwei weitere Jahre gemeinsamen Lernens, was weltweit Standard ist. Außer in Deutschland und im benachbarten Österreich werden in keiner einzigen Industrienation der Welt Kinder bereits nach vier Grundschuljahren auf verschiedene weiterführende Schulformen aufgeteilt. Meistens sind es sechs, manchmal wie beim PISA-Spitzenreiter Finnland sogar neun gemeinsame Schuljahre. Zudem wagen nur die verwegensten Reformprojekte eine Abschaffung des bei Eltern und Schülern so beliebten Gymnasiums, das über eine starke politische und organisatorische Lobby verfügt. Tatsächlich bleibt diese 1810 gegründete höhere Bildungsanstalt in allen Bundesländern als solche bestehen.

Die Idee einer landesweiten Verlängerung auf sechs Grundschuljahre war schon in der Reichsschulkonferenz von 1920 nach erbitterten Debatten gescheitert, nachdem erst die Weimarer Reichsverfassung von 1919 die vierjährige gemeinsame Schulzeit festgeschrieben hatte. Seit dem Grundgesetz von 1949 ist Kultur Ländersache. Der Bund hat insofern so gut wie keine Weisungsbefugnis mehr, was durch die letzte Föderalismusreform noch verstärkt wurde. Deshalb existieren in Deutschland je nach Bundesland seit Kriegsende zahlreiche weiterführende Schulformen: vom Gymnasium über die Real- und Hauptschule bis zu Gesamtschulen, Stadtteilschulen, Oberschulen, Regelschulen, Sonderschulen etc. Allein die Grundschule ist in ihrer Form die einzige Bildungsinstitution, die so gut wie alle Kinder gleich welcher Schicht durchlaufen müssen. Nirgendwo sonst an deutschen Schulen geht es während der Schulbildung so heterogen zu wie im Primarstufenunterricht. Hier sitzen Kinder arbeitsloser Eltern neben Sprösslingen von hoch bezahlten Managern, lernen Jungen und Mädchen mit Migrationshintergrund gemeinsam mit Kindern von Professoren und Beamten.

Viele Länder, viele Schulformen
Sechsjährige Grundschulen gibt es bisher nur in Berlin und Brandenburg, wo allerdings auch Gymnasien ab der 5. Klasse und Schulversuche mit Schnellläuferklassen zu finden sind. Einen Sonderfall bildet Mecklenburg-Vorpommern. Hier wurde 2006 eine verbindliche Orientierungsstufe eingeführt, die für die Klassen fünf bis sechs gilt und schulartenunabhängig ist. In der Regel beginnen dort die Gymnasien erst mit Klasse sieben. Nur einige Sport- und Musikgymnasien können auf Antrag spezielle Orientierungsklassen der Klassen fünf bis sechs direkt an ihrer Schule einrichten. Auch Hessen bietet vor dem Besuch der weiterführenden Schulen schon seit langem Orientierungsstufen in vielfältiger Form an. Hamburg und das Saarland diskutierten heftig, doch scheiterten letztlich beide Versuche, die Grundschulzeit auf sechs bzw. fünf Jahre zu verlängern: in Hamburg im Juli dieses Jahres am Bürgervotum, im Saarland im September am Widerstand der SPD.

Mögliche Vorteile einer verlängerten Grundschulzeit
Trotzdem liegen für die Befürworter einer längeren Grundschulzeit die Vorteile auf der Hand. Zunächst einmal helfe sie, eine entscheidende Schwachstelle im deutschen Bildungssystem zu verbessern: die sozialgruppenspezifische Bildungsungerechtigkeit. Einige wissenschaftliche Studien, der Bericht des damaligen UN-Sonderichterstatters für das Menschenrecht auf Bildung, Vernor Muñoz, sowie einzelne Analysen der Ergebnisse von PISA (Sekundarstufe I und II) und IGLU (Grundschule) wollen belegen, dass das deutsche Bildungssystem die Kinder zu früh und dabei sozial ungerecht in Gymnasien und andere Schulformen aufteilt. Zudem werde in dreigliedrigen Schulsystemen nicht für genügend Durchlässigkeit gesorgt. Wer einmal auf dem Gymnasium gelandet ist, bleibt dort in der Regel, wer in der Hauptschule sitzt, wechselt nur schwer aufs Gymnasium. Kinder aus bildungsnahen und solventen Familien haben es einfacher, das Abitur zu erreichen. Der renommierte Bildungsforscher Jürgen Baumert, Initiator des ersten PISA-Vergleichs in Deutschland und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, stellte in einem Interview im Mai 2009 fest: „Es gibt Befunde, dass ein frühes Aufteilen der Kinder auf getrennte Schulformen […] soziale Ungleichheiten verstärkt.“ Die Zahlen scheinen eine eindeutige Sprache zu sprechen. Die 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks kommt zu dem Ergebnis, dass 2007 nur 33 Prozent der Kinder von Arbeitern die gymnasiale Oberstufe besuchten, während es unter Beamtenkindern 73 Prozent waren. Diese Schere setzt sich in den weiteren Bildungskarrieren fort: 17 Prozent Studierende aus Arbeiterfamilien stehen 67 Prozent Hochschulanfängern gegenüber, deren Väter verbeamtet sind. Gerade für Kinder von Migranten sei das Schulsystem im Leistungsbereich diskriminierend, wie die Sozialwissenschaftlerin Dr. Mechthild Gomolla von der Helmut-Schmidt Universität Hamburg und der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Frank-Olaf Radtke von der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main in ihrer Studie „Institutionelle Diskriminierung – Herstellung ethnischer Differenz in der Schule“ von 2002 zu belegen versuchen.

Ein längeres gemeinsames Lernen in einer ersten Schulform nach skandinavischem Modell mit intelligenten pädagogischen Konzepten wie beispielsweise Lehrerteamarbeit bereits in den Klassen selbst biete dem Staat die Möglichkeit, gerade die bildungsschwachen Schülerinnen und Schüler zu fördern, ohne die Starken zu unterfordern. Viele Reformbefürworter wollen zudem den Eltern auch nach sechsjähriger Grundschulzeit die Entscheidungsfreiheit lassen, auf welche Schulform sie ihr Kind schicken wollen. Die derzeitige Regelung, dass in einigen Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg Beurteilungen von Grundschullehrerinnen bindend sind, öffne Fehlentscheidungen Tür und Tor. Zudem werde dabei die Erkenntnis ignoriert, dass sich bei vielen Schülern Begabungen erst nach dem zehnten Lebensjahr zeigten. Letztlich, so die Befürworter, gehe es den Gegnern eines längeren gemeinsamen Lernens vor allem darum, sich vor der Unterschicht im Schulsystem „abzuschotten“, wie es Zeit-Autor Christian Bangel im Juli 2010 anlässlich des Hamburger Votums formulierte. Dies sei volkswirtschaftlich problematisch, „weil vielen klugen Menschen qua Geburt der Aufstieg verwehrt“ bleibe; und es sei politisch falsch, da die demokratische Gesellschaft von den bildungsfernen Schichten einerseits Loyalität einfordere, das Versprechen von Chancengleichheit in der Bildung aber nicht einlöse.

Mögliche Nachteile von sechs statt vier Jahren Grundschule
Viele der entschiedenen Gegner einer Verlängerung der Grundschulzeit sehen das ganz anders. Sie deuten dies als einen erneuten Versuch, das Gymnasium zu beschneiden, das dreigliedrige Schulsystem Schritt für Schritt in allen Bundesländern abzuschaffen und zu einer Einheitsschule zu kommen. Zudem befürchten viele Kritiker eine Einschränkung des Elternwahlrechts für die Schulform der weiterführenden Schulen. Auf der Homepage der Initiative „Wir wollen lernen“, die sich erfolgreich gegen eine sechsjährige Grundschulzeit in Hamburg gewehrt hatte, sieht man dementsprechend gerade die Erhaltung der Gymnasien mit eigenständigem Bildungsauftrag und Beobachtungsstufe als einen der Haupterfolge des Volksentscheids an. Auch Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, macht deutlich, dass mit einer sechsjährigen Grundschule dem Gymnasium „die Beine amputiert“ würden: „Aus einem neunjährigen Gymnasium aus einem Guss würde damit ein sechsjähriges Bonsai-Gymnasium.“

Zwar bestreiten auch die Gegner einer verlängerten Grundschulzeit nicht, dass soziale Ungleichheiten im Bildungsbereich exstieren – aber diese seien erstens vor allem Ergebnis unterschiedlicher Begabungen und Voraussetzungen in den Elternhäusern und zweitens nur durch individuelle Förderung in den weiterführenden Schulen, mitnichten aber durch eine längere Elementarschulzeit aufzuheben. Studien wiesen darauf hin, dass die Begabungen der Schüler sich besonders im zehnten und elften Lebensjahr, also noch vor der Pubertät, ausprägen und zeigen würden – also nach vier und nicht nach sechs Jahren Grundschule. Zudem habe die Element-Studie des Bildungsforschers Rainer Lehmann unter 3000 Grundschülern und 1700 Gleichaltrigen in Berlin von 2008 ergeben, dass Kinder, die in Berlin nach der vierten Klasse das Gymnasium besuchen, besonders in Lesen, Mathematik und Englisch einen Lernvorsprung von ein bis zwei Jahren gegenüber den Schülern der sechsjährigen Grundschule hätten. Soziale Disparitäten könnten also weder während noch nach der längeren gemeinsamen Grundschulzeit abgebaut werden, leistungsstarke Schüler hingegen würden eher gebremst. Dazu Lehmann: „Die Schere ist trotz des gemeinsamen Lernens weiter auseinandergegangen.“ Berlin, in dem die sechsjährige Grundschulzeit bereits seit Jahrzehnten Wirklichkeit ist, tauge deshalb nicht als Vorbild.

Für oder wider? Es fehlen eindeutige Befunde
Letztlich sprechen, wie so oft in der Wissenschaft, Studien gegen Studien, Statistiken gegen Statistiken. Noch in seinem Interview vom Mai 2009 musste Lehmann-Kritiker Jürgen Baumert eingestehen, dass bis dato keine belastbaren Studien zum Erfolg des längeren gemeinsamen Lernens existieren. „Es ist einfach schwierig, eine wirkliche Vergleichsgruppe für die verlängerte sechsjährige Grundschule zu finden.“
Und so wird es in den deutschen Bundesländern auch weiterhin erst einmal ein Nebeneinander beider Schulformen geben: der vierjährigen und der sechsjährigen Grundschulzeit.


Autor(in): Arndt Kremer
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Datum: 14.10.2010
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