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03. 06. 2010

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Vielfalt tut gut

Bundesinitiative soll Pluralismus, Toleranz und Demokratie stärken

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Die Liste von Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund, Fremdenfeindlichkeit in Jugendvereinen und Fußballclubs, offenem Antisemitismus auf der Straße, Nazi-Parolen an jüdischen Friedhöfen ist lang – auch in Deutschland. Gerade junge Menschen geraten zunehmend ins Blickfeld rechtsextremistischer Organisationen. Weil die demokratischen Kräfte dem nicht tatenlos zuschauen dürfen, hat die Bundesregierung 2007 das Programm „Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ gegründet.

 

Aktionspläne und Modellprojekte sollen demokratisches Bewusstsein stärken
Das Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend knüpft an die positiven Erfahrungen und Ergebnisse des 2006 beendeten Aktionsprogramms „Jugend für Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ an. Es wird mit 19 Millionen Euro jährlich gefördert, wobei die erste Programmphase dieses Jahr endet.
Die Initiative zielt vor allem auf Kinder und Jugendliche, rechtsextremistisch gefährdete junge Menschen, junge Migrantinnen und Migranten, aber auch auf Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte sowie lokale Meinungsbildner und Entscheidungsträger. Ein Schwerpunkt des Programms liegt darin, lokale Aktionspläne in Verantwortung der Kommunen zu fördern, um dadurch die Demokratieentwicklung zu stärken. Zweitens erfahren überregionale Modellprojekte Unterstützung, die mit innovativen Ideen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Judenhass wirksam bekämpfen. Derzeit werden 90 lokale Aktionspläne und 89 Modellprojekte gefördert.

Gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus
Neben der Repression setzt die Bundesregierung auf Maßnahmen, die präventiv wirken sollen, um Jugendliche für ein tolerantes und demokratisches Miteinander (zurück) zu gewinnen. „Vielfalt tut gut“ legt mit seinem positiven Ansatz den Schwerpunkt auf präventiv-pädagogische Arbeit. Es soll ein Bewusstsein für gemeinsame Grundwerte und kulturelle Pluralität entwickelt und gefestigt werden. Jugendliche und junge Menschen sollen so lernen, die Würde des jeweils anderen zu respektieren und darin bestärkt werden, den Lockangeboten von Rechtsextremisten zu widerstehen.

Bei der Koordination des Projekts steht dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein Programmbeirat zur Seite. Er setzt sich aus Vertretern verschiedener Bundesressorts, der Landesjugend- und Familienbehörden, der Kinder- und Jugendarbeit, kommunaler Spitzenverbände, kirchlicher und wissenschaftlicher Einrichtungen sowie anderer nicht staatlicher Organisationen zusammen. Zentrale Ansprechpartnerin für die geförderten Projekte wiederum ist die „Regiestelle Vielfalt“ bei der Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung. Sie berät und begleitet die Projekte über den gesamten Förderzeitraum und ist auch für die Öffentlichkeitsarbeit mit zuständig. Die wissenschaftliche Auswertung des Programms übernimmt das Deutsche Jugendinstitut, in dem Experten anhand empirischer Evaluationen die Wirksamkeit der Projekte prüfen.

Vielfalt der Projekte
Eine große Wirkung auf Jugendliche haben Zeitzeugen, überhaupt Menschen, die nicht nur theoretisch über Probleme berichten, sondern aus dem Leben erzählen. Historisches Lernen stößt nun aber gerade dort an seine Grenzen, wo es immer weniger Zeitzeugen wie beispielsweise zum Holocaust gibt. Deshalb beschäftigen sich viele der Modellprojekte mit der Frage: Was können die Projekte bei den jungen Menschen erreichen und wie soll das geschehen? Eine wichtige Möglichkeit ist, die Jugendlichen aktiv in die Lernprozesse mit einzubeziehen, bzw. sie im Sinne des handlungsorientierten Ansatzes das Geschehen selber gestalten zu lassen: in Form von Schreibwerkstätten, Gesprächsforen, Ausstellungen, Workshops. Dadurch nehmen historische Fakten Gegenwart an, werden lebendig. So fördert das Leo Baeck Programm „Jüdisches Leben in Deutschland – Schule und Fortbildung“ gemeinsam mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung die innovative Vermittlung deutsch-jüdischer Geschichte im Schulunterricht. Jüdische Geschichte soll als Teil der deutschen Geschichte gesehen werden, sowohl vor als auch nach 1945. Juden waren nicht nur Opfer von Intoleranz, sondern auch Akteure, die sich für Toleranz und Gleichberechtigung eingesetzt haben. So ist der Kampf der jüdischen Emanzipation im 19. Jahrhundert nicht von der Bürgerbewegung für die Grundrechte des deutschen Volkes zu trennen. Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit gingen Hand in Hand und gehen es noch heute.

Fachtagungen und künstlerische Fragestellungen
Projekte wie „amira – Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus“ berühren hoch sensible Themen wie die ethnische Dimension des Antisemitismus, also auch die Tatsache, dass sich antisemitische Tendenzen unter muslimischen Jugendlichen häufen. Gleichzeitig versuchen sie, wie es im Gesamtbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Bundesprogramms „Vielfalt tut gut“ für den Zeitraum Mai 2008 bis August 2009 heißt, „antisemitische Tendenzen mit und ohne Migrationshintergrund gleichwertig aufzuarbeiten, ohne dass der Eindruck eines Stigmatisierens entstünde.“ So lädt „amira“, ein Modellprojekt des Vereins für Demokratische Kultur in Berlin, einerseits zu einem Praxistag rund um die Themen Antisemitismus und Rassismus am 10. Juni 2010 in Berlin-Kreuzberg ein. Andererseits veranstaltete der Verein eine „Kiezrallye 61“, bei der 15 Jugendliche aus Kreuzberger Jugendeinrichtungen auf einer interkulturellen Schnitzeljagd ihren Bezirk erkunden konnten. Das Modellprojekt „kunst – raum – erinnerung“ wiederum versucht, kulturpädagogische und künstlerische Fragestellungen in der Gedenkstättenarbeit von Konzentrationslagern zu verknüpfen. Wie lässt sich der Raum der Erinnerung künstlerisch gestalten? Antworten auf diese Frage sind am 17. Juli 2010 auf dem Deutsch-Polnischen Fachtag in der Gedenkstätte Sachsenhausen zu hören.

Projekte gegen Fremdenfeindlichkeit
Andere Modellprojekte fördern das interkulturelle und interreligiöse Lernen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. So richtet sich die multimediale Wanderausstellung „anders? – cool!“ an Jugendmigrationsdienste, Schulen und Integrationseinrichtungen. Der Slogan ist zugleich Programm: Zugewanderte und einheimische Jugendliche ab zwölf Jahren, aber auch alle anderen Bürger sollen kulturelle Vielfalt nicht als Bürde, sondern als große Chance erkennen. Junge Migranten berichten in der Ausstellung von ihren Erlebnissen in Form von authentischem Bild- und Textmaterial, elektronischen Medien-, Musik- und Sprachbeispielen, Computerspielen und Quiz-Fragen. Die Wanderausstellung kann für jeweils 14 Tage kostenfrei innerhalb Deutschlands gebucht werden. Der Blick muss dabei immer auch über Deutschland und Europa hinausgehen. Deshalb ruft die Aktion Tagwerk für den 22. Juni 2010 erneut zu einem „Tag für Afrika“ auf. Schülerinnen und Schüler aller Altersklassen und Schulformen setzen sich für Gleichaltrige in Afrika ein, indem sie zum Beispiel einen bezahlten Job in einem Betrieb annehmen. Der Erlös fließt dann in ausgewählte Bildungsprojekte von Human Help Network in Afrika.

Förderung von Projekten durch Preise und Stiftungen
Projekte können nicht nur von der Bundesregierung selbst, sondern auch von zahlreichen anderen Organisationen und Stiftungen gefördert werden. Während sich der mit 20.000 Euro dotierte Julius-Hirsch-Preis 2010 an Initiativen wendet, die sich im Fußball gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus einsetzen (Bewerbungsschluss: 30. Juni), unterstützt die Stiftung Mitarbeit Projekte zur Integration junger Migranten mit bis zu 5.000 Euro. Das Programm wird mit Mitteln der Robert Bosch Stiftung umgesetzt, die derzeitige Ausschreibungsrunde für Förderanträge läuft noch bis zum 31. Juli 2010. „Sie sind am Zug!“ – dazu ruft die Stiftung explizit auf. Man könnte dies als Motto für das gesamte Bundesprogramm begreifen. Denn der Pluralismus in unserer Gesellschaft kann nur dann gefestigt sein, wenn sich möglichst viele Bürgerinnen und Bürger aktiv für Demokratie, Toleranz und Menschenwürde einsetzen. Vielfalt tut gut und Not not – gegen die Einfalts-Parolen rechtsextremistischer Verführer.

 

Autor(in): Arndt Kremer
Kontakt zur Redaktion
Datum: 03.06.2010
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