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25. 03. 2010

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Geschichte(n) lehren und lernen

Bildungsplattform zur Geschichte des 20. Jahrhunderts

Bild

Themenbeispiel „9. November 1989“

Das Bildungsportal „Lernen aus der Geschichte“ beweist, dass Geschichtsvermittlung in und außerhalb der Schule heutzutage viel mehr bieten muss und kann als reines Auflisten von Daten und Namen. Der gleichnamige Verein unterhält seit dem Jahr 2000 eine Online-Plattform zu innovativen Projekten, die Recherchen, Expertenmeinungen, Debatten und Unterrichtsmethoden für Lehrerinnen und Lehrer vor allem zum Nationalsozialismus bietet. Weitere Schwerpunkte sind der Zweite Weltkrieg sowie die europäische Nachkriegsgeschichte einschließlich der politischen Umbrüche rund um die friedliche Revolution von 1989.


„Die Geschichte ist ein Drehbuch von miserabler Qualität.“ Dieser dem US-amerikanischen Schriftsteller Norman Mailer zugeschriebene Ausspruch ist so provokativ wie irreführend. Denn es sind weniger die Drehbücher im Moment des historischen Geschehens als die Rekonstruktionen von Geschichte, die mehr oder minder gelungen sind. Dass Geschichtsvermittlung in und außerhalb der Schule heutzutage viel mehr bieten muss und kann als reines Auflisten von Daten und Namen – das beweist das Bildungsportal „Lernen aus der Geschichte“. Der gleichnamige Verein unterhält seit dem Jahr 2000 eine Online-Plattform zu innovativen Projekten, die laufend erweitert wird und Recherchen, Expertenmeinungen, Debatten und Unterrichtsmethoden für Lehrerinnen und Lehrer vor allem zum Nationalsozialismus bietet. Weitere Schwerpunkte sind der Zweite Weltkrieg sowie die europäische Nachkriegsgeschichte einschließlich der politischen Umbrüche rund um die friedliche Revolution von 1989.

Ein Forum für Historiker und User
Zwar nicht Geschichte an sich, aber doch eine neue Geschichte beginnt mit einem „Umzug“ von Bonn nach Berlin: im August 2008 nämlich hatte der gemeinnützige Verein „Lernen aus der Geschichte e. V.“ mit Sitz in Berlin die Trägerschaft des Bildungsportals vom Bonner Verein „Kulturelle Bildung e. V.“ übernommen. Der Berliner Verein, der durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (Stiftung EVZ) gefördert wird und unter anderem mit Bildungsportalen in Russland und Polen kooperiert, will die historische Bildung an Schulen, Gedenkstätten sowie an anderen Einrichtungen zur Geschichte des 20. Jahrhunderts unterstützen. Dazu arbeitet er eng mit Forschern der Technischen Universität Berlin zusammen. So sitzen unter anderem ein Professor und eine Professorin für Geschichtsdidaktik im Vereinsvorstand.

Auf dem Portal sowie im Newsletter und einem monatlich erscheinenden Magazin kommen jedoch nicht nur wissenschaftliche Experten zu Wort. Gefragt sind Beiträge von allen Nutzerinnen und Nutzern, die relevante Erfahrungen und Stellungnahmen einbringen möchten. Auch dadurch erhalten zuweilen vernachlässigte Diskurse und Perspektiven, beispielsweise von Minderheiten, ein Forum. Insgesamt soll so ein Ort des Austauschs als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis entstehen. Kollektives und kooperatives Lernen mit und aus der Geschichte ist das Ziel. Das Redaktionsteam organisiert die Beiträge von Experten und Usern, während die Artikel und Praxisberichte hauptsächlich von externen Autorinnen und Autoren verfasst werden.

Geschichte lernen und lehren
Das Bildungsportal besteht aus vier Hauptbereichen. Unter „Lehren & Lernen“ findet der Nutzer ein reichhaltiges Forum an Unterrichtsthemen, -materialien und methodischen Anregungen insbesondere für Lehrer/innen und Pädagogen. Die optisch übersichtlich gestaltete Seite präsentiert die Themen in einer Zeitleiste sowie alphabetisch. Schließlich werden die angeklickten Themen nochmals in „Praxis & Material“ sowie „Anregung & Reflexion“ unterteilt.

Wer zum Beispiel auf der Themenleiste den Punkt „deutsch-jüdische Geschichte“ auswählt, erhält ein breites Angebot an Unterrichtsmaterialien zum jüdischen Leben in Deutschland und Europa, Informationen zu Schreibwerkstätten von Schülern im Gespräch mit Überlebenden des Holocausts, eine virtuelle Rekonstruktion zerstörter Synagogen und vieles andere mehr. Unter dem Link zum Film „Die Judenschublade – junge Juden in D.“ erfährt der Nutzer zudem Wissenswertes über das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland heute. Andere Links informieren aus der Perspektive von Zeitzeugen über 68 Jahre Geschichte Israels und Palästinas.

Zweites Themenbeispiel: „9. November 1989“. Diese Seite offenbart ebenfalls eine vielfältige Palette an Materialien und Projekten rund um die friedliche Revolution in Deutschland und Europa: Filme, Meinungen von Jugendlichen sowie Links zu Jugendmagazinen, aber auch wissenschaftliche Studien. Und so geht es weiter, von „Achsenmächte“ bis „Zwangssterilisierung“.

Geschichte(n) vernetzen und diskutieren
Die zweite Seite „Teilnehmen & Vernetzen“ fungiert als Plattform für Nutzerinnen und Nutzer, die sich mit Projektgruppen austauschen und vernetzen wollen. Sie bietet darüber hinaus die Möglichkeit, sich über aktuelle Veranstaltungen wie beispielsweise Ausstellungen zu informieren. Hier lassen sich zudem Wettbewerbe und Förderprogramme vorstellen und suchen. So präsentiert die Stiftung EVZ ihr Förderprogramm für Menschrechtsbildung durch historisches Lernen, während die Berliner Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Plakate und Unterrichtsmaterialien zu der Ausstellung „Die heile Welt der Diktatur? Herrschaft und Alltag in der DDR“ offeriert.

Links zu TV- und Radioprogrammen bieten Zugang zu medialen Perspektiven, während Chats mit Experten den direkten Austausch mit Wissenschaftlern ermöglichen. Wer zum Beispiel Fragen rund um das Thema „Interkulturelles und interreligiöses Lernen am Beispiel des Islam“ hat, kann sich diese am 21. April 2010 in einem Chat von einem renommierten Islamwissenschaftler beantworten lassen. Die aktive Teilnahme an der Vernetzungsplattform verlangt eine Registrierung, jedoch kann – wie auf solchen Online-Seiten üblich – der User entscheiden, ob er sein Profil und seine Kontaktdaten für andere sichtbar machen möchte oder nicht.

Ähnlich interaktiv ausgerichtet ist die dritte, noch im Aufbau befindliche Seite „Online Lernen“, die zukünftig Web-Seminare von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern präsentieren soll. Die Auftritte der Referentinnen und Referenten werden mit einer Webcam aufgezeichnet. Zugleich sind sie während ihres Vortrags zu sehen – immer mit der Möglichkeit des Feedbacks durch die User. So kann sich der registrierte Nutzer durch Fragen und Kommentare einbringen. Aktuell lässt sich ersehen, wie das Thema „Varusschlacht“ in einem Beispielkurs eines Geschichtslehrers im Unterricht behandelt wurde. Schließlich präsentiert „International Diskutieren“ als letzter Hauptbereich der Plattform des Vereins „Lernen aus der Geschichte e. V.“ Fachbeiträge, Projektvorstellungen und Expertenchats mit internationaler Perspektive.

Plattform des Erinnerns, Entdeckens und Erörterns
Das Online-Portal „Lernen aus der Geschichte“ öffnet sich vielen Sichtweisen und Vermittlungsformen, unter anderem durch Links zu Filmen, Comics, selbst zu Musik. An mancher Stelle schießt diese offene Perspektive jedoch übers Ziel, das heißt über die selbst gesteckten thematischen Schwerpunkte hinaus. Natürlich lässt sich selbst die Varusschlacht unter dem Thema „Nationalsozialismus“ behandeln, weil die Geschichte um den Cherusker Arminius und seinen Sieg über die Römer im Jahre 9 n. Chr. von der rassefixierten Nazipropaganda ideologisch ausgeschlachtet und ins Mythische verkehrt wurde. Dann müsste jedoch der Schwerpunkt darauf liegen und weniger auf den historischen Ereignissen rund um das Hauen und Stechen im germanischen Wald. Eine weitere thematische Öffnung würde wohl auf Kosten der Übersichtlichkeit des Portals gehen.

Insgesamt wirkt das Bildungsportal wie ein ständig erweiterter Gedächtnisspeicher, ein Forum des Erinnerns gegen das Verdrängen und Vergessen. Zugleich bietet das Portal die Möglichkeit, Geschichte neu zu entdecken und zu erörtern. Indem die Redaktion immer wieder Lebenswelten und Perspektiven heutiger Jugendlicher mit einbezieht und den User als einen möglichen Experten ernst nimmt, zeigt sich: Geschichte geht uns alle an. Denn wer interessante Geschichten zu erzählen weiß und Kontroversen anregt, macht Geschichte (an-)fassbarer. Und damit zu einem Drehbuch, das sich spannend liest.

 

Autor(in): Arndt Kremer
Kontakt zur Redaktion
Datum: 25.03.2010
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