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14. 02. 2008

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Jung und Alt unter einem Dach

Die Zielmarke von 500 Mehrgenerationenhäusern ist erreicht

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Aktionsprogramm Mehrgenerationenhaus, Quelle: Mehrgenerationenhaus Pattensen

„Alt sein ist eine ebenso schöne Aufgabe wie jung sein“, hat der im Alter von immerhin 85 Jahren verstorbene Dichter Hermann Hesse einmal gesagt. Auch hinter dem Aktionsprogramm „Mehrgenerationenhäuser“ steht der Gedanke: Jedes Alter hat viel zu bieten, niemand ist zu alt, um zu lernen. Schließlich leben heute in Deutschland so viele ältere Menschen wie niemals zuvor. Im Schnitt hat jeder über 65-Jährige noch 15 bis 20 Lebensjahre vor sich. Gleichzeitig haben sich die Familienstrukturen verändert. Echte Wohn- und Lebensgemeinschaften mit Großeltern, Eltern und Kindern unter einem Dach sind seltener geworden. Junge Menschen fragen sich, wie sie Familie und Beruf miteinander vereinen können. Die Politik hat auf diesen sozialen und demografischen Wandel mit einem Konzept reagiert, das die Stärken der unterschiedlichen Generationen in einem gemeinsamen Wirkungsraum außerhalb der Familie nutzt. „Familien brauchen Anlaufstellen vor Ort, die ihnen im Alltag unkompliziert und unbürokratisch mit Rat und Tat zur Seite stehen und ihnen die Möglichkeit zum Kontakt und gemeinsamen Tun bieten. Mehrgenerationenhäuser sind genau solche Anlaufstellen“, so Barbara Stolterfoht, Vorsitzende des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Das Aktionsprogramm „Mehrgenerationenhäuser“
Die Arbeit von Kindergärten, Jugendclubs und Seniorentreffs, die bisher auf voneinander weitgehend getrennte Zielgruppen ausgerichtet war, führt das Aktionsprogramm „Mehrgenerationenhäuser“ an einem Ort zusammen. Dennoch versteht sich das Programm nicht als Konkurrenz zu diesen traditionellen Einrichtungen, sondern als eine sinnvolle Ergänzung. Dafür stehen 100 Millionen Euro Fördergelder aus Mitteln des Bundesfamilienministeriums sowie des Europäischen Sozialfonds (ESF) zur Verfügung. Bereits bestehende „Häuser“ in städtischer, kommunaler, kirchlicher oder privater Trägerschaft erhalten über einen Zeitraum von zunächst zwei Jahren Fördermittel von jeweils 40 000 Euro pro Jahr, um ihre offenen Angebote zu erweitern oder neue zu schaffen.

Vorher müssen sie jedoch einige Mindestkriterien erfüllen. Unter anderem sollen die Angebote für Jung wie Alt nutzbar sein, eine Kinderbetreuung ermöglichen, haupt- und ehrenamtliche Arbeit verbinden, Kontakte zu lokalen Wirtschaftsunternehmen pflegen und einen offenen Tagestreff mit Cafe oder Bistro vorweisen können. Ob nun Senioren als Wahloma oder Wahlopa auf die Kinder berufstätiger Eltern aufpassen, ältere Menschen einen PC-Kurs besuchen, Migrantinnen und Migranten ihr Deutsch verbessern oder Mütter einen Essensservice organisieren – die Möglichkeiten sind vielfältig, um voneinander profitieren zu können. Das geht nur in einem Klima der Anerkennung für bürgerschaftliches Engagement. Ehrenamtliche sollen, so das ausdrückliche Bestreben des Aktionsprogramms, in den Mehrgenerationenhäusern „auf gleicher Augenhöhe“ mit Festangestellten stehen. Sie können sich weiterqualifizieren, nach längerer Arbeitslosigkeit den Jobeinstieg schaffen oder Wege zur Selbstständigkeit beispielsweise im Bereich Dienstleistung und Weiterbildung finden.

Um die gesetzten Ziele erreichen zu können, betreuen und beraten eine eigene Serviceagentur, ein Pressebüro und eine wissenschaftliche Begleitforschung die ausgewählten Häuser mit ihren derzeit rund 8000 Angeboten in allen Bundesländern. Sind die Angebote wirkungsvoll, lässt sich die Förderung nach den üblichen zwei Jahren auf maximal fünf Jahre verlängern. Transparenz und Vernetzung sind während der gesamten Förderphase groß geschrieben: Durch Internetplattformen und Telefonkonferenzen tauschen sich die Einrichtungen laufend miteinander aus. In einer Online-Datenbank werden die bisher erzielten Erfolge aller Häuser dokumentiert.

Laut einer vorläufigen Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts vom Mai 2006 verstärkt gerade das breite Aufgabenspektrum von Mehrgenerationenhäusern „vielfältige Formen des Kontakts, verringert Berührungsängste und vertieft das Verständnis zwischen den Generationen.“ Ein Ansatz, der auch ökonomisch sinnvoll ist: Die Studie „Wirtschaftsfaktor Familie“ des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vom November 2006 hat darauf hingewiesen, dass eine intelligente Familienpolitik, die zum Beispiel Familie und Beruf besser vereinbaren hilft, das Wirtschaftswachstum erhöht.

Vorbilder, die ausstrahlen: „Leuchtturmhäuser“
Vorbilder sind nicht nur für Kinder und Jugendliche wichtig. Auch Einrichtungen wie die Mehrgenerationenhäuser können durch den Vergleich mit anderen ihr Profil schärfen. Zu diesem Zweck wählt die Serviceagentur zwölf Einrichtungen aus, die durch besonders gute Ideen herausragen. Sie werden für ein halbes Jahr zu „Leuchtturmhäusern“, die mit ihrer Arbeit auf die anderen Häuser positiv ausstrahlen und ihre Erfahrungen mit diesen austauschen. Nach sechs Monaten kann dann ein anderes Haus offiziell ein neues Leuchtturm-Licht aussenden.

Das Mehrgenerationenhaus Buxtehude wurde im vergangenen Jahr für seine erfolgreiche Zusammenarbeit mit lokalen Wirtschaftsunternehmen zum Leuchtturmhaus gekürt. Firmen können in der Kindertagesstätte Betreuungsplätze für die Kinder ihrer Angestellten buchen. Flexible Öffnungszeiten sowie die Möglichkeit, den Nachwuchs auch nur stundenweise betreuen zu lassen, entlasten berufstätige Eltern.

Im ebenfalls als leuchtendes Beispiel ausgewählten Mehrgenerationenhaus Salzgitter stehen haushaltsnahe Dienstleistungen hoch im Kurs. Die im November 2006 zum ersten Mehrgenerationenhaus erklärte Einrichtung beherbergt unter anderem einen Frisörladen, eine Schneiderei, einen Secondhand-Shop, einen Kosmetik-Salon sowie eine Wäscherei. Doch dieser Leuchtturm strahlt noch in andere Bereiche aus. So vermittelt Salzgitter auch Haushaltshilfen, betreut Kinder und versorgt Senioren in der eigenen Tagespflege.

Das Leuchtturmhaus Karsdorf erhielt die Auszeichnung für seine generationenübergreifenden Angebote. Das Haus organisierte einen Halloween-Umzug durch die Gemeinde und lässt Jung und Alt im Nordic-Walking-Kurs gemeinsam neue Wege beschreiten. Daneben betreut es einen Computerkurs für Ältere.

Vielleicht kann auch das Mehrgenerationenhaus Regensburg einmal zum Leuchtturmhaus werden. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat das Haus jüngst am 7. Februar 2008 eröffnet. Die dortige Seniorenwerkstatt für kreative Arbeiten mit Holz und Metall steht nun allen Altersgruppen zur Verfügung, während in der „Radiowerkstatt“ Schülerinnen und Schüler komplette Radiosendungen erstellen. Im offenen Treff und beim Patenprogramm für Auszubildende lernen Jung und Alt voneinander.

Beginn eines „Mentalitätswandels“
Diese und viele andere Beispiele zeigen: Das Konzept der Mehrgenerationenhäuser mit seinem für alle Altersgruppen geöffneten Raum unter einem gemeinsamen Dach reagiert nicht nur auf die Entwicklungen in der Gesellschaft. Es kann helfen, die Zivilgesellschaft insgesamt zu stärken und positiv zu verändern. Oder, wie es die Bremer Soziologin Frau Professor Dr. Helga Krüger in einem Interview ausdrückte: „Zu denken, dass ein Raum für alle Generationen passend sein könnte, ist ein Mentalitätswandel, den die Mehrgenerationenhäuser anstoßen können.“

Autor(in): Arndt Kremer
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Datum: 14.02.2008
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