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22. 01. 2009

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Aus der Geschichte lernen

Projekte gegen das Vergessen der NS-Verbrechen

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Abschlussveranstaltung im Januar 2008 mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und step21-Gründerin Sonja Lahnstein-Kandel; Quelle: step21


Mit den Worten: „Die Erinnerung darf nicht enden“ führte Roman Herzog 1996 den 27. Januar als den Holocaust-Gedenktag in Deutschland ein. An diesem Tag war 1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreit worden. Fast fünf Jahre lang wurden im Arbeits- und Vernichtungslager in Auschwitz Juden, Polen, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und Häftlinge anderer Nationalitäten von den deutschen Nationalsozialisten gefoltert und ermordet. Im Jahr 2005 bestimmten die Vereinten Nationen den 27. Januar zum weltweiten Gedenktag für die Opfer des Holocausts. Der Tag steht auch als Mahnmal für die jüngeren Generationen. Heute gibt es immer weniger Zeitzeugen, die von ihren Erlebnissen berichten können. Umso wichtiger ist es, Informationen über die Verbrechen weiterzugeben, um rechtsextremen Gruppen und Leugnern des Holocausts wirksam entgegenzutreten und eine Wiederholung der Verbrechen des Völkermordes zu verhindern.

Auf der Suche nach „weißen Flecken“
step21, die bundesweite Initiative für Toleranz und Verantwortung, bietet Jugendlichen mit den Projekten „SELMA“ und „Weiße Flecken“ die Chance, die NS-Zeit aus einer emotionalen und ungewohnten Perspektive kennenzulernen. Zum dritten Mal ist im Herbst 2008 das Projekt step21 „Weiße Flecken“ an den Start gegangen. 16 Redaktionsteams – fünf deutsche, ein deutsch-polnisches, vier österreichische und je drei polnische und tschechische Teams – recherchieren seit Oktober 2008 lokalhistorische Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus bzw. der deutschen Besatzung der Jahre 1933 bis 1945, über die damals in der Presse nicht oder nur manipuliert berichtet worden ist. Die insgesamt 75 jungen Journalisten wollen die „weißen Flecken“ in ihrem Heimatort aufspüren und aus den Ergebnissen ihrer Zeitzeugengespräche und Archivbesuche in gemeinsamer Redaktion eine neue Zeitung erstellen. Schon zwei Ausgaben der Zeitung „Weiße Flecken“ haben Jugendliche mit Erinnerungen der letzten lebenden Zeitzeugen gefüllt. In hoher Auflage werden sie Schulen und Gedenkstätten in allen beteiligten Ländern zur Verfügung gestellt.

Projekt verbindet Erinnerungsarbeit mit journalistischer Arbeit
step21 „Weiße Flecken“ ist ein Geschichts- und Zeitungsprojekt, das Erinnerungsarbeit und journalistisches Arbeiten länderübergreifend verbindet. Die Themen Meinungs- und Informationsfreiheit sowie die thematisch orientierte Interaktion zwischen den Generationen stehen im Mittelpunkt. Bei step21 „Weiße Flecken“ erfahren die Jugendlichen außerdem, welche Bedeutung Medien sowohl im negativen wie im positiven Sinne einnehmen können. Sie werden sensibilisiert, falsche, einseitige oder manipulierte Inhalte zu erkennen und scheinbar objektive Berichterstattung kritisch zu hinterfragen. Durch die Kombination aus kritischer Zeitungsanalyse und eigener aktiver Medienarbeit erfahren sie Wirkmechanismen von Printmedien in einer Diktatur, ziehen den Vergleich zu freier Meinungsäußerung und reflektieren das Thema Menschenrechte.

Betreuung des Projekts
Zu Beginn des Projekts hat step21 alle Jungjournalisten nach Hamburg eingeladen. Auf dieser ersten Konferenz ging es darum, sich kennenzulernen und miteinander auszutauschen sowie in verschiedenen Workshops, die von Historikern, Museumspädagogen, Fotografen und Journalisten begleitet wurden, wertvolle Hinweise für die „historische Spurensuche“ zu bekommen. Die 16 teilnehmenden Redaktionsgruppen erhielten von step21 außerdem einen Leitfaden mit praktischen Tipps zu historischen Recherchen, Zeitzeugengesprächen und journalistischem Arbeiten sowie historische Hintergrundinformationen und eine ausführliche Literatur- und Linkliste. Vor Ort werden die Teams von engagierten Lehrern, Redakteuren und Archivmitarbeitern unterstützt. Ende Februar findet eine zweite Redaktionskonferenz in Słubice (Polen) statt. Dort werden alle Artikel von professionellen Journalisten gesichtet, besprochen und überarbeitet. Im Juni 2009 präsentieren die Jugendlichen ihre Ergebnisse in Berlin der Öffentlichkeit.

Die Initiative step21
step21, die gemeinnützige Initiative für Toleranz und Verantwortung, setzt sich seit gut zehn Jahren mit einem innovativen medienpädagogischen Programm dafür ein, Grundwerte wie Toleranz, Verantwortung und Zivilcourage bei Kindern und Jugendlichen zu fördern. Sie sollen sich stark genug fühlen, gegen Unrecht, Diskriminierung und Gewalt anzugehen. Kernelemente des Angebots sind die innovativen Medienboxen und multimediale Bustouren für Schulen und Jugendeinrichtungen sowie ein Jugend-Netzwerk mit bundesweiten und regionalen Projekten, Aktionen und Begegnungen. Mit rund 300 regionalen wie internationalen Projekten und Wettbewerben konnten im vergangenen Jahrzehnt mehr als 900.000 Jugendliche und rund 13.000 Schulen und Jugendeinrichtungen erreicht werden.

Die Idee zu step21 entstand in den Jahren 1993/95 als Reaktion auf die ausländerfeindlichen Übergriffe in Mölln und Solingen einige Jahre zuvor. Zur Umsetzung der Idee gründete Sonja Lahnstein-Kandel Ende 1998 eine gemeinnützige GmbH mit den Gesellschaftern Bertelsmann AG, DaimlerChrysler AG und Siemens AG. Seit 2002 unterstützte die BBDO Group Germany als fünfter Gesellschafter die Arbeit. Diese Unternehmen begleiteten und unterstützten step21 in den ersten Jahren, bis ein umfassendes Netzwerk an Förderern und Kooperationspartnern aufbaut war und die Stiftung STEP 21 gegründet werden konnte. step21 finanziert sich heute ausschließlich durch Spenden und pro-bono Sachleistungen. Die Projektarbeit und der Einsatz der Medienboxen werden durch Stiftungsförderungen, Bild hilft e.V. „Ein Herz für Kinder“ sowie durch Kooperationen mit kompetenten Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Medien ermöglicht. Viele prominente Persönlichkeiten, ein Expertenrat und ehrenamtliche Helfer und Coaches unterstützen step21 aktiv. Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler ist Schirmherr von step21.

Das „SELMA“-Projekt von step21
Mit dem Projekt „SELMA“ hat step21 im vergangenen Jahr ein weiteres interessantes Projekt gegen Rassismus und Antisemitismus initiiert. „SELMA“ besteht aus einem Schreibwettbewerb, der Entwicklung eines modernen multimedialen Unterrichtspakets und einer Präsentation im Rahmen einer Bustour „STEP on TOUR“ innerhalb Deutschlands. Gleichzeitig wurde „STEP on TOUR“ von einer Lesereise begleitet.

Die Namensgeberin des Projekts war das jüdische Mädchen Selma Meerbaum-Eisinger, das mit 18 Jahren während des Nazi-Regimes im SS-Arbeitslager starb. Selma war die Tochter eines Ladenbesitzers in Czernowitz in der Ukraine. Sie schrieb bewegende Gedichte über Liebe, Sehnsucht und Angst. Der an Selmas Geschichte angelehnte Schreibwettbewerb regt Jugendliche an, sich Gedanken über heutige Diskriminierungen zu machen. Unter der Fragestellung: „Was geht mich eigentlich Selma an?“ haben über 500 Jugendliche aus Deutschland, Österreich, Luxemburg, der Schweiz und Italien in ihren Beiträgen zu Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung sehr bewegend Stellung bezogen. Der Gewinner des Wettbewerbs, Baris Öztürk, 21 Jahre, aus Aachen, schrieb in seinen „Briefen an Selma“ über den Umgang mit Diskriminierung und Ausgrenzung und stellte dabei eindrucksvoll die Gefühlswelt des Ich-Erzählers heraus. Amelia Umuhire, 16 Jahre, aus Duisburg gelang mit ihrem Essay „Amahoro“ eine sehr sensible Annäherung an Selma Meerbaum-Eisingers Gedicht „Tragik“. In der Kurzgeschichte „Edelweiß und Galgenstrick“ schildert Hilke Effinghausen aus Schwarmstedt (Niedersachsen) bildhaft das Schicksal der jungen Lotte, die mit ansehen muss, wie ihre Freunde, jugendliche Edelweißpiraten, hingerichtet werden. Als Edelweißpiraten werden informelle Gruppen deutscher Jugendlicher mit unangepasstem, teilweise oppositionellem Verhalten im Deutschen Reich von 1939 bis 1945 und in den ersten Nachkriegsjahren bezeichnet.


Gegen Rassismus und Diskriminierung
Das von step21 entwickelte multimediale Unterrichtspaket „Chasak – Sei stark. Selma“ dreht sich um Selma Meerbaum-Eisinger und die Czernowitzer Kultur. Mit verschiedenen Materialien – DVD, CD, Taschenbuch, Musik- und Radiosoftware – sowie konkreten Unterrichtsbausteinen ermöglicht es eine vielschichtige und kreative Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, der jüdischen Kultur in Czernowitz sowie mit Diskriminierung und Rassismus. Pädagogen aus Deutschland, Ungarn, Rumänien, der Schweiz und den USA haben das Paket bereits bestellt.

Die besten Texte des Schreibwettbewerbs wurden auf einer Abschlusspräsentation am 5. Mai 2008 im Literaturhaus Hamburg prämiert. Über 100 Jugendliche und auch die Amerikanerinnen Irene und Helene Silverblatt, die nächsten noch lebenden Verwandten Selmas, nahmen daran teil. Die Gewinner des Schreibwettbewerbs lasen Auszüge aus ihren Texten vor. Durch den emotionalen und persönlichen Zugang, den die Jugendlichen im Rahmen des Projekts zu dem Thema bekommen haben, helfen sie die Erinnerungen an den Holocaust, an Rassismus und Antisemitismus zu bewahren. „Ohne Zeitzeugen wird auch die Erinnerung an den Holocaust verblassen“, so Sonja Lahnstein-Kandel, Gründerin von step21, zu den Preisträgerinnen und Preisträgern. „Ohne diese Erinnerung aber kann die Verantwortung für die Zukunft nicht wirklich wahrgenommen werden. Das Projekt „SELMA“ baut eine Brücke zwischen damals und heute. Geschichte wird im Heute lebendig, weil die Jugendlichen in Euren Beiträgen dort anknüpfen, wo Selma gewaltsam unterbrochen wurde. Gemeinsam arbeiten wir an der Zukunft unserer Gesellschaft, in der für Rassismus und Diskriminierung kein Platz ist.“

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 22.01.2009
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