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23. 12. 2009

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Wir wollen das eigenständige Lernen fördern“

Lehrer des Jahres für naturwissenschaftliche Fächer ausgezeichnet

Bild

Erich Welschehold

Der Wilhelmshavener Lehrer und Leiter des außerschulischen Lernorts „Bildung für Technik und Natur“, Erich Welschehold, ist zum „Lehrer des Jahres für naturwissenschaftliche Fächer“ ernannt worden. Er erhielt am 24. November 2009 den mit 15.000 Euro dotierten Klaus-von-Klitzing-Preis, den die Universität Oldenburg und die EWE Stiftung zum fünften Mal vergeben haben. Die Online-Redaktion sprach mit Erich Welschehold über seine Arbeit, die Kooperation mit den Schulen und darüber, wie er sich eine gute Schule vorstellt.

Online-Redaktion: Herr Welschehold, Sie sind vor kurzem zum Lehrer des Jahres für naturwissenschaftliche Fächer gewählt worden. Was bedeutet Ihnen das?

Welschehold: Zu erfahren, dass ich vorgeschlagen wurde, empfand ich allein schon als große Ehrung. Als ich dann noch nominiert wurde, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Aber sehr kurze Zeit später kam eine Freude und eine Genugtuung darüber auf, dass meine Arbeit von zehn Jahren so gewürdigt wird. Die Arbeit, die ich selbst gemacht habe, aber natürlich auch die, die das ganze Team geleistet hat. Das stärkt enorm den Rücken, wenn man so eine Auszeichnung bekommt.

Online-Redaktion: Sie leiten seit 2000 den außerschulischen Lernort „Bildung für Technik und Natur“ in Wilhelmshaven. Was können Schülerinnen und Schüler bei Ihnen alles erleben und lernen?

Welschehold: Wir bieten als außerschulischer Lernort ungewöhnliche Experimentiereinrichtungen an. Die Kinder und Jugendlichen können in Bereichen lernen, die sie hier am Küstenstandort wieder finden. Für uns ist es wichtig, dass die Themen greifbar sind, dass wir Bezüge zur Realität herstellen. Wir haben uns 1998, als das Thema noch gar nicht die Brisanz hatte, die es heute hat, für „Klimawandel und Küstenschutz“ entschieden. Die Kinder und Jugendlichen können sich im Rahmen dieses Projektes mit dem Küstenschutz befassen. Wir machen Zeitreisen bis zur Eiszeit, schauen, was sich in der Zeit verändert hat und wie man hier an der Küste darauf reagiert. An unseren Wassertischen können die Kinder und Jugendlichen alles selbst erleben: wir können es stürmen lassen, eine Flut erzeugen, die Kinder erproben, wie ein Deich gebaut werden muss und sie können feststellen, dass, wenn der Deich zu steil ist, die Energie der Welle den Deich zerstört. Wir haben sogar ein Solarboot, mit dem wir direkt zur Küste fahren können und alles noch einmal in Groß besichtigen. Darüber hinaus haben die Klassen die Möglichkeit, mit unserem Wattenmeerhaus und unserem Küstenmuseum zusammenzuarbeiten und das Gelernte von der naturkundlichen bzw. von der geschichtlichen Seite aus zu betrachten.

Ein weiteres Thema, das wir anbieten, ist das Thema Energie. Wir untersuchen zum Beispiel die Windenergie. Wir bieten den Kindern fünf Windkanäle an, an denen schon Drittklässler selbstgebaute kleine Windgeschwindigkeitsmesser kalibrieren. Sie lernen, wie man eine Skaleneinteilung erstellt, indem sie an den Windkanälen die Striche entsprechend der Windgeschwindigkeit ziehen. Im dritten Schuljahr haben sie bereits ein eigenes Messgerät hergestellt und ältere Schülerinnen und Schüler testen sogar schon kleinere Windkraftanlagen und nehmen Energie und Leistungskurven usw. auf. Wir haben festgestellt, dass Grundschüler sehr viel mehr können als man ihnen zutraut. In der vierten Klasse führen wir mit dem Bau eines Solarbootes den Stromkreis ein, mit Reihen- und Parallelschaltung, und am Ende des Tages hat sich jedes Kind ein funktionierendes Solarboot selbst gebaut. Dabei stehen wir nicht die ganze Zeit daneben und leiten die Kinder an, sondern wir fordern sie und lassen zu ihrem Erstaunen zu, dass sie zusammenarbeiten, dass sie sich gegenseitig helfen. Hier herrscht eine tolle Lernatmosphäre.

Online-Redaktion: Worauf legen Sie besonderen Wert?

Welschehold: Wir legen besonderen Wert darauf, dass das, was wir machen, aus der Erlebnisumwelt der Kinder ist. Ich würde niemals Küstenschutz in Bayern anbieten. Dann legen wir besonderen Wert darauf, dass jede Persönlichkeit als solche anerkannt ist. Wir bereiten jedes Thema altersgerecht auf, das heißt, wir zeigen ihnen Wege, die sie verstehen, damit sie eigenständig weiterarbeiten können. Wir wollen unbedingt das eigenständige Lernen fördern. Wir ziehen uns konsequent an Stellen, an denen wir sagen, ihr seid jetzt dran, zurück und ermuntern sie vielmehr, noch einmal zur Schautafel zu gehen oder mit ihren Mitschülern zu sprechen. Auch geben wir den Kindern grundsätzlich das Gefühl, dass sie das schaffen können. Das ist das Besondere, das wir den Kindern hier bieten. Wenn sie nach Hause gehen, haben sie das Gefühl, dass sie einen halben Kopf größer geworden sind. Sie haben dann das fertige Modell in der Hand, einen Rennwagen mit Lenkung oder einen Windgeschwindigkeitsmesser und sagen staunend: Das glauben unsere Eltern nie, dass wir das können.

Online-Redaktion: Was können die Schülerinnen und Schüler bei Ihnen lernen, was sie in der Schule nicht lernen können?

Welschehold: Erst einmal offensichtlich das eigenständige Lernen. Das lässt Schule nicht in diesem Maße zu. Das war früher offensichtlich mehr möglich. Ich habe dadurch, dass ich den Klaus von Klitzing-Preis bekommen habe, sehr viele Rückmeldungen von ehemaligen Schülerinnen und Schülern bekommen. Sie haben mir berichtet, wie sie früher den Unterricht bei mir empfunden haben. Ganz anders, als ihn ihre Kinder zurzeit erleben. Sie haben mir von den vielen Experimenten vorgeschwärmt, die wir im Physikunterricht gemacht haben, mir gesagt, wie anschaulich sie den Mathematikunterricht fanden oder dass wir im Technikunterricht Modelle gebaut haben, die heute noch funktionieren.

Heute haben die Kinder und Jugendlichen einfach nicht die Möglichkeit, individuell zu lernen, wie man lernt, sie haben gar nicht die Zeit dazu. Das liegt meiner Ansicht nach an der enormen Stofffülle und daran, dass man ständig alles überprüft. Schüler und Lehrer müssen sich dauernd Vergleiche gefallen lassen. Eine Lernatmosphäre fördert das nicht. Das freie Arbeiten fehlt und das sehen die Schülerinnen und Schüler auch so. Schule ist eine reine „Paukschule“ geworden. Zum eigenständigen Lernen kommt man so nicht. Da hat sich Schule offensichtlich verändert und ich denke, wir hier im Lernort bieten solches Lernen.

Online-Redaktion: Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Schulen aus?

Welschehold: In der Regel kommt eine Klasse einmal im Schuljahr und bleibt einen bis zu drei Tage. Sie arbeiten in dieser Zeit an einem Projekt. Was für die Schülerinnen und Schüler etwas ganz Besonderes ist und was sie auch einfordern, wenn sie es einmal erlebt haben, ist, dass wir die Jungen und Mädchen bis einschließlich Klasse acht trennen. Wenn die Mädchen unter sich sind, lassen sie sich von den Jungen nicht bevormunden und die Jungen haben nicht mehr das Gefühl, dass sie aufgrund ihrer Gene in Technik alles wissen müssen. Beide Geschlechter gehen auch sehr unterschiedlich an die Themen heran. Wenn die Gruppen gemischt sind, ziehen sich die Mädchen zurück und lassen die Jungen die Vorschläge machen. Das zieht sich durch alle Themen.

Online-Redaktion: Sie waren selbst bis vor zehn Jahren Lehrer an einer Schule. Wieso haben Sie sich dazu entschieden, den Schuldienst zu verlassen?

Welschehold: Ich bin immer gerne Lehrer gewesen, Klassenlehrer wie auch Mathematik-, Physik- und Techniklehrer. Zu sehen, wie die Jugendlichen im Laufe der Jahre an dem Unterricht, den ich mit ihnen gemacht habe, gewachsen sind, ist etwas, was ich jetzt manchmal vermisse. Aber ich habe immer mehr festgestellt, dass der praktische Anteil, das Anschauliche lernen, immer weiter zurückgegangen ist. Und so war das EXPO 2000-Projekt „Welche Schule braucht die Zukunft unserer Welt?“ des Niedersächsischen Kultusministeriums für mich, nachdem ich sehr lange als Lehrer Aus- und Fortbildungen im Bereich „Neue Technologie und Schule“ im Auftrag des Niedersächsischen Kultusministeriums gemacht habe, eine große Möglichkeit, einfach einmal zu zeigen, wie ich denke, wie Schule sein kann. Der außerschulische Lernort, dem eine dreijährige Aufbauphase vorausging, entstand im Rahmen dieses EXPO 2000-Projekts und wir wollten in dem Wettbewerb über ein Praxisprojekt in den Fächern zeigen, wie man lernt. Ich habe von vielen engagierten Lehrern gehört, dass sie das vermissen und ich wollte das als Pilotprojekt in einem Küstenstandort anbieten. Ich denke, wir erfüllen hier für die Kinder und Jugendlichen eine ganz wichtige Aufgabe. Und es macht natürlich Spaß, dort zu arbeiten, wo Kinder und Jugendliche gerne lernen.

Online-Redaktion: Wie könnte man den Unterricht in den Naturwissenschaften an der Schule besser gestalten?

Welschehold: Dazu müsste man die Rahmenbedingungen ändern. Ich möchte jetzt wirklich mal eine Lanze brechen für die Kolleginnen und Kollegen, die an Schulen in diesen Bereichen arbeiten. Sie müssten eine ganz andere Ausstattung bekommen und mehr Stunden, damit sie mit allen Klassen experimentieren können.

Wir haben hier zum Beispiel nicht nur Werkstätten mit Maschinen mit Handantrieb, sondern auch computergesteuerte Maschinen. Ältere Schüler können mit dem CAD-System arbeiten, fräsen, Einblicke darüber bekommen, wie es in der Arbeitswelt wirklich läuft. Das ist das, was Schule nicht bietet, diesen direkten Zusammenhang zum eigentlichen Leben herzustellen.

Online-Redaktion: Wie sieht eine gute Schule für Sie aus?

Welschehold: Mein Traum ist es, einen Teil der Art, wie wir hier arbeiten, auf Schule zu übertragen. Gerade vor dem Hintergrund, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt und dass Kinder vieles draußen gar nicht mehr beobachten können, weil sie sich viel zu lange vor dem Fernseher oder dem Computer aufhalten, sollte man Schule zu einer echten Ganztagsschule machen. Mit realitätsbezogenen Angeboten, durch die sie Lust auf das Lernen bekommen. Außerdem sollte jede Schule an einem Wochentag einen „Arbeitstag für Schüler“ einrichten: Kinder und Jugendliche sollten sich dann klassenübergreifend oder sogar jahrgangsübergreifend ein Thema aussuchen können, an dem sie gemeinsam arbeiten: eine Schülerfirma gründen, ein Theaterstück einüben, eine Firma errichten, die Erfindungen macht usw. Und sie sollten das Projekt einmal im Halbjahr präsentieren. Sie müssen stolz sein können, auf das, was sie gelernt haben, dann bekommen wir in der Schule auch wieder eine ganz andere Atmosphäre, ein ganz anderes Wir-Gefühl und auch eine andere Einstellung zur Leistung. Wir haben hier an unserem Lernort „Erfinderclubs“ eingerichtet und wir können beobachten, zu was für Leistungen Jugendliche fähig sind, wenn man sie nur lässt.


Erich Welschehold, Jahrgang 1947, Elektromechaniker, Diplomingenieur für allgemeine Elektrotechnik und Realschullehrer für die Fächer Mathematik, Physik und Arbeit-Wirtschaft-Technik. Er war bis zum Jahr 2000 Lehrer an der IGS Wilhelmshaven. Von 1988 bis 1995 war er außerdem als Fachdidaktischer Fortbildungsberater für das Fach Technik bei dem Modellversuch „Neue Technologie und Schule“ des Landes Niedersachsen tätig und von 1995 bis zum Jahr 2000 hat er Lehrerfortbildungen am Medienzentrum in Wilhelmshaven durchgeführt. Seit dem Jahr 2000 leitet er den außerschulischen Lernort „Bildung für Technik und Natur“ in Wilhelmshaven.

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 23.12.2009
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