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07. 12. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Tempo für die Reform, Tugend für die Jugend

Bericht zum 15. Europäischen Aus- und Weiterbildungskongress in Köln

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Prominente Besetzung auf dem Handwerkskammertag

Woran liegt es, wenn Lehrlinge den Ausbildern als unzuverlässig, unhöflich oder gar inkompetent beziehungsweise nicht ausbildungsreif erscheinen? Auch diese Frage versteckte sich hinter dem Thema des 15. Europäischen Aus- und Weiterbildungskongresses mit dem Thema "Werte wandeln und Kompetenzen entwickeln - Berufausbildung im Spannungsfeld von Familien-, Arbeitsmark- und Sozialpolitik". Über 630 Gäste aus 17 Ländern zog das diesjährige Thema in das Kölner Messegebäude. Der gut gefüllte Veranstaltungsraum war der Ort, an dem sich Bildungsfachleute und Bildungsinteressierte von Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft über die heutige Jugend, die aktuellen Probleme des Ausbildungsmarktes und die Chancen und Risiken der Modularisierung der Berufsausbildung informieren lassen konnten.        

Ohne Ausbildungsreife keine Ausbildungsverträge
Franz-Josef Knieps, Präsident des Westdeutschen Handwerkskammertags, sprach das Grußwort des Kongresses und freute sich besonders zu sehen, "dass unter den hier Anwesenden nicht nur viele Stammgäste sind, sondern auch eine sehr große Anzahl von Bildungsfachleuten und Bildungsinteressierten, die den Europäischen WHKT-Kongress zum ersten Mal besuchen". Auch die Referenten, die extra für diesen europäischen Kongress aus der Schweiz, aus Österreich oder Schottland angereist waren, begrüßte Knieps und umriss das zentrale Thema des Kongresses: "In der Diskussion über die Gründe für eine schwierige Lage am Ausbildungsmarkt ist neben der konjunkturellen Entwicklung die Ausbildungsreife der Jugendlichen eines der wichtigsten Themen geworden." So beschweren sich Ausbildungsbetriebe immer wieder über Bewerber, dass nur jede zweite Jungendliche fähig sei, eine berufliche Ausbildung zu absolvieren. Dies gelte zwar nicht für alle Schulabgänger, aber für einen Großteil der Bewerberinnen und Bewerber auf die Ausbildungsberufe in kleinen und mittelständischen Betrieben. "Die Verbesserung der Ausbildungsreife ist daher eine zentrale Maßnahme, um den Mittelstand zu fördern und letztlich auch für mehr Ausbildungsverträge zu sorgen", betonte Knieps.

Komplexere Arbeitswelt - höhere Ansprüche der Betriebe Ein Grund für die Verschlechterung der Ausbildungsreife der Jugendlichen liegt im massiven Anstieg der Komplexität der Arbeitswelt in den vergangenen Jahren. Damit einher gehen auch die Anforderungen in den Ausbildungsberufen und die gestiegenen Ansprüche der Betriebe an das Leistungsniveau der Bewerberinnen und Bewerber. Dabei werden anders als vor 20 Jahren nicht allein die mangelnden Schulkenntnisse der Bewerber beklagt, sondern auch zunehmend die Sozialtugenden der Jugendlichen wie Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Konfliktfähigkeit und Höflichkeit. Diesen Mangel an Schlüsselqualifikationen sieht Knieps vor allem im Zusammenhang mit den Veränderungen in den Familien der Jugendlichen und dem Wandel der Einstellungen und Werte in der Gesellschaft begründet. So könne die berufliche Bildung nicht isoliert betrachtet werden, sondern müsse auch andere gesellschaftliche und politische Handlungsfelder wie die Familie, den Arbeitsmarkt sowie die Werte und die Schule in die Diskussion  einbeziehen.

Eigentlich doch gar nicht so schlecht - die Jugend von heute...
Nach einer angeregten Podiumsdiskussion mit Christa Thoben, Ministerin für Wirtschaft, Mittelstand und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, Hartmut Schauerte, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, und ZDH-Präsident Otto Kentzler über die aktuelle Ausbildungsmarktsituation, die duale Berufsausbildung und die "Jugend von heute", präsentierte Prof. Dr. Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld neueste Ergebnisse der Shell-Studie. Erstaunt hörten die Teilnehmer seine Botschaft: "Die heutige Jugend hat eine hohe Bildungsmotivation und traditionelle Werte wie Fleiß und Ehrgeiz erleben eine Renaissance." Ein Raunen ging durch den Saal, als Hurrelmann die Notwendigkeit betonte, Jungen und sogar Männer gezielter zu fördern, damit sie nicht von den Mädchen und Frauen "abgehängt" werden.                   

Hurrelmann unterteilte die untersuchten Jugendlichen in vier Gruppen: Die Macher-Typen, eine Gruppe, in der die Frauen und Männer gleich stark vertreten sind und die sich engagiert in Schule und Beruf zeigen. Die zweite Gruppe ist ebenfalls ehrgeizig, zugleich aber auch sozial engagiert. In dieser Gruppe finden sich mehr Frauen. Die dritte Gruppe zeichnet sich durch Skepsis und Zurückhaltung aus, die jungen Leute vertrauen weniger auf ihr Können und zeigen sich zurückhaltend gegenüber ihrer Lebensplanung. Hier sind beide Geschlechter vertreten. Die vierte Gruppe bezeichnet Hurrelmann als Materialisten, die gerne ein gutes Leben führen möchten, jedoch die Möglichkeiten hinsichtlich ihrer Leistungen dafür nicht mitbringen. Dies beträfe vor allem junge Männer und insgesamt 10 bis 22 Prozent der untersuchten Zielgruppe der Jugendlichen und Heranwachsenden. Letztere Gruppe ist wohl jene, über die sich häufig die Ausbilder beschweren und die dringend Unterstützung braucht. Bilanzierend sagte Klaus Hurrelmann jedoch, Eltern und Ausbilder könnten zufrieden mit der Jugend sein, sie sei konstruktiv, allerdings auch relativ angepasst, fast schon opportunistisch. Dieser Zustand könne jedoch auch ins Positive gelenkt werden. Mit der Darstellung der aktuellen Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und Entwicklungsforschung vervollständigte Professor Tippelt von der Ludwig-Maximilian-Unversität München das Bild der heutigen Jugend.  

Ernüchterndes Zahlenspiel: Handlungsbedarf an allen Enden 
So schlecht ist das Potenzial, das "die" Jugend mitbringt, doch gar nicht... Doch im anschließendem Vortrag unterstrich Professor Friedrich Hubert Esser vom Zentralverband des Deutschen Handwerks den Zusammenhang von schlechter wirtschaftlicher Lage und Missständen in Bildung und Erziehung. Esser verwies auf eine Kinderarmutsquote in Deutschland von 10,2 Prozent, wohingegen in den skandinavischen Ländern die Quote lediglich bei 3 Prozent läge. Zudem wüchsen 1.100.000 Kinder bei uns unter Sozialhilfebedingungen in größtenteils bildungsfernen Lebensgemeinschaften auf. "Kinder bilden damit in Deutschland einen Anteil von knapp 40 Prozent aller Sozialhilfeempfänger", betonte Esser und machte auf die zurückgehende Geburtenrate bei den  "jüngeren bildungsnahen Bevölkerungsteilen" aufmerksam.    

Zudem verlassen  rund 85.000 Jugendliche die Schulen ohne Abschluss. Hinzu kämen "rund 488.000 junge Menschen, die sich im so genannten Überganssystem befinden: unserem Maßnahmedschungel für all diejenigen, die nach der allgemeinbildenden Schulzeit nicht in ordentliche Ausbildung und Beschäftigung kommen. Das sind im Übrigen rund 145.000 mehr als vor 10 Jahren", führt Esser dem Publikum vor Augen.

Politischen Handlungsbedarf sah Esser im Erzielen einer höheren Qualität von Erziehung und Bildung. Nur dies führe zu einer Entschärfung von sozialen Problemen in den Familien, biete bessere Voraussetzungen für die Erziehung und Bildung in den Kindergärten und Schulen. "Dadurch entspannen sich die Probleme beim Übergang in die Berufs- bzw. Hochschulbildung", fuhr Esser fort. Die Verbesserung der Bildungskompetenzen Jugendlicher sei ein Wertkettenproblem - eine Aufgabe, die arbeitsteilig von Familien, Kindergärten, Schulen, den dualen Partnern sowie den Hochschulen zu bewerkstelligen sei und nicht einseitig, "wie zur Zeit im Innovationskreis suggeriert, sondern nur über eine Reform des Ausbildungssystems".

Schulmaßnahmen und Perspektiven statt Modularisierung 
Am Nachmittag des Kongresses widmeten sich die Experten der Frage, welche Chancen und Risiken mit der Modularisierung der Berufsausbildung verbunden sind und inwiefern diese dazu beitragen können, die Probleme auf dem Ausbildungsmarkt zu reduzieren. Dr. Wilhelm Schäffer aus dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen stellte die neuen Formen der kooperativen Berufsausbildung in NRW vor. Anschließend präsentierten Vertreter aus Österreich, Schottland und der Schweiz ihre Ansätze zur Modularisierung der Berufsausbildung. Letztendlich waren sich die Expertinnen und Experten einig, dass eine Modularisierung der Erstausbildung nur in sehr begrenztem Umfang sinnvoll sein kann, aber im Bereich der Weiterbildung große Vorteile bietet, insbesondere im Hinblick auf das "lebenslange Lernen".     

Die Handwerkskammern fordern "die Beschleunigung der flächendeckenden Umsetzung der schulpolitischen Reformen" sowie mehr in schulische Maßnahmen zu investieren, die zur Ausbildungsreife von Schülerinnen und Schülern führt. Außerdem plädieren sie für einen Verzicht auf die Modularisierung der Erstausbildung und das Festhalten am Berufsprinzip sowie an den damit verbundenen betriebsübergreifenden Kammerprüfungen. Auch bedürfe es Lösungen für besonders leistungsschwache und schulmüde Zielgruppen jenseits der dualen Ausbildung (in Betrieb und Berufsschule) wie zum Beispiel die Integration ins Beschäftigungssystem über Modelle wie "Jugend in Arbeit plus".

Neu ist die Botschaft nicht, dass Jugendlichen aus bildungsfernen Familien und einem sozial schwachen Milieu Perspektiven geschaffen werden müssen jenseits der allzu häufig als "Notlösung" gewählten Lehrstelle. Aber die Dringlichkeit zu erkennen und genau an diesen Schwachstellen wie der Unterstützung schulmüder Jugendlicher anzusetzen, kann nur unterstrichen werden.            

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.12.2006
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