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10. 08. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Wurzeln geben Halt"

Hauptschulwettbewerb ruft zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte auf

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Jona Teichmann

"ROOTS - Die Geschichte deiner Familie" ist ein Wettbewerb für Hauptschülerinnen und Hauptschüler der achten und neunten Klassen von WDR Funkhaus Europa. In dem Wettbewerb werden die Schülerinnen und Schüler dazu aufgerufen, ihre Familiengeschichte zu erkunden und zu erzählen. Die Beiträge können bis zum 22. September 2006 an Funkhaus Europa geschickt werden. Die besten werden professionell für Radio und Internet aufgearbeitet und gesendet. Der Wettbewerb steht unter der Schirmherrschaft des nordrhein-westfälischen Integrationsministers Armin Laschet und richtet sich überwiegend an Schulen in Nordrhein-Westfalen. Aber auch Beiträge von Schülerinnen und Schülern aus anderen Teilen des Sendegebiets sind willkommen.


Bildung PLUS: Wie entstand die Idee zu dem Wettbewerb?

Teichmann: Bei Funkhaus Europa berichten wir viel über Eingliederungs- und Integrationsprobleme, auch in Schulen. Häufige Themen bei uns im Programm sind Jugendgewalt, Bildungsdefizite, Konsequenzen mangelnder Sprachförderung, sprachliche Defizite bei Jugendlichen, zweisprachige Erziehung von Kindern oder Beratung von Eltern, deren Kinder Schulprobleme haben. Dabei ist uns aufgefallen, dass Hauptschulen häufig in einem negativen Kontext dargestellt werden. Wenn es beim Thema Einwanderung um Chancen und Potenziale geht, nimmt man dazu meist Beispiele aus anderen Bereichen. Wir hatten deshalb schon länger vor, speziell etwas für oder mit Hauptschulen zu machen, um ein Zeichen zu setzen, dass diese Schulen nicht immer nur Problemfälle sind, sondern eine Menge zu bieten haben: durch viele spannende Lebensgeschichten, durch ihre gelebte Zweisprachigkeit und Integration. Aus vielen unserer Sendungen wissen wir auch, dass Jugendliche mit Einwanderungshintergrund, die zu großer Zahl auf der Hauptschule sind, oft eine eigene Sicht auf die Dinge haben und gerne über ihr eigenes Leben erzählen.

Bildung PLUS: Warum ist es für Jugendliche wichtig, sich mit ihren Wurzeln zu beschäftigen und wie viel Anteil hat das Herkommen an der Identität der Jugendlichen?

Teichmann: Wurzeln sind wichtig, weil sie Halt geben und zur Selbstvergewisserung beitragen. Gerade viele Jugendliche, die sich nicht immer von dieser Gesellschaft angenommen fühlen und auf der Suche nach dem Sinn ihres eigenen Lebens sind, denken darüber nach, was sie ausmacht. Die Wurzeln spielen in dieser Hinsicht sicherlich eine ganz wichtige Rolle. Das gilt nicht nur für Kinder von Einwanderern, sondern auch für Jugendliche, deren Familie seit vielen Generationen in Deutschland leben. Darum ist der Wettbewerb auch für alle Jugendlichen und nicht nur für diejenigen aus Migrantenfamilien ausgeschrieben. Wir gehen davon aus, dass Familiengeschichte für alle Jugendlichen interessant ist, und dass es spannende Geschichten auch von jungen Menschen gibt, deren Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern von nicht so weit herkommen, oder in deren Familien die Einwanderung schon vor 150 oder 200 Jahren stattgefunden hat und man heute nur noch dem Namen nach merkt, dass die Familie aus dem Osten oder anderswoher kommt.

Aber natürlich ist die Beschäftigung mit den Wurzeln gerade für Jugendliche, die einen Einwanderungshintergrund haben, von Bedeutung. Auch um vielleicht festzustellen, dass die Wurzeln, die in ein anderes Land, in eine andere Kultur führen, gar nicht mehr so stark sind, und dass die deutschen Wurzeln viel tragender geworden sind. Für viele junge Menschen sind es wichtige Fragen, sich damit auseinanderzusetzen und für sich zu entscheiden, wie man damit umgeht, aus mehreren Kulturen zu kommen, mehrere Sprachen zu beherrschen, ob man die Muttersprache weiter pflegen möchte oder möglicherweise später die eigenen Kinder zweisprachig erziehen will.

Bildung PLUS: Was bedeutet der Wettbewerb für das Land Nordrhein-Westfalen?

Teichmann: Wir leben in einer Welt, in der es kulturelle Vielfalt gibt. Nordrhein-Westfalen, Deutschland, unser Kontinent haben sich durch Einwanderung verändert. Wir sind eine vielschichtige, vielgestaltige Gesellschaft geworden. Nordrhein-Westfalen war auch schon zu anderen Zeiten ein Einwanderungsland und hat dadurch eine wirtschaftliche, aber auch eine kulturelle Stärkung erlebt. Einwanderer haben über die Jahre Dinge mit hierher gebracht und damit unser Leben bereichert und verschönert. Ganz offensichtliche Sachen wie beispielsweise schöne italienische Restaurants, aber auch unterschiedliche Bräuche, die das Leben vielgestaltig machen. Es liegt eine Stärke darin, mit Einwanderung und Integration zurechtzukommen. Es birgt viele schöne Seiten, ist aber auch oft nicht einfach. Nordrhein-Westfalen hat das über die Jahrhunderte ganz gut hinbekommen. Auch im Schulalltag. Es ist ja nicht so, dass ein schwieriges oder gewalttätiges Zusammenleben die Regel an Schulen ist, sondern, so unterschiedlich Schüler und Lehrer sind, ist es vielmehr Realität, dass man gut miteinander zurechtkommt. An Schulen findet jeden Tag ein Stück gelebte Integration statt, in dem man sich kennenlernt und sich auch wieder voneinander abgrenzt. Dies alles versuchen wir in unserem Radioprogramm abzubilden und wir glauben auch, dass es in dem Wettbewerb deutlich wird. Vielen Einwanderern fällt ja auch auf, dass die Deutschen manchmal Probleme mit ihrer eigenen Identität haben und darüber diskutieren, was denn so genau Deutsch ist und was sie als Deutsche ausmacht. Das könnte ebenfalls Inhalt der Beiträge sein, wenn die Schülerinnen und Schüler über Herkunft und Familiengeschichte diskutieren. Auch das ist eine spannende Debatte.

Bildung PLUS: Die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte ist für viele Jugendliche sicher neu. Was können sie bei ihrer Recherchearbeit lernen, welche Erfahrungen können sie sammeln?

Teichmann: Da gibt es sicher eine ganze Reihe Aspekte. Einer könnte sein, dass sie lernen, die Lebensleistung der Eltern- und Großelterngeneration zu schätzen, dass ihnen bewusst wird, was die Generation, wenn es die Großelterngeneration ist, in Krieg und Vertreibung mitgemacht hat. Und wenn es um die Gastarbeitergeneration geht, sehen sie, was diese Menschen geleistet haben, woanders hinzugehen, eine Arbeit anzunehmen und ein neues Leben anzufangen. Sie bekommen ein Gespür dafür, was Einwanderung bedeutet. Die meisten Schüler sind ja hier groß geworden, sind vertraut mit den Gegebenheiten, aber sie haben da noch ein Stück "Mehr". Sie verstehen eine andere Sprache oder können sie sprechen, sie verstehen manche kulturellen Zusammenhänge besser, sie kommen in mehreren Welten zurecht. Ich denke, dass sie selbstbewusster werden, wenn sie sich dessen bewusst sind, und dass sie darüber auch leichter akzeptieren, dass sie in zwei oder drei Kulturen zuhause sind. Die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte hilft ihnen dabei, für sich herausfinden, in welcher Kultur sie sich am wohlsten fühlen oder was sie aus diesen einzelnen Kulturen annehmen wollen. Und daraus dann vielleicht sogar zu entdecken, wohin sie sich entwickeln wollen.

Bildung PLUS: Unter welchen Aspekten werden die Beiträge ausgesucht?

Teichmann: Die Geschichten sollten spannend und unterschiedlich sein oder einen besonderen Aspekt gut herausgearbeitet haben. Wenn wir eine Auswahl getroffen haben, werden Reporter vom Funkhaus Europa an die Schulen gehen und mit den einzelnen Schülern oder Gruppen ihre Geschichten umsetzen, damit sie fürs Radio und Internet aufgearbeitet werden können. Ich denke, dass dann eine Diskussion mit den Jugendlichen darüber zustande kommt, wie man diese spezifische Geschichte so umsetzen kann, dass sie adäquat in einem Medium dargestellt wird, ob mit Bildern im Internet oder mit Musik, mit verschiedenen Tönen. Wir werden natürlich professionelle Hilfestellung geben, aber wir erhoffen uns, dass sie auch selber gute Ideen einbringen.

Bildung PLUS: Was wird man vom Funkhaus Europa über diesen Wettbewerb noch hören?

Teichmann: Oh, ich hoffe, dass wir eine Menge hören. Das hängt natürlich auch davon ab, wie viele Schülerinnen und Schüler sich beteiligen und wie gut die Beiträge sind. Die zehn Besten werden wir auf jeden Fall produzieren und auch senden.

Bildung PLUS: Wird das jetzt der Auftakt zu einer Serie weiterer Wettbewerbe sein?

Teichmann: Wir bieten bereits seit längerem Wettbewerbe für junge Journalisten an, aber das ist der erste Schülerwettbewerb. Ob er weitergeht, hängt davon ab, auf welches Interesse er stößt. Wenn er gut läuft, könnten wir uns das vorstellen.

 

Jona Teichmann ist Programmchefin bei Funkhaus Europa. Funkhaus Europa ist ein gemeinsames Programm von WDR und Radio Bremen in Kooperation mit Radio Multikulti (RBB). Es sendet täglich ein 24-stündiges Programm für Einwanderer und Deutsche, für alle, die sich für verschiedene Kulturen, für Weltmusik, für Europa und die Welt interessieren. In Funkhaus Europa sind Sendungen in siebzehn Sprachen plus Deutsch zu hören. Jona Teichmann ist für diese Sendungen verantwortlich.

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 10.08.2006
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