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06. 03. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Kinder brauchen Freu(n)de

Die didacta 2006 und die Herausforderungen einer geschlechtsbewussten und interkulturellen Frühpädagogik

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Hannover, 21. Februar. Ein Aussteller betreut auf der didacta 2006 zahlreiche Kinder.

Er ist der einzige Erzieher im Kindergarten der Arbeiterwohlfahrt in Hameln. Aber er fühlt sich nicht wie der "Hahn im Korb". Und schon gar nicht fehl am Platze. Der männliche Paradiesvogel ist ein seltenes, von Bildungsexperten und Politikern herbeigesehntes Exemplar: "Bei den Lehrenden und Erziehenden findet sich ein klares Gefälle: In Kindertageseinrichtungen ist der männliche Erzieher die absolute Ausnahme. Im Grundschulbereich ist das Lehrpersonal überwiegend weiblich", heißt es beim Forum Bildung im Jahr 2001. Fünf Jahre danach hat sich in dieser Hinsicht nicht viel geändert.  

Auf der didacta 2006, der Bildungsmesse in Hannover, ist der Erzieher aus Hameln indes nicht ganz allein. Er ist einer von rund 70.000 Besucherinnen und Besuchern, zumeist Fachpublikum. Imo Stührcke, 25 Jahre, ist nur einer von rund drei Prozent männlicher Erzieher (in Deutschland gibt es rund 11.000 männliche Erzieher). Er besucht in Hannover ein Fortbildungsseminar zu interkultureller Frühpädagogik.  

Der Erzieher aus Hameln weiß um seine Bedeutung, männliche Identifikationsfigur für Kinder zu sein, und zwar für Mädchen und Jungen - wenn auch nicht ganz im gleichen Maße. "Es ist schwierig, allen Kindern gerecht zu werden", sagt Imo Stührcke. Er sei bisweilen mehr gefordert von den Kindern als die Erzieherinnen. Er bedauert es, der einzige Erzieher in der Kita in Hameln zu sein. Während Mädchen bei ihren Erzieherinnen den Typ der Geduldigen und der Drängenden, der Mütterlichen und der Strengen vorfänden und sich anhand dieser Vorbilder leichter eine Identität herausbilden könnte, gäbe es für die Jungen in seinem Kindergarten nur einen männlichen Protagonisten. Jungen hätten aufgrund fehlender männlicher Bezugspersonen weniger Möglichkeiten, Erfahrungen mit Erwachsenen zu korrigieren als die Mädchen.  

Nach einer Empfehlung des Netzwerkes für Kinderbetreuung der Europäischen Kommission aus dem Jahre 1996 sollten bis zum Jahre 2006 rund 20 Prozent der Erzieher männlich sein. Das Anliegen der EU ist es, die Gleichbehandlung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt herzustellen. In dem zehnjährigen Aktionsprogramm der EU sollten 40 Qualitätsziele für Kindertageseinrichtungen in allen Mitgliedsländern verwirklicht werden, um dieses Vorhaben zu erreichen. "Wir halten das verstärkte Auftreten von direkt mit Kindern arbeitenden Männern in Einrichtungen für ein Mittel, geschlechtsstereotype Rollen in Frage zu stellen", heißt es in der EU-Empfehlung. Zehn Jahre danach ist das Ziel in weite Ferne gerückt. Weitere rund 64.000 Erzieher müssten heute rund um Kitas beschäftigt sein, um die 20-Prozent-Quote zu erfüllen.  

Damit die schwierige Situation als "Mann im Garten der Frau" nicht zur personellen Fluktuation führt, bedarf es spezifischer Fortbildungen für Männer. Solange zudem die Bezahlung des Berufs des Erziehers so schlecht wie heute und das Image des Berufes so mau ist, wird die auch von der EU geforderte Erhöhung des Anteils von männlichen Erziehern in Kindertagesstätten nicht zunehmen, prognostiziert Martin R. Textor vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München.  

Ergebnisse einer der bedeutendsten Studien zur Persönlichkeitsentwicklung

Wie wichtig die ersten Jahre in der Entwicklung eines Menschen sind, machte Gerhard Suess deutlich, Professor für Entwicklungspsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. "Einige Kinder haben wenig Chancen in der Schule, bevor die Schule überhaupt beginnt", behauptet der Pädagoge, der sich als "Grenzgänger" zwischen Wissenschaft und Praxis versteht, in seinem Referat "Neue Erkenntnisse aus der Bildungsforschung". Ein Schulabbruch, so die These, ließe sich schon bei Dreijährigen vorhersagen. Dies sei nicht an mangelnder Intelligenz festzumachen, sondern am Verhalten oder, in der Fachsprache, an den "psychosozialen Auffälligkeiten". Solche Kinder könnten oft nicht einen einzigen Lehrer nennen, mit dem sie positive Erfahrungen gemacht hätten. 

In der Minnesota-Studie, einer Langzeitstudie, untersuchten Wissenschaftler über 260 Lebensläufe von gefährdeten Kindern (so genannte "Hochrisikokinder"). Diese haben wiederum fast 40 Kindeskinder, deren Lebenslauf seinerseits wissenschaftlich begleitet wird. Von den über 260 Lebensläufen basieren 180 auf vollständigen Datensätzen. Damit ist die Studie um die Autoren Alan Srouffe, K. E. Grossmann und Gerhard Suess wohl die umfangreichste und bedeutendste Längsschnittstudie zur Persönlichkeitsentwicklung. Ausgehend von den Bindungsmustern der Eltern verfolgen die Wissenschaftler unter Zuhilfenahme von Videobeobachtung, wie sich die Verhaltensmuster auf Kinder auswirken. 

Schon in der Kindheit entwickeln die Menschen einen eigentümlichen Bindungsstil, eine Art Fingerabdruck des elterlichen Kontakts.  

Den idealen Erziehungsstil gibt es nicht, sondern viele individuelle
Nicht nur, dass im Laufe der Studie nachgewiesen werden konnte, dass die Weichen für eine erfolgreiche Schullaufbahn schon im Alter von dreieinhalb Jahren gestellt werden, es wurde auch belegt, welche "dramatischen Konsequenzen" Kindesmisshandlungen haben. Andererseits konnten die Forscher feststellen, dass Kinder auch in widrigen familiären Verhältnissen zu relativ sicheren Persönlichkeiten heranwachsen konnten, wenn eine verlässliche und aufgeschlossene Bezugsperson ihrem Leben Struktur gab. Auf zuverlässige Bezugspersonen kommt es gerade in den ersten Lebensjahren an. "Fördere Freude bereitende Elternschaft", rät Gerhard Suess.

Nein, es gibt keinen idealen Erziehungsstil. "Jeder muss seinen eigenen Erziehungsstil finden", so Suess. Wichtig ist nur: Auf die Rückmeldung der Kinder müsse man achten, auf die Signale, die sie aussenden. Popstar Michael Jackson etwa ließ diese Sensibilität vermissen, als er einem seiner Kinder, das auf einem Fensterbrett stand, ein Tuch über den Kopf warf. Viele Eltern, so Suess, merkten gar nicht, wie sie ihre Kinder zutiefst erschrecken. 

Das Leben ist riskant geworden − in politischer, wirtschaftlicher, gesundheitlicher und psychologischer Hinsicht. Das würde heute kaum einer mehr bestreiten, denn während noch in den achtziger Jahren viele Menschen geradezu von einer Obsession der Sicherheit befangen waren - alles schien sicher: Bündnisse, Politik, Einkommen, Renten, bezahlbarer medizinischer Fortschritt, Familienbande -, lauern heute Gefahren aller Art: religiöser Fundamentalismus, Arbeitslosigkeit, Seuchen, Isolierung der Kinder. Vor diesem Hintergrund ist die Stärkung der Bindungsfähigkeit von Kindern und ihrer Fähigkeit, trotz Widrigkeiten sich gesund zu entwickeln von entscheidender Bedeutung. Frühinterventionsprogramme, die ursprünglich aus dem angelsächsichen Raum kommen wie STEEP (Steep toward effective and enjoyable parenting), ziehen die Konsequenzen aus der Bindungsforschung und unterstützen junge Mütter im Alter zwischen 16 und 19 Jahren auf dem Weg, trotz riskanter familiärer Bedingungen, sich stark zu machen: "Ziel ist es, die Signale des Kindes wahrzunehmen und adäquat zu beantworten, um eine sichere Bindungsbeziehung zwischen Mutter und Kind aufzubauen." 

"Die multikulturelle Gesellschaft spiegelt sich in Kindergarten wider"
Eine Einwanderungsgesellschaft, die sich selbst nicht als Einwanderungsgesellschaft begreift und die Einwanderer nicht freundlich aufnimmt, riskiert ein gleichgültiges Nebeneinander von unterschiedlichen Nationalitäten und Kulturen. Das zeigen jüngst die Ausschreitungen in den Vororten von Paris und gewaltsame Ausschreitungen in Folge der Veröffentlichungen von Karikaturen des Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung, vor allem in der muslimischen Welt.

"Am deutlichsten spiegelt sich unsere multikulturelle Gesellschaft in den Kindergärten wider", sagt Mathias Hugoth, Referent für Religionspädagogik beim Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK). In seinem Vortrag "Mit unterschiedlichen Religionen und Kulturen leben und arbeiten" erinnert Mathias Hugoth daran, dass unter Integration noch vor 10 Jahren vor allem Anpassung an die hiesige Gesellschaft verstanden wurde (Assimilation). Diese Haltung sei heute noch wirksam. Danach sollten aus Ausländern in erster Linie Inländer werden, schließlich würde, wer in die Türkei reist, sich dort auch der herrschenden Kultur anpassen müssen. Insbesondere bei den Kirchen sei diese konservative Haltung noch zu spüren.

Nach Hugoth hat die Integrationspädagogik in der Gegenwart aber die Aufgabe, von einem Objektdenken zu einem Subjektdenken vorzustoßen, das sich auch loslöst von der Gewinner-Verlierer-Dichotomie: "Noch leben wir in einer nichtintegrativen Gesellschaft". Der Weg zu einer integrativen Kindergartenpädagogik führe über das gemeinsame Entdecken des Fremden. Das Fremde als Fremdes zu erleben, aber auch als Verwandtes, sei erforderlich. Andernfalls würde die Gesellschaft dazu neigen, schon in den Kindergärten zu selektieren und nicht erst in den Schulen, was PISA und andere Schülerleistungsstudien hinlänglich belegt haben.  

Kinder haben ein Recht auf Religion, sie haben ein Recht darauf, Religionen kennen zu lernen - eine Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Christentums, des Islams oder des Buddhismus ist unerlässlich. Schließlich geistern viele beunruhigende Meldungen um Auseinandersetzungen der Religionen in allen Medien. Die Auseinandersetzung mit Religionen schon im Kindergarten hält Hugoth daher für notwendig, soll nicht der "Kampf der Kulturen" ("The clash of civilizations" - Samuel Phillips Huntington) ausbrechen.

Fremdheitskompetenz?!
Zum Strauß von Kompetenzen wie soziale und demokratische Kompetenzen fügt Hugoth die "Fremdheitskompetenz" hinzu, letztlich eine Teilkompetenz der demokratischen Kompetenz. Fremdheitskompetenz ist die Fähigkeit, das Besondere an fremden Kulturen und unterschwellige Ängste nicht von außen wahrzunehmen. Fremdheitskompetenz ist also eine Wahrnehmungskompetenz unter der Berücksichtigung einer kulturell und ethisch gemischten Gesellschaft. Erzieher brauchen neben dem Gespür für das Fremde und das Eigene, so Hugoth, ein "Basiswissen" über unterschiedliche Kulturen und Religionen", seien sie selbst religiös oder atheistisch.

Imo Stührcke stammt aus dem christlichen Milieu und sieht sich heute aber als Atheist. Dort fühlte er sich offenbar nicht richtig am Platz. Dennoch fand er über die Kirche den Weg zum Beruf des "Erziehers", denn als Jugendlicher hat er über die Kirche Jugendfreizeiten im niederländischen Amelland betreut. Kinder hätten ein Recht auf darauf, ein Grundwissen über die Weltreligionen zu erhalten. Dann könnten die Kinder später das religiöse Engagement der Glaubensgemeinschaften kritisch beurteilen, die für ihn auch Schattenseiten aufweisen. Bedenklich findet der Erzieher aus Hameln die Versuche der verschiedenen christlichen und muslimischen Religionsgemeinschaften, die Kinder nur in ihrem Sinne zu lenken. Er selbst habe viel Zeit gebraucht, um sich als junger Erwachsener kritisch mit der religiösen Beeinflussung durch die Familie und die christlich geprägte Gesellschaft auseinanderzusetzen. 

Bildung im Kindergarten ist für ihn "Welterfahrung" auf der Grundlage des Vertrauens. Es bleibt vorerst beim Wunsch, mehr Männer würden mit ihm gemeinsam die Welt der Kinder entdecken.

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Datum: 06.03.2006
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