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15. 07. 2010

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Ein deutliches Süd-Nord-Gefälle

Vergleichsstudie „Sprachliche Kompetenzen im Ländervergleich“ erschienen

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Prof. Dr. Olaf Köller

Am 23. Juni 2010 erschien die Vergleichsstudie „Sprachliche Kompetenzen im Ländervergleich“. Es ist die erste Vergleichsstudie, die auf den neuen bundesweiten Bildungsstandards basiert. Sie wurde vom Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) durchgeführt. Getestet wurden die Fähigkeiten von deutschlandweit rund 36.000 Schülern aller Schularten und Bildungsgänge in den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch. Die Online-Redaktion sprach mit dem Autor der Studie, Prof. Dr. Olaf Köller, geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), über die Ergebnisse des Ländervergleichs.


Online-Redaktion: Die neue Vergleichsstudie „Sprachliche Kompetenzen im Ländervergleich“ ist die erste, die auf den neuen bundesweiten Bildungsstandards basiert. Wozu wurden die Bildungsstandards eingeführt?

Köller: Bildungsstandards stellen eine der vielen Antworten der 16 Bundesländer auf das schwache Abschneiden des deutschen Bildungssystems in der PISA-Studie im Jahr 2000 dar. Nach Erscheinen der Studie verständigten sich die Länder darauf, Ziele zu definieren, die Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Fächern sowohl in der Grundschule als auch am Ende der Sekundarstufe I erreichen sollen. Darauf abgestimmt sind in den Bildungsstandards konkrete Leistungen definiert, die Schüler am Ende der vierten Jahrgangsstufe bzw. am Ende der Sekundarstufe I aufweisen sollen. Das Wichtige dabei ist, dass sich alle Länder verpflichtet haben, sich an diesen Standards zu messen und vor allem auch dafür Sorge zu tragen, dass ihre Schülerinnen und Schüler zu großen Teilen diese Standards in der Zukunft erreichen werden.

Online-Redaktion: Worin unterscheiden sich die Aussagen der aktuellen Vergleichsstudie von den bisherigen Ländervergleichen im Rahmen von PISA-E?

Köller: Während in PISA-E die Fünfzehnjährigen die Zielpopulation darstellen, untersucht das IQB Schülerinnen und Schüler der neunten Jahrgangsstufe. Fünfzehnjährige kommen ja in den Jahrgängen 6 bis 11 vor. Indem wir ausschließlich Neuntklässler testen, nehmen wir eine wirklich jahrgangshomogene Stichprobe vor. Ich glaube, viel wichtiger ist, dass hier tatsächlich getestet wurde, inwieweit Schülerinnen und Schüler, die einen mittleren Schulabschluss in Deutschland anstreben, auch die Standards für diesen Abschluss erreichen. PISA nimmt als internationale Studie in ihren Tests wenig Rücksicht auf das spezifisch deutsche System. Mit der neuen Studie können wir Aussagen in allen 16 Bundesländern dazu treffen, wie hoch die Anteile der Schülerinnen und Schüler sind, die die Standards für den mittleren Abschluss in den Fächern Deutsch und Englisch erreichen.

Online-Redaktion: Welche Kompetenzbereiche wurden in der aktuellen Vergleichsstudie getestet?

Köller: Getestet wurden in den drei Fächern Deutsch, Englisch und Französisch das Hör- und Leseverständnis. In Deutsch kam noch die Orthographie dazu.

Online-Redaktion: Wie haben die einzelnen Länder abgeschnitten?

Köller: Der Ländervergleich über alle 16 Länder bezieht sich zunächst auf die Fächer Englisch und Deutsch, da in allen Ländern Englisch als erste Fremdsprache unterrichtet wird. Es gibt ja Länder, in denen Französisch als erste Fremdsprache überhaupt keine Rolle spielt. Wenn wir uns auf Deutsch und Englisch beschränken, gibt es ein deutliches Süd-Nord-Gefälle insbesondere im Fach Deutsch. Die Südländer sind Spitze, die Stadtstaaten und Brandenburg liegen am Ende der Ländertabelle, und dazwischen tut sich ein breites Mittelfeld auf. Im Fach Englisch fällt ebenfalls die Dominanz der Südländer auf, die neuen Bundesländer sowie die Stadtstaaten Bremen und Berlin zeigen besonders schwache Leistungen. Positiv hebt sich im Fach Englisch Hamburg hervor, das über eine lange Geschichte eines gelingenden Englischunterrichts verfügt.

Online-Redaktion: Welche Erklärung gibt es dafür, dass die südlichen Bundesländer besser abschneiden?

Köller: Es gibt sicherlich nicht nur eine Erklärung für diese Unterschiede, aber wenn man einen Katalog von Faktoren aufmalt, spielt die Lehrerbildung wohl eine erhebliche Rolle. Wir haben insgesamt aus Untersuchungen Evidenz dafür, dass gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer in der Regel auch einen guten Unterricht durchführen. Es scheint also schon so zu sein, dass es in den Südländern eine sehr gelingende Lehrerausbildung gibt. Dann haben wir in den südlichen Ländern unbestritten vergleichsweise hohe Leistungsanforderungen, was sich sowohl in den Lehrplänen als auch in den Schulbüchern, die in den südlichen Ländern verwendet werden und die häufig anspruchsvoller sind als in anderen Ländern, niederschlägt. Für einen geringen Teil spielt sicher auch die Zusammensetzung der Schülerschaft eine Rolle. In den Stadtstaaten existieren besondere Problemlagen durch viele sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler und auch durch die hohen Anteile von Kindern, die aus Migrationsfamilien kommen. Diese haben oft Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache.

Online-Redaktion: Warum gelingt es auch mehrere Jahre nach dem Erscheinen der ersten PISA-Studie nicht, den Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft der Schüler und ihrem Bildungserfolg zu verringern?

Köller: Die Schwierigkeit, vor der wir stehen, ist, dass sich die soziale Ungleichheit ja nicht erst in der Schule entwickelt, sondern sehr stark schon in der vorschulischen Zeit und natürlich auch im außerschulischen Bereich. Vor dem Eintritt in die Grundschule, dafür gibt es mittlerweile auch eine ganze Menge empirische Ergebnisse, haben sozial privilegierte Kinder oftmals schon ein günstigeres Umfeld. Sie kommen mit günstigen Voraussetzungen in die Grundschule, und im Laufe des schulischen Lebens profitieren sie dann weiterhin sehr stark von außerschulischen Lerngelegenheiten und Zusatzangeboten der Familien. Sozial privilegierte Eltern schicken ihre Kinder auch häufiger aufs Gymnasium. Für sie ist das Gymnasium nach wie vor die Schulform ihrer Wahl. Sowohl die vorschulische als auch die außerschulische Förderung gelingt in sozial benachteiligten Familien längst nicht so gut wie in den privilegierten Familien. Das heißt, wenn man soziale Gerechtigkeit herstellen will, muss man aus meiner Sicht zunächst einmal in der vorschulischen Förderung beginnen, insbesondere im Bereich der Sprachförderung. Schon im Kindergarten kann man durchaus spielerisch die sprachlichen Kompetenzen der benachteiligten Kinder fördern. Man sollte Modelle denken, wie man in der Schulzeit auch den Nachmittag teilweise für schulisches Lernen reserviert. Hier spielt sicherlich zur Herstellung sozialer Gerechtigkeit die Ganztagsschule eine wichtige Rolle.

Online-Redaktion: Warum schneiden Mädchen insgesamt besser ab als Jungen? Was könnte man daran ändern?

Köller: Ich glaube im Hinblick auf die gerade vorgestellte Studie gibt es zwei Erklärungsansätze. Der erste ist die höhere Bildungsbeteiligung der Mädchen. Es gibt deutlich mehr Mädchen, die das Gymnasium besuchen. Man kann sagen 60 Prozent der Schülerschaft am Gymnasium sind Mädchen, und nur 40 Prozent sind Jungen. Der besondere Fördereffekt des Gymnasiums schlägt sich natürlich nieder. Ein zweiter Punkt sind ohne Frage Sozialisationseffekte, die sich in dem Freizeitverhalten und in den Freizeitinteressen niederschlagen. Das heißt etwas vereinfacht gesprochen, zum Stereotyp des Mädchens gehört eben auch, dass es liest, dass es in der Freizeit liest, und dementsprechend auch mehr Zeit außerschulisch nutzt, um gerade in der Sprache zu agieren und höhere Werte aufzuweisen. Die Konsequenzen, die man daraus ziehen kann, sind Leseförderungsprogramme speziell für Jungen anzubieten oder Textsorten zu variieren. Wir wissen zum Beispiel, dass Jungen sehr gerne im Internet lesen. Inwiefern man dieses auch stärker in den Unterricht einbaut, ist eine Frage, die sich die Schulen stellen müssen.

Online-Redaktion: Erfüllen die Schülerinnen und Schüler die in den Bildungsstandards formulierten Leistungserwartungen? Welche Konsequenzen haben die Ergebnisse für die Bildungspolitik?

Köller: Hier muss man zwischen Deutsch und Englisch differenzieren. Wir haben insgesamt sehr gute Ergebnisse in Deutsch, in denen oftmals deutlich über 80 Prozent der Neuntklässler die Standards für den mittleren Schulabschluss erreichen. Dies gilt übrigens für alle 16 Länder. In Englisch stellt sich das Bild anders dar. Hier sehen wir insbesondere in nichtgymnasialen Bildungsgängen, dass teilweise mehr als Zweidrittel unter den Standards liegen. Auch hier ist unser Haupterklärungsansatz, dass die relativ niedrigen Leistungen letztendlich eine Konsequenz eines noch nicht gelingenden Unterrichts darstellen. Vor allem scheint es so zu sein, dass die fachliche Qualifikation der Lehrerinnen und Lehrer noch nicht hinreichend ist, um höhere Englischleistungen sicherzustellen.

In der Bildungspolitik sollte man sich deshalb die Frage stellen, wie man bei den nichtgymnasialen Bildungsgängen ein höheres Niveau der Lehrerbildung erreichen kann, denn nur fachlich gut qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer können einen guten Unterricht sicherstellen. Die Herausforderung für die Länder besteht also darin, sowohl in der universitären als auch in der nachuniversitären Lehrerbildung nachzubessern.


Prof. Dr. Olaf Köller,
46 Jahre alt, verheiratet, zwei schulpflichtige Kinder (13 und 14); Professor für empirische Bildungsforschung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik. Als Gründungsdirektor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin war Köller für den ersten Ländervergleich zur Überprüfung der Erreichung der Bildungsstandards in der Sekundarstufe I verantwortlich.

 

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 15.07.2010
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