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13. 11. 2008

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Internationale Mobilität muss zur Regel werden"

Ein Auslandsaufenthalt beeinflusst Schüler ein ganzes Leben lang

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EU-Kommissar Ján Figel im Austausch mit einigen Ausrichtern der Konferenz. Quelle: "AFS Interkulturelle Begegnungen e.V."

Die Organisation AFS Interkulturelle Begegnungen e.V. feiert 2008 ihr 60-jähriges Jubiläum mit einer Reihe Veranstaltungen. Feste für ehemalige Teilnehmer und ehrenamtlich Aktive in verschiedenen Regionen Deutschlands wechseln sich ab mit einer Wanderausstellung zum Thema „KulturUnterschiede entdecken“, die in mehr als 30 Städten zu sehen ist. Im Rahmen der „Berliner Woche“ vom 13. bis 18 Oktober 2008 trafen über 900 AFS-Partner, Austauschschüler und Gastfamilien, Kooperationspartner und Gäste verschiedener Generationen in den Botschaften „ihrer“ Länder zusammen. In einer „Langen Nacht der Begegnungen“ am 18. Oktober feierten im Admiralspalast Ehemalige, Partnervertreter und Förderer von AFS gemeinsam das langjährige Bestehen der Organisation. Die internationale Bildungskonferenz „Moving beyond Mobility“ am 13. und 14. Oktober 2008 bot darüber hinaus Gelegenheit, eine gemeinsame Plattform von internationalen Forschern, Praktikern und Politikern zum Thema Jugendaustausch und interkulturelles Lernen zu schaffen. Auf dem AFS-Weltkongress trafen sich Vertreter aller AFS-Partnerorganisationen in Berlin, um u.a. das kommende Programmjahr zu planen.

Der AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.
Der AFS ist die größte und älteste Jugendaustauschorganisation weltweit. Seit 60 Jahren verbringen Jugendliche im Rahmen eines AFS-Programms längere Zeit im Ausland. Auf der Suche nach Möglichkeiten, Toleranz und Völkerverständigung zu fördern sowie Kriegen vorzubeugen, entwickelten junge Amerikaner, die als „American Field Service“ während des Ersten und Zweiten Weltkrieges freiwillig Sanitätstransporte durchführten, die Idee, jungen Menschen für längere Zeit die Möglichkeit zu geben, ein anderes Land kennen zu lernen: 1948 verbrachten die ersten deutschen Austauschschüler ein Schuljahr in den USA, 1952 kamen die ersten US-amerikanischen Gastschüler nach Deutschland.

Heute ist der AFS eine weltweite gemeinnützige Organisation mit Büros in über 60 Ländern. Aus der amerikanischen Organisation ist eine Gemeinschaft von selbstständigen AFS-Partnern geworden. Über 120.000 Menschen engagieren sich weltweit ehrenamtlich für diese Idee. Mehr als 350.000 Gastfamilien und Jugendliche nahmen in den vergangenen 60 Jahren an den Programmen teil. AFS Deutschland bietet Schüleraustausch, Gastfamilienprogramme und Freiwilligendienste mit über 40 Ländern an. Im direkten Kontakt lernen Austauschschüler und Gastfamilien Fremdes besser zu verstehen. Sie erwerben Fähigkeiten im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen und gewinnen ein tieferes Verständnis für ihre eigene kulturelle Prägung und Identität. Durch die Auseinandersetzung mit anderen Werten, Lebensweisen und Denkstrukturen entwickeln sie interkulturelle Kompetenz, mit der Toleranz und Völkerverständigung gefördert werden.

Bildungskonferenz „Moving beyond Mobility“
Auf der internationalen Bildungskonferenz „Moving beyond Mobility“ am 13. und 14. Oktober in Berlin wurden die Ergebnisse einer internationalen Langzeitstudie vorgestellt, in der die Auswirkungen von längeren Auslandsaufenthalten auf die persönliche und berufliche Entwicklung der Programmteilnehmer untersucht wurden. Ján Figel’, EU-Kommissar für allgemeine und berufliche Bildung, Kultur und Jugend und Schirmherr der Konferenz, begrüßte mehr als 200 Teilnehmer aus 13 Ländern, die in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften den aktuellen Forschungsstand zu interkulturellen Austauscherfahrungen präsentierten. „Bisher wurden die Studienergebnisse zu interkulturellen Austauscherfahrungen an keiner Stelle zusammengetragen und im internationalen Zusammenhang betrachtet. Diese Lücke schließt die Konferenz ‚Moving beyond Mobility’“, sagte der EU-Kommissar in Berlin. „Internationale Mobilität muss zur Regel werden, etwas völlig Normales”, fügte er hinzu.

Die Studie liefert erstmals auf breiter Basis grundlegende Erkenntnisse zur interkulturellen und sozialen Prägung, zur sprachlichen und sozialen Kompetenz sowie zur interkulturellen Sensibilität von Austauschschülern. Dazu wurden 2.500 ehemalige Teilnehmerinnen und Teilnehmer am AFS-Programm rund 25 Jahre später befragt, in welchem Maße diese Auslandserfahrung ihre persönliche und berufliche Entwicklung geprägt hat.

Ergebnisse der Langzeitstudie
Die Studie zeigt, dass viele ehemalige Teilnehmer, verglichen mit ihren Altersgenossen, mehr und intensivere Kontakte zu Menschen anderer Kulturen pflegen. Mehr als ein Drittel von ihnen waren zum Studium noch einmal im Ausland (gegenüber 22 Prozent der Menschen ohne AFS-Erfahrung). Sogar nach 20 oder 25 Jahren unterscheiden sich die „Ehemaligen“ in ihren persönlichen Qualifikationen deutlich von Altersgenossen ohne derartige Auslandserfahrung. So sind sie beruflich deutlich stärker in Bereichen aktiv, die Kontakte zu anderen Kulturen mit sich bringen. 85 Prozent der ehemaligen Austauschschüler sprechen eine Fremdsprache fließend, mehr als ein Drittel spricht sogar zwei Fremdsprachen. Bei Menschen ohne AFS-Erfahrung sind es hingegen nur 50 Prozent, die eine Fremdsprache fließend sprechen. Ehemalige Programmteilnehmer, die heute in sozialen Berufen arbeiten, gehen offener auf Menschen aus anderen Kulturen zu. Gleichzeitig knüpfen sie leichter Kontakte mit Menschen aus anderen Ländern und haben auch deutlich mehr ausländische Freunde (33 Prozent) als die Personen der Vergleichsgruppe (23 Prozent).

Auslandsaufenthalt offiziell anerkennen
Als problematisch erweist sich allerdings der Sachverhalt, dass das Austauschjahr in den meisten Ländern noch nicht offiziell anerkannt ist. Die Nichtanerkennung von Schuljahren im Ausland durch Ministerien und Schulen ist in vielen Ländern eine große Hürde. Es gibt auch in Deutschland noch keine einheitliche Form der Anerkennung wie beispielsweise in Österreich, wo nur nachgewiesen werden muss, dass der Schüler in seinem Gastland eine vergleichbare Sekundarschule besucht hat. Allerdings unterstützt das Auswärtige Amt Schulen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs), indem es Netzwerke ins Leben ruft, in denen Erfahrungen ausgetauscht und Kompetenzen gebündelt werden.

Mehr Real- und Hauptschüler einbeziehen
Ausbildungsexperten haben am 9. Oktober im Haus der Kulturen der Welt in Berlin darauf hingewiesen, wie wichtig Austauschprogramme auch für Real- und Hauptschüler sind. AFS-Geschäftsführer Mick Petersmann sprach mit dem Ausbildungsleiter der Adolf Würth GmbH & Co. KG, Thomas Wagner, mit dem Berliner Pädagogen und ehemaligen Hauptschullehrer Carlo Nordloh, mit Detlef Wulff, stellvertretender Landesvorsitzender beim Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Berlin sowie mit dem Universitätsprofessor und Interkulturellem Erziehungswissenschaftler Gerd R. Hoff von der Freien Universität Berlin. Haupt- und Realschüler sind laut Hoff genauso gut für einen Austausch geeignet wie Gymnasialschüler. Sie nehmen zwar immer wieder an Austauschprogrammen teil, sind aber noch deutlich in der Minderheit. Die Gründe für die Zurückhaltung sind vielfältig: „Viele Jugendliche denken, ihre Noten beziehungsweise Sprachkenntnisse seien nicht ausreichend“, sagt Geschäftsführer Mick Petersmann. „Die Schüler sorgen sich außerdem, dass sie ihre Familie vermissen und ihre Freunde aus den Augen verlieren könnten. Unser Ziel ist es daher, ehemalige Teilnehmer an die Realschulen zu schicken, damit sie im Gespräch andere Realschüler motivieren.“

Dabei sind gerade auch bei Haupt- und Realschülern sogenannte „Soft Skills“ von großer Bedeutung für ihre berufliche Ausbildung. Laut dem „Ausbildungsatlas Finanzdienstleistung 2008“ sollten Berufseinsteiger im internationalen Bereich über Schlüsselkompetenzen wie Eigeninitiative, Teamfähigkeit oder die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen verfügen. Kompetenzen, die durch einen Schüleraufenthalt in einem anderen Land erheblich gefördert werden. Gerade im internationalen Bereich ist es besonders wichtig, mit Menschen verschiedener Kulturen erfolgreich zusammenarbeiten zu können. Aber auch im nationalen Bereich legen Personalverantwortliche heute auf Kommunikationsfähigkeit und Sprachkompetenz genauso viel Wert wie auf Allgemeinbildung und gute Noten. Wer als Austauschschüler ein Schuljahr im Ausland verbringt, lernt nicht nur eine Fremdsprache, sondern verbessert auch seine kommunikativen Kompetenzen und damit seine Aussichten auf eine Lehrstelle.

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 13.11.2008
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