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08. 05. 2008

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Die Dinge sind auf gutem Wege“

Integration in Deutschland

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Prof. Dr. Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration

Online-Redaktion: Forderungen nach Integration sind allgegenwärtig. Was bedeutet für Sie gelungene Integration?

Böhmer: Gelungene Integration bedeutet für mich gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen – also in der Schule, in der Ausbildung, im Beruf, aber auch in der Freizeit, im Sport, in der Kultur. Es bedeutet, Ja zu sagen zu Deutschland, zu unseren Werten und Regeln, und natürlich unsere Sprache gut zu beherrschen. Es bedeutet ebenso, Verantwortung zu übernehmen. Dafür wollen wir durch eine zukunftsorientierte Integrationspolitik die Weichen stellen.

Online-Redaktion: Anfang April gaben Sie den Startschuss für den zweiten Teil der Kampagne „Keine Frage der Herkunft“. Welchen Stellenwert hat Bildung für die Integration?

Böhmer: Bildung ist der Schlüssel für das Gelingen von Integration. Nur wer Schule und Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat, kann in unserer hochentwickelten Wissensgesellschaft eine qualifizierte Arbeit aufnehmen. Arbeit und Integration gehören zusammen. Migrantinnen und Migranten, die ihre Fähigkeiten optimal einsetzen können und dafür Anerkennung bekommen, integrieren sich natürlich auch leichter. Und sie stellen eine Bereicherung für unsere Wirtschaft und Gesellschaft dar – das ist etwas, was die Unternehmen zunehmend erkennen und nutzen.

Online-Redaktion: Ein Schwerpunkt des Nationalen Integrationsplanes ist: „Mit und nicht über Migrantinnen und Migranten reden“. Wie wird das verwirklicht?

Böhmer: Die Migrantenorganisationen saßen von Beginn der Arbeit am Nationalen Integrationsplan an als gleichberechtigte Partner mit am Tisch. Auch wenn es zwischendurch mal etwas schwieriger wurde – der Gesprächsfaden ist nie abgerissen, und inzwischen hat der Dialog ein Stadium erreicht, das sehr positiv ist. Jetzt sind wir mitten in der Umsetzung des Nationalen Integrationsplanes, und hier spielen die Migrantenorganisationen auch wieder eine ganz zentrale Rolle. Zum einen sind sie selbst Träger von Selbstverpflichtungen, deren Umsetzung zum Teil schon sehr weit fortgeschritten ist. Zum anderen sind sie Brückenbauer in die zugewanderte Bevölkerung hinein. Sie kommunizieren, was beim Nationalen Integrationsplan passiert, welchen Nutzen die Migranten davon haben, wie sie sich aktiv beteiligen können und was weiter erforderlich ist. Denn Integration funktioniert nur, wenn möglichst viele mitmachen.

Online-Redaktion: Wie beurteilen Sie generell die gegenwärtige Situation bei der Umsetzung des Nationalen Integrationsplanes?

Böhmer: Wir sind auf einem sehr guten Weg. Der Bund hat zentrale Selbstverpflichtungen wie die Verbesserung der Integrationskurse sehr schnell umgesetzt; die neue Verordnung ist seit 1. Januar in Kraft. Das bedeutet auch, dass wir ab 2008 jährlich 15 Millionen Euro mehr für die Kurse ausgeben. Außerdem haben wir die Qualifizierungsinitiative auf den Weg gebracht, mit der benachteiligte Jugendliche – darunter sind sehr viele Migranten – in Ausbildung vermittelt werden. Ich selbst starte am 19. Mai das bundesweite Netzwerk für Bildungs- und Ausbildungspaten. Auch die BAföG-Novelle mit Verbesserungen für ausländische Jugendliche ist in Kraft. Das waren einige Beispiele für den Bund. Die Länder sind bei ihrem zentralen Thema, der frühkindlichen Sprachförderung, ebenfalls schon sehr weit. In allen Ländern gibt es jetzt Sprachstandstests und Sprachförderung vor der Einschulung. Beim Integrationsministertreffen im April in Kiel haben die Länder einen Zwischenbericht dazu vorgelegt. Die Kommunen und die nichtstaatlichen Organisationen sind gerade dabei, uns ihren Stand der Umsetzung der von ihnen übernommenen Selbstverpflichtungen zu melden. Ich bin sicher, dass auch hier die Dinge auf gutem Wege sind – denn alle Beteiligten haben doch ein großes Interesse daran, dass es mit der Integration vorangeht. Daher bin ich zuversichtlich, dass wir im November auf der ersten Bilanzkonferenz zum Nationalen Integrationsplan aufzeigen können: Die Integration der Migranten verbessert sich!

Online-Redaktion: In Deutschland leben unterschiedliche Migrantengruppen. Wie werden die Förderstrategien dieser Tatsache gerecht?

Böhmer: Die Förderkonzepte richten sich nach dem Förderbedarf, und der ist meist unabhängig von der Herkunft. Ein Beispiel: Italienischstämmige Kinder erzielen in der Schule ähnlich schlechte Bildungsergebnisse wie türkische. Beide Gruppen haben einen etwa gleich hohen Förderbedarf, der zumeist in der Bildungsferne der Elternhäuser begründet liegt. Der Ansatzpunkt ist also, den Eltern zu erklären, dass Bildung sehr wichtig für die Zukunft ihrer Kinder ist. Das funktioniert bei italienischen Eltern ganz ähnlich wie bei türkischen. Insgesamt brauchen wir an den für Integration bedeutsamen Schnittstellen – wie etwa Schulen, Ausbildungseinrichtungen, Beratungsstellen, Personalabteilungen der Unternehmen – mehr interkulturell geschultes und erfahrenes Personal, das gezielt auf die Bedürfnisse von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft eingehen kann.

Online-Redaktion: Statistiken belegen, dass in Deutschland Kinder mit Migrationshintergrund seltener ein Gymnasium besuchen (12 Prozent) als deutsche Kinder (23 Prozent). Was muss getan werden, damit mehr ausländische Kinder ein Gymnasium besuchen können?

Böhmer: Entscheidend ist, dass Kinder egal welcher Herkunft von Anfang an in der Schule die gleichen Chancen haben und gefördert werden. Das setzt vor allem voraus, dass sie ihre Lehrkräfte verstehen. Deshalb gibt es jetzt in allen Bundesländern im Kindergarten Sprachtests und Sprachförderung – übrigens nicht nur für Migrantenkinder. Darüber hinaus muss Sprachförderung auch in der Schule permanent stattfinden, und zwar nicht nur im Deutschunterricht, sondern in allen Fächern und in allen Klassenstufen. Dazu haben sich die Länder im Nationalen Integrationsplan verpflichtet. Außerdem wollen sie dafür sorgen, dass die Übergangsquote Jugendlicher mit Migrationshintergrund auf höhere Bildungseinrichtungen wie z. B. Gymnasien innerhalb der nächsten fünf Jahre an die allgemeine Quote angeglichen wird.

Online-Redaktion: Ähnlich ungünstig sieht es bei den Auszubildenden aus. Welchen Anreiz brauchen Unternehmen, um eine größere Anzahl von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auszubilden, und wie können diese Jugendlichen ausbildungsfähig gemacht und für eine berufliche Ausbildung interessiert werden?

Böhmer: Den Unternehmen muss zunehmend bewusst werden, dass sie in Zukunft mehr denn je auf gut ausgebildete Mitarbeiter angewiesen sein werden. Der Bedarf an Fachkräften, die sich darüber hinaus noch in anderen Sprachen und Kulturen auskennen, steigt angesichts der Globalisierung enorm an. Kluge Unternehmen sorgen heute schon vor, indem sie entsprechenden Nachwuchs rekrutieren und qualifizieren. Ich unterstütze das mit der Kampagne „Vielfalt als Chance“, die den ökonomischen Nutzen von Vielfalt stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken soll. Vor kurzem haben wir einen Wettbewerb zu Vielfalt in der Ausbildung abgeschlossen, der gezeigt hat: Das Thema kommt in den Unternehmen an – aber es gibt auch noch viel zu tun. Was die Jugendlichen selbst angeht, so kann ich nur immer wieder betonen: Eine gute Ausbildung ist die Grundlage für ein zufriedenes, selbstbestimmtes und erfolgreiches Leben in unserem Land. Das wünscht sich doch jeder, und dafür lohnt sich jede Anstrengung. Auch hier ist wieder die Unterstützung der Eltern gefragt. In Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen gehen wir deshalb gezielt auf Eltern zu, erklären wie Ausbildung in Deutschland funktioniert und warum es wichtig ist, den Sohn oder die Tochter in eine Ausbildung zu schicken. In den allermeisten Fällen sind die Eltern sehr dankbar für diese Unterstützung – denn nahezu alle Migrantenfamilien sind sehr stolz, wenn aus den Kindern etwas wird.

Online-Redaktion: Worin sehen Sie den Nutzen, islamischen Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach an deutschen Schulen einzuführen?

Böhmer: Der Islam ist Teil unserer Gesellschaft, er ist nach den beiden großen christlichen Kirchen die drittgrößte Glaubensgemeinschaft mit etwa 3,5 Millionen Menschen. Das ist die Realität, mit der wir konstruktiv umgehen müssen. Dazu gehört, dass muslimische Kinder das Recht haben, ihre Religion in der Schule kennenzulernen – so wie katholische und evangelische Kinder auch. Wichtig ist, dass der islamische Religionsunterricht unter den gleichen Bedingungen wie der katholische und evangelische Religionsunterricht erfolgt, dass der Unterricht auf Deutsch und von in Deutschland ausgebildeten Lehrern erteilt wird.

Online-Redaktion: Wie sollte Deutschland in 20 Jahren hinsichtlich des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion aussehen?

Böhmer: Ich wünsche mir, dass die Vision von Deutschland als Integrationsland Wirklichkeit geworden ist. Das heißt nicht nur friedliches Zusammenleben, sondern ein echtes Miteinander von Menschen verschiedener Herkunft. Ich wünsche mir, dass die Chancen von Vielfalt dann allerorten anerkannt sind und aktiv genutzt werden und dass Deutschland damit auch Vorbild für andere Länder ist. Erfolgreiche deutsche Integrationspolitik als Exportschlager – das wäre doch etwas!


Prof. Dr. Maria Böhmer wurde 1950 geboren, studierte Mathematik, Physik, Politikwissenschaft und Pädagogik und promovierte zum Dr. phil. an der Universität Mainz. Mitglied des Bundestages ist Maria Böhmer seit 1990. Sie ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und Vorsitzende der Frauen Union. Seit 2005 ist sie Staatsministerin beim Bundeskanzleramt und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Autor(in): Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.05.2008
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