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14. 12. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

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Führt die Hauptschule in die Sackgasse?

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Sind die Würfel schon gefallen?

Leon ist frustriert. Im Sommer macht er seinen Hauptschulabschluss und anschließend möchte er gerne KFZ-Mechaniker werden. Schon als Junge hat er davon geträumt. Doch seine Chancen stehen schlecht. 18 Bewerbungen hat er bereits geschrieben, ohne Erfolg. Den meisten Ausbildungsbetrieben reicht ein Hauptschulabschluss nicht mehr. Aus dem klassischen KFZ-Mechaniker ist der Kraftfahrzeug-Mechatroniker geworden, und der ist ohne Mittlere Reife nicht mehr zu haben.

Zu viele Ausbildungsplätze fehlen
Leon ist nicht der einzige in seiner Klasse, der noch keinen Ausbildungsvertrag hat. Im Gegenteil. Erst zwei seiner Mitschüler können im Herbst nächsten Jahres eine Lehre beginnen. Zwei von 31. Dabei gibt es noch offene Stellen, auch in den gewünschten Berufen. "Aber nicht für Hauptschüler", so die Meinung vieler Experten. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) stieg die Anzahl der noch nicht vermittelten Bewerber um 9 000 und erreichte Ende September mit 49 500 den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung. Jedes Jahr werden weniger Ausbildungsplätze angeboten. Nur noch 54 Prozent der ausbildungsberechtigten Betriebe bilden aus. Die Jugendarbeitslosigkeit wächst und besonders betroffen sind die Hauptschülerinnen und -schüler. Kaum jemand möchte sie heutzutage noch einstellen. Sie gelten als nicht ausbildungsreif, sozial inkompetent und unzuverlässig. Dabei freut sich die Mehrheit der Hauptschülerinnen und Hauptschüler auf das Berufsleben und bemüht sich um eine Lehrstelle, wie aus einer Befragung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) vom März 2004 hervorgeht.

Konkurrenz um die Lehrstelle
Neben der Lehrstellenknappheit kommt für Hauptschüler erschwerend dazu, dass verstärkt Realschüler und Gymnasiasten in Ausbildungsberufe drängen. Nach Meinung von Bildungsexperten werden die inhaltlichen Anforderungen an Lehrlinge höher, während gleichzeitig die Fähigkeiten der Hauptschüler sinken. Daraus folgt, dass ganze Wirtschaftszweige sich kaum noch für Hauptschüler interessieren. Wer zum Beispiel Maurer werden möchte, benötigt heute schon einen Realschulabschluss. Darüber hinaus gibt es in Deutschland immer weniger Beschäftigungen für gering Qualifizierte. Viele Produktionsarbeiten, die früher von Hauptschülern erledigt wurden, sind mittlerweile ins Ausland verlegt.

Jugend ohne Perspektive
"Wir werden abgestempelt und fallengelassen", äußert sich Leon verzweifelt. So wie er leiden viele seiner Mitschüler unter Zukunftsängsten, Verunsicherung und Selbstzweifel. Die meisten Hauptschülerinnen und Hauptschüler fühlen sich als Verlierer des Systems. Nach einer Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung blicken zwei Drittel der Hauptschüler ohne Hoffnung in ihre berufliche Zukunft. "Unsere Studie zeigt, dass die Jugendlichen in Deutschland - insbesondere die Hauptschüler - durch die Misere am Arbeitsmarkt und den chronischen Lehrstellenmangel erhebliche Zukunftsängste haben", bestätigt Heribert Meffert, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann-Stiftung, die Ergebnisse der Umfrage. Schülerinnen und Schüler, die die Hauptschule besuchen, leiden vor allem unter dem Stigma der Ausgrenzung. Bereits in der Grundschule haben sie durch den enormen Auslesedruck überwiegend Misserfolg und das Gefühl, nicht gut genug zu sein, erfahren. Deprimierende Erlebnisse, die bei vielen zur Erschütterung des Selbstvertrauens, zu einer Störung der Beziehung zur Schule und zu Lehrkräften, zu Resignation und zu Leistungsversagen führen.

Sackgasse Hauptschule?
Besonders betroffen sind Kinder mit Migrationshintergrund und aus ökonomisch schlechter gestellten Familien. Wie die PISA-Studien offenbarten, ist in keinem untersuchten Land der Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Schulerfolg so groß wie in Deutschland, kein Schulsystem selektiert so stark nach sozialer Herkunft. Kinder aus so genannten bildungsfernen Elternhäusern haben es bedeutend schwerer, einen guten Schulabschluss zu erreichen. Den wenigsten gelingt ein Aufstieg in eine höhere Schulart. Ein schlechter Schulabschluss bedeutet aber in Zeiten des Lehrstellenmangels, keine Ausbildungsstelle zu bekommen. Besonders in Großstädten und in sozialen Brennpunkten erhalten oft nur wenige Hauptschülerinnen und Hauptschüler eine Lehrstelle. Doch welche Zukunft haben die übrigen Schülerinnen und Schüler?

Warteschleife: Berufsvorbereitendes Jahr
Viele landen zunächst in einer der so genannten Warteschleifen. Entweder wiederholen sie freiwillig die neunte Klasse, weil sie keinen Ausbildungsplatz finden oder sie besuchen berufsvorbereitende Maßnahmen und Projekte, wie das Berufsgrundbildungsjahr oder Berufsfachschulen. In diesen wird ihnen eine allgemeine oder auf ein Berufsfeld bezogene berufliche Grundbildung vermittelt. Doch münden auch die Warteschleifen oft nur in die nächste, ohne dass ein Ende abzusehen wäre. Nur ein gutes Drittel schafft danach den Sprung in die eigentliche Ausbildung, ein weiteres knappes Drittel ist ein Jahr später wieder in einer Berufsvorbereitung, und für 15 Prozent der Jugendlichen folgt auf die Berufsvorbereitung sogar die Arbeitslosigkeit.

Die Hauptschule gehört abgeschafft, fordert Klaus Hurrelmann, Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld, in einem offenen Brief an die Kultusminister. Der Jugendforscher, der auch die letzte Shell-Studie leitete, spricht sich dafür aus, Real- und Hauptschule zu einer einheitlichen Sekundarstufe zusammenzulegen, um so die Isolation der Hauptschüler zu beenden. Ihre Position auf dem Arbeitsmarkt sei "ungünstig oder sogar aussichtslos". Grundschule und Gymnasium will er nicht antasten. Die neuen Sekundarschulen sollen eine eigene Oberstufe erhalten, die sich aus den heutigen Berufsschulen und Berufskollegs bildet. Die Schülerinnen und Schüler könnten dann zwischen zusätzlichen berufsbezogenen Abschlüssen, Fachabitur und dem regulären Abitur wählen. Damit werde auch die traditionelle Trennung zwischen Hochschul- und Berufsbildung nicht angegriffen, sondern eher noch "verstärkt", schreibt Hurrelmann in seinem offenen Brief.

Erfolgreiches Hamburger Hauptschulprojekt
Lichtblicke kommen aus Hamburg. Um die Chancen für Jugendliche auf einen Ausbildungsplatz zu erhöhen, arbeiten Schulen, Behörden und Unternehmen in dem "Hamburger Netzwerk der Initiative für Beschäftigung" eng zusammen. Das Projekt, das durch den Europäischen Sozialfonds, die Hamburger Agentur für Arbeit und die Wirtschafts- und die Bildungsbehörde finanziert wird, hat Erfolg: Die Quote der Hauptschüler, die direkt von der Schule in eine Ausbildung wechseln, hat sich in Hamburg durch das Projekt in den vergangenen fünf Jahren von zehn auf 20 Prozent verdoppelt. Mittelfristig gehen die Organisatoren sogar davon aus, eine Vermittlungsquote von 50 Prozent erreichen zu können, so Michael Otto, Vorstandschef des Otto-Konzerns. Im Rahmen des Projektes werden Interessen und Stärken der Jugendlichen ermittelt, und es wird ihnen dabei geholfen, den geeigneten Ausbildungsplatz zu finden. Einige Lehrstellen werden von den beteiligten Firmen angeboten. Mittlerweile beteiligen sich alle 109 Hamburger Schulen mit Hauptschulzweig und 72 Betriebe an dem Netzwerk. Besonders jungen Migranten werden damit Wege in die Ausbildung eröffnet. Erste Erfahrungen aus Vorbereitungskursen ließen erwarten, dass rund 80 Prozent der Teilnehmer im Anschluss einen Ausbildungsvertrag in ihrem Praktikumsbetrieb erhielten, teilten die Organisatoren mit. Damit bekommen die Jugendlichen in dem Projekt reelle Chance auf einen Ausbildungsplatz.

Vor dem Hintergrund des "Nationalen Paktes für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs" wird das Modell seit einiger Zeit auch auf andere Regionen übertragen. In Hannover begann die Umsetzung 2003. Berlin, Ostwestfalen und sogar Basel starteten im Januar 2005. Ein ermutigendes Modell, das Schule macht.

 

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 14.12.2006
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