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17. 11. 2009

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Wesentlicher Teil unserer Zukunft“

Menschen mit Migrationshintergrund müssen besser integriert werden

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Dr. Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung


Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat im Januar 2009 erstmals eine Studie zur Lage der Integration in Deutschland herausgegeben. Die Online-Redaktion sprach mit einem der Autoren der Studie „Ungenutzte Potenziale“, Dr. Reiner Klingholz, über die Ergebnisse und mögliche Konsequenzen.


Online-Redaktion: Was war der Anlass für die Studie?

Klingholz: Es gab zwei Gründe. Erstens gibt es Probleme mit der Integration in Deutschland. Zweitens weiß man relativ wenig darüber, wie welche Herkunftsgruppen integriert sind und warum sie unterschiedlich integriert sind. Das liegt daran, dass man in Deutschland lange Zeit nur Daten über „Ausländer“ gesammelt hat. Ungefähr die Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund lebt aber nicht mehr als Ausländer, sondern als Deutsche hier, so dass diese Daten an Aussagekraft verlieren. Erst der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes Deutschland vom Jahr 2005 (jährliche Befragung zu bestimmten Themen) hat Menschen mit Migrationshintergrund Fragen zum Geburtsort der Eltern, ihrem Bildungsstand, ihrem Einkommen und ihrem Beruf gestellt. Die Daten des Mikrozensus haben wir unserer Studie zugrunde gelegt.

Online-Redaktion: Welche Migrantengruppen gibt es in Deutschland?

Klingholz: Die größte Gruppe stellen die Aussiedler, Menschen aus den ehemaligen Regionen der Sowjetunion, mit rund vier Millionen Einwohnern. Die zweite Gruppe bilden die Menschen mit türkischem Hintergrund (2, 8 Millionen) der ersten und der zweiten Generation, von denen die Hälfte bereits hier geboren ist. Die dritte Gruppe kommt aus den Ländern der EU ohne die klassischen südeuropäischen Gastarbeiternationen (Portugal, Spanien, Italien, Griechenland). Die vierte Gruppe sind Menschen aus den südeuropäischen ehemaligen Gastarbeiterstaaten. Dann kommen noch Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, dem Fernen Osten, dem Nahen Osten und aus Afrika dazu.

Online-Redaktion: Wie definieren Sie eine erfolgreiche Integration? Und woran haben Sie die Integrationserfolge der Migrantengruppen gemessen?

Klingholz: Wir vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sagen, dass Migranten dann gut integriert sind, wenn sie in allen Lebensbereichen, also in der Bildung, im Einkommen und im sozialen Status im Mittelwert den Einheimischen gleichgestellt sind. Erst dann ist eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft, die wir uns ja wünschen, möglich. Gemessen haben wir das an zwanzig Indikatoren aus verschiedenen Bereichen, wie zum Beispiel Bildung und soziale Absicherung: Sind die Menschen arbeitslos, bekommen sie Hartz IV, haben sie Erfolg im Erwerbsleben, wie häufig sind sie in besseren Berufen vertreten? Ein anderer Faktor war, wie stark sie sich mit der einheimischen Bevölkerung, beispielsweise über bikulturelle Ehen, vermischen. Interessant ist auch die Frage, ob sich die Integrationswerte der direkt zugewanderten Generation im Vergleich zu denen, die hier geboren sind, verbessern. Hier gibt es starke Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen, so dass dies sicher ein guter Indikator ist. Diese 20 Indikatoren zusammengerechnet zu einem Index erlauben eine Beurteilung, wie gut welche Gruppen in welchen Regionen und Städten integriert sind.

Online-Redaktion: Welche Migrantengruppen haben sich besonders gut integriert?

Klingholz: Am besten integriert sind die EU-Bürger ohne die südeuropäischen Gastarbeiter. Sie sind besser integriert als die Einheimischen, sie schneiden in fast allen Bereichen besser ab, verdienen mehr Geld, haben eine höhere Qualifikation, auch ihre Kinder machen bessere Bildungsabschlüsse. Diese Menschen kommen in der Regel hierher, weil sie einen guten Job angeboten bekommen haben, verlassen das Land nach einer gewissen Zeit aber auch oft wieder. Die zweitbeste Gruppe sind die Aussiedler. Sie verfügen, wenn sie herkommen, über einen relativ hohen Bildungsstand, weil Bildung in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion eine große Rolle spielte. Sie arbeiten zwar häufig unter ihrer einstigen Qualifikation, sind aber vergleichsweise wenig arbeitslos und ihre hier geborenen Kinder schneiden bereits besser ab als die einheimische Vergleichsgruppe. Ihre Bildungsmotivation ist offenbar sehr hoch. Außerdem sind in der Gruppe der hier Geborenen bereits 70 Prozent der Verheirateten eine Ehe mit Einheimischen eingegangen. Ihr Migrationshintergrund wird sich sehr bald auflösen.
Am Ende der Skala liegen die Menschen mit türkischen Wurzeln. Auch Migranten mit afrikanischem und jugoslawischem Hintergrund schneiden relativ schlecht ab. Obwohl die türkischstämmigen schon lange hier leben und zur Hälfte auch hier geboren sind, gibt es unter ihnen eine sehr hohe Arbeitslosigkeit. Und auch wenn die Bildungsabschlüsse der zweiten Generation besser sind als die der ersten Generation, ist die Erwerbslosigkeit in der zweiten Generation sogar höher.

Online-Redaktion: Wieso integrieren sich bestimmte Herkunftsgruppen leichter als andere?

Klingholz: Bildung ist sicher ein Hauptgrund dafür, denn ohne Bildung ist es schwer, einen Job zu bekommen. Viele Menschen haben durch den Strukturwandel, also den Wegfall von Arbeitsplätzen im produktiven Bereich, im Bergbau oder im Automobilbau, ihre Stellen verloren. Die Migranten litten am stärksten unter dem Strukturwandel, weil sie aufgrund mangelnder Qualifikation nicht in einen anderen Job wechseln konnten. Ein weiteres Hemmnis bei der Integration ist die Vorstellung von Geschlechterrollen. Ein Indikator, den wir untersucht haben, ist die Hausfrauenquote: Wie viele der Frauen aus Migrantenfamilien sind nicht erwerbstätig oder suchen keine Arbeit? Der Wert ist in den islamischstämmigen Familien am höchsten. Dabei schneiden etwa die türkischstämmigen Mädchen in der Schule deutlich besser ab als die Jungen, sie dürfen nur anschließend oft keine Ausbildung oder kein Studium absolvieren. Das ist extrem verschenktes Potenzial. Auch geht hier viel Sozialkapital verloren, das notwenig wäre für die nächste und übernächste Generation. Anders beispielsweise ist das bei den Migranten aus Asien. Gerade aus Vietnam kommen viele, die keinen guten Bildungsstand haben, aber deren Kinder sogar besser abschneiden als die Einheimischen. Sie haben offenbar eine ganz andere Bildungsaspiration.

Online-Redaktion: In welchen Bundesländern sind Menschen mit Migrationshintergrund gut integriert und wie kommt es zu Unterschieden zwischen den Bundesländern?

Klingholz: Generell kann man sagen, dass Menschen mit Migrationshintergrund dort besser integriert sind, wo der Arbeitsmarkt gut ist. Wenn die Arbeitslosigkeit insgesamt niedriger ist, haben auch mehr Migranten einen Job. Und dort, wo es qualitativ hochwertige Jobs gibt, wie in Frankfurt am Main oder auch München, arbeiten auch hoch qualifizierte Migranten. Aus diesen Gründen sind in den Städten München, Bonn, Frankfurt am Main und Düsseldorf Migranten besonders gut integriert. Schlusslichter bilden die Städte Duisburg, Nürnberg, Dortmund und Bochum. In diesen altindustriellen Gebieten fehlen bedingt durch den Strukturwandel die Stellen.

Online-Redaktion: Welche Folgen hat eine unzureichende Integration langfristig?

Klingholz: Es macht die Leute unzufrieden. Gerade bei den jungen Menschen, die andere Erwartungen vom Leben haben und sich schlecht behandelt fühlen, trägt das zum sozialen Unfrieden bei. Das gilt auch für Einheimische. Außerdem verursacht es Kosten für die Volkswirtschaft. Langfristig verheerend ist es deshalb, weil wir durch den demographischen Wandel einen starken Rückgang an jungen Menschen in Deutschland verzeichnen. Wir haben in Zukunft wesentlich weniger junge Einwohner, die aber insgesamt produktiver sein müssen, weil wir eine alternde Gesellschaft sind. Deshalb kann man sich nicht erlauben, 20 Prozent der Gesellschaft – Migranten wie Einheimische – zu marginalisieren. Und man darf nicht vergessen: Heute verfügen 20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen über einen Migrationshintergrund. Diese 20 Prozent aber haben ein Drittel aller Kinder. Die Gruppe wächst und ist damit ein wesentlicher Teil unserer Zukunft, um den wir uns besser kümmern müssen. Aber auch die Menschen mit Migrationshintergrund müssen sich besser kümmern.

Online-Redaktion: Welche Maßnahmen sind Ihrer Ansicht nach nötig, um die Integration insgesamt zu verbessern?

Klingholz: Die Förderung der deutschen Sprache, mehr Bildung und insgesamt mehr Bildungsengagement. Wir brauchen ein verbindliches Vorschuljahr, eine Kindergartenpflicht, damit die Kinder besser Deutsch lernen können. Wir brauchen auch eine Ganztagsschule, unter anderem um Kinder aus bildungsfernen Haushalten von ihrem Elternhaus zu entkoppeln. Man muss im Rahmen von Integrationsprogrammen auch massiv auf die Eltern zugehen. Dafür sollte man Ganztagsschulen zu Integrationszentren ausbauen, in denen Kinder und Eltern mit Migrationshintergrund auch lernen, wie man mit Ämtern umgeht oder wie man Formulare ausfüllt.

Wir brauchen auch viel mehr Lehrer mit Migrationshintergrund, die Vorbilder sein können und die die spezifischen Qualitäten und Schwächen ihrer eigenen Gruppe kennen. Wir brauchen Stipendienprogramme für erfolgreiche Schülerinnen und Schüler. Gerade für die Mädchen aus den islamischen Ländern benötigen wir ein spezielles Förderungsprogramm. Aber wir dürfen dabei die Jungs nicht vergessen, die ja schlechter abschneiden. Integrationsunwilligen, deren Kinder die Schule nicht besuchen oder sich dort schlecht verhalten, sollte man die Sozialleistungen kürzen. Und man muss an dem Geschlechterverständnis von schlecht integrierten Gruppen arbeiten. Es muss ihnen klar werden, dass Diskriminierung von Frauen in Deutschland nicht zugelassen ist. Hier sind auch die Migrantenverbände gefordert, die mit dem Thema offensiver umgehen sollten.



Dr. Reiner Klingholz, Jahrgang 1953, ist Chemiker und Molekularbiologe. Nach einer Zeit in der Grundlagenforschung hat er die Disziplin gewechselt und fünf Jahre als Wissenschaftsredakteur des Wochenblattes DIE ZEIT gearbeitet. Anschließend war er für ein Jahrzehnt Redakteur des Monatsmagazins GEO und hat dort den Wissenschaftsbereich und das Magazin GEO WISSEN geleitet. Seit 2003 leitet Reiner Klingholz das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, eine Denkfabrik für demografische Fragen. Alle Publikationen des Berlin-Instituts finden sich unter www.berlin-institut.org.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 17.11.2009
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