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22. 02. 2007

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Wir hoffen auf große Synergien"

Institut für Arbeit und Qualifikation gestartet

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Prof. Dr. Gerhard Bosch

Das frühere Institut Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen wurde auf Beschluss der Landesregierung Nordrhein-Westfalen neu organisiert. Die Arbeits- und Bildungsforschung des Instituts wird seit Jahresbeginn im Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen (UDE) weitergeführt. Bildung PLUS sprach mit Prof. Dr. Gerhard Bosch, dem Geschäftsführenden Direktor des IAQ, und Dr. Sybille Stöbe-Blossey, der Leiterin der Forschungsabteilung "Bildung und Erziehung im Strukturwandel", über Inhalte und Vorhaben des Instituts.

Bildung PLUS: Das IAQ hat im Januar seine Arbeit aufgenommen. Was ändert sich durch die Eingliederung an die Universität Duisburg-Essen?

Bosch: Kurzfristig nichts. Wir haben einen großen Bestand an Projekten, die wir selber finanzieren oder die über Drittmittel finanziert werden, in das IAQ mitgebracht. Viele Projekte, wie beispielsweise die zur Evaluierung der Hartz-Gesetze, zum internationalen Vergleich von Beschäftigungssystemen oder zum internationalen Vergleich von Niedriglohnbeschäftigungen, werden weitergeführt. Vier Forschungsschwerpunkte des ehemaligen Instituts für Arbeit und Technik sind in Abteilungen des neuen Instituts überführt worden: "Arbeitszeit und Arbeitsorganisation" unter der Leitung von Dr. Steffen Lehndorff, "Bildung und Erziehung im Strukturwandel" unter der Leitung von Dr. Sybille Stöbe-Blossey, "Entwicklungstrends des Erwerbssystems" unter der Leitung von PD Dr. Matthias Knuth und "Flexibilität und Sicherheit", geleitet von Dr. Claudia Weinkopf. Langfristig wird es aber natürlich Verknüpfungen mit der Hochschule geben, und wir werden gemeinsam mit Wissenschaftlern aus der Hochschule neue Forschungsprojekte beantragen, so dass sich unser Profil weiterentwickeln wird.

Bildung PLUS: Welche Vorteile bringt die Neukonstituierung mit sich?

Bosch: Wir sind in der Universität Duisburg-Essen im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften angesiedelt. Dort gibt es im Institut für Soziologie einen starken eigenen Schwerpunkt in der Arbeitsforschung, in dessen Rahmen sich mehrere Kolleginnen und Kollegen mit der Reorganisation von Arbeit im internationalen Vergleich, mit neuen Formen der Arbeitsorganisation und mit der sozialen Absicherung von unterschiedlichen Formen der Arbeit befassen. Außerdem gibt es an der Universität einen eigenen Schwerpunkt in der Empirischen Bildungsforschung. Wir hoffen deshalb auf große Synergien.

Bildung PLUS: Wie unterstützen Sie mit Ihren Forschungsarbeiten die Bildungsreformdebatte in Deutschland?

Bosch: In ganz unterschiedlicher Art und Weise. Unsere Schwerpunkte liegen auf den Themen Kindergärten, vor allem der Organisation von Kinderbetreuung und der Ausbildung von Erzieherinnen, sowie berufliche Aus- und Weiterbildung und Reorganisation von Arbeit. Aus dieser Tätigkeit heraus haben wir zum Beispiel auch in Kommissionen mitgewirkt. Ich selbst war zum Beispiel Mitglied der Experten-Kommission "Finanzierung Lebenslangen Lernens" der Bundesregierung. In dieser Kommission sind Vorschläge zur Weiterentwicklung der Finanzierungsregelung für Weiterbildung entwickelt worden, wie etwa ein eigenes Erwachsenen-BaföG, damit das Nachholen von Schul- und Berufsabschlüssen mit einem Unterhaltsgeld auch im Erwachsenenalter möglich wird. Wenn die Gesellschaft älter wird und wir mehr gebrochene Lebensläufe und Zuwanderung haben, brauchen wir auch solche Instrumente.

Bildung PLUS: Um strukturelle Veränderungen geht es auch in dem Forschungsschwerpunkt "Bildung und Erziehung im Strukturwandel". Worin liegen die Zusammenhänge?

Bosch: Der Strukturwandel wird ja häufig nur verstanden als Strukturwandel in der Wirtschaft: Es gehen Arbeitsplätze verloren und es entstehen neue in anderen Branchen. Unser Institut hingegen untersucht Strukturwandel auf mehreren Ebenen. Wir berücksichtigen auch strukturelle Veränderungen der Familienform und der Erwerbstätigkeitsmuster. Frauen sind heute zunehmend besser ausgebildet und zunehmend öfter berufstätig. Klassische Erziehungsmodelle funktionieren nicht mehr, und es gibt immer weniger Kinder. Gerade weil wir uns heute in der Bewältigung eines enormen Strukturwandels befinden, haben wir einen Schwerpunkt auf die frühkindliche Erziehung und auf die Bereitstellung eines Kinderbetreuungsangebots gelegt. Wir brauchen den Ausbau der vorschulischen Bildung und der Ganztagsbildung.

Bildung PLUS: Frau Stöbe-Blossey, Sie leiten die Forschungsabteilung "Bildung und Erziehung im Strukturwandel" am IAQ. An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit im frühkindlichen Bereich?

Stöbe-BlooseyStöbe-Blossey: Wir beschäftigen uns mit der organisatorischen und inhaltlichen Seite von Kinderbetreuung gleichermaßen. Sowohl was die Zeitbedarfe betrifft, die Eltern angesichts unterschiedlicher Arbeitszeiten haben, als auch, was die inhaltliche Gestaltung betrifft. Kinderbetreuung soll ja in jedem Alter einen Bildungsaspekt haben. Dabei geht es vor allem um vernetzte Dienstleistung, beispielsweise in Form von Familienzentren: Kindertageseinrichtungen als umfassender Ort von Dienstleistung für die ganze Familie. Wichtig ist uns der Bereich der sozialen Frühwarnsysteme, damit Probleme von Kindern, die in Einzelfällen bestehen, möglichst früh erkannt werden. Hier haben wir Netzwerke mitentwickelt und gefördert und die Erfolgsbedingungen von Netzwerken erforscht: Wie können beispielsweise Kindertageseinrichtungen, Schulen, Erziehungsberatungsstellen und freie Therapeuten gut zusammenarbeiten und zusammengebracht werden und welche Instrumente brauchen sie dafür? Wie schafft man es, dass diese Instrumente in der Praxis auch genutzt und umgesetzt werden? Hier sehen wir große Chancen für uns als Sozialwissenschaftler, die sich intensiv mit Strukturen beschäftigen in der Zusammenarbeit mit Pädagoginnen, Pädagogen und Psychologinnen, Psychologen, die die inhaltliche Seite der Verfahren beitragen.

Bildung PLUS: Welche Themen werden von Ihrer Abteilung noch behandelt?

Stöbe-Blossey: Wir versuchen die ganze Kette lebenslangen Lernens abzudecken, bis zu dem Thema Beschäftigungsfähigkeit von Älteren. Im Bereich Schule untersuchen wir beispielsweise, wie man die offene Ganztagsschule inhaltlich so vernetzt, dass sowohl den zeitlichen Bedürfnissen von Kindern und Eltern Rechnung getragen wird als auch dem Bildungsanspruch und dem Anspruch von Kindern auf Selbstbestimmung. Und in der Beruflichen Bildung geht es in zunehmendem Maße um Konsequenzen der demografischen Entwicklung: Wie muss zum Beispiel kommunale Schulentwicklungsplanung, kommunale Bildungsplanung bis hin zur Planung der Strukturierung von Berufsausbildung auf die demografische Entwicklung eingestellt werden?

Bildung PLUS: An welchen Inhalten möchten Sie zukünftig gerne arbeiten?

Stöbe-Blossey: Wir würden gerne vieles, was wir in Bezug auf Vernetzung und frühkindliche Bildung im Bereich der Kindertageseinrichtungen gemacht haben, auf den Bereich Schule übertragen. Wir sind der Meinung, dass eine ganzheitliche Sichtweise auf die gesamte Entwicklung des Kindes und nicht nur auf die speziell schulischen Probleme vor allem im Grundschulbereich wesentlich ist. Es existieren schon einige Schulen, die das machen, aber die Vernetzung reicht noch lange nicht aus. Es gibt noch vieles, was man gerade im Hinblick auf die Einbindung von Grundschulen im Stadtteil, auf die Kooperation von Grundschulen beispielsweise mit einer Erziehungsberatungsstelle erweitern kann. Dann müssen wir noch stärker das Thema demografische Entwicklung aufgreifen: Was heißt das für die Schulentwicklungsplanung, für die Jugendhilfeplanung? Einerseits müssen Schule und Jugendhilfe darauf reagieren, dass es bedeutend weniger Kinder gibt, andererseits dürfen Leistungen nicht zurückgefahren werden. Es geht nicht nur darum, förderliche Infrastrukturen aufrechtzuerhalten, sondern auch zu verbessern. Denn wir wollen durch Lösungen, die auf das Kind bezogen sind, ja auch dafür sorgen, dass wieder mehr Leute Kinder bekommen.

Bildung PLUS: Herr Bosch, wo sehen Sie in Zukunft die größten Herausforderungen für Ihre Arbeit am IAQ?

Bosch: Zum einen darin, exzellent zu sein. Der Trend zur Qualitätskontrolle in der Forschung hat durch den von der Exzellenzinitiative organisierten Wettbewerb zwischen den Hochschulen enorm zugenommen. Wir müssen uns deshalb auf bestimmte Felder konzentrieren, in denen wir auch wirklich Spitzenklasse sind. Ein drittmittelfinanziertes Institut kann sehr schnell in die bildungspolitische Regionalliga abrutschen, wenn es jedes Projekt, das ihm angeboten wird, macht. Das darf nicht passieren. Die zweite Herausforderung sehe ich darin, in sehr starkem Maße international vergleichend zu forschen. Die Lösungen für unsere Zukunftsprobleme, ob in der Familienpolitik oder in der Bildungspolitik, werden nicht nur im eigenen Land gefunden, sondern zunehmend durch internationale Vergleiche. Und die dritte Herausforderung sehe ich in der Vernetzung mit der Universität, an die wir jetzt gekommen sind.

 

Prof. Dr. Gerhard Bosch, Jahrgang 1947, Studium der Volkswirtschaft und Soziologie an der Universität Köln, Promotion 1977 in Dortmund, Habilitation 1993 in Osnabrück. Seit 1994 Professor für Soziologie an der Universität Duisburg-Essen, von 1990 bis 2006 erst Abteilungsleiter, dann Vizepräsident des Instituts Arbeit und Technik, Gelsenkirchen. Seit dem 1.1. 2007 ist er Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen.


Dr. Sybille Stöbe-Blossey, Jahrgang 1962, Studium der Sozialwissenschaften in Mainz, in Rennes (Frankreich) und in Duisburg, Promotion 1992 in Bochum. Sie ist seit 1989 beim Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen bzw. seit Januar 2007 beim Institut Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen. Seit 2002 ist sie für den Aufbau und die Leitung der Abteilung "Bildung und Erziehung im Strukturwandel" verantwortlich.


 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 22.02.2007
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