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10. 12. 2009

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Besser individuell fördern können

KMK-Projekt stärkt diagnostische Kompetenzen von Lehrkräften

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Ruth Springer, Projektleiterin von "UDiKom" beim IFS

Das im August 2008 gestartete Projekt der Kultusministerkonferenz (KMK) „Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte im Hinblick auf Verbesserung der Diagnosefähigkeit, Umgang mit Heterogenität, individuelle Förderung“ (UDiKom), an dem alle 16 Bundesländer teilnehmen, möchte in den gut zwei Jahren seiner Laufzeit dazu beitragen, dass Lehrerinnen und Lehrer Ergebnisse von Large-Scale-Assessments wie PISA, TIMSS und IGLU verstehen und interpretieren lernen sowie die Ergebnisse von Lernstandserhebungen/Vergleichsarbeiten als Grundlage für ihre Schul- und Unterrichtsentwicklung nutzen. Zusätzlich möchte das Projekt die Individualdiagnostik der Lehrerinnen und Lehrer stärken. Das Projekt wird vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Universität Dortmund koordiniert. Die Online-Redaktion sprach mit Projektleiterin Ruth Springer über die Ziele und Arbeitsmethoden des Projekts.
 

Online-Redaktion: Was gab den Anstoß für das Projekt?

Springer: Der Anstoß für das Projekt waren die Ergebnisse der ersten PISA-Studie. Deutschland hatte im Vergleich zu den anderen Ländern, insbesondere im Bereich Lesen aber auch in anderen getesteten Bereichen, unterdurchschnittlich abgeschnitten. Daraufhin hat die KMK sieben Handlungsfelder beschlossen. Davon sind bearbeitet worden bzw. noch in der Bearbeitung: die Standardentwicklung des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das Projekt „ProLesen. Auf dem Weg zur Leseschule“ zur Verbesserung der Lesekompetenz an Schulen, das vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (ISB) betreut wird, das Projekt „for.mat“, das vom Land Rheinland-Pfalz koordiniert wird und sich mit der Frage kompetenzorientierter Fortbildung beschäftigt und das Projekt „UDiKom“, das die diagnostischen Kompetenzen der Lehrerinnen und Lehrer stärken soll.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung haben diagnostische Kompetenzen für die Unterrichtsgestaltung und für den Unterrichtserfolg?

Springer: Diagnostische Kompetenzen sind die Voraussetzung dafür, dass Lehrerinnen und Lehrer auf die Stärken und Schwächen der einzelnen Schüler eingehen können. Auch in einem Land mit einem gegliederten Schulwesen sind die Kinder einer Klasse keine homogene Masse, sondern sie haben unterschiedliche Kenntnisse. Die aktuelle Forschung sagt, dass auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Kinder einzugehen ist, um einen entsprechenden Lernerfolg zu erreichen. Das muss nicht heißen, dass man immer nur einzelne Kinder fördert, es kann sich auch um Gruppen handeln, aber man sollte wissen, wo die Stärken und Schwächen der Kinder sind, um ein Förderkonzept entwickeln zu können.

Online-Redaktion: Welche Ziele verfolgt das Projekt „UDiKom“?

Springer: Das Projekt „UDiKom“ möchte dazu beitragen, dass Lehrerinnen und Lehrer Ergebnisse von Large-Scale-Assessments wie PISA, TIMSS und IGLU einschätzen, verstehen und interpretieren können sowie die Ergebnisse von Vergleichsarbeiten/Lernstandserhebungen als Grundlage für ihre Schul- und Unterrichtsentwicklung nutzen können. Zusätzlich möchte „UDiKom“ die Individualdiagnostik der Lehrerinnen und Lehrer stärken, damit sie mit einer heterogenen Schülerschaft besser umgehen und diese besser individuell fördern können.

Online-Redaktion: Im Mittelpunkt steht die Erarbeitung von Studienbriefen. Wie werden die Studienbriefe entwickelt?

Springer: Auf Grundlage von Forschungsergebnissen der am Projekt beteiligten Wissenschaftler Prof. Dr. Wilfried Bos (IFS Dortmund), Prof. Dr. Andreas Helmke (Universität Koblenz-Landau), Prof. Dr. Detlev Leutner (Universität Duisburg-Essen) und Prof. Dr. Joachim Wirth (Ruhruniversität Bochum) liegen zwei Studienbriefe als Rohfassung vor. Diese sollen im Rahmen des Projektes didaktisch aufgearbeitet werden, so dass die Briefe sowohl zum Selbststudium der Lehrkräfte als auch als Grundlage für tutorengestützte Seminare in der ersten und zweiten Phase der Lehrerausbildung und der Lehrerfortbildung geeignet sind. Die Studienbriefe sollen in unterschiedlichen Kontexten flexibel einsetzbar sein, mit anderen Instrumenten kombiniert werden können und sich den Anforderungen unterschiedlicher Konzepte anpassen können. Eine Erprobungsphase soll den beteiligten Wissenschaftlern Rückmeldungen über Stärken und Schwächen der vorgestellten Instrumente geben.

Online-Redaktion: Aus welchen Modulen bestehen die Studienbriefe?

Springer: Es gibt zwei Module. Der erste zu entwickelnde Studienbrief besteht aus drei thematischen Teilen, die sich an den Zielsetzungen von Leistungsmessungen mittels standardisierter Testverfahren orientieren. Teil 1 behandelt das Thema „Individuelle Diagnostik“ und soll Lehrkräfte in die Lage versetzen, individualdiagnostische Instrumente fachbezogen auszuwählen, anzuwenden und die Ergebnisse unter Beachtung testtheoretischer Modelle und Qualitätsstandards angemessen zu interpretieren. Teil 2 behandelt das Thema „Lernstandserhebungen/Vergleichsarbeiten als Instrument der Selbstevaluation auf Klassen- und auf Schulebene“ und soll Lehrkräfte in die Lage versetzen, Lernstandserhebungen/Vergleichsarbeiten mit Verständnis durchzuführen, auszuwerten und die Ergebnisse unter Berücksichtigung kriterialer und sozialer Vergleichsstandards angemessen zu interpretieren und zur Weiterentwicklung ihres Unterrichtes zu nutzen. Und Teil 3 behandelt das Thema „Bildungsmonitoring auf der Systemebene“. Lehrkräfte sollen in die Lage versetzt werden, die Ergebnisse von Large-Scale-Assessments wie TIMSS, PISA und IGLU zu verstehen und angemessen zu interpretieren. Es ist uns wichtig, die eher skandalisierende Diskussion von Large-Scale-Assessments in den Medien durch klare Erkenntnisse zu ersetzen: Was sagt eine PISA-Studie aus, wie ist sie gemacht und welche Entscheidungen werden auf dieser Grundlage getroffen. Lehrerinnen und Lehrer müssen wissen, dass diese Studien Instrumente eines Bildungsmonitorings auf Systemebene sind, die keine Aussagen auf Klassenebene und erst recht keine Aussagen auf Individualebene erlauben.

Konstitutiver Bestandteil des von Prof. Helmke zu entwickelnden zweiten Studienbriefes ist ein netzbasiertes Programm zur Selbstevaluation, das – auf Basis von selbst erhobenen Daten zum Unterricht (Schülerfeedback oder Unterrichtsbeobachtung) – Lehrpersonen eine automatisierte Rückmeldung zu Stärken, Schwächen und Besonderheiten ihres Unterrichts sowie Hinweise zur Interpretation der so resultierenden Daten gibt und individualisierte Vorschläge zur Optimierung macht. Es gibt Erkenntnisse, die besagen, dass Lehrerinnen und Lehrer ihren eigenen Unterricht anders wahrnehmen als die Schülerinnen und Schüler. Befragt man einen Lehrer, wie hoch sein Sprachanteil in der Unterrichtsstunde war, wird er mit einem relativ niedrigen Prozentsatz antworten, fragt man die Schülerinnen und Schüler, werden sie mit einem sehr hohen Prozentsatz antworten. Um diese unterschiedliche Wahrnehmung durch Fakten zu ersetzen, wird dieses Instrument zurzeit mit Schulen rund um Landau entwickelt.

Außerdem hat uns die Telekom-Stiftung Geld zur Verfügung gestellt, so dass wir auf Grundlage des Blended-Learning-Konzeptes interaktive Trainingsmodule und einen Einführungsfilm erarbeiten können. So können die Lernenden den angebotenen Lehrstoff auch praktisch erfahren.

Online-Redaktion: Wie wird die Praxistauglichkeit der Studienbriefe erprobt? Wie werden die Bundesländer dabei einbezogen?

Springer: Die Studienbriefe sind zunächst an wenige ausgewählte Kolleginnen und Kollegen in fünf verschiedenen Bundesländern gegangen. Sie sollen überprüfen, ob Sprache und Anforderungshöhe der Briefe angemessen sind und ob der Inhalt praxisrelevant ist. Dazu werden wir demnächst Rückmeldung erhalten. Nach einer Überarbeitung der Studienbriefe auf Grundlage der Rückmeldungen werden wir sie Ende Februar 2010 in einer so genannten Meilensteinkonferenz allen Bundesländern samt einem Erprobungsdesign vorstellen. In der dann folgenden Zeit werden alle Bundesländer, so haben sie sich verpflichtet, die Studienbriefe erproben - entweder in der Lehrerausbildung, der Lehrerfortbildung oder der individuellen Fortbildung. Es wird auch Bundesländer geben, die sie in allen drei Phasen einsetzen. Danach werden wir die Rückmeldungen bearbeiten, einarbeiten und Anfang 2011 die fertigen Studienbriefe mit einem Implementationskonzept allen Bundesländern zur Verfügung stellen.

Online-Redaktion: Wie ist „UDiKom“ mit den anderen beiden KMK-Projekten „ProLesen“ und „for.mat“ verknüpft?

Springer: Wir haben die Konzeptionen verglichen, um sie bereits in der Produktionsphase aufeinander abzustimmen. Außerdem sind die Vertreter beider Projekte in unseren Meilensteinkonferenzen immer dabei.

Online-Redaktion: Wie wird im Anschluss an die Projektlaufzeit die Umsetzung der Studienbriefe sichergestellt?

Springer: Dies ist nicht unser Auftrag. Wir sind ausschließlich dafür zuständig, die Studienbriefe, Werkzeuge zur Unterrichtsdiagnostik und eine Datenbank mit Instrumenten zur Individualdiagnostik fertig zu stellen sowie den Ländern Vorschläge für eine Implementation zu machen. Die Verantwortung für die Implementation, die Qualifizierung und die Unterstützung der Arbeit mit den zur Verfügung gestellten Instrumenten übernehmen die Länder.

 

Ruth Springer ist Projektleiterin von "UDiKom" beim Institut für Schulentwicklungsforschung Dortmund.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 10.12.2009
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