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21. 06. 2007

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Die Berufsbildung kriselt

Studie belegt hausgemachten Arbeitskräftemangel

Bild

Gerade in Metallberufen wird zu wenig ausgebildet

Anfang des Jahres veröffentlichten die Wissenschaftler Martin Baethge, Heike Solga und Markus Wieck die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellte Studie "Berufsbildung im Umbruch - Signale eines überfälligen Aufbruchs". Sie zeigt ein besorgniserregendes Bild der gegenwärtigen schulischen Ausbildung und der Berufsbildung in Deutschland.

Praktische Ausbildung im Betrieb, Unterricht in der Berufsschule - die duale Berufsausbildung galt lange als Erfolgsmodell. Jetzt steckt sie in einer Krise, stellen Martin Baethge, Heike Solga und Markus Wieck vom Soziologischen Forschungsinstitut an der Uni Göttingen (SOFI) fest. Die Forscher haben im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung die Studie "Berufsbildung im Umbruch - Signale eines überfälligen Aufbruchs" erstellt und im Januar 2007 veröffentlicht. Die Studie belegt, dass die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen im vergangenen Jahrzehnt immer mehr zugenommen hat, während das Angebot an betrieblichen Lehrstellen weiter zurückgegangen ist. Immer weniger Betriebe bilden aus. Das Ergebnis: Nur noch 43 Prozent der Ausbildungsanfängerinnen und -anfänger finden den Weg ins duale System. 1995 waren es noch mehr als die Hälfte.

Alternative: Übergangsprogramme?
Stattdessen landen gut 40 Prozent aller Schulabgängerinnen und -abgänger in Übergangsprogrammen von Berufsfachschulen und der Bundesagentur für Arbeit oder in einem schulischen Berufsvorbereitungs- (BVJ) sowie Berufsgrundbildungsjahr (BGJ). Obwohl sich die Übergangsprogramme in den einzelnen Bundesländern unterscheiden, ist ihnen gemeinsam, dass sie die Jugendlichen weiterbilden und damit ihre Berufschancen erhöhen, ihnen aber keinen Berufsabschluss bieten. Für viele bedeutet das den Beginn einer endlosen Warteschleife. Eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) zeigt, dass dies zu einer wachsenden Zahl so genannter Altbewerber führt. Lediglich ein gutes Drittel der bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten Bewerber/innen hat unmittelbar im Vermittlungsjahr eine allgemeinbildende Schule verlassen. "Maßnahmen im Übergangssystem sind häufig der Beginn von Maßnahmekarrieren", resümieren die Forscher der Studie "Berufsbildung im Umbruch" besorgt. Eine halbe Million Jugendlicher durchläuft "Maßnahmen mit wenig beruflicher Perspektive und hoher Arbeitsmarktunsicherheit". Damit nimmt die "strukturelle Unsicherheit für eine ganze Generation zu", betonen Baethge, Solga und Wieck. Nur knapp 40 Prozent der Teilnehmer schaffen anschließend den Sprung in eine reguläre Berufsausbildung. Vielen anderen, besonders den gering Qualifizierten, droht der gesellschaftliche Ausschluss.

Das Ergebnis: Fachkräftemangel
Hinzu kommt, dass durch die Beschränktheit des Ausbildungsangebots ein Potenzial an Arbeitskräften brachgelegt wird, das angesichts der aktuellen demografischen Entwicklung mittel- und langfristig fehlen könnte, warnen die Wissenschaftler. Ihre Studie zeigt, dass die Ausbildungsplatzangebote im vergangenen Jahrzehnt die vorhandene Nachfrage nach Ausbildung immer weniger befriedigen konnten. Gerade bei industriellen Berufen steigt der Bedarf nach Fachkräften, stattdessen ist aber das Ausbildungsangebot in den letzten 20 Jahren heruntergefahren worden. Allein 2005 und 2006 gab es in den wichtigsten Metallberufen 80 Prozent mehr offene Stellen, bei den Elektrikberufen sogar mehr als 92 Prozent. Trotzdem hat sich die Zahl der neuen Ausbildungsverträge in diesen Berufsgruppen seit Mitte der 80er-Jahre mehr als halbiert. "Die sich abzeichnende Fachkräftelücke ist hausgemacht, und ohne Gegensteuerung in der Ausbildung droht bei demografisch bedingtem Rückgang des Arbeitskräfteangebots ein ernsthafter Fachkräftemangel", konstatieren die Forscher.

Die Wissenschaftler sehen darin auch eine Gefährdung der Innovationskraft der deutschen Wirtschaft in den wissensintensiven Zukunftsbranchen. Eine Erhöhung der Studierendenquote ist hier dringend erforderlich. "Am wirksamsten scheint dies durch eine stärkere Durchlässigkeit von der Berufsbildung zum Hochschulstudium erreichbar zu sein." Das Gegenteil ist aber im letzten Jahrzehnt zu beobachten: Die Durchlässigkeit hat abgenommen. Der Anteil der Studienanfänger, die ohne Abitur eine Berufsausbildung absolviert und anschließend ein Studium aufgenommen haben, sank um ein Drittel. Die Immobilität des Berufsbildungssystems wurde nicht abgebaut, sondern hat sich verstärkt.

Ursachen des Strukturwandels
Die Ursachen dafür, dass heute deutlich weniger Betriebe ausbilden als in den 80er-Jahren, liegen laut Studie im Wandel der Wirtschaftsstruktur und der starken Rolle des Controllings. Die Anforderungen in der Produktion haben sich geändert, so dass Arbeitgeber andere Ausbildungsprofile bevorzugen: Immer umfassendere Kenntnisse, so genanntes systemisches Wissen, wird verlangt. Deshalb bevorzugen mittlerweile sogar Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes zunehmend Absolventen von Fachhochschulen und Universitäten.

In den Betrieben selbst hat die Unternehmenssteuerung durch die Form des Controllings ihren Beitrag dazu geleistet, dass Ausbildungen zurückgefahren werden. Aufwendungen für Aus- und Weiterbildung galten in den 80er-Jahren noch als Gemeinkosten, heute werden sie den einzelnen Fachbereichen zugeordnet. Dadurch sehen die Unternehmen Ausbildung viel mehr als Kostenfaktor denn als langfristige Zukunftsinvestition.

Die Benachteiligten des Systems
Betroffen sind vor allem junge Menschen mit geringer schulischer Vorbildung. Die einstige Stärke der dualen Ausbildung, durch die Verbindung von praktischen und theoretischen Elementen bildungsschwächere Jugendliche zu integrieren, greift immer weniger. Das Durchschnittsniveau in der Berufsbildung ist mittlerweile der Realschulabschluss. Nicht einmal mehr ein Fünftel der Ausbildungsanfänger ohne und nur noch zwei Fünftel mit Hauptschulabschluss finden den Weg ins duale System. Selbst mehr als ein Viertel der Realschulabsolventen landet vorerst im Übergangssystem. Dramatisch verschlechtert hat sich auch die Situation ausländischer Jugendlicher: Ihr Anteil an den Auszubildenden im dualen System liegt gerade noch bei vier Prozent.

Besonders benachteiligt sind junge Männer mit niedrigen Schulabschlüssen. Sie haben im Durchschnitt deutlich schlechtere allgemein bildende Schulabschlüsse als die jungen Frauen. Das erschwert den Übergang in eine Berufsausbildung. Hinzu kommt, dass junge Männer von dem anhaltenden Rückgang der traditionellen Männerberufe betroffen sind. Im Handwerk und in der Kfz- und Fernsehtechnik-Branche gibt es massive Ausbildungsplatz-Verluste. "Hierfür ist kein Ersatz in Sicht", so die Forscher. Der Strukturwandel zur Dienstleistungsökonomie und der langfristige Trend in der Bildungsbeteiligung kommen eher Frauen zugute. Im Jahr 2004 betrug der Anteil der jungen Männer, die ein Übergangsprogramm begannen, 58 Prozent, bei den Frauen waren es 42 Prozent. Auch die Arbeitslosenquote der 15- bis unter 25-jährigen Männer lag 2004 mit fast 14 Prozent um vier Prozentpunkte über der von Frauen.

Durch Modularisierung die Bildungsmobilität erhöhen
Um den drohenden Arbeitskräftemangel und vertiefte soziale Spaltungen zu vermeiden, empfehlen die Wissenschaftler deshalb, die Mobilität zwischen Übergangs- und voll qualifizierendem System durch eine Modularisierung zu erhöhen. "Erst in einer nach Modulen oder Bausteinen gegliederten Ausbildung lassen sich berufsvorbereitende Leistungen des Übergangssystems an das Berufsbildungssystem anschlussfähig und berechenbar machen." Dafür sollte man unbedingt die Vorteile, die die Europäisierung der Berufsbildung durch den Europäischen Qualifikationsrahmen bringt, nutzen. "Bedingung dafür ist, die defensive Haltung gegenüber dem Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) aufzugeben und ihn im Rahmen eines eigenen berufsorientierten modularen Ausbildungskonzepts fruchtbar zu machen", sind sich Baethge, Solga und Wieck einig. Das Netzwerk Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung bekräftigt in einer politischen Stellungnahme den Reformbedarf, den die Studie aufzeigt. Wolf-Michael Catenhusen, Staatssekretär a.D., fordert im Namen des Netzwerks Bildung auch die schulische Ausbildung bis Klasse zehn zu verbessern, um die Berufsausbildungsreife zu erhöhen und die Schulabbrecherquote zu halbieren. Haupt- und Realschulen sollten nach Ansicht des Netzwerks als eigenständige Schulformen aufgelöst werden, um das "Durchschnittsbildungsniveau" heraufzusetzen und die Chancen für alle zu erhöhen.

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 21.06.2007
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