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30. 11. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Zukunftsmusik der Schuleingangsphase

Die frühere Einschulung wird unter Bildungsexperten rege diskutiert

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Trommelwirbel, Quelle: Photocase

Was umgangssprachlich Schulreife genannt wird, heißt in der Fachsprache Schulfähigkeit und wird manchmal auch Schulbereitschaft genannt. Dabei sind die Anforderungen, nach denen ein Kind für die Schule "reif" sein soll, nicht explizit festgeschrieben. Durch veränderte Lehrpläne und Richtlinien unterliegen sie ständigen Veränderungen. Auch wenn fast alle Bundesländer nach wie vor ab dem sechsten Lebensjahr einschulen, bringt die allgemeine Einführung der flexiblen Schuleingangsphase unter Experten einige Diskussionen in Gang: "In welchem Alter sollen Kinder eingeschult werden?", "Brauchen wir überhaupt so etwas wie einen Stichtag zur Einschulung - könnte man nicht besser Kinder über das ganze Schuljahr hindurch einschulen?" Die Argumente für die Einführung einer flexiblen Schuleingangsphase sind zahlreich: Kinder sind im frühen Kindesalter schon sehr lernbereit, heißt es. Zudem sind die deutschen Schulabgänger im Vergleich zu vielen anderen Ländern viel zu alt, wird argumentiert.
 
Die Kultusministerkonferenz hat bereits im Jahre 1997 die Flexibilisierung der Schuleingangsphase vorgeschlagen. Die Empfehlung sieht eine Lockerung der Stichtagsregelung vor, die bisher hieß: Schulpflicht für alle Kinder, die bis zum 30. Juni das sechste Lebensjahr vollenden. Die Länder können somit den Stichtag verlegen oder auch einen zweiten Stichtag einführen. Sollen Kinder im ersten Schritt der Flexibilisierung bei der Einschulung sechs Jahre und zwei Monate alt sein, statt sechs Jahre und sieben Monate, so ist in einigen Ländern Deutschlands schon eine Einschulung im Alter von fünf Jahren angesagt. (Weitere Informationen dazu in den Artikeln "Schuleintritt im Wechselschritt" Teil I und Teil II.)

Schulfähigkeit ist relativ
Grundsätzlich ist für die Schulfähigkeit wichtig, dass das Kind körperlich reif und gesund ist, und dass es intellektuell so entwickelt ist, dass es dem Unterricht gewachsen ist. Es sollte auch sozioemotionale Reife mitbringen. Aus Sicht vieler Bildungsexperten ist diese bei vielen Kindern im Alter von vier und fünf Jahren schon gegeben. Doch die Definition von Schulfähigkeit orientiert sich natürlich an der Ausrichtung des Unterrichtes von Grundschulen.
In Deutschland sind die Einschulungszeiten sehr unterschiedlich. Das erklärt, weshalb man in den ersten Schuljahren Kinder unterschiedlichen Alters antrifft. Grundschulen, die von jüngeren Kindern besucht werden, müssen anders eingerichtet sein, als herkömmliche Grundschulen.

So gleicht die Grundschule in Ländern, in denen Kinder mit vier Jahren eingeschult werden, mehr einem Kindergarten. Hier spielen die Kinder in erster Linie, sie sollen sich nach und nach an die schulische Lernsituation gewöhnen können. "Aber was dann eben in dieser Schule passiert, das hängt natürlich sehr stark von den individuellen Voraussetzungen der Kinder ab", so die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern. "Manche können schon mit fünf Jahren lesen und haben es sich selber beigebracht. Andere können schon schriftlich addieren, während es wiederum Kinder gibt, die mit Buchstaben gar nichts am Hut haben oder noch nicht einmal zählen können. Aber auch diese Kinder haben einen Anspruch auf Förderung", so die Expertin.

So gesehen, wird Schulreife beziehungsweise Schulfähigkeit immer mehr zu einem relativen Begriff. Um Kinder in einer Grundschule zu fördern, muss es aus Sicht von Elisabeth Stern vielmehr inoffizielle Tests geben. Diese könnten die allgemeine Intelligenz abfragen oder aber auch bei sechsjährigen Schülern das Zahlenverständnis, um zu schauen, ob man diesem Kind etwas systematische Mathematik zutrauen kann. Die Kinder, die noch nicht so weit sind, könnten stattdessen spielerische Zahlenübungen machen. Tests könnten hier also richtungweisend für das individuelle Lernen eingesetzt werden. Stern spricht sich gegen das Einschulen von Kindern mit Entwicklungsverzögerungen aus: "Da hatten wir eine wirklich verrückte Idee, dass wir sagen, wer schlecht abschneidet, darf noch nicht in die Schule. Die Logik müsste ja eigentlich umgekehrt sein: Wer schlecht abschneidet, der muss eine Chance bekommen, den Nachteil zu kompensieren."

Die meisten Bildungsexperten wollen es schon seit langem ...
Viele Bildungsexperten fordern schon seit langem, das Einschulungsalter herabzusetzen, denn Deutschland hat die ältesten Kindergartenkinder in Europa. Und tatsächlich gibt es wenige Länder, in denenem die Schule erst mit sechs Jahren beginnt. In den Niederlanden werden zum Beispiel die Kinder schon mit vier Jahren eingeschult und in Italien mit fünf. "Das ist auch sinnvoll, denn schon ab drei Jahren durchlaufen Kinder eine sehr bildungsfähige Phase, sind neugierig, wissensdurstig und lernfähig", sagt Arne Birkenstock in einem Beitrag des Westdeutschen Rundfunks und ergänzt: "Verschiedene Studien belegen zum Beispiel, dass Kinder mit vier Jahren im idealen Leselernalter sind." Dass Kinder im Grunde genommen schon im Alter von vier oder fünf Jahren schulfähig sind, darin sind sich die meisten Pädagogen und Bildungsexperten einig.

Auch Angelika Speck-Hamdam, Pädagogikprofessorin an der Ludwig-Maximilian-Universität in München sowie Vorsitzende des Landesverbandes Bayern im Grundschulverband, hat sich für einen früheren Schulstart ausgesprochen. Denn, "wenn Kinder früher eingeschult werden, so würden Kinder mit Startschwierigkeiten auch früher erreicht. Es sei auch deshalb sinnvoll, weil wir - in den meisten Bundesländern jedenfalls - kein beitragsfreies letztes Kindergartenjahr haben, wo wir diese Kinder erreichen könnten, sondern erst bei Schuleintritt haben wir alle Kinder".
Auch die auf ihrem Gebiet renommierte Kognitionspsychologin Elsbeth Stern hat sich für ein früheres Einschulungsalter ausgesprochen. Aus ihrer Sicht spricht nichts dagegen, Kinder schon mit vier Jahren einzuschulen, da sie ab diesem Zeitpunkt verstünden, "dass in den Köpfen anderer anderes vor sich geht als in den eigenen Köpfen. Und dass sie dann eben auch etwas lernen können. Also, im Prinzip spricht nichts dagegen, Kinder schon mit vier Jahren einzuschulen, weil sie dann verstehen." Die Expertin plädiert für ein festgesetztes Alter und für die Praxis des individuellen Lernens.

Individualität auf ganzer Linie
Keine Frage die flexible Schuleingangsphase regt zur Diskussion an. So wirft der Münsteraner Schulpsychologe Lothar Dunkel die Frage auf, ob es nicht sinnvoll sei, Kinder zu jedem Zeitpunkt des Jahres einzuschulen. Lothar Dunkel hält es für falsch, Kinder zum Stichtag, zum gleichen Termin in die Schule zu schicken. Nicht jedes Kind hat das gleiche Entwicklungstempo, was man stärker berücksichtigen sollte, "manche sind im August, andere vielleicht im Dezember soweit". Dunkel stellt sich eine Art Gleitzeit für die erste und zweite Klasse vor mit einer Altersgrenze nach unten und nach oben. Denn Eltern sollen nicht sagen können: "Mein Sohn ist mit neun Jahren noch nicht reif für die Schule." Außerdem weist Dunkel darauf hin, dass Kinder sich aus den dargebotenen Lerninhalten das herausgreifen, was sie brauchen und viele Schulen eine falsche Vorstellung davon hätten, wie Lernen funktioniert. Nach dem Motto: "Vorn steht die Lehrerin und absolviert ihr Programm, hinterher wissen alle Kinder das Gleiche."

Da sich mit der jahrgangsübergreifenden Schuleingangsphase Grundschulen und Lehrende auf den Unterricht mit Jüngeren und Älteren einstellen müssen, ist das individuelle Lernen ohnehin ein wichtiges Thema, das umso wichtiger wird, wenn Kinder im Alter von fünf Jahren eingeschult würden und Schulen somit Vorschulfunktionen innerhalb von den Kindertagesstätten übernähmen. Grundschulen müssten auf die frühere Einschulung eingerichtet sein, was heißt, dass eine individuelle Betreuung möglich sein muss.

Ein Blick in die Praxis
Berlins Kinder lernen nun früher den Schulalltag kennen als die meisten anderen Kinder Deutschlands, denn seit einem Jahr ist das Einschulungsalter um ein halbes Jahr heruntergesetzt. Die meisten Erstklässler besuchen demnach schon im Alter von fünf Jahren die Schule. Außerdem hat der Berliner Senat die Anfangsphase der Schulzeit flexibilisiert. So lernen ältere Kinder und lernstarke gemeinsam mit jüngeren und lernschwächeren Kindern. Marvin erinnert sich: "Als die erste Klasse anfing, war das mitten in der Woche" und Gesa ergänzt: "Ich habe mich schon ganz doll gefreut. Und dann mussten wir ins Klassenzimmer und dann haben wir uns alle aufgemalt in einem Bilderrahmen". Marvin war zu diesem Zeitpunkt fünfeinhalb und Gesa war schon fast sieben Jahre alt. Die zwei Erstklässler besuchen die erste Klasse der Carl-Sonnenschein Grundschule im Berliner Bezirk Tempelhof. Viele Berliner Kinder erleben Ähnliches. Seitdem vergangenes Jahr der Stichtag zur Einschulung ein halbes Jahr vorgelegt wurde, können nun bis maximal zwei Jahre Alters- und Entwicklungsunterschied zwischen den Schulanfängern liegen.

Auch die Stadt Bielefeld kann Erfahrungen mit einer früheren Einschulung vorweisen: Die Bielefelder Laborschule schult bereits seit 25 Jahren Kinder mit fünf Jahren ein. Sie werden altersgemischt unterrichtet und ganztägig betreut. "Auf den 45-Minuten-Takt wird verzichtet", erzählt die Grundschullehrerin Rita Deterding: "Wir haben unseren Tagesablauf anders strukturiert. Wir haben eine Arbeitszeit und eine Gruppenzeit am Tag. In dieser so genannten Gruppenzeit finden wir alle anderen Fächer, die wir sonst an Regelschulen haben: Ich habe in der Gruppenzeit Musik, ich habe da Kunst, aber meistens an ein Projekt gebunden."

Die Laborschule möchte ein Ort sein, an dem die Schülerinnen und Schüler nicht allein mit dem Kopf, sondern auch und vor allem durch sinnliche Erfahrung lernen. Die Schule ist so gestaltet, dass sie auch Fünfjährige in ihrer Entwicklung voranbringt, meint Schulleiterin Susanne Thurn: "Fünfjährige sind sehr anders als Sechsjährige in ihrer Entwicklung. Ich finde, sie gehören in die Schule, aber eben nicht in die Schule, wie sie bisher ist. Wenn jetzt einfach nur die Forderung aufgestellt wird, als erster Schritt - wir schulen sie früher ein - würde mir das so nicht reichen." Die meisten Grundschulen und Lehrenden sind mit den allgemeinen Umstellungen, die mit der Einführung der flexiblen Schuleingangsphase einhergehen, noch zu beschäftigt, um sich nun auf den adäquaten Unterricht von Kindern im Alter von fünf Jahren einzustellen. So werden sicherlich noch zahlreiche Diskussionen stattfinden und viel Zeit vergehen, bis sich eine frühere Einschulung in weiteren Ländern etabliert.

 

Autor(in): Katja Haug
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Datum: 30.11.2006
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