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27. 03. 2008

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Bildung für begabte Benachteiligte

Die Hans-Böckler-Stiftung will mehr Studierwillige aus einkommensschwachen Familien fördern

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Projekt zur Studienförderung

Die 1977 gegründete Hans-Böckler-Stiftung ist das Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Neben der Förderung von Theorie und Praxis der Mitbestimmung von Arbeitnehmervertreterinnen und -vertretern in Betrieben hat die Hans-Böckler-Stiftung sich die Studienförderung sozial benachteiligter begabter junger Menschen zum Ziel gesetzt. Mit jährlich derzeit ca. 1600 geförderten Studierenden und Promovierenden ist sie nach der Studienstiftung des deutschen Volkes das zweitgrößte deutsche Begabtenförderungswerk. Materiell und ideell unterstützt werden vorrangig Kinder von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sowie Absolventen des Zweiten Bildungsweges, die nach einer Phase beruflicher Praxis studieren wollen.

Die Stiftung finanziert sich aus mehreren Quellen: Sie erhält Zuwendungen von Vertreterinnen und Vertretern der Arbeitnehmer in den Aufsichtsräten der Unternehmen sowie Spenden von Personen und Institutionen. Schließlich fließen der Hans-Böckler-Stiftung wie allen gemeinnützigen Begabtenförderungswerken in Deutschland öffentliche Mittel durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zu. Die Ankündigung der Bundesregierung, künftig die Mittel für die elf Begabtenförderungswerke von 80 auf 120 Millionen Euro zu steigern, kommt auch der Hans-Böckler-Stiftung zugute. Sie will ihre Förderung in den kommenden drei Jahren auf 2100 Studierende ausweiten. Bisher hat die Stiftung, die derzeit 12 Millionen Euro im Jahr vom BMBF erhält, vor allem Studierenden mit Berufserfahrung ein finanzielles Fundament geboten. Mit Hilfe der zusätzlichen Mittel will sie nun aber noch mehr Studierwillige fördern, die ihre Studienberechtigung gerade erworben haben oder kurz vor dem Abschluss stehen.

Bildung in Deutschland: Trend zur sozialen Ungleichheit
Dr. Wolfgang Jäger, der für die Studienförderung zuständige Geschäftsführer der Hans-Böckler-Stiftung, sieht einen Trend zur sozialen Ungleichheit in Deutschland, der „akademische Bildung in Deutschland wieder zunehmend zu einer Exklusiv-Veranstaltung für Kinder aus begütertem Elternhaus macht“. Dieser Trend sei Fehlern im Bildungssystem selbst geschuldet: „Studiengebühren, Bildungskredite und auch das Bafög mit seinen Darlehensanteil wirken gerade auf Studienwillige aus einkommensschwachen Verhältnissen abschreckend.“ Die erste Grundlage für dieses Missverhältnis bilde eine soziale Selektion bereits in der Schule. Nach Überzeugung des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen für das Recht auf Bildung, Vernor Muñoz, habe die frühe Empfehlung der Grundschullehrer, ob ein Kind für das Gymnasium geeignet sei oder nicht, „Auswirkungen für weniger begünstigte Kinder und Jugendliche“, und zwar „für Schüler aus armen Verhältnissen sowie Schüler mit Migrationshintergrund oder Behinderungen“. Der im März 2007 präsentierte Bericht von Vernor Muñoz zu den Menschenrechtsverletzungen im deutschen Bildungssystem ist von der Bundesregierung dementiert worden. Es gebe keinen „Hinweis auf den Zusammenhang von Schulerfolg, Schülerförderung und Schulsystem“ in Deutschland. Doch auch laut der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2007“ ist die Chancenungleichheit von Kindern mit Migrationshintergrund und aus Arbeiterfamilien im deutschen dreigliedrigen Schulsystem besonders ausgeprägt. „Die Gewinner der Bildungsexpansion der letzten 40 Jahre sind nicht die Arbeiterkinder, sondern die Kinder aus den alten und neuen Mittelschichten“, meint der Bildungsforscher Professor Hans-Günther Rolff, ehemaliger Leiter des Instituts für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund. Diese These stützt sich unter anderem auf eine Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks von 2003, der zufolge 61 Prozent der Studierenden des Jahres 2003 aus der Ober- oder der oberen Mittelschicht stammen. Elf Jahre zuvor waren es noch 43 Prozent. Dabei hat Deutschland, dies belegen internationale Untersuchungen wie die genannte OECD-Studie von 2007, im Vergleich mit anderen Nationen nicht zu viele, sondern zu wenige Akademiker, besonders zu wenige Ingenieure.

Ein Viertel der Neu-Stipendiaten kommt aus Familien mit Hartz-IV-Einkommen
Zentrale Kriterien für die Auswahl der Kandidaten durch die Hans-Böckler-Stiftung sind die wirtschaftliche Lage und der Familienhintergrund. Das Familieneinkommen muss bei den Bewerberinnen und Bewerbern so niedrig sein, dass sie einen Anspruch auf den vollen Bafög-Satz von derzeit 585 Euro haben. Von über 200 jungen Männern und Frauen, die unter 600 Bewerbern in einer ersten Runde für ein Stipendium ab 2007/2008 ausgewählt wurden, kommen mehr als ein Viertel aus Familien, die auf Leistungen aus Hartz-IV oder einer anderen Grundsicherung angewiesen sind. 45 Prozent der Neu-Stipendiaten sind im Ausland geboren oder haben nach Deutschland zugewanderte Eltern. Mit 63 Prozent ist der Anteil der Frauen unter den Geförderten besonders hoch. Insgesamt habe die Studienförderung der Hans-Böckler-Stiftung damit einen „zumindest zahlenmäßig bescheidenen Beitrag für die soziale Öffnung der Hochschule geleistet“, betont Wolfgang Jäger. Zudem werden die Neu-Stipendiaten mehrheitlich in Studiengängen gefördert, deren Abschlüsse derzeit auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind: 16 Prozent der jungen Frauen und Männer haben sich für ein wirtschaftswissenschaftliches Fach entschieden, 15 Prozent für Mathematik oder eine Naturwissenschaft. Während 12 Prozent Mediziner werden wollen, haben 10 Prozent ein Ingenieurstudium begonnen.

Bei der Auswahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten wird außerdem die gesamte Persönlichkeit, deren Leistungsbereitschaft und das Engagement - zum Beispiel in Gewerkschaften, in Hochschulgruppen oder Vereinen – berücksichtigt.

Bewerben können sich interessierte junge Menschen, die eine Förderung für ein Studium zum Wintersemester 2008/2009 oder eine Promotionsförderung anstreben, noch bis zum 30. April 2008 bei der Hans-Böckler-Stiftung.

Autor(in): Arndt Kremer
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Datum: 27.03.2008
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