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19. 03. 2009

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Mädchen und Frauen für Technik interessieren

Frauen können die gleichen technischen Kompetenzen entwickeln wie Männer

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Prof. Dr. Katja Windt, Hochschullehrer/in des Jahres 2008

Noch immer entscheiden sich relativ wenige junge Frauen für ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium. Dennoch gibt es Vorbilder und Beispiele für erfolgreiche Karrieren in diesem Bereich: Dr. Katja Windt ist „Bernd Rogge Professor of Global Production Logistics“ an der Jacobs University Bremen, erhielt als erste Frau die Auszeichnung „Hochschullehrer des Jahres 2008“ und bekam den „Alfried Krupp-Förderpreis für junge Hochschullehrer“. Die Online-Redaktion sprach mit ihr über ihren erfolgreichen Werdegang und darüber, wie Mädchen und junge Frauen ermutigt werden können, ein ingenieurwissenschaftliches Studium aufzunehmen.


Online-Redaktion: Sie erhielten unlängst den Alfried Krupp-Förderpreis für junge Hochschullehrer, und Ihnen wird als erster Frau der Titel Hochschullehrer des Jahres 2008 verliehen. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?

Windt: Diese Auszeichnungen sind für mich eine besondere Ehre und ein Meilenstein in meinem Leben. Insbesondere der Alfried Krupp-Förderpreis ermöglicht es mir, meine Arbeitsgruppe mit entsprechenden Mitteln aufzubauen, Ideen, vor allem die interdisziplinären, in der Logistik zu verfolgen, Mitarbeiter einzustellen, ein Labor einzurichten usw. Das alles sind Möglichkeiten, für die ich sehr dankbar bin.

Online-Redaktion: Wodurch wurde Ihr Interesse an Technik geweckt? Welche Rolle spielte dabei das Elternhaus und Schule?

Windt: Vor allem mein Freundeskreis war dafür mitverantwortlich. Einige meiner Mitabiturienten entschieden sich damals für ein Maschinenbaustudium. Mein Elternhaus hat darauf keinen so großen Einfluss gehabt. Ich bin wie viele andere Mädchen mit Puppen und nicht mit Baukästen, Fischertechnik und solchen Sachen aufgewachsen. In der Schule hatte ich während der Oberstufe Informatik, was mir sehr gefallen hat. Zugleich belegte ich einen Leistungskurs Wirtschaft, bei dem ich merkte, das will ich nicht studieren. So habe ich mich weiter umgesehen und bin auf den Maschinenbau aufmerksam geworden. Ich absolvierte zunächst ein Praktikum bei dem Bremer Vulkan. Dabei habe ich eine Menge gelernt und konnte anschließend auch besser einschätzen, welche Tätigkeiten mit dem Fach Maschinenbau verbunden sind.

Online-Redaktion: Wie haben Sie zu Ihrem Forschungsgegenstand, der Logistik, gefunden? Was ist das Faszinierende daran?

Windt: Schon während des Studiums interessierten mich Fragestellungen, die im Bereich der Planung und Steuerung der Produktion angesiedelt waren, besonders. In meiner Diplomarbeit habe ich dann die Produktstruktur eines Dieselmotors aus logistischer Sicht untersucht. Das hat mir viel Spaß gemacht. Man brauchte dazu einerseits die Grundlagen des Maschinenbaus, musste aber andererseits gleichzeitig auch über den Tellerrand der Technik hinaus schauen.

Was mich an der Logistik besonders fasziniert, sind vor allem drei Dinge: die globalen Netzwerke, die Komplexität der Prozesse und die ungeheure Dynamik, die die Logistik weltweit prägt. Das alles sind spannende Herausforderungen. Außerdem gefällt mir sehr, dass die Ingenieurwissenschaften sehr eng mit Unternehmen kooperieren. Die Möglichkeit, anwendungsorientiert zu forschen, sagt mir sehr zu.

Auch bei der Grundlagenforschung, die wir ebenfalls betreiben, finde ich es sehr wichtig, dass wir den Bezug zur Realität wahren und unsere Forschung mit Realdaten auf ihre praktische Anwendbarkeit hin überprüfen. Häufig entstehen bei der Zusammenarbeit mit Unternehmen weitere neue spannende Problemstellungen für die Forschung. Mit meinem ingenieurwissenschaftlichen Background kann ich in der Logistik sehr gut Methoden entwickeln, die die Unternehmen wettbewerbsfähiger machen. Das alles ist hochinteressant und fasziniert mich an meinem Forschungsgegenstand.

Online-Redaktion: Worin sehen Sie die Ursachen dafür, dass immer noch relativ wenige junge Frauen ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium absolvieren?

Windt: Ich denke, der Hauptgrund liegt darin, dass sich die Frauen das nicht zutrauen, weil es eben ungewöhnlich ist. In den Ingenieurwissenschaften gibt es eine relativ hohe Abbrecherquote und auch die Anforderungen sind sehr hoch. Frauen lassen sich davon wahrscheinlich eher abschrecken und wollen lieber einen relativ sicheren Weg gehen, obwohl sie ein solches Studium durchaus bewältigen könnten.

Natürlich spielt auch die Schule eine Rolle, Mädchen werden an technische Themen oft nicht herangeführt. Es liegt also keineswegs daran, dass Mädchen nicht für Technik geeignet wären. Es muss ihnen nur der Weg dahin gezeigt werden. Inzwischen laufen schon viele Maßnahmen, um den Anteil von Frauen in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern zu erhöhen. Aber es reicht einfach noch nicht aus, auch weil die Vorbilder fehlen. Hinzu kommt natürlich auch die Erziehung im Elternhaus, die nicht darauf ausgerichtet ist, Mädchen für Technik zu interessieren.

Dabei sind die Jobaussichten für Absolventen gegenwärtig sehr gut. Trotzdem scheint das noch nicht Motivation genug zu sein für ein ingenieurwissenschaftliches Studium. Ich merke das ja selbst im Logistikstudiengang. Dabei haben wir in der Logistik schon mehr Frauen als im reinen Maschinenbau. Unsere gegenwärtigen Schwerpunkte sind Engineering und Management. Die meisten Studierenden, nicht nur die Frauen, interessieren sich mehr für den Studienschwerpunkt Management. Ich versuche, meine Studenten auch für das Engineering zu begeistern. Denn wir brauchen beides in der Logistik, sowohl die Betriebswirtschaftslehre als auch die Ingenieurwissenschaften. Aber es ist sehr schwer, die Studenten davon zu überzeugen.

Online-Redaktion: Sie sind MINT-Botschafterin. Was ist für Sie mit dieser Aufgabe verbunden? Wie kann man Mädchen und junge Frauen noch stärker für Technik interessieren?

Windt: Da Vorbilder und Beispiele fehlen, kann ich in dieser Hinsicht wirksam werden und zeigen, dass Frauen die gleiche technische Kompetenz entwickeln können wie Männer und dass sich Familie und Karriere durchaus miteinander vereinbaren lassen. Ich möchte gerne Mädchen, aber auch die Jungen, direkt in Schulen ansprechen und sie auf ein ingenieurwissenschaftliches Studium aufmerksam machen. Schüler, mit denen ich sprach, sind oft ganz überrascht und fasziniert, wenn Sie erfahren, welche vielfältigen Karrierechancen sich aus einem technischen Studium ergeben. Ich hoffe, dass ich möglichst viele junge Menschen zu einem technischen Studium motivieren kann, denn wir haben in den Ingenieurwissenschaften immer noch zu wenige Studenten.

Online-Redaktion: Was raten Sie Mädchen, die sich für Technik begeistern, damit sie erfolgreich eine entsprechende Ausbildung oder ein Studium absolvieren?

Windt: Die Mädchen sollten sich genauer anschauen, was man nach einem technischen Studium alles machen kann. Maschinenbau wird oft sehr einseitig verbunden mit Konstruktion, mit dem Entwurf und der Auslegung von Produktionsanlagen. Dabei kann ein sehr viel weiteres Spektrum abgedeckt werden wie zum Beispiel Logistik, Planung und Steuerung usw. Wir müssen bereits frühzeitig in der Schule damit anfangen, junge Mädchen für Technik zu interessieren und umfassend über technische Berufsbilder zu informieren. Inzwischen gibt es in den Schulen ja schon eine Reihe von erfolgreichen Initiativen in diese Richtung wie Technikkoffer, Physik zum Anfassen und anderes. Das wird einer der Wege sein. Aber vor allem sollten wir junge Frauen darin unterstützen, die Angstschwelle vor technischen Berufen zu überwinden. Wichtig sind dabei auch Anlaufstellen, wo sich die jungen Frauen Rat und Hilfe holen können. An der Jacobs University Bremen haben wir ein Mentorenprogramm: Jede Studentin/jeder Student hat einen Adviser, der sie gezielt betreut.

Man muss aber auch klar sagen, dass die Studenten bereit sein müssen, etwas in ihr Studium zu investieren Ein ingenieurwissenschaftliches Studium ist eben kein „Freizeitstudiengang“.

Online-Redaktion: Sie haben selbst drei Kinder. Ab wann sollte man Kinder an Naturwissenschaften und Technik heranführen?

Windt: Da gibt es ja verschiedene Philosophien: Die einen sagen, lasst doch die Kinder spielen, solange es geht. Andere meinen, dass schon im Kindergarten das eine oder andere Experiment gemacht werden kann. Ich meine, ganz einfache Sachen können Kinder durchaus schon mit drei Jahren durchführen, sowohl im Kindergarten als auch zu Hause. Sind die Kinder dann etwas älter, können die Eltern ihnen zum Beispiel Spiele kaufen, mit denen die Kinder selbst experimentieren können. Die Verantwortung der Kindergärten wird hier zukünftig immer größer werden, weil immer mehr Eltern berufstätig sind.
Bei uns in Bremen wird da schon eine ganze Menge angeboten. In Kooperation mit der Universität besuchen die Kinder die Physik- und Chemielabore, wo ihnen kindgerecht Experimente vorgeführt werden. Es gibt Kinderunis, kindgerechte Museen und anderes mehr. Das alles sind Ansätze, Anfänge, es reicht aber wahrscheinlich noch nicht aus.

Online-Redaktion: Sie haben als Wissenschaftlerin bereits viel erreicht. Welche Wünsche sind in Ihrer beruflichen Karriere noch offen?

Windt: Ich bin da ganz pragmatisch. Zunächst einmal möchte ich meine Arbeitsgruppe aufbauen und meine Ideen umsetzen. Das ist eigentlich mein größter Wunsch. Das geht sicher nicht von heute auf morgen. Ich wäre sehr zufrieden, wenn wir in der Arbeitsgruppe Ergebnisse erreichten, die über Bremen hinaus wahrgenommen würden. Es ist mein Ziel, dass wir uns einen Namen in der Produktionslogistik erarbeiten und mit Kollegen im In- und Ausland kooperieren, um neue intelligente Lösungen zur Optimierung logistischer Prozesse in der Wirtschaft zu entwickeln.


Katja Windt, Jahrgang 1969, studierte an der Leibniz Universität Hannover Maschinenbau, Fachrichtung Produktionstechnik. 1992 und 1994 absolvierte sie Auslandssemester in Cambridge, USA, und in Nérac, Frankreich. Anschließend studierte sie am Institut für Fabrikanlagen und Logistik (IFA) der Leibniz Universität Hannover und schloss ihre Promotion mit Auszeichnung ab. Von 2001 bis 2007 war Dr. Windt an der Universität Bremen im Fachgebiet Planung und Steuerung produktionstechnischer Systeme, BIBA
Seit Februar 2008 ist sie Bernd Rogge Professor of Global Production Logistics an der Jacobs University gGmbH, Bremen. Prof. Katja Windt ist verheiratet und hat drei Kinder.

Autor(in): Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 19.03.2009
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