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09. 02. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Der demokratische Geist von Bielefeld

Die Schülervertretung will professioneller werden

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Während des Bielefelder Kongresses. Foto: Urs Prochnow

Die Schülervertretung (SV) steht für die demokratische Partizipation der Schülerinnen und Schüler am Schulalltag. Seit den 70er Jahren ist sie in der Schulgesetzgebung der Länder verankert und längst eine etablierte Institution der deutschen Bildungslandschaft. Sie vertritt nicht nur die Interessen der Schülerschaft gegenüber den Lehrern und der Schulleitung, sondern soll auch Mitwirkungs- und Verantwortungsbereitschaft für demokratisches Handeln an der Schule wecken. Doch in der Praxis funktioniert die Demokratisierung der Schule durch die Institution SV nicht immer wie gewünscht und bleibt oft hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Wie können Schülerinnen und Schüler für Demokratie und den Katalysator Schülervertretung gewonnen werden? Wie schafft es die SV, dauerhaft als Interessenvertretung der Schüler ernst genommen zu werden? Und wie soll sie sich gegenüber Eltern, Lehrkräften und der Schulleitung positionieren? Mit diesen Fragen befassten sich im vergangenen Dezember 150 aktive Schülervertreterinnen und -vertreter aus ganz Deutschland im Rahmen des "progress"-Kongresses des "Bildungswerks für Schülervertretungsarbeit in Deutschland" (SV-Bildungswerk) im Bielefelder Berufskolleg.
Der "Professionalisierungskongress für aktive Schülervertreter" wurde auch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), der Bundesschülerkonferenz (BSK) und den landesweiten Schülervertretungen (LSV) unterstützt Mit "progress" soll die Arbeit der Schülervertretung in Deutschland professionalisiert werden, damit die Schülervertreter wirksam an der Verbesserung des Bildungssystems mitarbeiten können.

Das SV-Bildungswerk, im Juni 2005 von Aktiven aus fünf landesweiten Schülervertretungen gegründet, engagiert sich für die Förderung von Demokratie an der Schule. Die Initiatoren kennen die Probleme der SV gut und wissen, wo der Schuh drückt. Mit "progress" haben sie ein Forum zum Austausch zwischen den Schülervertretern geschaffen, wo unter Einbindung von Experten Lösungsansätze für oft auftretende Probleme der Schülervertretungsarbeit entwickelt werden. Das SV-Bildungswerk will die Aktivitäten der Landesschülervertretungen vernetzen und besser aufeinander abstimmen, denn in vielen Bundesländern fehlt noch immer das Verständnis dafür, dass Schülerinnen und Schüler als direkt Betroffene kompetent und gewillt sind, die Bildungspolitik ihrer Schule mitzugestalten.

Neben dem Austausch spielt auch die Weiterbildung der Schülervertreter eine wichtige Rolle im Konzept von "progress", denn die Aufgaben für Schülerinnen und Schüler, die sich in der SV für die demokratische Schulkultur engagieren, sind anspruchsvoll. Um sie erfolgreich bewältigen zu können, werden besondere Kompetenzen verlangt, die nicht immer vorausgesetzt werden können. Durch Seminare und Publikationen werden vom SV-Bildungswerk methodische Schlüsselkompetenzen vermittelt.

Wie diese Angebote zur Qualifizierung der Schülervertretungen konkret aussehen können, haben die "progress"-Teilnehmer in zehn Workshops über die Grundlagen erfolgreicher SV-Arbeit erfahren. Von der Dramaturgie einer guten Kampagne, die Inhalte schnell und effektiv an Mitschüler oder Öffentlichkeit vermittelt, bis zu den Methoden des Projekt- und Zeitmanagements, von den verschiedenen Kreativitätstechniken bis hin zu grundlegenden Techniken der Finanz-Akquise und Pressearbeit reichte das Angebot im Bielefelder Oberstufenkolleg. "Die Tatsache, dass solche externen Fortbildungen dringend nötig sind, zeigt, dass die Schule von heute viele grundlegende Kompetenzen nicht vermittelt", beschreibt Josef Blank einen Fehler im System.

"Zeigen, dass es sich lohnt, die eigene Meinung zu sagen"
Der Geschäftsführer des SV-Bildungswerks Josef Blank kritisiert die fehlende Demokratie an deutschen Schulen. "Zu oft werden Entscheidungen von oben herab und ohne Einbeziehung der betroffenen Schülerinnen und Schüler gefällt. Demokratie heißt auch, dass der Einzelne selbst Verantwortung übernehmen kann." Unterricht, der demokratische Kompetenzen vermitteln solle, sei ein Paradoxon. Schülerinnen und Schülern sollten stattdessen mehr Möglichkeiten erhalten, praktische Erfahrungen zu machen. Demokratie soll nicht nur gelehrt, sondern auch gelebt werden. "Allerdings trauen sich das viele Schulen scheinbar nicht zu", so Blank.

So verweist die Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten der Mitbestimmung und ihrer tatsächlichen Verwirklichung vielerorts auf die Grenzen der Demokratie im Schulalltag. Die Partizipation beschränkt sich oft auf die Wahl des Klassensprechers und die Übernahme von Hilfsdiensten durch die Schülerinnen und Schüler. Bei zentralen Themen des Schullebens wie bei der Unterrichtsgestaltung und der Verabredung von Verhaltensnormen bleibt ihnen die Mitwirkung verwehrt. Josef Blank weiß um den Nachholbedarf vieler Schulen. "Demokratie ist noch keine gelebte Schulkultur. Den Schülerinnen und Schülern muss gezeigt werden, dass es sich lohnt, die eigene Meinung zu sagen, dass diese respektiert und geschätzt wird - und dass ihre Stimme wirklich Gewicht hat."

Doch nicht in allen deutschen Schulen ist Demokratie gleich Utopie. "In Baden-Württemberg gibt es sechs Programmschulen und dort scheint wirklich etwas passiert zu sein", beschreibt Prof. Wolfgang Edelstein im Interview die ersten Wirkungen des BLK-Schulentwicklungsprogramms "Demokratie leben und lernen". "Rheinland-Pfalz mit seinen vielen Ganztagsschulen scheint besonders aktiv und ich könnte mir vorstellen, dass das Programm dort tatsächlich etwas bewirkt hat. Ähnliches gilt in Hamburg. In diesen Ländern gibt es effektive Transformationsprozesse."

Demokratie, die von innen kommt
Die Wandlung hin zur demokratischen Schule bringt auf allen Seiten viele Gewinner hervor. Durch die reale Partizipation der Schülerinnen und Schüler am Schulalltag gehen die Jugendlichen motivierter ans Werk und identifizieren sich mehr mit ihrer Schule. Sie lernen Verantwortung zu übernehmen und engagieren sich mehr für ihre Interessen und Überzeugungen. Die positive Veränderung des Schulklimas geht mit einem Mehr an Demokratie einher und auch die Lehrkräfte sind zufriedener über eine neue Stufe des Lernens und Lebens.

Doch viele Lehrkräfte nehmen das Mitbestimmungsrecht ihrer Schülerinnen und Schüler sowie der SV nicht ernst genug. "Schulleitung und Lehrkräfte haben eine ungleich stärkere Machtposition", stellt Josef Blank fest. Die SV habe oft keine Möglichkeit, sich ihre eigene Position zu suchen, sondern ihr bliebe nur das Reagieren. Damit Demokratie an der Schule funktionieren kann, müssen Schulleitung und Lehrkräfte jedoch bereit sein, mit den Schülervertretern auf gleicher Augenhöhe zusammenzuarbeiten. "Eigentlich sollte es im Interesse der Schulleitung und Lehrkräfte sein, mit den Schülerinnen und Schülern einen sowohl angenehmen wie auch demokratischen Schulalltag zu gestalten", fordert Blank ein Umdenken in den Kollegien.

Aber auch in der Schülerschaft muss sich die Einstellung gegenüber der SV ändern, damit das Konzept der demokratischen Schule aufgeht. Viele Schülerinnen und Schüler bleiben distanziert und begegnen der Schülervertretung mit Indifferenz. Der seit Jahren anhaltende Trend der Abkehr Jugendlicher von demokratischer Mitbestimmung macht keinen Halt vor der Tür der Schülervertretung. Oftmals wird die Notwendigkeit einer demokratischen Vertretung der eigenen Interessen nicht anerkannt.

"Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, wie wenig reale Einflussmöglichkeiten viele Schülervertretungen haben. Wenn Schülerinnen und Schüler erfahren würden, dass sie mit der SV wirklich etwas verändern könnten, wäre ein Engagement in der SV gleich viel attraktiver", führt Blank aus. "Die Schülerinnen für eine wirklich demokratische Schule zu begeistern, sei nicht schwer, denn sie möchten natürlich mit darüber entscheiden, wie ihr Lern- und Lebensraum gestaltet wird."

Das mangelnde Interesse der Schülerinnen und Schüler schwächt wiederum die Motivation der Schülervertretungen, sich für ihre Mitschüler stark zu machen. Für den Erfolg ihrer Arbeit ist jedoch der Rückhalt aus der Schülerschaft notwendig. Die Schülervertretungen müssen ihre Strukturen und Arbeitsmethoden verändern, um den Schülerinnen und Schülern neue Partizipationsmöglichkeiten zu bieten und andere Zugänge zur Demokratie an der Schule zu eröffnen. Wenn es nach Josef Blank ginge, sollte die Demokratisierung der Schulen durch eine aktive SV vorangetrieben werden. "Die SV ist kein Selbstzweck, sondern muss versuchen, Schulentwicklungsprojekte wie Schulvollversammlungen oder Zeit-für-uns-Stunden zu initiieren, um die demokratischen Kompetenzen der Lehrer und Schüler zu stärken" - zweifellos würden die Schülervertreter gerne an solchen Projekten mitarbeiten.
 
Ein Signal von der Basis
"Ohne Schülerinnen und Schüler geht es nicht!", heißt es in der Abschlussresolution von "progress". Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Abschlussveranstaltung haben das Papier unterzeichnet. Es gab keine Gegenstimmen. Die Basis der Schuldemokratie sendet ein klares Signal an die Bildungspolitiker und fordert die demokratische Schule als Grundlage der demokratischen Gesellschaft. Die Erfahrungen und Meinungen der Schülerinnen und Schüler sollen stärker in den Entwicklungsprozess der Schule einbezogen werden. "Langfristig muss es darum gehen, dass sich alle Schülerinnen und Schüler in die Gestaltung ihres Lebensraumes einbringen können", so die Forderung in der Abschlussresolution.

Demokratisch gleichberechtigt sollen auch die drei am Schulleben beteiligten Gruppen in allen wichtigen Fragen entscheiden. "Eine demokratische Schulkultur bedeutet für uns, dass die Schülerinnen und Schüler, aber auch Eltern und alle anderen am Schulleben beteiligten Gruppen auf einer Ebene mit Lehrkräften und Schulleitung in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden", erklärt Josef Blank seine Vorstellung von Schuldemokratie.

"Wir sind froh, mit "progress" einen Stein ins Rollen gebracht zu haben", resümiert er. "Der Kongress hat uns erneut gezeigt, wie viel Kompetenz, Motivation, Ideenreichtum und Energie bereits in der deutschen SV-Landschaft vorhanden sind. Die SV kann sehr optimistisch in die Zukunft schauen". Für das kommende Jahr planen die Landesschülervertretungen bereits mehrere große Kongresse, um den "demokratischen Geist von Bielefeld" in die Schulen und Schülervertretungen der Länder zu tragen.

Autor(in): Matthias Denke
Kontakt zur Redaktion
Datum: 09.02.2006
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