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26. 04. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Donnerstags gibt`s immer Pizza"

Ganztagsrealschule in Nordhorn bietet ein betreutes Freizeitprogramm

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Ganztagsschule - Nordhorn

1995 hat die Freiherr-vom-Stein-Realschule in Nordhorn die Konsequenzen einer sich abzeichnenden gesellschaftlichen Entwicklung gezogen. Mehr alleinerziehende Mütter und eine Berufstätigkeit der Eltern führt dazu, dass immer mehr Kinder unbetreut aufwachsen oder die Eltern teure Kindermädchen zahlen müssen, was die meisten sich nicht leisten können. Kurzerhand entstand ein Ausschuss aus Lehrern, Eltern und Schülern, der Lösungsvorschläge entwickelte: Basis des pädagogischen Konzeptes, war die offene Ganztagsschule, die vom Kultusministerium Niedersachsen genehmigt wurde.

Arbeitsgemeinschaften
Ein "normaler" Tag in der Realschule sieht so aus, dass von 8.00 bis 13.15 der reguläre Fachunterricht stattfindet. Im Anschluss daran gibt es ein gemeinsames Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und von 15.00-16.30 Uhr die Arbeitsgemeinschaften, kurz AG`s, die den Kernpunkt des Nachmittagsprogramms bilden. Das gesamte Nachmittagsprogramm ist freiwillig. Wer will, kann fernbleiben, aber bei Bedarf auch nur das Mittagessen, nur die Hausaufgabenbetreuung oder die eine oder andere AG mitmachen. Die Freiwilligkeit ist oberstes Prinzip. Von einem weiteren Druck und Pflichtprogramm hält an dieser Schule keiner was, will man den Schülern doch schließlich in erster Linie Betreuung, Förderung und selbständiges Lernen vermitteln. Wichtig ist es deshalb auch, das Angebot der AG`s so attraktiv wie möglich zu gestalten, denn die Konkurrenz zu außerschulischen Veranstaltungen ist groß. Deshalb ist das Angebot auch ausgesprochen vielfältig. Neben Sport- und Computer-AG`s gibt es Sprachkurse, eine Theater-AG, eine Schülerradio- und eine Schülerzeitungs-AG, aber auch eine AG zum Beispiel nur für Mädchen, eine Umweltschutz-AG, eine Mofa-AG und noch viele mehr. Um die Mofa-AG leiten zu können hat Herr Kopper, der Rektor der Schule auch schon mal selber einen Kursus absolviert. "Begleitet" werden die AG`s entweder von den Lehrer/innen oder von der pädagogischen Mitarbeiterin Frau Hasken, die an der Schule eine Mittlerrolle zwischen Lehrern und Schülern einnimmt und versucht, zwischen beiden zu vermitteln.

Kooperation und selbständiges Lernen
Ein attraktives Angebot ist wichtig. Darum gibt es Donnerstags auch den Pizzatag, an dem dann auch tatsächlich am meisten los ist. Doch ist dies natürlich nicht der einzige Aspekt. Worum es wirklich geht, ist die Förderung des Gemeinschaftsgefühls. Die Schüler sollen "Lebenserfahrungen machen", so Herr Laue, der Konrektor der Schule "im Unter- und Miteinander". Am Nachmittag sollen zusehends die sozialen Aspekte gefördert werden. Dadurch, dass sich die Schüler gegenseitig unterstützen werden die Hilfsbereitschaft gefördert, Teamfähigkeit entwickelt, aber auch Verantwortungsgefühl und Kooperationsbereitschaft gestärkt. Das dies tatsächlich so ist, zeigt sich daran, dass sich die Schüler trotz Betreuung von Lehrerseite in der Hausaufgabenbetreuung erst einmal gegenseitig helfen und in den AG`s zusammen Ideen entwickeln. Da man hier "auch immer jemandem zum Reden" hat, wirkt dies zusätzlich dem Vereinsamungsgefühl entgegen, unter dem heute viele Kinder leiden. Freundschaften werden leichter geschlossen als im Unterricht.

Ein zweiter wichtiger Aspekt ist das Erlernen selbständigen Arbeitens. Für die Schüler ist es wichtig, ein Projekt rundherum selbst zu gestalten und durchzuführen. Wenn sie dann ihre Stimme im Radio hören, die gedruckte Zeitungsseite lesen oder sich selbst auf der Bühne wiederfinden, steigert das zusätzlich ihr Selbstwertgefühl und legt ungeahnte Talente frei. Wichtige Erfahrungswerte also, für die im "normalen" Unterricht häufig nicht genügend Zeit ist, weswegen die Nordhorner aber andererseits eine Ganztagsschule, in der auch am Nachmittag traditionell unterrichtet wird, ablehnen.

Transfer auf den Vormittagsunterricht
Ganz im Gegenteil wird vielmehr ein Transfer des offenen Nachmittagsunterrichts auf den Vormittag angestrebt, damit der Bruch zwischen beiden Lehr- und Lernmethoden nicht so stark differenziert. Was anfangs sicher auch mit Skepsis betrachtet wurde, nimmt allmählich seinen Lauf. Eine Schule, die sich bemüht den gesellschaftlichen Wandel aufzugreifen, befindet sich selber im ständigen Prozess. Raum für starre pädagogische Muster gibt es da nicht. Deshalb haben sich im Laufe der Zeit auch ältere Kollegen von den Vorteilen eines "Offeneren Unterrichts" überzeugen lassen. Das führt dazu, dass jetzt auch am Vormittag die Bereitschaft dazu wächst, mehr Raum für selbständigeres und eigenverantwortlicheres Arbeiten zu geben.

Öffnung nach außen
Was bleibt, ist die intensivere Einbindung außerschulischer Organisationen. Schüler sollen Ämter und Institutionen aufsuchen und auch schon mal in Betriebe "reinschnuppern" können, um einen größeren Praxisbezug zu bekommen. Möglichkeiten sieht man zum Beispiel auch darin, dass Eltern, die einen interessanten Beruf haben oder über ungewöhnliche Fähigkeiten verfügen, diese in der Schule vorstellen. Damit wäre dann zugleich auch eine verstärkte Interaktion zwischen Lehrern, Schülern und Eltern gegeben.

Lehrer und Schüler an der Schule wissen, dass ein langer Weg vor ihnen liegt. Sie versuchen durch Evaluation eine Schulentwicklung anzustoßen, dabei beständig Neues aufzugreifen, zu analysieren und einzubinden. Auf diesem Weg sind sie schon ein gutes Stück vorangekommen.

Freiherr-vom-Stein-Realschule
Taunusstr.6
48527 Nordhorn
Tel.: 05921/80290

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 26.04.2001
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