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11. 12. 2007

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Kinder brauchen eine anregende Umwelt

Die 1. World Vision Kinderstudie „Kinder in Deutschland 2007“

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Prof. Dr. Klaus Hurrelmann

Online-Redaktion: Vor wenigen Wochen wurde die 1. World Vision Kinderstudie veröffentlicht. Welches Ziel wurde mit der Studie verfolgt?

Hurrelmann: Wie bei der Shell-Studie geht es darum, dass eine Bevölkerungsgruppe mit den Methoden der empirischen Sozial- und Gesellschaftsforschung eine Stimme bekommt und ihre Perspektiven, ihre Wertvorstellungen, ihre Wünsche, ihre Bewertungen der Lebenssituation einer großen Öffentlichkeit präsentiert. Wir Forscher haben dabei die Aufgabe, als Mediatoren zu wirken.

In der 1. World Vision Kinderstudie geht es um die der Sechs- bis Elfjährigen – die Shell-Jugendstudien beginnen bei den Zwölfjährigen. Die gesamte Gruppe von Kindern sollte Gelegenheit haben, mit ihren Positionen zu Wort zu kommen, nicht etwa nur die Benachteiligten, sondern auch diejenigen, denen es hervorragend geht. Es ist gesellschaftspolitisch und pädagogisch von großer Bedeutung zu wissen, wie diese nachkommende Generation gewissermaßen aufgestellt ist und was sie für Perspektiven hat.
Dennoch zeigt die World Vision Kinderstudie auch, dass den benachteiligten Kindern große Beachtung geschenkt werden muss.

Online-Redaktion: Gleich zu Beginn stellen Sie fest: „Die große Mehrheit ist mit ihren Lebensverhältnissen in Familie Schule, Freizeit und Freundeskreis zufrieden und fühlt sich wohl. Bemerkenswert ist allerdings, wie nachhaltig wirksam bereits im Kindesalter die sozialen Unterschiede sind und wie maßgeblich die soziale Herkunft den Alltag prägt.“ In welchen Bereichen des Alltags fühlen sich Kinder vor allem benachteiligt und wie sehen die Kinder ihre Situation selbst?

Hurrelmann: Mit einer solchen Studie, die ja auch Informationen der Eltern mit einbezieht, können wir die Lebenslage der Kinder objektiv mit den Mitteln der Forschung taxieren. Die Forscher/innen von Infratest/Sozialforschung, die diesen Teil verantworten, haben hierfür einen entsprechenden Lebensstandindex gebildet. Da hinein fließen die finanzielle, die wirtschaftliche Situation des Haushaltes, in dem das Kind lebt, die Bildungssituation, der Bildungsstand der Eltern und die kulturelle Integration. Wenn man diese Indikatoren heranzieht, dann kann man sehen, wie die Situation der Kinder ist, die hierbei am schlechtesten abschneiden. Hier konnten wir feststellen, dass bei 25 Prozent der Kinder die wirtschaftliche, die Bildungs- und kulturelle Situation im Vergleich zu allen anderen Kindern deutlich schlechter ist. Diese Kinder spüren, haben gewissermaßen das subjektive Gefühl, nicht dazuzugehören und eine Ausgrenzung zu erleben. Dieses Gefühl transportieren sie in ihre spätere Perspektive. Es ist erschreckend, dass schon in dieser Gruppe der kleineren Schülerinnen und Schüler eine sehr geringe Bildungshoffnung besteht, was in der Bildungsforschung als Bildungsaspiration bezeichnet wird. Sie trauen sich also nicht viel zu, schon gar nicht einen hochwertigen Abschluss wie das Abitur. Ihre vergleichsweise schlechte Lebenslage schlägt so früh schon auf ihre eigene Zukunftsperspektive in dem so wichtigen Sektor wie der Bildung durch. Bildung entscheidet aber darüber, wie sie später gesellschaftlich weiterkommen können.

Online-Redaktion: Welche Auswirkungen ergeben sich daraus für die schulischen Leistungen?

Hurrelmann: Das ist leider genauso klar: Die schulischen Leistungen hängen, das wissen wir auch aus früheren Untersuchungen und unsere Studie bestätigt das ganz anschaulich, mit der Perspektivität der Kinder zusammen. Wenn man sich wenig zutraut und sich niedrige Perspektiven setzt, dann ist man auch nicht sehr motiviert und hat keine gute Einstellung zur Schule. Bei dem Viertel der Kinder auf der untersten sozialen Leiter können wir klar erkennen, da ist eine Distanz der Schule gegenüber. Die Schule wird sehr kritisch gesehen, und die Lehrkräfte werden eher skeptisch beurteilt. Man glaubt, dass man in der Schule keinen großen Einfluss hat und die Schule nicht der richtige Aufenthaltsort ist. Diese innere Entfernung der Schule gegenüber - auch sie tritt bereits früh ein und das schlägt sich ganz schnell in den schulischen Leistungen nieder.


Online-Redaktion: In der Studie ist die Rede von untersten Herkunftsschichten. Wie definieren Sie diesen Begriff oder anders, wen zählen Sie dazu?

Hurrelmann: Wir sprechen von den 25 Prozent, die aus dem oben genannten Index gebildet werden. Es ist natürlich eine forscherisch gebildete Gruppe. Nun kann man innerhalb dieser Gruppe auf diejenigen schauen, denen es besonders schlecht geht. In der Studie haben wir dafür die Frage an die Eltern gestellt, ob das zur Verfügung stehende Haushaltsgeld ausreicht. Wer hierauf antwortete, und das sind 13 Prozent, nein, ich habe oft Schwierigkeiten, der signalisiert, dass es in dem einen Bereich dieser drei Indikatoren besonders eng ist. Schauen wir uns diese Gruppe an, dann spitzen sich alle diese Prozesse noch weiter zu. Wir wissen dann auch, dass hier die Kinder die Zurücksetzung auch spüren, die sie in ihrer Kleidung, in ihren Möglichkeiten der Freizeitgestaltung haben, bei Schulausflügen oder tagtäglich auf dem Schulhof, und sie überdecken sie mit Scham.


Online-Redaktion: Freizeitaktivitäten von Kindern sind oft an materielle Voraussetzungen gebunden. Welche Ergebnisse erbrachten dazu Ihre Untersuchungen? Inwieweit ist das Freizeitverhalten davon abhängig, aus welcher sozialen Schicht die Kinder kommen?

Hurrelmann: Das Freizeitverhalten unterscheidet sich deutlich und zwar nicht nur einlinig – wenig Geld steht zur Verfügung und deswegen wenig Konsum. So mechanisch geht es nicht. Wenn wir uns diese Gruppe von Kindern ganz am Ende der sozialen Leiter des Wohlstandes anschauen, dann fällt auf, dass sie eine sehr einfallslose Freizeitgestaltung haben, die ganz überwiegend durch den Konsum elektronischer Medien gekennzeichnet ist. Sehr viele Stunden am Tag werden vor dem Fernseher verbracht, mit elektronischen Spielen, mit Computerspielen. Alle anderen Aktivitäten, die sich als sehr wertvoll für die sozialen und intellektuellen Fähigkeiten erweisen, vor allem das Lesen, aber auch das Bewegen, das Sporttreiben, Sportvereinen anzugehören, Tanzen, Musizieren - hier mag ein finanzieller Faktor durchaus im Spiel sein, aber nicht nur - die liegen brach und werden kaum aufgenommen. Man kann andererseits erkennen: Die Kinder, die oben auf der sozialen Leiter des Wohlstandes ihrer Familien stehen, die haben eben nicht nur die tolle Perspektive vor sich zu über 80 Prozent, ja ich werde Abitur machen, sondern die haben auch auf dem Wege dahin schon die positive Einschätzung zur Schule. Zugleich verfügen sie über ein vielseitiges Freizeitverhalten, wobei Bewegung und Lesen Schlüsselrollen spielen. Fernsehen auch, aber eine untergeordnete und in die anderen Aktivitäten eingegliederte Rolle.

Online-Redaktion: Wie verhält es sich mit Kindern, deren Eltern zwar finanziell schlecht dastehen, aber selbst über eine gute Ausbildung verfügen. Gehen diese Kinder trotzdem im positiven Sinne Ihren Weg?

Hurrelmann: Ja, das ist sehr klar erkennbar. In diese Konstruktion, wo stehe ich auf der sozialen Leiter des Wohlstandes, gehen die finanzielle Situation, die Bildungslage und die kulturelle und die Integrationsposition ein. Wir können beobachten, dass die Bildungsdimension von sehr großer Bedeutung ist und eventuell unter günstigen Umständen die finanzielle schlechte Situation ausgleichen kann. Es gibt Mütter und Väter, die durch ihre eigene Kompetenz, die mit ihrem Bildungsgrad meist direkt zusammenhängt, auch bei einer wirtschaftlich, finanziell sehr schlechten Situation ihre Kinder vielseitig anregen. Sie sorgen dafür, dass sich die Kinder bewegen, lesen mit ihnen, sprechen viel mit dem Kind, was ganz zentral und wichtig ist.
Alle diese Prozesse sind nicht zwangsläufig. Man muss schon geradezu suchen nach solchen gegenläufigen Effekten. Es ist schon dramatisch -  wer einmal so weggerutscht ist in die wirtschaftliche Schwäche, der hat es offenbar schwer, sich am eigenen „Bildungsschopf“ wieder herauszuziehen.

Das unterstreicht aber die Bedeutsamkeit von Bildung, was auch als Quintessenz aus der ganzen Studie abgeleitet werden kann: Die Kinder brauchen eine anregende Umwelt. Wenn die Familie aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage ist, eine solche anregende Umwelt zur Verfügung zu stellen, dann ist es angezeigt, dass in den Kindertagesstätten, den Grundschulen, in der Nachbarschaft, in den Freizeiteinrichtungen ein Ausgleich stattfindet. Diese sehr starke Familienzentriertheit der Entwicklung von Kindern heute und damit eben auch starke Abhängigkeit ihrer weiteren Entwicklung vor allem im Bildungsbereich von der familialen Lagerung, die muss in Deutschland abgefangen werden. Und deshalb spricht alles dafür, die Familien in ein Umfeld zu stellen und den Eltern sowie den Kindern in den Grundschulen, den Kindereinrichtungen gute Angebote zu machen und zugleich die Eltern in einer angemessenen Weise zu beteiligen.

Online-Redaktion: Welche Konsequenzen sollten daraus für die Bildungspolitik gezogen werden?

Hurrelmann: Es spricht alles für eine gezielte individuelle Förderung von Kindern. Wir müssen auch bei uns in Deutschland mehr tun, um den individuellen Leistungsstand eines Kindes, das Profil – Begabungen, Fähigkeiten – genau zu erkennen. Dazu brauchen wir die Unterstützung durch Tests, durch verschiedene genaue Diagnoseinstrumente, um das Kind entsprechend seinen persönlichen Fähigkeiten zu fördern. Das ist eine echte Herausforderung an die pädagogische Arbeit, schon bei den Kleinen dafür zu sorgen, dass alle ihre Sinne angeregt werden, ihre sprachlichen Fähigkeiten, ihre intellektuellen und ihre sozialen Kompetenzen inklusive. Und das muss so früh wie möglich beginnen.

Ein zweiter Punkt, der diese Perspektivtätsunterschiede berührt: Wir täten gut daran, die Kinder nicht schon so früh in der Bildungswelt zu sortieren nach Abitur ja oder nein, sondern allen Kindern die realistische Perspektive zu eröffnen: Abitur – versuchen kann ich es jedenfalls. Es ist außerordentlich problematisch, dass wir ein Bildungssystem haben, bei dem sehr viele Kinder, mindestens dieses eine Viertel, ganz offensichtlich gar keine Hoffnung haben, einen heute wohl fast notwendigen hohen Bildungsabschluss zu schaffen, weil der viel zu weit oben in der Anspruchshierarchie ist. Das können wir uns aus pädagogischen, aber auch wirtschaftlichen Gründen überhaupt nicht mehr leisten.

Online-Redaktion: Welchen Stellenwert messen Sie in diesem Zusammenhang den Ganztagsschulen zu und wie müssen sie gestaltet sein, damit Kinder sich wohlfühlen und bessere Bildungschancen bekommen? Wie sehen Kinder die Ganztagsschulen?

Hurrelmann: Ganztagsschulen haben einen hohen Stellenwert. Denn die machen das, was die Familie nicht schaffen kann und bieten dem Kind auch das, was wir als Freizeit bezeichnen und was nach der Studie ein Schlüssel der Bildungsentwicklung ist. Sie haben das Potenzial, den Kindern anregende, stimulierende Beschäftigungen anzubieten. Es muss natürlich richtig gemacht werden. Aber in Deutschland besuchen nur etwa 10 Prozent eine Ganztagsschule. Damit sind wir weltweit ganz weit zurück, ein echter Modernitätsrückstand. Die Kinder wurden auch danach gefragt und sie befürworteten in der Mehrzahl die Ganztagsschule. Aber sie brachten ganz klar zum Ausdruck, dass in den Nachmittag die verschiedenen anregenden Aktivitäten eingebaut werden sollen und nicht etwa die leistungsorientierte und fachbezogene Schule und den Unterricht in den Nachmittag zu verlängern. Das lehnen sie ganz entschieden ab. Ich denke, sie liegen dabei richtig und ahnen gewissermaßen, was ihnen gut tut, nämlich diese Mischung von gezielten intellektuellen, fachlichen Forderungen mit Anregung aller Sinne, so dass sie ihre gesamte Persönlichkeit entfalten können.

Online-Redaktion: Welche Untersuchungsergebnisse haben Sie persönlich besonders überrascht?

Hurrelmann: Zusätzlich zu denen, die ich bereits erwähnte, ist es der Befund, dass die Mädchen auch schon in diesem Alter besser mit der Lebenssituation zurechtkommen. Bei ihnen ist alles das, was wir angesprochen haben, was von Bedeutung ist für den weiteren Bildungsweg, im statistischen Durchschnitt besser ausgeprägt. Sie haben ein aktiveres, lebendigeres, vielseitigeres Freizeitverhalten als die Jungen. Hier sieht man auch, dass das dann nicht zwangsläufig nur mit der sozialen Herkunft zu tun hat. Die Mädchen haben auch die anspruchsvolleren Leistungsperspektiven, die höheren Bildungswünsche. Sie können sich deutlich häufiger vorstellen, später einmal das Abitur zu schaffen, auch die, die aus den niedrigeren sozialen Positionen kommen. Das gibt schon zu denken, dass das männliche Geschlecht schon in der Grundschule heute ganz offenbar Schwierigkeiten hat, die eigene Rolle zu finden, die eigene Position aufzubauen. Wir sehen ja an der nachfolgenden Shell-Jugendstudie und auch an anderen Leistungsstudien, dass die Mädchen in der Tat die besseren Resultate bringen. Die World Vision Kinderstudie kann die Entstehung bei den Kleinen schon andeuten. Denn hier beginnt, dass die Mädchen besser auf ihre gesamte Lebenssituation eingestellt sind als die Jungen und dadurch auch eine günstigere Ausgangsposition sich „erarbeiten“.


Prof. Dr. Klaus Hurrelmann wurde in Gdingen, dem heutigen polnischen Gdynia, geboren und wuchs in Nordenham auf. Er studierte Soziologie, Psychologie und Pädagogik an den Universitäten Freiburg, Berkeley (USA) und Münster und promovierte in der Sozialisationsforschung. 1975 habilitierte er sich mit der Arbeit “Erziehungssystem und Gesellschaft” und übernahm eine Professur für Sozialforschung an der Universität Essen, bevor er dann nach Bielefeld wechselte. Seine wichtigsten Arbeitsgebiete sind die Bildungsforschung mit den Schwerpunkten Sozialisation, Schule, Familie, Kindheit und Jugend und die Gesundheitsforschung mit den Schwerpunkten Gesundheitsförderung, Gesundheitskommunikation und Sucht- und Gewaltprävention. In diesen Gebieten hat er auch mehrere Bücher publiziert und herausgegeben. Klaus Hurrelmann leitete die Shell-Jugendstudien 2002 und 2006 und die World Vision Kinderstudie „Kinder 2007“.

 

Autor(in): Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 11.12.2007
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