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11. 05. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Völkerverständigung am Vorabend

Die ARD-Serie "Türkisch für Anfänger" bringt den turbulenten Alltag einer deutsch-türkischen Patchwork-Familie in die Wohnzimmer der Nation

Bild

Das Team der Vorabendserie

Vom Armdrücken der Kulturen und der Harmonie des Türknallens
Als Sohn einer deutsch-türkischen Familie kennt Bora Dagtekin den "Culture Clash" aus eigener Erfahrung. Den "Kampf der Kulturen" hat er allerdings eher als ein "Armdrücken" wahrgenommen. "Für mich haben sich die kulturellen und moralischen Unterschiede zwischen Deutschen und Türken immer in einem sehr friedlichen und ironischen Familienalltag abgespielt", erinnert er sich. Das Gefühl einer "chaotischen, aber trotzdem harmonischen Familie, die im Ernstfall immer zusammenhält", sei hinter jedem Streit, jedem Türknallen und jeder Beschimpfung immer spürbar gewesen.

Dieses Gefühl will der 27-jährige Autor auch mit der Serie "Türkisch für Anfänger" vermitteln, die für frischen Wind im Vorabendprogramm gesorgt hat. Die Geschichte aus Dagtekins Feder räumt mit festgefahrenen Vorurteilen auf, zieht bekannte Klischees durch den Kakao - und präsentiert so ein buntes Ensemble türkischer und deutscher Stereotype.

Bei der alleinstehenden Psychotherapeutin Doris hat es gefunkt. Sie hat sich in den türkischen Kommissar Metin verliebt und beschließt mit ihm zusammenziehen - ihre sechzehnjährige Tochter Lena fällt aus allen Wolken. Die pubertierende Teenagerin sieht die von ihr so geliebten Freiräume des Drei-Personen-Haushaltes in Gefahr. Nur ihr kleiner Bruder Nils freut sich schon auf das neue Familienglück. Lena steht auf Kriegsfuß mit der Großfamilie und kann weder Sympathie für den "albanischen Terroristen" an Mamas Seite noch für ihre neuen Geschwister aufbringen. Metin hat nämlich auch zwei Kinder im Schlepptau: Tochter Yagmur, 15 Jahre, und Sohn Cem, 17 Jahre.

Dank des abrupten deutsch-türkischen "Culture Clash" sind im Berliner Haushalt Konflikte und Missverständnisse vorprogrammiert: Lena passt es gar nicht, dass sie ihr neues Zimmer mit Yagmur teilen muss. Zumal ihre "Schwester", die streng praktizierende Muslima ist, ständig ein Kopftuch trägt, mit dem sie für Lena aussieht wie eine "Schleiereule". Yagmur zahlt es ihr mit gleicher Münze zurück und unterstellt Lena im Gegenzug nationalsozialistische Tendenzen. Bruder Cem hingegen lässt den türkischen Macho raushängen, der "konkret weiß, was geht" und spielt sich in seinem neuen Zuhause als Pascha auf. Er erklärt der emanzipierten Doris, die voll im Berufsleben steht, erst mal, dass Frauen an den Herd gehören.

Ein Mikrokosmos, in dem alles passieren kann
"Türkisch für Anfänger" erzählt in flotten Dialogen und bisweilen an der Grenze zur Karikatur von den Fallstricken und Fettnäpfchen im Zusammenleben der Schneiders und Öztürks, die sich trotz aller Gegensätze und Konflikte immer irgendwie zusammenraufen. Bora Daktekin projiziert die Unterschiede der beiden Kulturen in den Mikrokosmos der Fernseh-Familie um sie zu konkretisieren. "Die Familie ist eine kleine Parallel-Welt, eine Spiegelung dessen, was in der Gesellschaft passiert", umschreibt er es. "Und unser Credo ist: `Wir sind eine Familie, in der alles passieren kann´."

Und egal wie heftig die Fetzen fliegen: Das familienverträgliche Fazit ist immer, dass alle die sich hassen, sich auch irgendwann wieder lieb haben und spätestens beim Essen wieder gemeinsam an einem Tisch sitzen. Heikle Themen wie der Karikaturenstreit werden bewusst außen vor gelassen. "Unsere Familie ist bei der Integration schon einen Schritt weiter als die Bevölkerung, die empfindlich darauf reagiert", beschreibt der Drehbuchautor seine progressive Patchwork-Familie. Kritiker mögen das bemängeln, doch "Türkisch für Anfänger" hat keinen politischen Bildungsauftrag, stellt Bora Dagtekin klar: "Es ist nicht unsere Aufgabe, den moralischen Zeigefinger auf die Wunden der Gesellschaft zu legen." Wenn überhaupt, dann ist es ein Fingerzeig: Irgendwo, verrät Dagtekin, habe er gerade einen Gag zum Thema Rütli Schule hinein geschrieben.

"Hinter den Fassaden stecken Menschen wie du und ich"
"Türkisch für Anfänger" soll unterhalten. Als typisch erachtete Eigenheiten und Verhaltensmuster von Türken und Deutschen werden in der Vorabendserie gleichermaßen auf die Schippe genommen. Die Vorurteile, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung verfestigt haben, werden aufgegriffen und ad absurdum geführt. Yagmur nimmt es beispielsweise sehr genau mit dem Koran. So genau, dass sie ihr Zimmer, dass sie mit Lena teilt, sogar extra mit dem Kompass vermisst und die östliche Hälfte für sich beansprucht. Morgens um fünf scheppert der elektronische Sing-Sang des Mullahs aus ihrem Wecker und ruft zum Gebet gen Mekka. Sie steht dem westliche Leben skeptisch bis ablehnend gegenüber und findet die Abkehr ihres Vaters Metin von der alten Tradition bedenklich - er will ihr sogar das aus seiner Sicht ungesunde Ramadan-Fasten verbieten. Wenn sie niemand beobachtet, sieht sich Yagmur allerdings heimlich Musikvideos auf MTV an.

Die rebellische Lena, die immer einen ironischen Spruch parat hat, muss sich insgeheim eingestehen, dass sie in der Umarmung des "albanischen Terroristen" Metin nichts als Geborgenheit findet. Und dass Cem Hochdeutsch reden kann und heimlich Liebesbriefe schreibt, würde er vor seinen Freunden auch niemals zugeben, stattdessen schiebt er den deutsch-türkischen Slang vor, um in seiner Clique und bei den Mädchen cool rüberzukommen.

Bora Dagtekin, der an der Filmakademie in Baden-Württemberg Drehbuch studiert hat, jongliert mit bekannten Stereotypen und Klischees, zertrümmert sie, fügt sie wieder neu zusammen und wirft einen Blick unter die Oberfläche. Denn "hinter den Fassaden und Vorurteilen stecken Menschen wie du und ich".

Eine türkische Heldin in Deutschland
Die Serie zeige den Alltag der heutigen Jugendlichen, bestätigt Dagtekin "und die positiven Resonanzen zeigen uns, dass sie sich realistisch wiedergegeben fühlen". Denn obgleich sie in der Serie überzeichneter und wortgewandter sind, als sie es im echten Leben wären, haftet Dagtekins Charakteren eine gewisse Realitätsnähe an. Als Inspiration lässt der Autor Beobachtungen aus dem Alltag jenseits der Mattscheibe in seine Geschichten einfließen und bewegt sich damit am Puls der Zeit. Durch das Einflechten von ernsteren Themen will er am Konstrukt der heilen Serien-Scheinwelt rütteln. "Wenn ich bei Günther Jauch einen Türken sehe, der erklärt, wie schwierig es ist, mit einem Hauptschulabschluss einen Job zu kriegen, überlege ich sofort: `Was kann ich da mit Cem und seinem Kumpel Costa machen?´"

Auf der anderen Seite möchte er auch Vorbilder wie Yagmur schaffen, mit denen sich die Zuschauer identifizieren können. Für ihn ist die junge Türkin eine wichtige Schlüsselfigur, "Unser Ziel war von Anfang an, eine Heldin für ausländische Mädchen zu schreiben und das Thema Religion mit Schlagfertigkeit, aber auch einer Spur Einsamkeit zu verbinden. Mit Yagmur haben wir eine gläubige Türkin, die nicht dazu gezwungen wird, ihr Leben nach dem Koran auszurichten, sondern es freiwillig tut. Sie ist ein positives Beispiel für den Islam und zeigt, wie der Großteil der Moslems ist: friedlich."
 
"Dort hinsehen, wo es gut läuft"
Dass Zapping durch Deutschlands Fernsehkanäle zeigt jedoch ein anderes Bild. Friedliebende Moslems finden sich hier selten, statt dessen werden Migranten vor allem im Zusammenhang mit Terror und Kriminalität gezeigt. Die Studien von Prof. Dr. Georg Ruhrmann von der Friedrich-Schiller-Universität zu Jena belegen, dass dies in zwei Drittel aller Nachrichtenbeiträge der Fall ist - die Zuwanderung wird zum Vergleich nur in fünf Prozent aller Beiträge behandelt. Der Wissenschaftler hat im Rahmen seiner Studien zur "Nachrichtenauswahl und -wirkung der Berichterstattung über Migranten" vom Jahr 2002 bis zum Jahr 2005 mehr als 280 Beiträge über Migranten aus den vier Hauptnachrichtensendungen von ARD, ZDF, RTL und SAT 1 analysiert. Das friedliche Zusammenleben von Deutschen und Migranten lässt sich schlecht mit der Medien-Maxime "only bad news are good news" vereinbaren.

Dabei spielen Massenmedien wie das Fernsehen eine wichtige Rolle für den Erfolg der Integration, denn sie prägen maßgeblich das Erscheinungsbild der Migranten in der Öffentlichkeit und forcieren eine entsprechende Meinungsbildung. "Besonders die Integration der zweiten und dritten Generation kann nur gelingen, wenn sie sich als Teil der Gesellschaft in den Medien wiederfinden", erklärt Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun in seinem Beitrag "Migranten in Deutschland: Gefangen im Medienghetto?". Der Leiter der Fachredaktion "SWR International" bemängelt, dass die Medien in den letzten Jahren zu einem Negativsymbol für Migration geworden sind.

Vor diesem Hintergrund fordert auch Dr. Michael Griesbeck, der Leiter der Abteilung Integration beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge(BAMF), mehr Beispiele für die positive Integration in den Medien. Der Fokus solle nicht nur dort hingelenkt werden, wo es schief läuft, fordert Griesbeck. Man solle auch dort hinsehen, wo es gut läuft.

Kommt "Türkisch für Fortgeschrittene?"
Wie ist es bei "Türkisch für Anfänger" gelaufen? Nachdem der Karikaturen-Streit schon vor Beginn der Serie für hohe Aufmerksamkeit seitens der Medien gesorgt hat, erfolgte nach dem Ende der ersten Staffel die Ernüchterung. Aufgrund des ungeliebten Sendeplatzes um 18.50 Uhr und der unbekannten Schauspieler war das Format nur wenig beworben worden. Die Folge: durchwachsene Einschaltquoten. "Wir haben uns eine höhere Akzeptanz gewünscht", gibt die ausführende Produzentin Bettina Reitz zu. Zur Zeit berät die ARD über eine Fortsetzung der deutsch-türkischen Sitcom

Genug Ideen für eine Fortsetzung hat das kreative Team um Bora Dagtekin bereits in der Schublade liegen. Sobald die ARD grünes Licht gibt, soll das bewährte Redaktionsteam die Mixtur aus Komik und Tragik, aus Ironie und Romantik weiterführen und das deutsch-türkische Zusammenleben wieder in die Wohnzimmer der Nation bringen. Dass im Umgang mit dem Thema Migration etwas mehr Humor und Gelassenheit nicht schaden, findet auch Prof. Meier-Braun vom SWR. Mit seiner Comedy-Show "Was guckst du?!" hat sich der in Frankfurt geborene Türke Kaya Janar längst bei SAT1 etabliert und auch RTL startet mit "Alle lieben Jimmy" eine Comedy-Serie, in der Migranten die Hauptrollen spielen. Eingebettet in das Format der modernen Ethno-Comedy "Türkisch für Anfänger", hofft auch der Idealist Bora Dagtekin zeigen zu können, "dass die Mehrheit der Migranten, die bei uns leben ebenso zu Deutschland gehören wie die Deutschen auch".

 

Am 11.05.2006 hat die ARD offiziell die zweite Staffel von "Türkisch für Anfänger" bestätigt: Im Frühjahr 2007 kehren Schneiders und Öztürks in die Wohnzimmer der Nation zurück. Die Fans können aufatmen und sich auf neue Abenteuer mit der vitalen Patchwork-Familie freuen.

Autor(in): Matthias Denke
Kontakt zur Redaktion
Datum: 11.05.2006
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