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30. 07. 2009

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Unterricht gemeinsam weiterentwickeln

Die positive Bilanz des Programms SINUS-Transfer Grundschule

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Prof. Dr. Manfred Prenzel

Nach fünf Jahren Laufzeit geht das Programm SINUS-Transfer Grundschule in diesem Jahr zu Ende. Die Online-Redaktion sprach mit dem Leiter des Projekts, Professor Dr. Manfred Prenzel, von der Koordinierungsstelle am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) über erste Ergebnisse, die Arbeit mit den Modulen und das Nachfolgeprojekt SINUS an Grundschulen.


Online-Redaktion: Das Projekt SINUS-Transfer Grundschule hat in den vergangenen fünf Jahren den mathematischen und naturwissenschaftlichen Grundschulunterricht weiter entwickelt. Ende Mai 2009 fanden die Abschlussveranstaltungen des Projekts statt, an dem 14 Bundesländer beteiligt waren. Welche Bilanz können Sie nach fünf Jahren ziehen?

Prenzel: Das Programm ist sehr erfolgreich verlaufen. Wir wollten den Ansatz des Programms SINUS („Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts“), den wir in der Sekundarschule über Jahre erfolgreich umgesetzt hatten, auch in den Grundschulen erproben, um diese in eine aktive Unterrichtsentwicklung einzubinden. Dazu benutzten wir ein ganz ähnliches Modell: problembezogene Module, Zusammenarbeit innerhalb der Schulen, Vernetzung der Schulen untereinander, Fortbildungsveranstaltungen usw. Wir wollten nicht mit traditionellen Lehrerfortbildungsinstrumenten arbeiten, sondern schulnah an den Problemen ansetzen, die Kollegen und Kolleginnen in den Austausch bringen, sie in ihrer Professionalität ernst nehmen und als Experten verstehen. Das ist insgesamt sehr gut gelungen.

Online-Redaktion: Was ist an SINUS-Transfer Grundschule anders als an den Vorläuferprogrammen SINUS und SINUS-Transfer?

Prenzel: Ähnlich an den Programmen ist die fachbezogene Unterrichtsentwicklung anhand einer Anzahl so genannter Module, die Problembereiche beschreiben. Die einzelne Schule konnte sich im Verlauf des Projekts entscheiden, an welchen Modulen sie arbeiten wollte und hat sich über ihre Arbeit mit anderen Schulen ausgetauscht. Nach und nach wurden immer mehr Schulen miteinander vernetzt, damit sie gemeinsame Vorstellungen entwickeln und ihre Erfahrungen und Unterrichtskonzepte austauschen konnten.

Bei SINUS waren die Zielgruppe, die Altersgruppe sowie die Kompetenz der Lehrkräfte anders. Die Grundschullehrkräfte haben eine tiefere Ausbildung in didaktischen und pädagogischen Fragen, eine weniger intensive Ausbildung in den fachlichen Fragen. Die ganze Struktur der Grundschule unterscheidet sich von der der Sekundarschulen. Die Schulleitung spielt dort noch keine große Rolle in der Qualitätsentwicklung. In dem Verständnis der Führung von Schule, der Selbstevaluation und Programmentwicklung sind die Grundschulen ein wenig anders angelegt als die Sekundarschulen. Von daher stellte sich uns die Frage, wie das Programm an den Grundschulen funktioniert. An den Grundschulen gibt es auch keine Fachgruppen, in denen sich die Lehrkräfte in regelmäßigen Abständen zusammensetzen. Grundschullehrkräfte sind meistens in mehreren Fächern ausgebildet und nicht so spezialisiert. Es war deshalb eine weitere Frage, ob es gelingt, das Programm auch unter diesen Bedingungen gut umzusetzen.

Online-Redaktion: Warum wurde das Programm SINUS auf die Grundschulen erweitert?

Prenzel: Auch wenn die Grundschulen in den internationalen Vergleichsstudien wie IGLU-E (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung – Erweiterung) auf den ersten Blick etwas besser abschneiden als die Sekundarschulen, so kann man doch ganz ähnliche Probleme feststellen. Es gibt bereits in der Grundschule eine ganze Reihe von Schülerinnen und Schülern mit elementaren Schwächen. Bei vielen befindet sich der Leistungsstand auf oder unterhalb der ersten Kompetenzstufe, so dass es darauf ankommt, frühzeitig darauf hinzuwirken, dass sich nicht extreme Leistungsdifferenzen entwickeln. Ein anderer Grund ist die Frage der Talentförderung. Wie weit gelingt es in den Grundschulen, Schülerinnen und Schüler, die besondere Fähigkeiten mitbringen, zu erkennen und vorzubereiten? Ein dritter wichtiger Punkt ist die Schnittstelle Grundschule – Sekundarschule. Wie wird der Unterricht in beiden Schulformen, der ja stark voneinander abweicht, aufeinander abgestimmt? Aber auch der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule spielt eine große Rolle. Kinder besuchen die Schule schon mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen.

Online-Redaktion: Wichtigstes Anliegen aller SINUS-Programme ist die Qualitätsverbesserung des Unterrichts mit Hilfe von zentralen Modulen. Können Sie etwas zur Arbeit mit den Modulen sagen?

Prenzel: Die inhaltliche Arbeit des Programms SINUS-Transfer Grundschule erfolgte über zehn Module. Sie beziehen sich auf ausgewählte Problembereiche des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts, die Fachdidaktiker zusammen mit uns abgestimmt haben. Die dazu gehörigen Modulbeschreibungen wurden in der Regel getrennt für die Mathematik und die Naturwissenschaften formuliert. So gab es als Module beispielsweise den „Umgang mit Aufgaben im Mathematikunterricht“ oder das „Erforschen, Entdecken und Erklären im naturwissenschaftlichen Unterricht der Grundschule“. Die Schulen entschieden sich für Module, die an ihrer Schule Problembereiche darstellten. Wir haben den Lehrkräften Logbücher angeboten, in denen sie ihre Zielsetzung und den Stand der Entwicklung, den sie schon erreicht hatten, und den, den sie noch erreichen wollten, dokumentieren konnten. Wir gaben den Schulen die Anregung, sich erst einmal mit einer kleinen Auswahl von drei Modulen näher zu beschäftigen, später dann den Raum zu erweitern, Kombinationen herzustellen und bestimmte speziellere Fragen anzugehen.

Online-Redaktion: Wie haben die am Projekt beteiligten Lehrkräfte innerhalb ihrer eigenen Schule sowie mit anderen teilnehmenden Schulen zusammengearbeitet?

Prenzel: Innerhalb der eigenen Schule sehr intensiv, aber sie standen auch mit den SINUS-Schulen in ihrer Nachbarschaft im ständigen Austausch. In der Regel trafen sie sich einmal im Monat in so genannten Schulnetzen. Dort haben sie ihre Arbeit vorgestellt und überlegt, wie sie noch besser zusammenarbeiten können, damit sie nicht alle das Gleiche entwickeln, sondern sich ergänzen und die Beispiele und Materialien untereinander austauschen können.

Online-Redaktion: Wie hat diese Zusammenarbeit funktioniert?

Prenzel: Sehr gut. Genau wie schon bei dem Programm SINUS haben auch die Lehrerinnen und Lehrer, die an dem Programm SINUS-Transfer Grundschule beteiligt waren, ausgezeichnet miteinander kooperiert. Lehrkräfte sind sehr gerne bereit, sich mit zusätzlicher Arbeit zu engagieren, wenn sie es gemeinsam mit Kollegen machen können und wenn es stärker auf den Unterricht bezogen ist. Dann haben sie das Gefühl, dass sich ihre Arbeit auch rentiert, allein schon für ihre eigene Unterrichtsvorbereitung. Es tut ihnen gut zu merken, dass andere Lehrer ganz ähnliche Probleme haben, und zu sehen, wie diese damit umgehen. Das ist der wichtigste intrinsisch motivierende Faktor dieses Programms: Die Lehrkräfte haben das Gefühl, dass es ihnen persönlich etwas bringt.

Online-Redaktion: Wie wurden die Lehrkräfte bei der Zusammenarbeit vom Programmträger am IPN unterstützt?

Prenzel: Der Programmträger kümmert sich vor allem darum, dass die Module vorbereitet werden, dass die Schulen die Handreichungen bekommen und es Fortbildungen zu den Modulen gibt, möglichst von den Autoren selbst, die diese Module entworfen haben. Er beantwortet auch Fragen oder hilft Fragen zu beantworten, und er hält das Begleitsystem der Koordinatoren in einem engen Kontakt. Wir haben auf Landesebene und in den Schulnetzen Koordinatoren, die im Kontakt zu den Schulen und den Lehrkräfte stehen, Rat und Empfehlungen geben oder Verbindungen zu anderen Schulen herstellen, damit diese sich besser austauschen können.

Online-Redaktion: Wie werden die Ergebnisse und Erfahrungen verstetigt und weitergeführt? Welche stehen dabei besonders im Vordergrund?

Prenzel: Das, was unserer Auffassung nach verstetigt werden soll und was sicher auch verstetigt wird, sind die Prinzipien der Unterrichtsentwicklung: Gemeinsam an einer Schule im Kollegenkreis nach einem bestimmten System Probleme zu entdecken, diese zu beschreiben, Ziele zu formulieren, daran zu arbeiten, die Ergebnisse zu sichern, miteinander auszutauschen usw. Das ist aus unserer Sicht das Wichtigste, was man aus so einem Programm heraus als Prinzip an den Schulen fortführen muss. Wobei man sich immer in der einzelnen Schule fragen muss, welches ist unser dringendstes Problem, an dem wir arbeiten wollen.

Online-Redaktion: Gibt es Folgeprojekte von SINUS-Transfer-Grundschule in den einzelnen Bundesländern?

Prenzel: In Vorbereitung ist ein Ausweitungsprogramm für SINUS-Transfer Grundschule. So wie es aussieht, werden wir im Oktober 2009 dieses Programm mit sehr viel mehr Schulen fortsetzen können. Elf Länder haben sich bereit erklärt, das Programm unter dem Dach der Kultusministerkonferenz (KMK) weiter auszuweiten, also in gewisser Weise ein Transfer-Programm aufzulegen, das dann „SINUS an Grundschulen“ heißen wird. Das IPN wird zwar weiterhin die Programmträgerschaft innehaben, aber das neue Programm wird sehr viel stärker durch die Länder mitgetragen als bisher. Die bisherigen Schulen werden natürlich als gute Beispiele eine große Rolle spielen. Wir werden die bereits entstandenen Schulnetze in das neue Programm einbinden, so dass neue Schulen von deren Erfahrungen profitieren können. Bei dem Vorgängerprogramm SINUS-Transfer haben wir gesehen, dass es gut funktioniert, wenn man die Anzahl der Schulen verdoppelt. Dadurch kommen neue Ideen hinzu, die die Zusammenarbeit der alten und neuen Schulen sehr beleben. Alle profitieren davon. Den Erfolg dieses Projekts nehmen wir als Ermunterung für die Ausweitung von SINUS-Transfer Grundschule. Das Hauptanliegen, das wir mitverfolgen, ist in der Fläche dafür zu sorgen, dass Lehrkräfte, egal an welcher Schule sie tätig sind, beginnen, mit gemeinsamen Vorstellungen Unterricht zu sehen, zu verbessern und weiterzuentwickeln. Das ist die tragende Idee des Programms.


Prof. Dr. Manfred Prenzel ist seit 2009 Gründungsdekan der TUM School of Education und seit Sommer 2009 zugleich Professor an der TU München. Bis dahin war er Geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er leitete die Erhebungen zu PISA 2003 und 2006 in Deutschland und wirkt auf internationaler Ebene bei der Entwicklung der Konzeption und der Aufgaben für die Naturwissenschaftstests mit. Seit neun Jahren trägt er die wissenschaftliche Verantwortung für die bundesweiten Qualitätsentwicklungsprogramme zur „Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts“ (SINUS, SINUS-Transfer, SINUS-Transfer Grundschule).
E-Mail: manfred.prenzel@tum.de

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 30.07.2009
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