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07. 06. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Auch geistiges Eigentum verpflichtet

Hochbegabte lernen in St. Afra demokratische Verantwortung

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Das Sächsische Landesgymnasium St. Afra in Meißen

230 Schüler, die sich für die hundert Plätze in St. Afra beworben hatten, traten 2001 zum Testmarathon an, der ihre Begabungen lokalisieren sollte - Bewerbung, Einschätzung eines Pädagogen, der das Vertrauen des Schülers besitzt, komplexe Tests und Improvisationsübungen an vier Wochenenden. Zum Beispiel versuchten die Juroren, alles Lehrer und Mentoren von St. Afra, über ein sogenanntes "Advokatenspiel" strategische Begabungen auszuloten: Jeder Schüler musste sich eine fremde Meinung aneignen und gegenüber anderen öffentlich verteidigen. Der Eindruck eines gnadenlosen Auswahlverfahrens trügt, denn die Juroren hielten besonders Ausschau nach Schülern, die neben ihren Begabungen auch soziale Kompetenz mitbringen. Nicht alle Schüler meisterten diese Hürde. Das "geistige Klima", so erinnert sich Schulleiter Dr. Werner Esser, sei an diesen Wochenenden sehr offen und konstruktiv gewesen - eine gelungene Generalprobe für das Schulleben ins St. Afra. Die Förderung von Begabungen soll aber nicht vom Portemonnaie der Eltern abhängen. Stipendien, Stiftungen und der Förderverein werden Schülern finanziell unter die Arme greifen, deren Eltern sich die ca. 300 DM pro Monat für sächsische, und ca. 600 DM für Schüler aus den alten Bundesländern, nicht leisten können

Ein Novum in der deutschen Schullandschaft ist, dass die Schule in einem Assessment Center die Messlatte für die Lehrer festlegen. Was für die Schüler gilt, ist eben auch für die Lehrer der Maßstab. Doch brauchen besondere Schüler auch besondere Lehrer und wie unterscheidet sich die Didaktik einer normalen Schule von der in St. Afra?

Die Frage der Didaktik ist umstritten, denn für viele existiert nur eine Form der Didaktik, im Fall der Hochbegabten eben eine konzentrierte Form des Üblichen. Besonders Begabte, Internat, neue Lehr- und Lernmethoden - ein Job streng nach Dienstplan funktioniert in St. Afra nicht. Denn Lehrer sind gleichzeitig Mentoren, die den Schülern in Gymnasium und Internat mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Risiken gibt es trotzdem
Auch das das ausgeklügelste Auswahlverfahren kann Schulleiter Esser nicht vor sämtlichen Risiken schützen. Niemand weiß, ob alle Lehrer eine hinreichende Vorstellung von der künftigen Arbeit haben und sie alle Erwartungen erfüllen können - schließlich konnte man sich nur auf Beobachtungen und Aussagen verlassen, da man im Jahr 2000 noch auf keine Schüler zurückgreifen konnte. So ist es neben menschlichen Reibereien auch denkbar, dass Schüler den Lehrern fachlich voraus sind oder dass Schüler ihr Wissen bereits so vernetzen, dass Fachunterricht nicht mehr sinnvoll ist. "Wir müssen uns auf Irritationen einstellen", schätzt Esser die Situation realistisch ein. Mögliche Rettungsanker liegen aber schon bereit: Fortbildungen, Team-Teaching und psychologische Unterstützung in Form von Supervisionen sind geplant. Die Annahme, Hochbegabte seien motivierter als andere Schüler, könnte ebenso zum Bumerang werden, denn im genial "approach" werfen hochbegabte Kinder eine Aufgabe auch schon mal hin, wenn die Lösung nicht beim ersten Versuch glückt.

Wechselvolle Geschichte
Die frühere "Fürstenschule" St. Afra blickt auf eine lange und wechselvolle Tradition zurück: 1543 von Fürst Moritz von Sachsen gegründet um besonders Begabte zu fördern, fungierte sie in der Nazi-Diktatur als Deutsche Heimschule und in der DDR als Hochschule für die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG). Das Land Sachsen lässt sich die Wiedereröffnung in St. Afra über 78 Millionen DM kosten. Eine Investition in die Zukunft. Die neuen Bundesländer spielen in Sachen Hochbegabung nicht nur wegen der Tradition der Spezialschulen in der DDR eine Vorreiterrolle, sondern auch, weil die vielzitierte Standortfrage in den nächsten Jahren über die Bildung und nicht über die Industrie entschieden wird. Ministerpräsident Kurt Biedenkopf will mit St. Afra denn auch, "dass Sachsen seine führende Rolle in Deutschland wieder erhält und ausbaut".

Lehrplan konzentriert sich auf das Wesentliche
Ein Blick auf das kommende Schuljahr: St. Afra will Schülern Freiräume bieten und Lust auf Lernen machen. Der sächsische Lehrplan wurde entschlackt, Doppelungen gestrichen und auf das Wesentliche konzentriert. Im so genannten "fundamentum" sollen die Grundlagen vermittelt, im "additum I" und "additum II" das Wissen vertieft und den besonderen Interessen nachgegangen werden. Je nach Alter und Jahrgangsstufe sieht der Lehrplan für die "Afraner" drei Fremdsprachen, das Lernen von Lerntechniken, vorwissenschaftliche Arbeit, naturwissenschaftlich-experimentelle Forschung und interkulturellen Unterricht vor. Die Oberstufenschüler - bislang gibt es nur zwei 7. und 10. Klassen - werden drei Leistungskurse haben, in Methodik unterrichtet werden und eine schriftliche Abschlussarbeit anfertigen, die sie öffentlich verteidigen müssen. Vor allem das "additum" lässt sich nicht in einen "normalen" Stundenplan pressen. Auch deshalb kommt dem Internat eine zentrale Rolle zu. Die Schüler können nach dem Unterricht weiter an ihren Projekten arbeiten, finden Raum und Zeit zum Arbeiten, Nachdenken und außerdem Mentoren, die sie immer ansprechen können - das Internat, das nicht als verlängerter Arm der Schule, der aber nicht "verschulen" will, sondern Angebote macht.

Auch die Architektur, transparent, offen und einladend, fügt sich in eine Schule, die Lern und Lebensraum zugleich sein will - in den Fluren laden sogenannte "Haltestellen" ein zum Gespräch oder Nachdenken außerhalb des Klassenraumes. Demokratische Verantwortung lernen die "Afraner" nicht nur in der Schule, sondern auch im Internat, in dem Selbstorganisation groß geschrieben wird. Das Schul- und Internatsleben beruht auf Verträgen und Absprachen, die Schüler sind keine Schülersprecher, sondern Schulsprecher und sind an vielen Entscheidungen beteiligt. Der Lern und Lebensraum St. Afra will später einmal Schüler entlassen, die selbständig sind, exzellente Fähigkeiten besitzen und ein hohes Maß an demokratischer Verantwortung haben. Den Dünkel der "Eliteschule" lässt der sächsische Staatsminister für Kultus, Dr. Matthias Rößler, nicht gelten. In St. Afra werde schließlich die demokratische Erziehung groß geschrieben, denn "nicht nur materielles, auch geistiges Eigentum verpflichtet", so der sächsische Staatsminister.

Landesgymnasium Sankt Afra
Gründungsbüro Kynastweg 57a
01662 Meißen
Telefon: 03521/ 40 19 88
Fax: 03521/ 40 19 87
E-mail: st.afra@t-online.de



Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.06.2001
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